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Full text of "Friedrich Hebbels Auffassung vom Staat und sein Trauerspiel "Agnes Bernauer""

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HANDliOUND 
AT THE 



l'MN'ERSITY OF 
TORONTO PRESS 



Untersuchungen 

zur neueren Sprach- und 

Literaturgeschichte 

Herausgegeben 

von 

Professor Dr. Oskar F. Walzel 



Neue Folge 

Dreizehntes Heft 



H. HAESSEL VERLAG IN LEIPZIG o 1912 



UGr 



Friedrich Hebbels 
Auffassung vom Staat 

und 
sein Trauerspiel „Agnes Bernauer" 

von 

Elise Dosenheimer 







H. HAESSEL VERLAG IN LEIPZIG o 1912 



Spamersche Buchdruckerei in Leipzig. 



VORWORT 

Aus der Besinnung über die so klar wie bestimmt 
ausgesprochene Stellung, die Hebbel in „Agnes Ber- 
nauer" dem Individuum gegenüber dem Staat zuweist, 
ging diese Arbeit, die ursprünglich den Rahmen einer 
Dissertation nicht überschreiten sollte, hervor. Es er- 
gab sich zur restlosen Erklärung jener Stellungnahme 
einerseits die Notwendigkeit des Zurückgehens auf 
Hebbels letzte Ideen über Welt und Kunst. Auf der 
anderen Seite lag es nahe, allen Dokumenten nachzu- 
gehen, in denen sich Hebbel über die verschiedensten 
Seiten jenes Verhältnisses imd nicht nur theoretisch 
geäußert hatte. Daraus ergab sich die Betrachtung 
seiner politischen Tätigkeit wie seiner Stellung zur 
sozialen Frage, Und zuletzt schien es mir nicht über- 
flüssig, die Verkettung, die wir zwischen dem Gedanken 
Hebbels und einerseits dem tiefsten Denken, anderer- 
seits dem praktischen Handeln seiner Zeit wahrnehmen, 
darzutun. 

Die Dissertation, die die vier ersten Abschnitte der 
Arbeit umfaßt, wurde von der philosophischen Fakul- 
tät der Universität Jena approbiert. 

Paris, September 1912. 

Die Verfasserin. 



INHALT 

Vorwort V 

I. Einleitung: Hebbels Welt auf fassung ... i 

II. Hebbels Auffassung von der Kunst ... 6 

A. Allgemeines 6 

B. Theorie der Tragik 9 

III. Der Staat 23 

IV. A^es Be mauer 42 

/7 V. Hebbels politische Betätigung 82 

VI. Dichterische Anregungen der Revolutions- 
zeit. — Hebbels Stellung zum Sozialis- 
mus und Anarchismus 109 

VII. Beziehungen zwischen Hebbel und der 

Philosophie seiner Zeit 146 

1. Beziehungen zu Schelling 148 

2. Beziehungen zu Hegel , . 161 

3. Beziehungen zu Solger 181 

VIII. Das Wachsen des Staatsgedankens in der 

ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. — 
Agn es Bernauer, _ein künstlerisches 

Opfer der Zei t 186 

Verzeichnis der benutzten Literatur 218 



I. 

EINLEITUNG 
HEBBELS WELTAUFFASSUNG 



Die ethisch-politische Frage nach dem Verhältnis des 
Individuums zum Staat wird von Hebbel ganz im Lichte 
seiner Weltauffassung gesehen. 

Diese Weltauffassung gipfelt in einem auf die Spitze 
getriebenen Gegensatz zwischen dem Einzelnen und dem 
Ganzen, dem Besonderen und dem Allgemeinen, dem 
Vergänglichen und dem Ewigen. Hebbel liebt es, dieses 
Ganze-Ewige im Gegensatz zum Individuell-Singulären 
,,Idee" zu nennen. An Kants Gegensatz zwischen 
dem ,,Ding an sich" und der Erscheinung, zwischen 
dem Objektiv-Seienden und dem Subjektiv-Menschlich- 
Erfaßten, hat Hebbel nicht gedacht. In der allgemein- 
sten Bedeutung, die der Idee bei Hebbel zukommt, 
gilt sie in Hegels Sinne als ein Bild für das Absolute, 
für „das alles bedingende, sittliche Zentrum, das wir im 
Welt-Organismus schon seiner Selbsterhaltung wegen 
annehmen müssen" (W. XI, 40). Doch ist der Sinn, den 
Hebbel mit diesem Ausdruck verknüpft, durchaus nicht 
eindeutig. 

In der dualistischen Form des Seins, in der Hebbel 
die Dinge sieht, ist ,, alles Leben Kampf des Individu- 
ellen mit dem Universum" (T. II, 212a). Damit die 
Besonderheit wird, muß sie sich vom Universum los- 
reißen. Leben ist gleichsam eine Empörung, eine Schuld 
am Universum, an der Idee: „Leben ist der Versuch 

Dos. I 



2 Das Leben. 

des trotzig- widerspenstigen Teils, sich vom Ganzen 
loszureißen und für sich zu existieren, ein Versuch, der 
so lange glückt, als die dem Ganzen durch die indi- 
viduelle Absonderung geraubte Kraft ausreicht" (T. II, 
2262). 

Wie eine Welle steigt und fällt, wie der aufzuckende 
und wieder verlöschende Strahl des Lichts, so ist das, 
was wir Leben nennen, und sind wir selbst nicht mehr als 
ein in den Lüften umhergetriebenes Blatt. Die völlige 
Belanglosigkeit und Gleichgültigkeit des individuellen 
Schicksals ist die notwendige Konsequenz dieser Auf- 
fassung: ,,Es gibt nur eine Notwendigkeit, die daß die 
Welt besteht; wie es aber den Individuen darin er- 
geht, ist gleichgültig; ein Mensch, der sich in Leid ver- 
zehrt, und ein Blatt, das vor der Zeit verwelkt, sind 
vor der höchsten Macht gleich viel, und sowenig dies 
Blatt als Blatt für sein Welken eine Entschädigung 
erhält oder auch erhalten kann, sowenig der Mensch 
für sein Leiden, Der Baum hat der Blätter im Über- 
fluß und die Welt der Menschen" (T. II, 2881). 

Bis zum Zweifel an der persönlichen Existenz stei- 
gert sich die Überzeugung von der Relativität alles 
Individuellen. ,,Es ist die Frage, ob wir persönlich 
existieren" (T. II, 2060). 

Oder aber die individuelle Existenz, die ja nichts 
anderes ist als ein Losreißen vom Ganzen, wird auf- 
gelöst in ein Schmerzgefühl des losgerissenen Teils, 
der gleich einem erkrankten Glied erst durch eine Ab- 
normität zum Bewußtsein seiner selbst gelangt: ,,Es 
wäre so unmöglich nicht, daß unser ganzes individu- 
elles Lebensgefühl, unser Bewußtsein in demselben 
Sinne ein Schmerzgefühl ist, wie z. B. das individuelle 
Lebensgefühl des Fingers oder eines sonstigen Gliedes 
am Körper, der erst dann für sich zu leben und sich 



Das Leben als Schuld. 



individuell zu empfinden anfängt, wenn er nicht mehr 
das richtige Verhältnis zum Ganzen hat, zum Organis- 
mus, dem er als Teil angehört" (T. II, 4019a; sehr be- 
zeichnend auch W. VI, 376). 

Das Letzte, Absolute kann nur die Wiederauf- 
lösung des Individuellen sein, das Zurückgehen in die 
Weltmasse, woher es kam: ,,Nur solange wir nicht 
sind, was wir sein sollen, sind wir etwas Besonderes, 
wie die Schneeflocke nur darum Schneeflocke ist, weil 
sie noch nicht ganz Wasser ist" (T. II, 2632). 

Das starre, eigenmächtige Ausdehnen des Einzel- 
wesens, das wir Leben nennen, ist Schuld, die mit 
dem Leben selbst gesetzte Schuld. Diese Schuld ist 
also eine notwendige, denn Leben muß sein. Ohne sie 
wäre das Universum ein Chaos, kein Kosmos, die im 
Weltall verteilten Kräfte kämen nie zur Konzentration. 
Der Unbedingtheit, dem Weltgesetz des Absoluten steht 
gegenüber die Unbedingtheit, die Notwendigkeit der 
Individualisierung. Das Absolute, an dem das Einzel- 
leben Raub ist, erfüllt sich doch nur in ihm: ,,Das 
Universum kommt nur durch Individualisierung zum 
Selbstgenuß, darum ist diese ohne Ende" (T. III, 4039). 

Bereits 1836 hatte Hebbel an seinen Freund Emil 
Rousseau geschrieben: 

,,Ins Unermeßliche verschweben, 
Das ist kein Trost für all die Leere. 
Der Tropfe muß als Tropfe leben, 
Im Meer verschwimmt er mit dem Meere: 
Du kannst die Grenzen nicht erweitern. 
Die dich zum Ich zusammendrängen. 
Verschütten heißt's den Trank, nicht läutern. 
Die zwängende Retorte sprengen." 

Nach einer Anmerkung des Herausgebers spiegelt 
sich in diesen Versen des damals Dreiundzwanzig jährigen 
die ganze Weltanschauung Hebbels ab. Sf)llten sie in 



4 Der Tod. 

der Tat dazu ausreichen? In der Notwendigkeit, daß 
der Tropfe als Tropfe lebe, in der Notwendigkeit der 
Individualisierung, durch die allein das Universum zum 
Selbstgenuß gelangt, ist das Daseinsrecht des Indivi- 
duellen ausgesprochen. Die Einzelnen bilden die Kette, 
an der das große Weltgeschehen hinläuft. In dieser 
Kette darf kein Glied fehlen, soll nicht das Ganze zu- 
sammenstürzen . 

„Natur, du kannst mich nicht vernichten, 
Weil 65 dich selbst vernichten heißt, 
Du kannst auf kein Atom verzichten, 
Das einmal mit im Weltall kreist." 

(W. VI, 291) 

Aber in diesen Gedanken allein die Weltanschau- 
ung Hebbels verlegen, das hieße doch wohl das Ent- 
scheidende übersehen, gerade das, wa^ jenen Gedanken 
vollendend, erst die wahre Bedeutung herstellt. Daß 
dieses Leben als Tropfen, die Individualisierung Schuld 
ist, eine Schuld, die nur dadurch aufgehoben wird, daß die 
dem All geraubten Kräfte wieder dorthin zurückkehren, 
das ist das Entscheidende, das ist die Achse, worauf die 
ganze Weltauffassung Hebbels ruht. Der Notwendig- 
keit, daß der ,, Tropfe als Tropfe lebe", steht immer 
und ewig die gegenüber, daß er wieder zu Wasser werde. 
Der ewige Drang des Individuellen nach Losreißung 
vom Unendlichen, nach Existenz, erzeugt dessen ewige 
Sehnsucht nach seinem Urgründe, ,,den fortbrennenden 
Schmerz der Wunde, die entstand, als wir vom All los- 
gerissen wurden, um als Polypenglieder ein Einzel- 
dasein zu führen" (T. III, 3736). Dieser Schmerz wird 
gestillt durch den Tod. 

Ist Leben ein Losreißen von dem ewigen Quell 
des Seins, so ist der Tod eine Wiedervereinigung 
mit ihm, ist jenes eine Verletzung der Idee, so dieser 
eine Wiederherstellung: ,,Der Tod ist ein Opfer, das 



Die einheitliche Entwicklung Hebbels. 5 



jeder Mensch der Idee bringt" (T. III, 4324). Die Aus- 
gleichung jener metaphysischen Dissonanz, die darin 
besteht, daß Notwendigkeit zugleich Schuld ist, findet 
statt in dem kosmischen Geschehen. Daß der Mensch 
durch den Tod der Idee ein Opfer bringt und daß der 
Tropfe wieder zu Wasser wird, ist ein und dasselbe. 
Das eine wie das andere beruht auf dem ewigen Kreis- 
lauf der Natur, in dem Geburt und Tod, Entstehen 
und Vergehen, als ein Wechseln der Formen, als zwei 
Seiten eines und desselben Geschehens ewig ausein- 
ander hervorgehen. In der Notwendigkeit, in der Ge- 
setzmäßigkeit, die auf eine über allem waltende Ver- 
nunft hinweist, liegt die Versöhnung. 

,,Denn das ewige Gesetz, das waltet, 
Will die Harmonie noch im Verderben, 
Und im Gleichmaß, wie es sich entfaltet. 
Muß ein Wesen auch vergehn und sterben." 

(W. VI, 290) 

Das sind im großen ganzen die Überzeugungen des 
Zwanzig- bis Dreißigjährigen; sie bilden eben auch den 
Grund seiner Weltauffassung von den ersten Aufzeich- 
nungen des jungen Wesselburener Schreibers bis zu den 
letzten des gereiften Mannes. Diese Einheitlichkeit, 
wenn nicht gar dieser Mangel an Entwicklung ist 
einzig; eine Entwicklung, die aus einem Punkte her- 
aus ganz nur in die Tiefe, durchaus nicht in die Breite 
geht. Wäre Hebbel nicht Künstler, läge nicht seine 
Kraft im Gestalten, so könnte man ihm den Vorwurf, 
die Welt zu sehr aus diesem einen Gesichtswinkel 
heraus gesehen und damit der Fülle der Erscheinungen 
nicht gerecht geworden zu sein, nicht ersparen. 



IL 

HEBBELS AUFFASSUNG VON DER 
KUNST 

A. Allgemeines 



Hebbels Auffassung von dem Wesen, der Bedeu- 
tung, der Funktion der Kunst ist tief verankert in sei- 
ner Auffassung von dem Wesen der Welt. Die duali- 
stische Form des Seins, von der er ausgeht, gibt den 
Grundton ab für seine ästhetische Theorie. 

Daß der Stoff der Kunst kein anderer sein kann 
als das Leben, ,,das Leben in seiner reinsten Form 
und seinem höchsten Gehalt" (W. XI, 3), daß Aufgabe 
aller Kunst Darstellung des Lebens ist, d. h. ,, Ver- 
anschaulichung des Unendlichen an der singulären Er- 
scheinung" (T. I, 126), ist nicht das Wesentliche. Wie 
sollte es anders sein! Das Wesentliche ist, daß die 
Form des Lebens, die dualistische Form, die 
Voraussetzung aller Kunst überhaupt ist, daß diese 
ohne jene gar nicht gedacht werden kann. Nur darauf, 
daß ein Absolutes, Ganzes, den Hintergrund bildet, von 
dem sich das Einzelne, Individuelle durch seine ,, Maß- 
losigkeit" loslöst und abhebt, beruht die Möglichkeit 
der Form. Ohne das ,,wäre ihre Möglichkeit selbst auf- 
gehoben, es gäbe gar keinen Weg mehr, auf dem sie 
Form erlangen könnte, da diese ja eben nur das Ver- 
hältnis des Individuellen zum Allgemeinen zeichnet, 
und da die Unterscheidungslinie, die das Einzelgebilde 



Die Kunst und der Tod. 



in seinen Grenzen vom Ganzen abschneiden soll, mit 
dem Hintergrund, von dem es abzuschneiden ist, von 
selbst wegfällt" (W. XI, 27). Und die Kunst ist in 
ihrem Existenzgrund nicht nur abhängig von der so 
und nicht anders gegebenen Form des Lebens, das 
künstlerische Schaffen ist nichts andres als 
eine Analogie zu dem Schaffen des Lebens: 
Es ist nur ein Loslösen, eine Individualisierung, ein 
Gestalten des Stoffes aus dem Chaos des realen, und 
als solchem formlosen Lebens und der subjektiven 
Empfindungen. Dichten ist Form geben. 

Form aber ist nach Hebbel nichts anderes als der 
,, Ausdruck der Notwendigkeit". Wie das Leben nur, 
indem es Form gibt, das Notwendige herausgestaltet, so 
die Kunst. Und wie beim Leben kann ihr höchster 
Gehalt nie etwas andres sein als Ausdruck der Not- 
wendigkeit. Formal und material steht also die Kunst 
in innigster Verbindung mit den Gesetzen des Le- 
bens, oder vielmehr die Gesetze des Lebens sind auch 
die Gesetze der Kunst. Dichten heißt ja , .nicht Leben ent- 
ziffern, sondern Leben schaffen" (T. II, 2265). Formen 
heißt Gebären (T. I, 1837). ^^ Kunst ist eine zweite 
Schöpfung. 

Wenn Hebbel an anderer Stelle sagt: ,,die Kunst 
ist nur eine höhere Art von Tod" (T. III, 4421), so be- 
stätigt er nur die Übereinstimmung ihrer Wesens- 
gesetze mit dem Weltgesetz. Nun heißt es aber an jener 
Stelle weiter: ,,sie hat mit dem Tod, der auch alles 
Mangelhafte der Idee gegenüber durch sich selbst ver- 
nichtet, dasselbe Geschäft". Sie hat also dasselbe Ge- 
schäft mit dem Leben wie mit dem Tode. Mit dem 
Leben, indem sie als Formgeberin bindet, individuali- 
siert; mit dem Tod, indem sie löst, das Gebundene zu 
seiner Quelle, dem Universum zurückführt, die Idee 



8 Die Idee im Gegensatz zur Wirklichkeit. Hebbel und Schiller. 

wiederherstellt. Indem sie so Leben und Tod zu- 
gleich ist, stellt sie die Synthese jener Antithesen dar; 
wie in dem Kreislauf des Weltgeschehens lösen sich in 
ihr die Gegensätze des Werdens und Vergehens und 
damit der Dualismus von Idee und Individualität. 

In dem Geschäfte also, alles Mangelhafte der Idee 
gegenüber zu vernichten, gewinnt die Kunst ihre 
„höhere Art" und damit das Entscheidende, d. h. das, 
was sie von dem Leben, das ,, Leben" hier als Wir kl ich - 
keit gefaßt, unterscheidet. Sie kann die Idee nicht 
anders wiederherstellen, als indem sie sie darstellt. 
Hier ist der Punkt, in dem die Hebbelsche ,,Idee" 
eine Bedeutung gewinnt, die sie der Platonischen 
Idee einerseits und der Schillerschen andrerseits 
stark nähert, der Platonischen als dem den zeitlichen 
Erscheinungen gegenüberstehenden ewigen Urbild, der 
Schillerschen als dem den Wirklichkeitserscheinungen, 
die als solche nicht anders ab mangelhaft und unzu- 
länglich sein können, gegenüberstehenden Vollkom- 
menheits- und Totalitätsprinzip, dem Ideal: , .Da- 
gegen führt den Künstler, er sei nun Musiker, Maler 
oder Dichter, jeder Weg zu Ideen, d. h. zur Anschau- 
ung der Urbilder, die allem Zeitlichen zugrunde He- 
gen" (T. IV, 5387). 

Die Kunst soll „die in allem Existierenden woh- 
nenden Geister verkörpern" (T. I, 1707). Das kann sie 
aber nur kraft der Ausnahmestellung, welche die Natur 
dem künstlerischen Genie zugewiesen hat, dem sie vor 
dem gewöhnlichen Sterblichen einen Einblick in ihre 
heihgsten Gesetze, ihre verborgensten Tiefen gestattet. 
Der Dichter ist nach Schiller der ,,Herr der Welt", nach 
Hebbel „der wahre Ergründer und Darsteller der zeit- 
lichen und ewigen Verhältnisse des Lebens" (B. IV, 
147). Der Dichter ist in diesem Sinne der ,, Übermensch". 



Der metaphysische Dualismus und das Drama. 9 

Er hat ein Organ, das dem Nichtkünstler abgeht, oder 
vielmehr seine Organe dringen dorthin, wo die des 
Nichtkünstlers nicht hindringen. Er steht mit der Natur 
in ewigem Bunde (Schiller: ,,Columbus"). ,,Die künst- 
lerische Phantasie ist eben das Organ, welches diejenigen 
Tiefen der Welt erschöpft, die den übrigen Fakultäten 
unzulänglich sind, und meine Anschauungsweise setzt 
demnach an die Stelle eines falschen Realismus, der 
den Teil für das Ganze nimmt, nur den wahren, der 
auch das mit umfaßt, was nicht auf der Oberfläche 
liegt" (T. IV, 6133). Für beide war die Kunst das 
einzig zulängliche Organ zur Erfassung der Welt. 

B. Theorie der Tragik 

Was von dem engen Zusammenhang zwischen Welt- 
und Kunstauffassung bei Hebbel gesagt wurde, gilt in 
erhöhtem Maße für seine Theorie des Dramas oder 
der Tragödie ^ Es gäbe überhaupt kein Drama ohne 
jenen metaphysischen Dualismus. Dieser ist nicht 
einer der möglichen Gehalte des Dramas, sondern 
sein Gehalt überhaupt. Kann aber die Tragödie 
nichts anderes darstellen, so beruht darauf auch ihre 
Form; d. h. die Ausschließlichkeit des Gehaltes, der 
hier für eine Kunstart in Anspruch genommen wird, 
bedingt auch die Einzigartigkeit der Form in dem Sinn, 
in dem Lessing die Aristotelische Stelle, wonach das 
Drama auf Furcht und Mitleid beruht, so interpretiert, 
daß die Erregung von Furcht und Mitleid die 
dramatische Darstellung und nur diese fordert, 

„Das Drama stellt den Lebensprozeß an sich dar. 
Und zwar nicht bloß in dem Sinne, daß es uns das 

* Hebbel verstellt unter Drama wenigstens in den hier in Be- 
tracht kommenden Ausführungen fast immer die Tragödie. 



lO Der metaphysische Dualismus und das Drama. 

Leben in seiner ganzen Breite vorführt, was die epische 
Dichtung sich ja wohl auch zu tun erlaubt, sondern 
in dem Sinne, daß es uns das bedenkliche Verhältnis 
vergegenwärtigt, worin das aus dem ursprünglichen 
Nexus entlassene Individuum dem Ganzen, dessen Teil 
es trotz seiner unbegreiflichen Freiheit noch immer ge- 
blieben ist, gegenübersteht. Das Drama ist demnach, 
wie es sich für die höchste Kunstform schicken will, 
auf gleiche Weise ans Seiende wie ans Werdende an- 
gewiesen: ans Seiende, indem es nicht müde werden 
darf, die ewige Wahrheit zu wiederholen, daß das Le- 
ben als Vereinzelung, die nicht Maß zu halten weiß, die 
Schuld nicht bloß zufällig erzeugt, sondern sie 
notwendig und wesentlich mit einschließt und bedingt" 
(W. XI, 4). Hier haben wir wieder den Fundamentalsatz 
der Hebbelschen Metaphysik: Leben gleich Schuld. 
,, Diese Schuld ist eine uranfängliche, von dem Begriff 
des Menschen nicht zu trennende und kaum in sein 
Bewußtsein fallende; sie ist mit dem Leben selbst ge- 
setzt" (ib. S.29). Es ist deshalb ganz konsequent, wenn 
Hebbel oben fortfährt: ,, Hierbei ist nicht zu über- 
sehen, daß die dramatische Schuld nicht wie die christ- 
liche Erbsünde, erst aus der Richtung des mensch- 
lichen Willens entspringt, sondern unmittelbar aus dem 
Willen selbst, aus der starren, eigenmächtigen Aus- 
dehnung des Ich hervorgeht, und daß es daher 
dramatisch völlig gleichgültig ist, ob der Held 
an einer vortrefflichen oder verwerflichen Be- 
strebung scheitert" (ib. S. 4). ,, Ja," heißt es an einer 
anderen Stelle, ,,es ist nicht bloß gleichgültig, sondern es 
ist, wenn das erschütterndste Bild zustande kommen soll, 
notwendig, daß jenes, nicht dieses geschieht" (ib. S. 30). 
Immerhin kann Hebbel praktisch bei diesem ein- 
fachen ,, Leben", ,,Sich ausdehnen" nicht stehenbleiben. 



Hebbels Theorie keine Überhebungstheorie. 1 1 

Damit wäre in der Tragödie nicht viel anzufangen. 
Er geht also einen Schritt weiter und gelangt zur 
„Maßlosigkeit", die er (T. III, 3158) ,,die natürliche 
Folge des Selbsterhaltungs- und Behauptungstriebes, 
des ersten und berechtigsten von allen" ^ nennt, und 
die den formalen Charakter seiner Schuldtheorie zwar 
noch nicht aufhebt, besonders auch deshalb nicht, weil 
es ja ganz gleichgültig ist, ob der Held im Guten oder 
Bösen maßlos ist, die aber doch eine, wenn auch sehr 
unbestimmte Abgrenzung gegen das reine Nur-Leben 
darstellt. Ein Kriterium für den Punkt, wo das eine 
aufhört und das andere beginnt, hat Hebbel nicht 
gegeben und konnte es wohl auch nicht geben; ob er 
sich überhaupt diese Frage vorgelegt hat? Jeden- 
falls ist unter Maßlosigkeit nicht die sogenannte Über- 
hebung zu verstehen, bei der die Schuld im Inhalt 
des Wollens liegt und die tragische Person nach Volkelt 
sofort ein Frevler im ethischen Sinne, das Leid etwas 
Wohlverdientes, die Weltordnung Bestätigendes ist. 
Es ist deshalb auffallend, daß Volkelt Hebbel zum 
Vertreter der Überhebungstheorie stempelt, um so auf- 
fallender, da er selbst später an Hebbels eben dargelegte 
Auffassung erinnernd, sehr richtig bemerkt: ,,Ihm 
hängt das Tragische in seiner Tiefe mit der meta- 
physischen Urschuld zusammen" (S. 153). Die meta- 
pliysische Urschuld, das ist's. Diese metaphysische 
Urschuld beruht aber nicht in einer ethiscli gefaßten 
Überhebung des tragischen Charakters, sondern in dem 
mit dem Leben selbst gesetzten, also notwendigen 
Antagonismus zwischen ,,Idee" und Individuum, ,,aus 
deren Aufeinanderprallen der das ganze Kunstwerk ent- 
zündende, schöpferische Funke hervorspringt" (ib. S. 55). 

* Sehr häufig wird aber auch das einfache Leben <lcr ,,Maü- 
losigkeit" gleichgesetzt. 



12 Hebbels Theorie keine Uberhebungstheorie. 

Volkelt setzt den metaphysischen Dualismus 
Hebbels sofort in einen ethischen um, was sich auch 
noch besonders darin ausdrückt, daß nach ihm Hebbels 
,, Tragik des Individuums zugleich eine Angelegenheit 
der überindividuellen Gewalten, Ordnungen und Ge- 
setze" (S. io8) ist. Damit ist nach meiner Ansicht der 
tiefste Sinn des Hebbelschen Dualismus etwas ver- 
schoben, wenigstens, wenn wir uns an den Gedanken, 
von dem Hebbel ausgeht, halten. Dieser Gedanke ist 
der alles Weltgeschehen konstituierende Gegensatz 
zwischen Idee und Individuum. Nun kann der Dichter 
natürlich die ,,Idee" als solche nicht in seine Dichtung 
einführen; er muß ihr Gestalt geben. Er tut dies, 
indem er sie in die Form überindividueller Mächte, wie 
Staat, Sitte, Religion kleidet und sie als solche, ent- 
weder durch Individuen repräsentiert, als eine der 
Parteien auftreten läßt, oder sie über beiden, sie ver- 
letzenden Parteien stehend, unsichtbar gegenwärtig 
hält. 

So wird die Maßlosigkeit des Individuums gegen 
die Idee zu einer ethischen Überhebung gegen die sie 
repräsentierenden, überindividuellen Mächte. Die Idee 
wird zu einem sittlichen Prinzip, zum ,, sittlichen 
Zentrum, das wir im Weltorganismus schon seiner Selbst- 
erhaltung wegen annehmen müssen" (ib. 40). Daß 
aber die Idee, die zuerst ganz abstrakt, als das alles 
erhaltende Weltprinzip gedacht war, nun zum sittlichen 
geworden ist, ist in gewissem Sinne nur eine Vermensch- 
lichung, eine Umschreibung. Der Philosoph, der 
Dichter muß eben, um das Letzte, Unaussprechliche 
auszudrücken, zu nie ganz zulänglichen Worten seine 
Zuflucht nehmen, er muß dem über alles menschliche 
Begreifen Gehenden menschliche Begriffe und Bilder 
verleihen, er muß es symbolisieren. 



Hebbels Theorie keine Überhebungstheorie. 1 3 

,, Himmel und Erde gehn dem Dichter zwar nicht in den Rahmen, 
Aber wohl das Gesetz, das sie beherrscht und bewegt." 

(W. VI. 445) 

Und dieses Gesetz selbst kann er wieder nur aus 
dem Kreis des Menschlichen hernehmen. Das höchste 
Gesetz des Menschlichen aber ist für Hebbel die Sitt- 
lichkeit. Hier ist der Punkt, wo seine metaphysische 
Weltansicht mit seiner ethischen zusammenfließt. Das 
Gesetz der Menschheit wird auf das Weltall übertragen, 
das Ganze, das Absolute wird zum Sittlichen, die Kräfte, 
die das Alleben zusammenhalten, sind ethische Kräfte. 
Und wenn er auch (T. IV, 6269) sagt: ,,Es ist die Frage, 
ob das, was wir Moral nennen, in den Augen höherer 
Wesen mehr bedeutet wie die geschickten Vorberei- 
tungen, die der Biber trifft, um seinen Bau vor Über- 
schwemmungen zu schützen, denn unsere Moral ist im 
Grunde doch nur ein Sicherheitsventil der Gesellschaft", 
und wenn bei konsequentem Weiterdenken die Wertung 
dieser höheren Wesen wohl auch bei dem nicht halt- 
machen würde, was wir SittHchkeit nennen, so weiß er 
doch für das, ,,was die Welt im Innersten zusammen- 
hält' ' keinen andern Namen als , ,das s i 1 1 1 i c he Zentrum" . 

Die höchste Kunst aber läßt uns ahnen, daß über dem 
Menschlich-Begriffenen und Benannten noch ein Höheres, 
Unbegriffenes und Ungenanntes waltet, und stellt den 
Punkt dar, wo eins in das andere übergeht, wo der Mensch 
aus der Enge des Menschseins in das Absolute hinübertritt , 
wo er Bürger zweier Welten, der endlichen und der unend- 
lichen, wird und eine höhere Gerichtsbarkeit ihn umfängt. 

,, Packe den Menschen, Tragöde, in jener erhabenen Stunde, 
Wo ihn die Erde verläßt, weil er den Sternen verfällt, 
Wo das Gesetz, das ihn selbst erhält, nach gewaltigem Kämpfe- 
Endlich dem höheren weicht, welches die Welten regiert. 
Doch ergreife den Punkt, wo beide noch hadern und streiten. 
Daß er dem Schmetterling gleicht, wie er der Puppe entschwebt.*' 

(W. VI. 448) 



H 



Der Dualismus des Rechts. 



Nicht zur Überhebungstheorie führt konsequenter- 
weise die metaphysische Urschuld Hebbels, sondern 
zu dem, was er den ,, Dualismus des Rechts" nennt, 
womit er jenen, den Keim alles Tragischen in sich ber- 
genden Gegensatz vortrefflich bezeichnet. Tragisch, 
weil die sich gegenüberstehenden Potenzen beide be- 
rechtigt sind. Und doch liegt in der Selbst-Behaup- 
tung des Einzelwesens sein Unrecht. „Der Einzelne 
kann sich der Welt gar nicht gegenüberstellen, ohne 
sein kleines Recht in ein großes Unrecht zu verwandeln" 
(T. III, 3851). Würde aber, wenn der Einzelne um 
dieses großen Unrechts willen sein kleines Recht auf- 
gäbe, nicht alles Leben aufhören? 

Eine den gemeinen Menschenverstand restlos be- 
friedigende Lösung dieses Dualismus ist ausgeschlossen. 
Die Frage des eine letzte Bejahung verlangenden 
sittlichen Gefühls nach dem Warum der Schuld, die 
zugleich eine Frage nach dem Warum des Lebens wäre, 
kann keine Antwort finden. 

,,Das Leben ist eine furchtbare Notwendigkeit, die 
auf Treu und Glauben angenommen werden muß, die 
aber keiner begreift, und die tragische Kunst, die, in- 
dem sie das individuelle Leben der Idee gegenüber ver- 
nichtet, sich zugleich darüber erhebt, ist der leuchtendste 
Blitz des menschlichen Bewußtseins, der aber freilich 
Nichts erhellen kann, was er nicht zugleich verzehrt. 
Die tragische Kunst wächst allein aus solchen An- 
schauungen hervor wie eine fremdartige unheimliche 
Blume aus dem Nachtschatten, denn wenn die epische 
und lyrische Poesie auch hin und wieder mit den bunten 
Blasen der Erscheinung spielen dürfen, so hat die dra- 
matische durchaus die Grundverhältnisse, innerhalb 
deren alles vereinzelte Dasein entsteht und vergeht, ins 
Auge zu fassen, und die sind bei dem beschränkten 



Die Versöhnung. 15 

Gesichtskreis der Menschen grauenhaft" (T. II, 2721). 
„Doch dies ist die Seite, wo das Drama sich mit dem 
Weltmysterium in ein und dieselbe Nacht verliert" 
(W. XI.31). 

Bleibt aber auch der letzte Grund der Schuld un- 
enthüllt, so bleibt die Schuld doch nicht unaufgehoben. 
Wenn es auch keine Antwort gibt auf die Frage : ,, warum 
mußte der Riß geschehen?", so ist doch nicht gesagt, 
daß der Riß sich nicht wieder schließe (ib. 32). Hebbel 
verwahrt sich entschieden dagegen, daß sein Drama 
mit der Dissonanz schließe: Er nimmt eine Versöh- 
nung für sich in Anspruch, freilich nur eine in seinem 
Sinne, wie sie aus seiner Metaphysik mit Notwendig- 
keit hervorgeht. Es kann für ihn keine Versöhnung 
geben, die, aus jener beschränkten Schuld- und Sühne- 
theorie resultierend, die Lösung in der Bestrafung des 
Schuldigen sieht — eine solche Versöhnung wäre für ihn 
nur in dem Sinne eine, ,, worin der Galgen ein Ver- 
söhnungspfahl ist" (T. II, 3105). Und es kann für ihn 
keine Versöhnung geben in dem Sinne, daß ,,der Held 
oder der Dichter für ihn seine gefalteten Hände über 
die Wunde legt und sie dadurch verdeckt" (T. II, 2655). 
Dies bedeutete eine Vertuschung der Dissonanz, aber 
keine Lösung. Und vor allem kann er keine Versöh- 
nung anerkennen, die in einer Lösung des Konflikts 
zwischen den Individuen bestünde und die so die 
ganze Sache nur zu einer Angelegenheit der Indivi- 
duen machte; sie hätte in seinen Augen keine andere 
Bedeutung, als ,,daß die kämpfenden Potenzen sich 
erst miteinander schlagen, dann aber miteinander 
tanzen sollen" (T. II, 2972). 

Wenn die metaphysische Urschuld in der durch den 
Willen zum Leben gegebenen Anmaßung des Indivi- 
duums gegen die Idee berulit, so k;inn die Ausgleichung 



l6 Die Versöhnung. 



auch nur zwischen Individuum und Idee stattfinden. 
Die Idee als das welterhaltende und deshalb sittliche 
Prinzip muß der individuellen Anmaßung gegenüber 
in ihrer Reinheit immer wieder hergestellt werden. 
So notwendig wie die Individualisierung, so notwendig 
ist die Satisfaktion, die das Drama der Idee durch 
den ,, Untergang des ihr durch sein Handeln oder sein 
Dasein selbst widerstrebenden Individuums verschafft, 
eine Satisfaktion, die bald unvollständig ist, indem das 
Individuum trotzig und in sich verbissen untergeht, 
bald vollständig, indem das Individuum im Untergang 
selbst eine geläuterte Anschauung seines Verhältnisses 
zum Ganzen gewinnt und in Frieden abtritt" (ib. S. 31). 
Diese, von jeder individuellen Ausgleichung ent- 
fernte Versöhnung entspricht dem ewigen Kreislauf 
aUes Geschehens, in dem jedem Gestalt werden die Auf- 
lösung in die ,, Weltmasse" ebenso unvermeidlich fol- 
gen muß, wie es sich voUzog. Der tiefste Sinn dieser 
Versöhnung liegt also in einer Analogie zu dem kos- 
mischen Werden und Vergehen beschlossen. Das mit 
Vorliebe gebrauchte Bild von dem Tropfen, der wieder 
zu Wasser wird, begegnet auch hier: ,,Die Versöhnung 
im Tragischen geschieht im Interesse der Gesamtheit, 
nicht in dem der Einzelnen, der Helden, und es ist gar 
nicht nötig, obgleich besser, daß er sich selbst ihrer 
bewußt wird. Das Leben ist der große Strom, die In- 
dividualitäten sind Tropfen, die tragischen aber Eis- 
stücke, die wieder zerschmolzen werden müssen und 
sich, damit dies möglich sei, aneinander abreiben und 
zerstoßen" (T. II, 2664). Und noch besser drückt ein 
von Hebbel selbst ,, Gleichnis" genannter Vergleich 
seine Meinung aus: „Das Drama, wie ich es konstruiere, 
schließt keineswegs mit der Dissonanz, denn es löst 
die dualistische Form des Seins, sobald sie zu schnei- 



Die allseitige Berechtigxing der Charaktere. 17 

dend hervortritt, durch sich selbst wieder auf, es stellt, 
wenn ein Gleichnis erlaubt ist, die beiden Kreise auf 
dem Wasser dar, die sich eben dadurch, daß sie ein- 
ander entgegen schwellen, zerstören und in einem 
einzigen großen Kreis, der den zerrissenen Spiegel für 
das Sonnenbild wieder glättet, zergehen" (ib. S. 31). 

Gibt es überhaupt eine tragische Versöhnung, so 
kann es doch wohl nur diese sein. 

Der metaphysische Dualismus des Rechts zwi- 
schen Idee und Individuum, der die tragische Theorie 
Hebbels begründet, kann praktisch, d. i. in der Tra- 
gödie, nur in der allseitigen Berechtigung der Charak- 
tere dargestellt werden, eine Berechtigung, die sich, 
auf das empirische Gebiet übertragen, aus der von so 
und so viel Faktoren abhängigen Bestimmtheit des 
empirischen Charakters herleitet. Damit hat Hebbel, 
ganz abgesehen davon, daß schon sein allgemeinstes 
Prinzip, wonach Leben an sich schon ,, Schuld" ist, 
eine starke Erschütterung des alten Schuldbegriffs, des 
,, dürftigen, speziellen Sündenbegriffs" (W. XI, 30) be- 
deutet, endgültig Bresche gelegt in jene einseitige, mo- 
ralisierende Schuld- und Sühnetheorie, die einerseits 
eine Cordelia, eine Desdemona ,,scluildig" d. i. mo- 
ralisch-strafbar schuldig haben mußte, um eine Recht- 
fertigung für die Sühne herauszuklauben, und ander- 
seits für das Recht auch eines Richard III, eines Clau- 
dius so gar keinen Sinn hatte. In der Anwendung dieses 
Prinzips der allseitigen Berechtigung sieht Hebbel das 
Kriterium des guten Dramatikers: ,,Von dem dra- 
matischen Dichter ist es bekannt, daß er um so weni- 
ger taugt, je mehr Bösewichter er braucht. Wie schwarz 
ist der Teufel bei den kleinen Talenten, wie oft wird 
er zitiert, und wie weiß Shakespeare selbst seine furcht- 
barsten Charaktere auf Naturbedingungen zurück- 

Dot. 2 



l8 Das Drama Hebbels ein historisches. 

zuführen, die ihnen die Existenzberechtigung sichern, 

daß in Romeo und Juha die Alten so 

gut ein relatives Recht haben wie die Jungen, daß 
in König Lear die grausamen Töchter in dem unnah- 
baren Jähzorn des Vaters wenigstens ihre halbe Ent- 
schuldigung finden, daß ein Zauderer wie Hamlet 
einem Usurpator wie Claudius nicht rein wie ein Engel 
des Lichts gegenüber steht, das leuchtet auch dem 

Kurzsichtigsten ein "^ (W. XII, 328). 

In dem Verhältnis der Individuen zur Idee wird 
das Verhältnis ,,des jedesm-iiHgen Welt- und Menschen- 
zustandes" zu dieser repräsentiert. Auch der jedes- 
malige Welt- und Menschenzustand ist im Verhältnis 
zur Idee nur eine vorübergehende Individuation, in 
der jene sich manifestiert. Das Werdende, die Ge- 
schichte als der Niederschlag der wandelnden Zeit, 
ist der Stoff des Dramas. Das Drama als solches ist 
ein historisches, welches sein Stoff auch sein mag. 
Das Drama kann den Lebensprozeß gar nicht darstellen, 
ohne in ihm die geistigen, moralischen, religiösen Bil- 
dungen, aus denen jener hervorgegangen ist, mit dar- 
zustellen. Es wird wohl oder übel stets ,,die Atmo- 
sphäre der Zeiten mit zur Anschauung bringen" (ib. 
5). Es wird in jeder Individualität, die als solche ,,wie 
jede Kristallisation von gewissen physikalischen Be- 



^ Sich selbst glaubt Hebbel kein besseres Zeugnis ausstellen zu 
können, als durch den Hinweis auf die Existenzberechtigung seiner 
Personen im obigen Sinne. Er ist sehr zufrieden damit, daß in Maria 
Magdalene ,,alle recht haben, sogar Leonhard, wenn man nur nicht 
aus den Augen läßt, daß er von Haus aus eine gemeine Natur ist, 
die sich in eine höhere nicht finden und an sie nicht glauben kann, 
und daß also die Gebundenheit des Lebens in der Einseitigkeit, aus 
der von vornherein alles Unheil der Welt entspringt, so recht schnei- 
dend hervortritt. Leonhard ist ein Lump, aber eben deswegen 

— ein Lump kann nichts Böses tun" (T. II, 2926). Und so auch in 
hezug auf Herodes und Mariamne, Gyges usw. 



Hebbels Geschichtsphilosophie. 19 

dingungen abhängig ist, von der Beschaffenheit der 
Geschichtsepoche, in die sie fällt" (T. III, 3865), diese 
Geschichtsepoche selbst, und zwar ihren tiefsten Ge- 
halt als das allein Wesentliche darstellen: ,,die Dicht- 
kunst, die höchste, ist die eigenthche Geschichtschrei- 
bung, die das Resultat der historischen Prozesse faßt und 
in unvergänglichen Bildern festhält, wie z. B. Sopho- 
kles die Idee des Griechentums" (T. II, 2070). 

Daß hier von einer historischen Wahrheit im ge- 
wöhnlichen Sinne keine Rede sein kann, daß für das 
Drama wie das Leben überhaupt, so auch die ge- 
schichtlichen Tatsachen nur Rohstoff bedeuten, dem- 
gegenüber es in der Natur des Kunstwerkes liegt, form- 
gebend, gestaltend, symbolisch in jedem Teil wie im 
Ganzen zu sein, und gerade dadurch die höchste Wahr- 
heit zu geben, ist klar: ,,Für wen das von der Geschichte 
abweichende, historische Drama eine Sünde an der 
Geschichte ist, für den muß auch der Tisch eine Sünde 
am Baum sein" (T. III, 4073). 

Der Dualismus des Rechts ist das Gesetz aller hi- 
storischen Zustände, alles historischen Geschehens. Jede 
liistorische Bildung bedeutet an sich die Schmälerung, 
wenn nicht Verdrängung der Rechtssphäre einer an- 
dern. Eine neue Epoche setzt sich durch, es ist ihr 
Recht, aber sie kann dies nicht anders, als indem sie 
die alte, also ein altes Recht verdrängt. Nie kann von 
einem absoluten Recht, von einem ,, definitiven, ge- 
wissermaßen chemischen Scheidungsprozesse", von 
schwarz oder weiß die Rede sein. Stets wird es sich nur 
um ein , »moralisches Plus oder Minus" (W. XII, 329) 
handeln. In diesem Lichte sieht Hebbel Revolution 
und Restauration, Protestantismus und KathoUzismus, 
in diesem Lichte sieht er auch die historischen Per- 
sönlichkeiten, die jene großen Bewegungen zum Aus- 



20 Hebbels Geschichtsphilosophie. 

trag bringen. Und weil dies so ist, weil wie das Gesetz 
des Weltlaufs, wie das Gesetz der Tragödie der Dualis- 
mus des Rechts auch das Gesetz des im menschlichen 
Geschehen sich darstellenden Weltlaufs, der Geschichte 
ist, deshalb ist auch die Geschichte nichts anderes als 
ein tragischer Prozeß. Die Geschichte ,, spitzt sich in 
allen großen Krisen immer zur Tragödie zu" (ib.). 
Und so ist für Hebbel der Historiker dem Gehalte nach, 
den er darstellt, in letzter Linie nichts anderes als der 
Dramatiker. Und so ist der Maßstab, an dem der eine 
gemessen wird, zugleich das Kriterium für den Wert 
des andern. Wenn also der Dramatiker seine Befähi- 
gung an der Art, wie er jenen Dualismus zum Ausdruck 
bringt, nachzuweisen hat, so auch der Historiker: 
,,Was nun ein Dramatiker wert ist, der für diesen Dua- 
lismus des Rechts keinen Sinn hat, weiß jeder, aber 
der Historiker, dem er fehlt, sollte nicht höher im Preise 
stehen; wer nur schwarz oder weiß kennt, der kennt 
gar nichts, und wer mir nicht Ignatius v. Loyola und 
den La Roche Jaquelin zeichnen kann, dem erlasse 
ich auch den Luther und den Mirabeau"^ (ib.). 

^ Die eben angeführten Zitate stammen aus dem Jahr 1862. 
Sie sind nicht nur ein besonders deutUcher Beweis für den unauf- 
lösUchen Zusammenhang, in dem sich bei Hebbel Metaphysik, 
tragische Theorie, Rechts- und Geschichtsphilosophie befinden, son- 
dern auch dafür, wie sich Hebbel im Kern seiner Grundanschauungen 
treu geblieben ist, wenn auch ihr Gewand im Laufe der Zeit etwas 
weniger metaphysisch wurde. (Siehe ,,Zu Hebbels Anschauungen 
über Kunst und künstlerisches Schaffen" von A. Schapire im Archiv 
für systematische Philosophie 13, 242 ff.) 

Daß hier der Historiker in diesem Sinne neben den Tragiker 
gestellt wird, könnte als ein Widerspruch zu der eben erst mit- 
geteilten Ansicht, wonach die Dichtkunst die ,, eigentliche", d. i. die 
höhere Geschichtschreibung ist, aufgefaßt werden, um so mehr, da 
Hebbel auch an anderer Stelle von der Geschichte als einem ,, bunt- 
scheckigen, ungeheuren Wust von Tatsachen" (W. XI, 5) spricht, 
und daß der Geschichtschreiber ,,die Maschine in ihren äußeren Um- 
rissen, der Dichter das innere Getriebe" darstellt (T. III, 4698). 



Das Drama Hebbels ein ethisches. 21 

Das Drama soll nun gerade den Moment ergreifen, 
in dem dieser Dualismus des Rechts besonders klar 
zutage tritt. Sein letzter Vorwurf sind • die Krisen, 
die Geburtswehen der um eine neue Form ringenden 
Menschheit. Wenn der geschichtliche Prozeß neue 
politische, religiöse, soziale Ideen aus sich heraus treibt, 
wenn ein Brechen der Weltzustände eintritt, dann ist 
seine Zeit gekommen. Die Geschichte lehrt, daß das 
große Drama stets mit entscheidenden Veränderungen, 
mit den Erneuerungen der Menschheit zusammenfiel. 
Die Revolutionen im weitesten Sinn sind also der Vor- 
wurf des großen Dramas: Revolutionen nennt Hebbel 
,,die Krankheiten, die das Wachstum der Menschen 
bezeichnen" (T. III, 4661). Innerhalb dieser Krank- 
heit ist das Wesentliche aber der Übergang zur Ge- 
sundheit. Dieser Übergang findet ganz im Sinne des 
Hebbelschen Gedankens dann statt, wenn ,,Euch (den 
Dramatikern) das Leben in seiner Gebrochenheit ent- 
gegentritt und zugleich in Eurem Geist, denn beides 
muß zusammenfallen, das Moment der Idee, in dem 
es die verlorene Einheit wiederfindet, da ergreift es" 
(W. XI, 46). 

Hebbels Drama ist ein historisches, mag sein Stoff, 
seine Behandlung noch so ,, unhistorisch" sein, es ist 
ebenso ein ethisches, selbst wenn es in seinen einzel- 
nen Bestandteilen nach der herkömmlichen Ansicht 
noch so , .unsittlich" ist. ,, Sittlich muß das Drama 
immer sein, gesittet kann es nicht immer sein." Ja, 
nach Hebbel scheint sogar die ,,Unsittlichkeit" seiner 
einzelnen Elemente Erfordernis zu sein, wenn aus ihnen 
die Sittlichkeit dos Ganzen, die es als Repräsentant 
der Totalität des Weltprozesses und dessen Notwendig- 
keit bedeutet, hervorgehen soll. ,,Wenn die Charaktere 
die sittliche Idee nicht verneinen, was hilft es, wenn 



22 Das Drama Hebbels ein ethisches. 

das Stück sie bejaht? Eben um dem Ja des Ganzen 
Nachdruck zu geben, muß das Nein der einzelnen 
Faktoren ein so entschiedenes sein" (T. III, 4176). 

Denn erst aus der Maßlosigkeit, der Leidenschaft 
und damit der Unsittlichkeit der Individuen (,,denn 
was ist unverständiger und unsittlicher als die Leiden- 
schaft"?) (T. 111,4144) kann so die durch das Drama 
symbolisierte Selbstkorrektur der Welt und in dieser 
das höchste Weltmoralprinzip hervorgehen: ,,Ich be- 
haupte aber, daß gar kein Drama denkbar ist, welches 
nicht in allen seinen Stadien unvernünftig oder unsitt- 
lich wäre. Ganz natürlich, denn in jedem einzelnen 
Stadium überwiegt die Leidenschaft und mit ihr die 
Einseitigkeit oder die Maßlosigkeit. Vernunft und Sitt- 
lichkeit können nur in der Totalität zum Ausdruck 
kommen und sind das Resultat der Korrektur, die den 
handelnden Charakteren durch die Verkettung ihrer 
Schicksale zuteil wird. Genau besehen, nimmt der 
Dichter die unvernünftigen und unsittUchen Elemente 
aus der Welt und löst sie seinerseits in Vernunft und 
Sittlichkeit auf, indem er Ursache und Wirkung enger 
zusammenrückt, als es in der Wirklichkeit zu geschehen 
pflegt" (W. 11.395). 



III. 

DER STAAT 



Hebbels Weltauffassung, die Gesamtheit seiner An- 
schauungen über Leben, Kunst, Geschichte usw., 
ist von einer eigentümlichen Einfachheit. Alle diese 
Anschauungen sind mehr oder minder aus einem 
Punkte heraus zu begreifen, aus einer Quelle werden 
sie gespeist, aus seiner metaphysischen Betrach- 
tungsweise. Ihr Ursprung ist nicht ,,von dieser Welt". 
Ohne eine Würdigung ihrer metaphysischen Herkunft 
wäre ein letztes Verständnis unmöglich. Seine ästhe- 
tisch-tragische Theorie ist durchaus von seiner Meta- 
physik durchtränkt. Hätte Hebbel seine metaphysische 
Weltansicht geändert, so hätte er auch seine Ästhetik 
ändern müssen. 

Nicht anders ist es mit seiner Auffassung vom Staat 
und dem Verhältnis des Einzelnen zu ihm. Nicht daß 
diese Auffassung durchaus original, weder vor noch 
nach ihm gewesen wäre — von Plato bis zu Hegel hatte 
sie ihre Vertreter und wir werden später finden, daß 
die ganze Zeitströmung ihr besonders günstig war. Das 
Eigentümliche ist auch hier die unlösliche Verankerung, 
das untrennbare Verwobensein mit jenem metaphy- 
sischen Prinzip. Bis zu einem gewissen Grade ist das 
selbstverständlich. Es kann gar nicht anders sein, als 
daß Staatsauffassung und Weltanschauung eines Men- 
schen innerlich zusammenhängen. Aber bei Hebbel ist 
das noch in einem ganz andern Sinne der Fall. Seine 



24 Keine empirisch begründete Staatstheorie. 

Staatsauffassung ist nichts als eine Anwendung seiner 
metaphysischen Weltauffassung, eine Übertragung 
von dem Gebiete des Absoluten auf das des Endlichen, 
des Ewigen auf das Zeitliche, ein Spezialfall jener. 

Diese Übertragung liegt in der Natur der Sache. 
Eine auf den Dualismus zwischen Einzelwesen und AU 
zugespitzte Metaphysik ist ja wie geschaffen zu einer 
Übertragung auf ein Verhältnis, wie es zwischen dem 
Individuum und dem Staat, diesem All, diesem ge- 
schlossenen Ganzen, besteht. Dieselben Fragen dort wie 
hier: Was des Einzelwesens und was des Universums 
ist, dort; was des Individuums und was des Staates 
ist, hier. Solange es Staaten gibt, wird die Frage nie 
rein gelöst werden können, wo das Recht des Indivi- 
duums aufhört, ein Recht zu sein und zum ,, Raube" 
an der Gesamtheit, zur Verletzung des Staatsinteresses 
wird, und umgekehrt. Der Dualismus des Rechts ist 
von der Existenz des Staates als eines aus der Existenz 
von Individuen erwachsenen Gebildes nicht zu trennen. 
Das Weltgesetz, dessen Wesen Hebbel ein für allemal 
dahin formuliert hat, daß ,,es sich im Grenzensetzen 
zwischen dem Ganzen und der Einzelerscheinung äu- 
ßert" (T. III, 3833), kann nur das innerste Gesetz des 
Staates, dieser Welt im kleinen sein. 

Als notwendiger Ausfluß seiner Philosophie ist 
demnach auch der Staatsgedanke Hebbels verhältnis- 
mäßig einfach, ist nicht das Produkt umfangreicher 
Erfahrungen, eingehender Studien über Welt- und Staa- 
tengeschichte; er ist nicht empirisch, er ist apriorisch 
gefaßt. Hebbel ist kein Staatsrechtslehrer. Wir er- 
warten von ihm keine scharf formulierte Theorie über 
Wesen, Ursprung, Zweck des Staates. Er sucht nicht 
lange danach, ob der Staat durch Vereinbarung oder 
durch Macht entstanden sei. Daß ersteres nicht der 



Die symbolisierende Betrachtungsweise Hebbels. 25 

Fall ist, ist ihm zwar sicher. „Der Staat beruht so 
wenig auf einem bloßen Vertrag als der Mensch" 
(T. III, 5183). Und er ist ebensowenig auf seine 
letzten Daseinsgründe zurückzuführen wie dieser, eben- 
sowenig wie eine Naturerscheinung, seine Existenz ist 
sein Beweis, sein Rechtsgrund. Er ist eine mit dem 
Wesen des Menschen gesetzte Notwendigkeit, eine in 
der Anlage der Menschheit gegründete und deshalb 
nicht weiter zurückführbare letzte Gegebenheit. Die 
in der Menschheit eingeschlossenen, imter die Einzel- 
nen verteilten Kräfte drängen nach Konzentration. 
,, Konzentration ist der ewige Gegenstand ihrer Sehn- 
sucht und zeugt in verzweifelter Selbsthilfe Rehgionen 
und Staaten" (T. I, 1765). 

Die metaphysische Betrachtungsweise Hebbels be- 
durfte, um ihr Letztes zu sagen, der Symbole; oder 
vielmehr sie konnte, auf die Erscheinungen des Lebens 
angewandt, nicht anders als in diesen Symbole sehen, 
Sinnbilder des Unendlichen, der Idee, die sich in ihnen 
manifestierte, Hebbel spricht selbst wiederholt von 
seiner Neigung zu dieser symbolisierenden Betrachtung, 
die in dem Kleinen das Große, in dem Niederen das Hohe, 
in dem Individuellen das Typische, in jedem Ding das 
Bild eines Höheren zu sehen liebte. Während es Leute 
gibt, wie er meint, die am Meere nur die Schiffe sehen, 
die darauf segeln, und auf dem Schiffe nur die Waren, 
die die Dinge also stets auf eine kleinere Bedeutung 
reduzieren, war es bei ihm gerade umgekehrt. Bei 
dem großen Hamburger Brande war es mir, schildert 
er, ,,als ob ich nichts Gegenwärtiges sälie, aber die un- 
geheuersten Bilder der Vergangenheit standen vor mei- 
nem Blick; ich sah Karthago mit dem zerschmelzen- 
den Moloch, ich sah Persepolis und die tanzende Thais, 
ich sah Moskau und den Imperator, wie er unwilhg und 



20 Die symbolisierende Betrachtungsweise Hebbels. 

finster den Kremlin verließ. Ja sogar in den Momenten, 
wo ich selbst Hand anlegte, war mir zumute wie bei 
einer Tätigkeit im Traum" (T, I, 3595). So sind ihm 
die Gestalten der eigenen Dichtung nicht nur sie 
selbst, sie sind ihm zugleich Repräsentanten ihres 
Standes, ihres Volkes, der historischen Entwicklungs- 
stufe, bis hinauf zum letzten, der Menschheit, der 
Welt^. Judith repräsentiert ihm ,,den schwindelnden 
Gipfelpunkt des Judentums", wie Holofemes ,,das sich 
überstürzende Heidentum" (B. H, 33). Ihn interessiert 
bei ihrer Sache nicht ,,das Faktum, daß ein verschla- 
genes Weib vorzeiten einem Helden den Kopf ab- 
schlug", sondern „der zwischen den Geschlechtem an- 
hängige große Prozeß" (W. I, 410). Juden tmn und 
Christentum sind ihm ,, wiederum nur Repräsentanten 
der von Anbeginn in einen unlösbaren Dualismus ge- 
spaltenen Menschheit" (B. II, 33), „und so hat der Kampf, 
in dem die Elemente meiner Tragödie sich gegenseitig 
aneinander zerreiben, die höchste symbolische Bedeu- 
tung" (ib.). Und zuletzt wird ihm die ganze Tragödie 
zu einem Drama, ,,das die Welt mit allen Lebens- 
strömen umfaßt, und das von Gott an bis zum un- 
seligsten Narren herunter die gesamte Schöpfung re- 
präsentiert" (B. II, 97). Ebenso sieht er in seiner ,, Ma- 
ria Magdalene" nicht die Tragödie der Clara, noch nicht 
einmal die des Bürgermädchens, sondern des Bürger- 
tums, der „schrecklichen Gebundenheit in der Ein- 
seitigkeit" usw. 

Charakteristisch für die symbolisierende Betrach- 
tungsweise Hebbels ist ein Bild, dessen er sich mit Vor- 
liebe bedient, wenn er über das Verhältnis der Menschen 



* Womit aber nicht gesagt sein soll, daß sie, wie man Hebbel 
vorzuwerfen liebt, nur abstrakte Typen, keine lebendigen Menschen 
s eien. 



Der Kreis als Bild. Höchste Bildung. 2/ 

untereinander und zu den Dingen aussagen will. Dieses 
Bild ist der Kreis. Seinem geistigen Auge stellen sich 
alle Erscheinungen in Kreisen dar, die sich schneiden 
oder umschließen. In einer Tagebuchnotiz (T, II, 2207) 
lesen und sehen wir von ihm selbst bildlich veran- 
schaulicht ,,das Verhältnis der meisten Menschen zu- 
einander". Vereinigen sich zwei getrennte Wesen, 
zwei sich schneidende Kreise, so wird ein einziger das 
Symbol dieser Vereinigung: ,,Wo sich zwei Menschen 
umarmen, da bilden sie einen Kreis" (T. III, 3570). 
Analog jener Betrachtungsweise, ,,in den Dingen nicht 
die Dinge selbst" (B. II, 125), sondern immer höhere 
und höhere zu erkennen, sieht er den Menschen als den 
Mittelpunkt eines konzentrischen Kreissystems, bis 
ihn der höchste Kreis umschließt: Gott. ,,Und kann 
der Mensch Gott nicht in sich aufnehmen, so muß 
wohl Gott den Menschen in sich aufnehmen, aber der 
Mensch wird sich auch dann nur als kleiner Kreis im 
größeren fühlen" (T. II, 2132). Und so ist ihm das 
Wesen der höchsten Bildung geradezu eins mit der 
Fähigkeit, diese Verhältnisse und die in ihnen sich offen- 
barende Unendlichkeit der Beziehungen zu erfassen. 
,,Wenn der Mensch sein individuelles Verhältnis zum 
Universum in seiner Notwendigkeit begreift, so hat 
er seine Bildung vollendet und eigentlich auch 
schon aufgehört, Individuum zu sein; denn der 
Begriff dieser Notwendigkeit, die Fähigkeit, sich bis 
zu ihm durchzuarbeiten und die Kraft, ihn festzuhalten, 
ist eben das Universelle im Individuellen, löscht allen 
unberechtigten Egoismus aus und befreit den Geist 
vom Tode, indem er diesen im wesentlichen anti- 
zipiert" ^ (B. IV, 102). 



* Vgl. auch: ,, Höchstes Kriterium der Bildung" (W. VI, 364). 



28 Der Staat als Symbol des Weltgesetzes. 

Aus diesem Gedankengang heraus ergibt sich als 
Resultat, daß die Wahrheit einer Sache erkennen nichts 
anders heißt, als sie in ihrer Bezogenheit auf das Grö- 
ßere erfassen. ,,Wie oft wird innerhalb eines Kreises 
philosophiert, d. h. über die schöne, runde Linie, die 
den Philosophen umgibt, allerlei Geistreiches gesagt, 
wenn über den Kreis philosophiert, d. h. wenn er in 
einen größeren aufgelöst werden soll" (T. III, 3321). 

Auch der Staat ist ein solcher, einen kleineren um- 
schließenden, von einem größeren umschlossener Kreis. 
Der kleinere Kreis ist das Individuum, der größere, 
letzte das Weltall, die Idee. Auch über den Staat kann 
das letzte Wort nur durch seine Auflösung in den grö- 
ßeren Kreis gesprochen werden. 

Auf Grund der von uns charakterisierten Analogie 
wird der Staat bei Hebbel zum vornehmsten Symbol 
des Weltalls und des Weltgesetzes. Das Weltgesetz ist, 
wie wir wissen, die Sittlichkeit. Und so wird der Staat 
zum , .Körper und Werkzeug der sittlichen Idee" 
(T. III, 3946). Deshalb ist es wie das des Weltalls 
,,sein höchstes Gesetz, sich zu behaupten" (T. II, 2355). 
Er muß sich behaupten selbst um den Preis, daß ein 
positives, ein Einzelgesetz dadurch verletzt wird, denn 
er ist ja erst die Bedingung, daß ein solches überhaupt 
sei. ,,Ich glaube, daß es Momente gibt, wo das positive 
Gesetz zurücktreten muß, weil das Fundament er- 
schüttert ist, auf dem es beruht" (B. V, 204). Es muß 
also wohl unterschieden werden zwischen absolutem 
und relativem Recht. Jenes kann er schlechterdings 
nicht verletzen, denn er ist es selbst, er ,, setzt sich 
selbst", so wenig er einem Einzelgesetz unterworfen 
sein kann. Wie das Drama in allen seinen Stadien un- 
sittlich und unvernünftig sein darf und doch als Gan- 
zes die höchste Sittlichkeit repräsentiert, wie das große 



Der Staat als Symbol des Weltgesetzes. 29 

Kunstwerk überhaupt, wie — um mich einer andern 
Analogie zu bedienen — der große Mann Hegels als 
Geschäftsführer des W€|ltgeistes dem Weltzweck und 
in diesem der absoluten Sittlichkeit dient und doch 
den gewöhnlichen morahschen Ansprüchen nicht unter- 
steht : — so steht der Staat jenseits von Gut und Böse, 
da er kraft seiner Natur dem höchsten Guten dienen 
muß. Deshalb ist das schwerste Verbrechen das wider 
den Staat: „Mit Recht wird eine Verschwörung an 
die Spitze aller Verbrechen gestellt, denn alle andern 
greifen nur einzelne Gesetze an, die Verschwörung den 
Grund der Gesetze, also alle zugleich" (T. III, 4009). 

Und deshalb kann zwischen den Interessen des In- 
dividuums und denen des Staates letzten Endes ein 
Antagon'smus gar nicht bestehen. Das Individuum kann 
den Staat, den Grund aller Sittlichkeit gar nicht an- 
greifen, ohne sich selbst, die Bedingungen seines Da- 
seins, aufzuheben, ebenso wie sich das Einzelwesen 
aus dem Weltall, das Einzelglied von dem Organismus 
nicht loslösen kann, ohne sich selbst zu zerstören: 
,,Im sittlichen Staat ist der Empörungsversuch immer 
zugleich aucli ein Selbstmordversuch; denn da das In- 
dividuum immer nur durch den Staat existiert, so 
würde es sich in ihm vernichten" (T. III, 4882). 

So ungeheuer auch die Bedeutung ist, die Hebbel dem 
Verhältnis des Einzelnen zum Staate verleiht, so hat er 
sich doch fast nirgends darüber ausgesprochen, wie diese 
Bedeutung praktisch zum Ausdruck gelangen könnte. 
Während z. B. ein dem ,, staatlosen Geschlecht" des 
18. Jahrimnderts angehörender Sciiiller die Erziehungs- 
frage in eine durchaus politische Perspektive rückte, 
spricht sich Hebbel über diese von seinem Stand- 
punkte aus weitaus wichtigere Angelegenheit keines- 
wegs aus. Daß der Staat und überhaupt alle allgemeinen 



70 Der allgemeine und der einzelne Mensch. 

Institutionen eine unvermeidliche Beschränkung der 
individuellen Entfaltungsmöglichkeit darstellt, darüber 
war er sich klar. „Die menschlichen Institutionen 
wollen den allgemeinen Menschen, der Mensch aber, 
wer und wie er sei, wiU sich individualisieren. Daher 
der Bruch" (T. III, 4184). Sehr scharf, so scharf wie 
es nur der ausgeprägteste Individualist hätte tun können, 
hatte er sich früher schon gelegentlich darüber aus- 
gesprochen. Hier nennt er es geradezu ein Unglück, 
daß die menschliche Gesellschaft ,,der auf nichts Ur- 
sprüngliches zurückzuführenden Form des Staates 
bedarf, denn die genialsten Richtungen und Ent- 
wicklungen der Individualitäten werden dadurch im 
Keime erdrückt, und es ist die Frage, ob die übrig- 
bleibenden, die allerdings innerhalb der Wälle und 
Mauern besser wie sonst gegen Wind und Wetter ge- 
schützt sind, in ihrer füllereichsten Ausbeute für die 
zurückgehaltenen und erquetschten Ersatz leisten" (W. 

X. 370). 

Hebbel hat diese mehr oder minder praktische Frage 
nicht weiter verfolgt. Wir wissen aber, daß sich ihm 
aus seiner metaphysischen Weltbetrachtung die Ant- 
wort darauf bereits ergeben hatte. Mußte nicht seine 
Judith, deren Tragödie er in sich trug, als er jene Worte 
schrieb, mußte nicht seine Agnes Bernauer^ fallen, 
damit jene andern besser gegen Wind und Wetter ge- 
schützt seien, damit sie in Ruhe und Frieden ihren 
Kohl bauen könnten? 

Wir kennen die Bedeutung, die Hebbel dem Indi- 
viduellen innerhalb des Weltprozesses zuerkennt. So 
hat er auch die Bedeutung des Individuums und zu- 
mal des großen Individuums, auf das es hier zumeist 

^ ,, Agnes Bernauer" wird wegen ihrer Wichtigkeit für das 
ganze Problem in einem eigenen Kapitel behandelt werden. 



Das große Individuum Mittel zum Zweck. 3 I 

ankommt, für den Menschheitsprozeß, die Geschichte, 
in ihrem vollem Werte gewürdigt. Daß diese ,,doch 
eigentlich nur in Individuen münde", daß jeder große 
Fortschritt nur an Individuen geknüpft sei, hat er 
wiederholt ausgesprochen. Nicht die Völker als Völker 
bringen die großen Leistungen hervor, ,, sondern nur 
die Individuen. Darum ihr Herrn Nivellisten, Respekt 
für Könige, Propheten, Dichter"^ (T. III, 5073). 

Von hier aus wäre der Weg frei zu einer individua- 
listischen Weltauffassung, Er wäre es, wenn Hebbel 
damit sein letztes Wort gesprochen hätte. 

Wir haben auf der andern Seite das Wort, daß 
,,ein König weniger Recht hat, ein Individuum zu sein, 
als jeder andere" (T. III, 3370). 

Wie ist dieser Dualismus zu lösen? 

In einer Tagebuchnotiz (T. III, 3839) spricht Hebbel 
von der völligen ,, Ideenlosigkeit des Wallenstein", die 
er darin sieht, ,,daß das zur Anschauung gebrachte 
Problem, welches in dem Mißverhältnis zwischen der 
bestehenden Staatsform und dem darüber hinausge- 
wachsenen großen Individuum zu suchen sei, nur durch 
eine in ebendiesem Individuum aufdämmernde höhere 
Staatsform zu lösen gewesen wäre, daß Schiller es aber 
nicht allein niclit gelöst, sondern es nicht einmal rein aus- 
gesprochen habe". Ebenso tadelt er am ,, Faust", daß in 
ihm wohl der Ausblick auf eine höhere Entwicklungs- 
stufe des Individuums, nicht aber der Welt eröffnet sei. 

Das ist das letzte Wort Hebbels, hier gehen 
das individuelle und das universelle Prinzip 
ineinander über. 

Das Mißverhältnis, in das ein großes Individuum zu 
einer bestehenden Institution gerät, wird gelöst, wenn 
es gerade durch seine Selbstbehauptung diese Institution 

* Siehe auch „Napoleon" (W. VI, 368). 



32 Das Judithmotiv. 



auf eine höhere Stufe rückt. Die Anmaßung des 
Individuums wird gesühnt, der Idee geschieht Satis- 
faktion, wenn die revolutionäre Ichsucht der Aus- 
gangspunkt wird für die Evolution des Ganzen. So 
wird die Größe des Individuums, die im Plane des 
Weltprozesses gar nicht entbehrt werden kann, weit 
davon entfernt, eine Verneinung des universalen Prin- 
zips zu sein, seine höchste Bejahung, seine letzte Be- 
stätigung. Das Individuum ist nur groß, wenn und 
weil es — anscheinend herrschend — dient. Über seiner 
,, Maßlosigkeit" schwebt das unbedingte Primat, der 
endgültige Sieg des All. So ist es letzten Endes nur 
ein Werkzeug der Idee, die es gewähren läßt, um, 
wenn es ihren Zwecken gedient, über es hinwegzugehen. 
Dies ist, wie bereits angedeutet, besonders prägnant 
das Motiv der „Judith". 

In der Judith wird die „Maßlosigkeit" in der spe- 
zifischen Maßlosigkeit des über sein Geschlecht hinaus- 
strebenden Weibes dargestellt. Auf diese Maßlosigkeit 
aber ist der ganze Plan der Gottheit aufgebaut. Judith 
karm diesen Plan nur dann ausführen, wenn sie aus den 
dem Weibe von der Natur gezogenen Grenzen heraus- 
tritt, indem sie handelt und sich dadurch als Weib 
selbst aufhebt. Denn nach Hebbel ist Weib sein und 
Handeln ein Widerspruch in sich selbst (S. T. I, 1802). 
Und dafür muß sie von derselben Gottheit, die sich 
dieser Maßlosigkeit bediente, vernichtet werden: 

„Die Gottheit selbst, wenn sie zur Erreichung großer 
Zwecke auf ein Individuum unmittelbar einwirkt und 

sich dadurch einen willkürlichen Eingriff ins 

Weltgetriebe erlaubt, kann ihr Werkzeug vor der Zer- 
malmung durch dasselbe Rad, das es einen Augenblick 
aufhielt oder anders lenkte, nicht schützen. Das ist 
wohl das vornehmste tragische Motiv, das in der Ge- 



Das Judithmotiv. 33 



schichte der Jungfrau von Orleans Hegt. Eine Tra- 
gödie, welche diese Idee abspiegelte, würde einen großen 
Eindruck hervorbringen durch den Blick in die ewige 
Ordnung der Natur, die die Gottheit selbst nicht stören 
darf, ohne es büßen zu müssen"^ (T. I, loii). 

Das hatte Hebbel im März 1838 geschrieben. Ein 
Jahr später gewann dieser Gedanken dichterische Ge- 
stalt in seiner Judith. Elf Jahre später wird er noch 
deuthcher ausgeführt in der Rezension einer Tragödie 
(„Die Wahebitin" von V. P. Weber): 

..Wer ist diese Wahebitin ? Eine Jungfrau von Orleans 
ohne ihre Motive, eine improvisierte Amazone, welche die 
Schranken des Geschlechts übersprungen hat, nicht weil der 
Finger Gottes sie gebieterisch hinüberwies, sondern 
weil sie ihrem Vater den in der Schlacht gefallenen Sohn er- 
setzen und, wie sie selbst einmal sagt, die Bewunderung der 
Welt erlangen will. Es kann Leute geben, die diese armselige 
Art der Motivierung der abgrundtiefen Schillerschen vorziehen, 
weil sie dieselbe, nach dem trivialen Nützüchkeitsprinzip ge- 
messen, menschlich zugänglicher und begreiflicher finden. 
Aber Schiller wußte sehr wohl, warum er seiner Johanna 
neben der flammenden Begeisterung für König und Vaterland 
noch eine ganz mystische bis in die fernste Kindheit hinein- 
reichende Reihe von Visionen, Träumen und Erscheinungen 
lieh; er wußte sehr wohl, warum er ihrem Entschluß, der erst 
bei dem Anblick des ihr als Zeichen verheißenen Helms, nun 
aber auch plötzlich, reif wurde, so viele Momente des Zitterns 
und Zagens, des Zweifeins, ja des instinktartigen Widerstrebens 
vorangehen ließ. Denn ein Weib, das sich in Schlacht und 
Kampf hineinstürzt, und den ihm angewiesenen Kreis mit dem 
diesem entgegengesetzten geradezu vertauscht, ist uns dann 
nicht mehr abstoßend und widerwärtig, wenn man erkennt, 
daß es nicht anders kann, daß es von höherer Macht getrieben 
wird. Dies wird aber eben nur auf dem von Schiller ein- 
geschlagenen Weg, der weit über die Sphäre nüchterner Selbst- 
bestimmung hinausführt, anschaulich gemacht; ein einfacher 
Willensakt, wie auch immer hervorgerufen, ist dazu durchaus 
■nicht hinlänglich. Nicht das Individuum darf sich von den 
Forderungen der Natur entbinden, um seinem persönlichen 

* Hebbel statuiert hier einen Gegensatz zwischen Gottheit und 
Natur, der mit anderen Äußerungen nicht im Einklang steht. 
Do«. 3 



34 Das Judithmotiv. 



Drange, sei oder scheine dieser auch noch so edel, genug zu 
tun; nur die Natur selbst kann es lossprechen^, um auf diese 
Weise einen großen, durch gewöhnliche Mittel nicht mehr 
realisierbaren Zweck zu verwirkhchen. Dem Dichter ist es 
nämlich vergönnt, sich das Universum als aus einer un- 
endlichen Reihe von Kreisen^ bestehend, vorzustellen, 
die sich spiralförmig auseinanderwickeln und von denen der 
weitere den engeren in dem Sinne bedingt, daß die für diesen 
geltenden Gesetze in demselben Moment außer Kraft treten, 
wo sie mit den in jenem herrschenden hindernd und hemmend 
zusammenstoßen. Darum fällt der Unterschied zwischen Mann 
und Weib für ihn in dem Augenblick weg, wo in der kleinen 
Welt, deren Spitze der beide Geschlechter umfassende Mensch 
ist, nur noch durch ein außerordentliches Werkzeug ein großes 

und notwendiges Ziel erreicht werden kann Gelingt es 

ihm dann noch, das der gewöhnlichen Ordnung der Dinge 
momentan entrückte Individuum durch die von ihm aus- 
gehende Tat in einen Konflikt mit sich selbst zu versetzen, 
der es dieser Ordnung am Ziel seiner Laufbahn wieder unter- 
wirft und auch diesen Konflikt noch durch eine letzte, höchste, 
nun aber rein menschliche und sitthche Kraftanstrengung^ zu 
lösen, so hat er den Ring, in dem sich jedes echte Kunstwerk 
bewegt, vollständig geschlossen . . ." (W. XI, 283). 

Klar und unzweideutig führt Hebbel hier noch ein- 
mal das Judithmotiv und in diesem das Motiv des 
großen Menschen überhaupt vor, wie er metaphysisch 
im Weltprozeß verwandt wird, wie er im Drama, das ja 
nur diesen Weltprozeß abspiegelt, darzustellen ist. Das 
Bedeutsam- Widerspruchsvolle ist auch hier, daß das In- 
dividuum, unter einem göttlichen Gebot stehend, han- 
deln und von derselben göttlichen Instanz für seine 
Maßlosigkeit bestraft werden muß. Das Unver- 
mögen der Gottheit, das Individuum vor den Folgen 
dieser Maßlosigkeit zu schützen, deren sie selbst be- 
durfte, ist das Rätselhafteste des Rätsels. Wir stehen 



* Hier fällt im Gegensatz zu oben Natur und Gottheit zusammen. 

* Vgl. die Ausfüllrungen S. 27. 

' Darunter ist wohl die Freiwilligkeit zu verstehen, mit 
der das Individuum sich der , .gewöhnlichen Ordnung" wieder 
einfügt. 



Widerspruch zwischen metaphysischer u. ethischer Forderung. 35 

hier wieder da, wo der Dichter selbst nicht mehr weiter 
zu können bekannte, wo ,,das Drama sich mit dem 
Weltmysterium in ein und dieselbe Nacht verliert" 
(W. XI, 31), wo das Wissen aufliört und der Glaube als 
die Ahnung einer über allen Widersprüchen und Un- 
begreiflichkeiten waltenden letzten Harmonie beginnt. 
Nur, wenn der Dichter vermag, mit der Darstellung 
der Vernichtung zugleich jene Ahnung in uns zu er- 
wecken, nur dann hat er seiner Aufgabe genügte 

Aber selbst wenn wir mit Hebbel in dem Gedanken, 
daß es so sein muß, wie es ist, die letzte Lösung jener 
ursprünglich-metaphysischen Dissonanz anerkennen, 
bleibt des Widerspruchs noch genug übrig. 

Dieser Widerspruch tritt besonders dann hervor, 
wenn das metaphysische Prinzip Hebbels in sein ethi- 
sches übergeht, oder vielmehr, wenn dieses sich von 
jenem, obgleich letzten Endes eins mit ihm, zu trennen 
scheint und eigne Forderungen erliebt. 

Das Weltgesetz berechtigt nicht nur zur Selbst- 
behauptung des Individuums, es macht sie gerade im 
Hinbhck auf das Ganze zur Notwendigkeit, die letzte 
Konsequenz wäre die rücksichtslose Durchsetzung der 
individuellen Bestrebungen. Trotzdem wird auf der 
andern Seite das Aufgeben des individuellen Prinzips 
zugunsten des universellen als das ethisch Höhere 
betrachtet. ,,Die Billigkeit ist das Gesetz, welches der 



* An einigen Dramen ByTons rügt Hebbel, daß das Schicksal 
in ihnen wohl vernichtet und zerstört, ,,aber es schmiedet sein 
Schwert nachher nicht zur Tflugschar um, es schneidet, wie es im 
Drama geschehen soll, die Hälse ab, die zu anmaßend htTvorragen, 
aber es ist viel zu vornehm, um uns über das Warum und Wozu 
zu belehren und uns trotz unseres Schauderns unsere Zustimmung 
abzudringen. Keine Spur von jener großen Versöhnung, die in der 
Notwendigkeit liegt, wenn der Poet die äußere nur in eine innere 
aufzulösen weiß" (T. III, 3487). 

3* 



36 Die Pietät. Kandaules. 

Mensch sich selbst setzt, das Opfer, welches er von sei- 
nem Recht freiwillig den Göttern darbringt, ein höchster 
Akt der Pietät" (T. IV, 5623). 

Der Dualismus zwischen Individuum und Idee, der 
metaphysisch in der Selbstbehauptung des einen als 
Mittel zum Zweck der andern aufgehoben wird, ist 
vom ethisch-empirischen Gesichtspunkt aus ein Ver- 
gehen des einzelnen gegen die allgemeinen Institutio- 
nen. Wenn dort die ,, metaphysische Urschuld" in 
den Tribut an die Idee umgesetzt wird, so ist hier das 
Zurücktreten des einzelnen das Gebotene, das Zurück- 
treten aus Pietät. 

Die Pietät, die Ehrfurcht vor allem Gewordenen 
und dem in ihm verkörperten Recht ist es, die einerseits 
jene Unterordnung erleichtert und andrerseits auch 
dort Schonung gebietet, wo der Kampf der beiden 
Prinzipien unvermeidlich ist. Zwischen der metaphy- 
sischen Notwendigkeit des Sichselbstdurchsetzens und 
der ethischen Forderung der Unterordnung hat Hebbel 
die Brücke der Pietät geschlagen, ohne daß es ihm, 
wie mir scheint, gelimgen wäre, die damit gegebene 
Antinomie zu beseitigen. 

Das tritt besonders an Kandaules hervor. Zu der 
metaphysischen Urschuld, die zugleich sein Ur- 
recht ist, sich auszubreiten, an die Stelle des Überlebten 
seine Ideen zu setzen, gesellt sich die ethische 
Schuld der Pietätlosigkeit, mit der er vorgeht, zwei 
jedenfalls gedanklich auseinanderzuhaltende Motive, 
wenn sie auch tatsächlich ineinander übergehen. Oder 
vielmehr, es ist nicht unbedingt zu entscheiden, worin 
die eigentliche Schuld des Kandaules zu sehen ist, in 
der metaphysischen Maßlosigkeit, daß er sich über- 
haupt durchsetzen will, oder in der Pietätlosigkeit, wie 
er es will. Die tragisch-evolutionistische Funktion des 



Kandaules. 37 

Kandanles, die darin liegt, daß er nur um der Idee der 
Sitte willen zeitlich bedingte Formen verletzt, wird 
durch das Motiv der Pietätlosigkeit verdunkelt, oder 
dieses durch jene. Es entsteht die Frage, ob, wenn 
Kandaules nur etwas pietätvoller und schonender vor- 
gegangen wäre, auch damit jene metaphysische, für 
die ,,Idee" unentbehrliche Schuld aufgehört hätte? 
Aber diese bleibt doch bestehen, muß bestehen bleiben, 
wenn anders seine tragische Mission vollzogen werden 
soll! Und wie soll er sie vollziehen, ohne pietätlos zu 
sein? 

Ein weiteres kommt noch hinzu, jenes bereits er- 
wähnte, von Hebbel als ,, Ideenlosigkeit" des ,, Wallen- 
stein" charakterisierte Motiv. Kandaules empfindet 
persönlich seine tragische Schuld darin, daß es ihm 
an Kraft gebricht, seine Ideen in die Tat umzusetzen. 
Wer die Welt aus ihrem Schlaf weckt, wer ihr die 
,, Schleier, Kronen oder rostigen Schwerter" (W. III, 
335), ohne die sie nicht sein kann, nimmt, tut es nur 
dann ungestraft, wenn er ,, reich genug ist, ihr Höheres 
zu bieten" (ib.). Es erhebt sich hier wiederum eine 
Frage: Hörte, wenn Kandaules reich genug wäre, der 
Welt Höheres zu bieten, der Mangel an Pietät auf, 
eine Schuld zu sein? Kandaules bejaht von seinem 
persönlichen Gefühl aus diese Frage, und wenn wir sie 
in das Licht der ganzen Auffassung Hebbels stellen, 
spräche er damit ein letztes Wort des Dichters und der 
Dichtung aus: daß der Reichtum, die Maßlosigkeit des 
Individuums, dem großen Ganzen dienstbar gemacht, 
aufhört, eine , .Schuld" zu sein. Wäre damit dann aucli 
die Schuld der Pietätlosigkeit aufgehoben? 

Mit dem Motiv des unberechtigten, weil un befähig- 
ten Neuerers hat Hebbel den Kern einer neuen 
Tragödie in das Stück gebracht, ein Motiv also, das 



38 Kandaules. 

unbeschadet der innem Einheit der Dichtung entbehrt 
werden könnte. Ja ich möchte sogar, noch weitergehend, 
die Frage auf werfen, ob nicht in dieser Tragödie von 
dem ganzen metaphysisch-evolutionistischen Prinzip 
abgesehen werden könnte, ohne ihr Wesen thchstes zu 
gefährden? Als dieses Wesenthchste bUebe dann ein- 
fach die Verletzung der Sitte und Pietät in der weib- 
lichen Würde und Schamhaftigkeit ohne jeden ent- 
wicklungsgeschichtlichen Ausblick zurück; und in die- 
sem Lichte gesehen, dürfte die Frage, ob die Schuld 
mit der Größe der Befähigung abnimmt, jedenfalls 
keine unbedingt bejahende Antwort erfahren. Und 
wenn Hebbel schreibt, daß, ,,wie eine Insel aus dem 
Ozean die Idee der Sitte als die alles bedingende und 
bindende" aus der Tragödie hervorgehe (B. IV, 204), so 
ist auch da nicht ganz klar, ob der tragische Kern in 
die Verletzung der Pietät als solcher oder in das Sich- 
durchringen der Idee zu einer höheren Form der Sitte 
urti den Preis des Individuums verlegt wird. 

Wird durch das Motiv der Pietät die Lösung des 
Dualismus zwischen individuellem und universellem Prin- 
zip im Hebbelschen Sinne nicht eher erschwert als er- 
leichtert? Das Motiv der Pietät ist an sich eine Anti- 
nomie zu der Lösung, die die ursprüngliche Schuld 
des Individuums in einer Leistung am großen Ganzen 
aufgehen läßt. Das Individuum kann keinen Schritt 
auf dem Wege seiner tragisch-historischen Mission voll- 
ziehen, ohne die Pietät zu verletzen. Die rücksichtslose 
Selbstbehauptung des Individuums ist die letzte Konse- 
quenz jener Mission. Es wird daran untergehen, aber 
der ,,Idee" ist ihr Recht geschehen. Innerhalb der 
Weltauffassung Hebbels ist kein Raum für ein anderes 
Ethos als die in den unergründlichen Tiefen des Ab- 
soluten beschlossene Notwendigkeit. — 



Symbolistische Betrachtungsweise in „Gyges und sein Ring". 39 

Noch eins. Kandaules stößt sich an „Schleiern, 
Kronen, rostigen Schwertern". Es sind ihm sinnlos ge- 
wordene leere Schalen, hohle Formen, die durch Höhe- 
res zu ersetzen sind. Was würde nun aber im Sinne 
der Hebbelschen Betrachtungsweise das der Welt zu 
bietende Höhere sein? Doch wohl nur neue Kronen, 
neue Schwerter, neue Schleier, aber doch Kronen, 
Schwerter, Schleier, d. h. doch immer nur Sinnbilder 
der Dinge statt der Dinge selbst. 

Keines der Dramen Hebbels ist in dem Maße wie 
,, Gyges und sein Ring" getragen von dem, was wir die 
symbolistische Betrachtungsweise nannten. Es ist ge- 
wissermaßen das Symbol dieser s3mibolistischen Betrach- 
tungsweise, die in dem gefühlsmäßig-intuitiven An- 
schauen der Dinge ein höheres Organ des Erkennens 
erblickt als in der verstandesmäßig-rationalen Analyse ; 
die in dem Kleinen das Große, in dem Unbedeutenden 
das Erhabene, die, um mich mit Hebbels eignen Worten 
paradox auszudrücken, ,,in jedem Pflasterstein das 
Bild eines Gottes" sieht. 

Im Juni 1848 schreibt Hebbel in sein Tagebuch: 
,,Man reißt jetzt das Pflaster des Staats und der Ge- 
sellschaft auf. Ich habe dabei ein eigentümliches Gefühl. 
Mir ist als ob dem Bau, der jetzt zerstört wird, uralte 
Erfahrungen zugrunde lägen, aus Zuständen genommen, 
wie sie jetzt wieder im Anzug sind, als ob jeder Pflaster- 
stein auf der umgekehrten Seite die Inschrift trüge: 
Auch wir wissen, daß dies ein Pflasterstein ist, wenn wir 
ihm gk'icli das Bild eines Gottes aufgeprägt haben; seht 
zu, wie Ihr ohne Pflastersteine, die man für mehr als 
Pflastersteine hält, fertig werden wollt" (T. III, 4411). 
Auch ein kraftvoller Kandaules hätte nur neue Schwerter, 
Kronen und Schleier bieten können. Die Welt braucht 
Pflastersteine, die man für mehr als Pflastersteine hält. 



40 Symbolistische Betrachtungsweise in „Gyges und sein Ring". 

Symbolisch im tiefsten Grunde scheint mir auch 
das Hauptmotiv, die unmittelbarste Schuld des Kan- 
daules, die Verletzung Rhodopens, zu sein, und zwar nicht 
nur in dem Sinne, daß Kandaules in der seinem Weibe 
heiligen Sitte eine zeitlich bedingte Form der Sitte 
verletzt. Man kann die Sache auch noch von einer an- 
dern Seite ansehen. Die Tatsache, daß ein Unbefugter 
den Körper eines Weibes sieht, ist für rmser modernes 
Gefühl keine so ungeheuerHche mehr, daß sie nur durch 
den Tod gesühnt werden könnte. Und diese Tatsache ist 
ei doch bereits, die Rhodope im tiefsten Grund ihrer 
Seele erschüttert, als sie von der Verschuldung ihres Gat- 
ten, die den tragischen Konflikt erzeugt, noch gar nichts 
weiß. Trotz der Fremdartigkeit der Voraussetzung ist 
es aber Hebbel doch gelungen, uns zum Miterleben der 
Gefühle Rhodopens zu bringen, so daß wir zuletzt mit 
ihr fühlen, daß sie nicht anders handeln kann. Wir 
fühlen eben unmittelbar mit ihr, daß es sich hier um 
mehr als um die Verletzung der körperlichen Scham- 
haftigkeit, daß es sich um die Würde der weiblichen 
Persönlichkeit, die Achtung vor der weiblichen Seele 
handelt. Jene ist nur ein Symbol dieser, der Körper 
nur ein Symbol der Seele. Wer jene verletzt, verletzt 
diese, verletzt Natur- und Sittengesetz, 

. . . „Daß die Natur vor Zorn im Tiefsten fiebert. 
Weil sie verletzt in einem Weibe ist." 

(ib. S. 319) 

So sehen wir wieder Kreis um Kreis sich schließen, 
bis hinauf zum letzten, höchsten, alles umfassenden, 
dem Weltall, das in dem Fundament menschlicher 
Ordnung sein eignes verletzt und erschüttert sieht. 
Rhodope wird so zur Vollstreckerin des höchsten Ge- 
setzes, die Selbstkorrektur der Welt ist in ihre Hand 
gelegt. 



Symbolistische Betrachtiingsweise in ,,Gyges und sein Ring". 41 

,,Du mußt es tun. 
Wie ich es fordern muß. Wir dürfen beide 
Nicht fragen, ob's uns schwer wird oder leicht." 

(ib. S. 320) 

Die Verletzung des Sittengesetzes in der weiblichen 

Würde durchzieht die ganze Tragik Hebbels. Es 

scheint mir hier eine direkte Linie von der Judith 

über die Genoveva, Clara, Mariamne und Rhodope bis 

zu Brunhild zu führen. Wie Rhodope, so empfindet 

auch Judith, Mariamne und Brunhild diese Verletzung 

als eine Todsünde, für die es nur eine Sühne, den Tod 

geben kann. Ihnen allen ist das Wort gesprochen, das 

Hagen seiner im Innersten getroffenen Königin zuruft: 

,,Der Mami muß sterben, der dir das getan." 

(W. IV, III) 



IV. 
AGNES BERNAUER 



In unlöslichem Zusammenhang stehen bei Hebbel 
alle Gedanken über Leben, Kunst, Philosophie, Ge- 
schichte; die Stellung des einzelnen zum Staate er- 
gibt sich mit Notwendigkeit aus Hebbels Prinzip der 
strengsten Gebundenheit des Individuellen gegenüber 
dem Ganzen. Dieses Prinzip durchzieht in den ver- 
schiedensten Formen sein Schaffen und Denken. Ge- 
rade in der Verschiedenartigkeit der Formen tritt die 
Identität des Grundgedankens um so bestimmter hervor. 

Klar, bestimmt und eindeutig hat Hebbel sein letztes 
Wort über diesen Gegenstand gesprochen in „Agnes 
Bemauer". So bestimmt und eindeutig, daß wir, be- 
sonders auch noch im Hinblick auf Hebbels briefliche 
Kommentare versucht sein könnten, diese Tragödie 
für ein Tendenzstück zu nehmen — wenn sie nicht zu 
reich wäre an unreflektierter, blühender Poesie, zu 
voll von Leben und Schönheit und die Menschen darin 
so lebendig, natürlich, so unmittelbar zu unseren Her 
zen sprechend wie vielleicht in keiner der Dichtungen 
Hebbels. 

Niemand hat sich schärfer gegen Tendenzpoesie aus- 
gesprochen wie Hebbel. Die Poesie darf nach ihm so 
wenig tendenziös sein, wie es das Leben ist. Sie soll 
,, Leben darstellen, nicht Leben entziffern". Das Kunst- 
werk als ein in sich ruhendes, selbständiges Ganzes, 
eine abgerundete Schöpfung, kann nur als Ganzes, nie 



Die Schönheit als tragisches Motiv. 4^ 

im Hinblick auf Einzelheiten bewertet werden. „In 
dem Drama soll kein Gedanke ausgesprochen werden, 
denn an dem Gedanken des Dramas sprechen alle 
Personen" (T. III, 4998). Dieser Gedanke, die sich von 
selbst ergebende Idee, die mit dem ,, uninteressierten 
Wohlgefallen" nicht unvereinbar ist, ist weit davon 
entfernt, Tendenz zu sein. Es ist nach Hebbel ,,der 
Ideenfaden, der alles im Innersten zusammenhält" 
(B. IV. 358). 

In einer Tagebuchnotiz vom Jahre 1845, sechs bis 
sieben Jahre bevor Hebbel ,, Agnes Bemauer" schrieb, 
lesen wir: ,,Idee zu einer Tragödie. Ein wunderschönes 
Mädchen, noch unbekannt mit der Gewalt ihrer Reize, 
tritt ins Leben ein aus klösterlicher Abgeschiedenheit. 
Alles schart sich um sie zusammen. Brüder entzweien 
sich auf Tod und Leben, Freundschaftsbande zerreißen, 
ihre eigenen Freundinnen, neidisch oder durch Untreue 
ihrer Anbeter verletzt, verlassen sie. Sie liebt einen, 
dessen Bruder seinem Leben nachzustellen anfängt, 
da schaudert sie vor sich selbst und tritt ins Kloster 
zurück" (T. III, 3286). 

Am 30. September 1851 schreibt Hebbel in sein 
Tagebuch, nachdem er den ersten Akt des Stückes be- 
endet hatte: ,, Längst hatte ich die Idee, auch die 
Schönheit einmal von der tragischen, den Untergang 
durch sich selbst bedingenden Seite darzustellen und 
die Agnes Bemauerin ist dazu wie gefunden" (T. III, 

4941)- 

Femer: ,,Das Stück ist mir unter den meinigen 
fast das liebste, nicht als politische Demonstration, wie 
es leider in gründlichster Mißkennung der dem Dichter 
durch die Geschichte auferlegten Gesetze von den Par- 
teien des Tags aufgefaßt wird, sondern als eine, wie 
ich wenigstens hoffe und glaube, eigentümliche Darstel- 



44 I^i® Schönheit als tragisches Motiv. 

lung des Tragischen, das sich an die bloße Erscheinung 
des Menschlichen knüpft." 

„Für ein soziales Drama habe ich es nie gehalten, 
mir war die Augsburger Baderstochter immer deshalb 
so merkwürdig, weil ihr Schicksal zeigt, daß auch die 
bloße Schönheit, die doch ihrer Natur nach nicht zum 
Handeln, geschweige zu einem die Nemesis aufrufen- 
den Handeln gelangen kann, also die ganz passive 
bloße Erscheinung auf der höchsten Spitze ohne irgend- 
ein Hinzutreten des Willens einen tragischen Konflikt 
zu entzünden vermag, und es reizte mich, diesen dar- 
zusteUen" (B. VH, 291). 

Hier ist Schönheit tragisches Motiv, Schönheit 
als Schicksal. Und innerhalb dieses Motivs unter- 
scheiden wir zwei Gedankenreihen. In der ersten 
wird die Schönheit als eine Erscheinung des Mensch- 
lichen gefaßt, die unvermeidlich die Zerstörung der 
heiligsten, natürlichen Bande, die Auflösung der sitt- 
lichen Welt mit sich führt, und deshalb zurücktreten 
muß. In der zweiten wirkt das der Schönheit imma- 
nente Prinzip mehr selbstzerstörend als zerstörend, 
die den Untergang durch sich selbst bedingende Seite 
ist die vorherrschende. Gemeinsam ist beiden Reihen 
ihr Ursprung aus Hebbels Metaphysik. Auch die Schön- 
heit ist eine eigenmächtige Ausdehnung, eine Maß- 
losigkeit des Individuellen, die durch die von ihr aus- 
gehenden zerstörenden Wirkungen den Bestand des 
Ganzen in Frage stellt, und die zurückgedrängt werden 
muß, damit das Gleichgewicht gewahrt, die Idee wieder- 
hergestellt werde. 

,, Agnes Bemauer" soUte also die Tragödie der 
Schönheit werden. Aber andere Hinweise Hebbels 
deuten auf einen ganz andern Gehalt. 

„An der Agnes Bemauer kann nun in diesem Sinne 



Der Einzelne und der Staat. 45 

nichts interessieren als das Verhältnis, worin ein mensch- 
liches Individuum, das zu schön ist, um nicht die 
glühendsten Leidenschg,ften hervorzurufen und doch 
zu niedrig gestellt, um auf einen Thron zu passen, 
zum Staat und zum Vertreter desselben gerät, wenn es 
höher erhoben wird, als die Ordnung derselben ver- 
trägt. Daß sie in eine Situation hineingerät, in der sie 
vernichtet werden muß, wenn sie nicht zurück kann, das 
ist an ihrem Schicksal einzig und stempelt sie, indem 
doch auch hier ein Zusammenstoß des absoluten und 
des positiven Rechts vorliegt, zur Antigene der moder- 
nen Zeit" (B. V, 349f.). 

,,Es ist darin ganz einfach das Verhältnis des In- 
dividuums zur Gesellschaft dargestellt und demgemäß 
an zwei Charakteren, von denen der eine aus der höch- 
sten Region hervorging, der andere aus der niedrigsten, 
anschaulich gemacht, daß das Individuum, wie herr- 
lich und groß, wie edel und schön es immer sei, sich 
der Gesellschaft unter allen Umständen beugen muß, 
weil in ihr und ihrem notwendigen formalen Ausdruck, 
dem Staat, die ganze Menschheit lebt, in jenem aber 
nur eine einzelne Seite derselben zur Entfaltung ge- 
langt" (B. IV,358f.). 

B. V, 240 ,,. . . die ich Ihnen empfehle, wenn Sie 
wissen wollen, was ich von dem Individuum verlange". 

B. VI, 74 wird ,, Agnes Bernauer" dahin charak- 
terisiert, daß sie ,,den Staat als die Grundbedin- 
gung alles menschlichen Gedeihens hinstellt, der jedes 
Opfer fordern darf". 

Endlich nach Vollendung des Stückes: ,,Nie habe 
ich das Verhältnis, worin das Individuum zum Staat 
steht, so deuthcli erkannt, wie jetzt, und das ist doch 
ein großer Gewinn" (T. III, 4982). 

Hier sehen wir überall mit aller Schärfe und Be- 



46 Der sich selbst einsetzende Fürst. 

stimmtheit die Idee des Stückes in das Verhältnis der 
Einzelnen zum Staat verlegt. 

Nun kommt noch eine andere Gedankenreihe hinzu. 
Neben das leidende und geopferte Individuum wird 
das sich opfernde, sich freiwillig darbietende gestellt, 
und zwar gerade in der Person desjenigen, der als Re- 
präsentant des Staates selbst das Opfer verlangt, also 
Opferer und Sichopfemder zugleich ist: Herzog Ernst. 

In Herzog Ernst sollte ein ,, durchaus sittlicher Re- 
präsentant der höchsten Gewalt" dargestellt werden, 
,,der eben darum auch, obgleich der GroU der Massen 
sich gegen ihn erklärt, am Schluß durch einfache Ent- 
faltung des erhabenen Pflichtbegriffs die ihm in wilder 
Ungebändigtheit entgegentobende Leidenschaft nieder- 
schmettert" (B. IV, 350). 

Auffallenderweise wird auch dieses Motiv als das 
ausschlaggebende betont: ,,Sie haben ganz recht, daß 
der Verfasser selbst auf der Seite des alten Herzogs 
steht, und zwar so entschieden, daß nur dieser ihn für 
den ganzen Gegenstand entzündet hat" (B. V, 204). 

Auch dieses Motiv ist zweiseitig. Der sich Opfernde 
tut dies in zweierlei Form. Herzog Ernst bietet nicht 
nur sich dar, indem er durch sein freiwilliges Zurück- 
treten seiner Idee vom Staate den höchsten Ausdruck 
und dadurch der Notwendigkeit seines Handelns die 
letzte Rechtfertigung verleiht — er gibt der Möglich- 
keit nach auch sein Liebstes, den eignen Sohn preis, 
und damit den höchsten Beweis, daß die Macht der 
Idee, der er sich beugt, keine Ausnahme duldet. 

,,Ich setz' ihn dran, wie Abraham den Isaak" (W. 
III, 204). Früher hatte schon Hebbel die Idee eines, 
der um des Gesetzes willen sein Liebstes einsetzt, 
unter dem Bilde: Abraham und Isaak konzipiert (T. 
II> 2315)- 



Das alte Reich. 47 



Und endlich sollte durch das Stück einem längst 
gefühlten Bedürfnis des Dichters, einen vaterländisch- 
historischen Stoff zu behandeln, ,,deni alten Deutschen 
Reich einmal ein Denkmal zu setzen", einem Be- 
dürfnis, das durch das politische Leben der letzten 
Jahre gesteigert wurde, Genüge getan werden. 

Hebbels Aussagen über seine Stücke decken sich 
nicht immer mit dem, was sich dem voraussetzungs- 
losen Leser aus ihnen ergibt^. Hier liegen vier Gedan- 
kenreihen vor, von denen jede mit größerer oder ge- 
ringerer Ausschließlichkeit betont wird. Wenn auch 
der Dichter im großen Ganzen alle seine Absichten 
verwirklicht hat, so mußte sich doch notwendig eine 
Zentrahdee herauskristallisieren. Diese Zentralidee ist 
das tragische Verhältnis, in dem der einzelne zu der 
politischen Gemeinschaft steht, die ihn umfängt. Die- 
ser Zentralidee sind die andern untergeordnet, und 
zwar nicht als überflüssiges Beiwerk, sondern orga- 
nisch aus ihr erwachsen, sie stützend und beleuchtend. 
Das ist hauptsächlich mit dem ganzen um die Figur 
des Herzog Ernst gruppierten Ideenkomplex der Fall. 
Selbst das alte Reich ist mehr als nur bloße Staffage 
und historischer Hintergrund, wenn es auch dem 
Dichter nicht gelungen ist, die ideale Einwirkung, die 
von ihm ausgehen sollte, für unser Gefühl überzeugend 
zu machen. 

Nur ein Motiv scheint mir der Forderung der orga- 
nischen Ein- und Unterordnung nicht Genüge zu 
leisten, und zwar ist es gerade dasjenige vor allen andern, 
worin sich ihm zuerst die Idee der „Agnes Bemauer" 



^ Selbstverständlich geht Scheunert zu weit, wenn er, sich auf 
Volkelt (Ästhetik des Tragischen, S. 170) berufend, ,,den Vorwurf 
der Inkongruenz auf sämtliche Dramen des Dichters" (S. 140) aus- 
dehnen will. 



48 , (Agnes Bemauer" nicht die Tragödie der Schönheit. 

ZU erschöpfen schien : Das Motiv der Schönheit als tra- 
gisches Agens. Die Tragödie der Schönheit ist 
„Agnes Bernauer" nicht. Um so auffallender ist es, 
daß Hebbel auch noch nach der Vollendung, und als er 
bereits mit aller Entschiedenheit die Staatsidee als den 
innersten Kern der Tragödie bezeichnet hatte, immer 
wieder auf jenes erste Motiv zurückkam. Es könnte 
sehr gut sein, daß jene Idee den Dichter zuerst ent- 
zündete, um dann zugunsten der andern zurückzu- 
treten; zurückzutreten, um sich mit ihr organisch zu 
verschmelzen, imd zwar in dem Sinne, daß — wie es 
Hebbel jedenfalls vorschwebte — aus der Schönheit 
der Agnes und nur aus dieser die für den Bestand des 
Staates gefährlichen Wirkungen mit zwingender Not- 
wendigkeit hervorgingen, daß ein unbedingter Zu- 
sammenhang zwischen der sich und andere zerstörenden 
Schönheit und dem ganzen Ablauf der Handlung ge- 
zeigt würde. Es hätte so sein können, obwohl es mir 
nicht sicher zu sein scheint, daß die Natur des Stoffes 
eine organische Verschmelzung jenes Motivs mit dem 
Hauptkem der Handlung überhaupt zuließ. Hebbel 
hätte denn schon besser getan, für das Motiv der 
Schönheit eine andere Handlung zu erfinden, die er aus 
dem Grundproblem heraus hätte organisch entwickeln 
können. 

Jedenfalls hat diese organische Verschmelzung im 
obigen Sinne nicht stattgefunden. Die Tragik und 
der Verlauf der Handlung sind nicht an das Eigentüm- 
hche der Schönheit geknüpft. Die Tatsache, daß Agnes 
über alle Maßen schön ist, ist wohl die unmittelbare 
Veranlassung, daß Albrecht auf sie aufmerksam wird, 
aber weiter auch nichts, der tragische Verlauf wird nicht 
durch sie bedingt. Sie hätte Albrecht auch durch eine 
andere Eigenschaft so an sich fesseln können, daß er 



„Agnes Bernauer" nicht die Tragödie der Schönheit. 49 

nie und nimmer von ihr gelassen hätte, und die Fol- 
gen wären dieselben gewesen. Das ist ja gerade 
das Schöne in dem Verhältnis der beiden, daß, ebenso 
wie Agnes nicht den Herzog, sondern den INIann liebt, 
Albrecht auf die Dauer nicht nur durch die Schönheit, 
sondern auch durch das Wesen Agnes', nicht nur durch 
ihre Anmut, auch durch ihre Würde an sie gefesselt wird. 
Die Schönheit der Agnes hat für den Verlauf der Hand- 
lung, für die Entwicklung zur Katastrophe nicht mehr 
Bedeutung als die Schönheit der übrigen Frauengestal- 
ten Hebbels (Judith, Rhodope, Mariamne); sie tritt 
wohl als unmittelbare Veranlassung des Einsetzens der 
Handlung, nicht aber als tragisch weiter wirkende 
Kraft auf. Ja, mit mehr Recht könnte man vielleicht 
,,Genoveva", in der die Schönheit des Weibes immer 
und immer wieder die aufgestachelten Sinne des Mannes 
reizt, bis dieser dem Übermaß der Leidenschaft ethisch 
erliegt, die Tragödie der Schönheit nennen. Eher 
könnte man auch, um durch ein weiteres Beispiel deut- 
licher zu werden, die Tragödie Siegfrieds die Tragödie 
des Heldentums nennen, das unbekümmert um die 
Ränke und Tücke der Welt, sorglos und naiv nur der 
eignen Kraft, nur dem eignen, reinen Wollen vertrauend, 
an dem Übermaß dieser Kraft und dieses Vertrauens 
zugrunde geht. Wir hören von Agnes' Schönheit, wir 
sehen und fühlen sie nicht. Auch Theobald, auch 
Barbara ändern daran nichts. Theobald hat keine an- 
dere Bedeutung wie Brackenburg im ,,Egmont". Und 
wenn Klärchen auch schön war, so will Goethe an der 
Figur Brackenburgs doch gewiß nicht die zerstörenden 
Wirkungen der Schönheit dartun. Was Barbara an- 
betrifft, so ist die Szene mit ihr zu episodenhaft und 
vom künstlerisclien Standpunkt aus wohl etwas zu 
absichtlich. 

Dos. 4 



50 ,, Agnes Bernauer" nicht die Tragödie der Schönheit. 

Ich fand diese Auffassung bestätigt in dem kleinen 
Büchlein von Wilhelm Scholz über Hebbel. Scholz ist 
der Ansicht, daß wie bei „Herodes und Mariamne" so 
auch bei „Agnes Bemauer" Hebbel „das Stück nicht 
aus dem tragischen Grundproblem organisch entwickelt, 
sondern eine zufällige Handlung erfindet, deren Er- 
gebnis sich dann an Stelle der notwendigen Kata- 
strophe mit demselben äußern Resultat vorschiebt" 
(S. 59 f.). Nur glaube ich, daß diese Vorschiebung sich 
bei dem Dichter unbewußt vollzog, daß er nicht 
eine zufällige Handlung zur Veranschaulichung des 
Grundproblems erfand, sondern daß sich in der zu- 
fällig gefundenen Handlung an die Stelle des zuerst 
konzipierten Grundproblems mehr und mehr das zweite 
schob, das die Handlung von sich aus bildete. 

,,Von der geplanten Tragödie", fährt Scholz fort, 
,, enthält das Stück nichts. Die übergroße Schönheit 
der Agnes ist nichts als ein — seiner besonderen We- 
sensart nach auf der Bühne nicht einmal stark wirkendes 
— Motiv für die Liebe des Albrecht, ein Motiv, das zu 
alledem noch die Exposition das Dramas episch gemacht 
und sie zwingender Wirkung beraubt hat . Man könnte 
dies Motiv sogar gänzlich streichen; wenn nur 
mit ein paar Worten gesagt würde, daß Albrecht und 
Agnes sich lieben, was auf der Bühne immer geglaubt 
wird — so wäre die ganze Tragödie, und zwar nach 
Ablauf und tragischem Gehalt, genau die gleiche, die 
Tragödie des Fürsten, ein Stück, das, wie jetzt nicht 
„Agnes" sondern ,, Albrecht" heißen muß" (S. 60). 

Agnes Bemauer ist und bleibt die Tragödie des 
Zusammenpralls des individuellen Menschenrechtes mit 
dem universellen des Staates. 

Nach der ersten Aufführung der ,, Agnes Bernauer" 
(am 25. März 1852) erschien in der Leipziger Illustrierten 



Die Leidenschaft und die Ordnung der Welt. 5 I 

Zeitung (Bd. 18, Nr. 469) eine Besprechung des Stückes, 
worin es in bezug auf die zwei ersten Akte heißt: „Die 
Leidenschaft hat ihr Äußerstes getan: nun soll sich's 
zeigen, wer stärker ist, sie oder die Ordnung der Welt." 
R. M. Werner hält es nicht für unwahrscheinlich, daß 
Hebbel selbst der Verfasser dieser Rezension war. 
Wie dem auch sei, jedenfalls ist dies ganz in seinem 
Sinne gesprochen. In der Hebbelschen Terminologie, 
nach welcher das Drama ,,in allen seinen Teilen unsitt- 
lich und unvernünftig" ist (denn ,,was ist unsittlicher 
und unvernünftiger als die Leidenschaft") wären die 
ersten Akte von ,, Agnes Bemauer" ganz besonders 
unsittlich und unvernünftig, weil ganz erfüllt von der 
Leidenschaft, der Leidenschaft nicht im gewöhnlichen, 
sondern dem einzigen Sinne, den dieses Wort bei Hebbel 
haben kann : der in dem Übermaß eines mächtigen 
Gefühls zutage tretenden Selbstherrlichkeit des In- 
dividuums, das, durchdrungen von der Gewißheit seines 
Eigenwerts, seines Eigenrechts, vergessend der ,, Ord- 
nung der Welt", des ,, göttlichen Gegensatzes, wie er 
sich religiös-historisch verleiblicht" (B. V, 39), diesen 
Gegensatz negieren, aus eignem Recht neu beginnen zu 
können glaubt. So stellen sich uns die beiden ersten 
Akte dar, leuchtend von dem Lichte, das von der 
Schönheit, dem Adel, der Eigenwürde des Individuums 
ausgeht. Nur von ferne maclit sich wie leise grollender 
Donner das Hereinragen jener anderen Welt in kurzen ' 
Worten, in leisen Andeutungen geltend. Dann kommt 
der Umschlag. Die Welt der ,, Ordnung" tritt auf den 
Plan. 

Wir wissen, wie bei Hebbel auf diesem Punkte Welt- 
gesetz und Kunstgesetz sich berühren, eins werden; 
wie Inhalt und Form des Dramas, beide im höchsten 
Grade symbolisch, den Weltlauf, dem die Gesetze des 

4* 



52 Das hoch- und niedriggeborene Individuum. Mann und Weib, 

Dramas selbst zugrunde liegen, abspiegeln. Wie in 
dem Weltlauf das Individuum zuerst aus dem Nexus 
des All zu eignem Leben entlassen, um dann wieder 
von diesem All an sich gezogen, ,, verschluckt " zu wer- 
den, so stellt auch das Drama, in dem Emporflammen 
und Gelöschtwerden der Leidenschaft, in dem ,, an- 
maßenden Hervorragen" und dem ,, Abgeschnittenwer- 
den der Hälse" (T. HI, 3487) nichts anderes dar. Wir 
wissen auch, daß die Vollkommenheit der dramatischen 
Form an nichts anders als die Repräsentation dieser 
Weltlaufsgesetze geknüpft wird. Eine für diese Auf- 
fassung überaus bezeichnende Briefstelle, die zugleich 
das bestätigt, was ich in allem Vorhergehenden aus- 
zuführen mich bemüht habe, daß nämlich Hebbel alle 
seine Dramen dem letzten, tiefsten Sinne noch als iden- 
tische ansah, möge hier noch folgen: 

„Daß Herodes das Christentum als erhabenstes 
Kulturinstrument feiert, daß Michel Angelo tiefste 
Demut predigt, daß Agnes Bernauer den Staat als die 
Grundbedingung alles menschlichen Gedei- 
hens hinstellt, der jedes Opfer fordern darf, 
daß Gyges an die ewigen Rechte der Sitte und des 
Herkommens mahnt, davon werden Sie sich sicher über- 
zeugen. Alles freilich in dramatischer Form, die ihre 
ganze Kraft und Wirkung davon entlehnt, daß 
sie den Menschen in seinem vollen Trotz zu- 
nächst losläßt, weil der sittliche Sieg über Leiden- 
schaften, die nicht vorhanden sind, ja nicht mehr be- 
deutet, als, um mich vulgär auszudrücken, die Leistung 
einer Feuerspritze, wo es keinen Brand gibt" (B. VI, 74). 

Hebbel sagt, daß er an zwei Charakteren, ,,von 
denen der eine aus der höchsten Region hervorging, 
der andere aus der niedrigsten", den Konflikt des 
individuellen mit dem allgemeinen Recht veranschau- 



Das hoch- und niedriggeborene Individuum. Mann und Weib. 53 

liehen wolle. Diese Zweiheit enthält die Möglichkeit 
einer doppelseitigen Entfaltung des tragischen Kerns, 
Die Tragik des aus der höchsten Region hervorgegange- 
nen Individuums wird naturgemäß eine andere sein 
wie die des niedriggeborenen. Zu dieser Konstellation, 
die sich in dem Gegensatz von Fürst und Bürger- 
mädchen ausdrückt, kommt noch der allgemeine von 
Mann und Weib. Der Fürst und Mann wird in der glei- 
chen Sache einem andern Konflikt ausgesetzt sein wie 
das Bürgermädchen und Weib. Um nur eine Seite 
dieses Gegensatzes hervorzuheben und gerade die, die 
für uns besonders in Betracht kommt: dort wird die 
größere Agressivität und Aktivität, hier die größere 
Passivität liegen. 

Aus diesem Gegensatz ergibt sich auch die Möglich- 
keit verschiedener Auffassungen des tragischen Pro- 
blems, je nachdem man den Schwerpunkt auf diese 
oder jene Seite legt. Scholz nennt das Stück die Tra- 
gödie des Fürsten, nach ihm müßte es Albrecht nicht 
Agnes heißen. Aus dem Umstand, daß Hebbel nicht, 
wie er ursprünglich wollte, das Stück aus dem Grund- 
problem der Schönheit als zerstörender Kraft heraus 
entwickelte, glaubt Scholz die Berechtigung herleiten 
zu dürfen, den tragischen Schwerpunkt von Agnes ganz 
auf Albrecht zu übertragen. Damit scheint er mir aber 
doch zu weit zu gehen und etwas sehr Wesentliches zu 
übersehen. Wenn sich auch das Motiv der Idee der 
Schönheit für den Verlauf und Gehalt der Dichtung 
ziemlich belanglos erweist, so bleibt doch das bestehen, 
worauf es nach meiner Meinung Hebbel nicht minder 
ankam, wenn es auch nicht mit zwingender Notwendig- 
keit aus dem Eigentümlichen der Schönheit hervorgeht 
— die Idee des ohne sein Zutun, durch sein bloßes 
Sein das Geschick herausfordernden Individuums, die 



54 I^ie Passivität der Agnes. 

uns in der Passivität der Agnes besonders nahetritt. 
Und gerade diese Passivität ist es ja, die in der Hebbel- 
schen Metaphysik Agnes zur tragischen Figur prä- 
destiniert. Es reizte ihn ja, darzustellen, wie ,,die ganz 
passive bloße Erscheinung des Menschlichen auf der 
höchsten Spitze ohne irgendein Hinzutreten einen tra- 
gischen Konflikt zu entzünden vermag". Und dieser 
metaphysischen Passivität kam als denkbar bester Aus- 
druck die mit der Persönlichkeit der Agnes gegebene, 
natürliche Passivität des Weibes und Bürgermädchens 
entgegen, Agnes ist keine Judith. Sie will nicht die 
ihr als Weib von der Natur gesetzten Grenzen gewalt- 
sam überschreiten, im Gegenteil, sie kommt der Hebbel- 
schen Idee des Weibes: ,, durch Dulden tun" sehr nahe. 
Sie hätte sich Albrecht nie und nimmer genähert, trotz- 
dem sie ihn liebt vom ersten Blick an. Dazu kommt dann 
noch die von der niedrigen Region, aus der sie her- 
vorging, bedingte, ebenso natürliche Zurückhaltung. 
Auch an ihr haftet wie an Clara etwas von der Ge- 
bundenheit ihres Standes, von der Tragödie des Bürger- 
tums, trotzdem oder vielleicht weil sie die idealste Ver- 
treterin dieses Standes ist. Diese tragische Resignation 
überschattet ihr ganzes Wesen vom ersten bis zum 
letzten Wort, läßt sie nie ganz froh werden, verdunkelt 
ihr höchstes Glück mit der Ahnung kommenden Unheils. 
Für die Überhebungs- und Schuldtheorie kann Agnes 
in keiner Weise in Anspruch genommen werden. Man 
vergleiche einmal mit ihr die Agnes, wie sie Otto Lud- 
wig in seinen verschiedenen Fassungen des gleichen 
Stoffes konzipiert hat. Ludwig will seine Agnes ,, schul- 
dig" haben, damit ihr Geschick nicht gar zu unverdient 
erscheint. Sie ist es, die sich Albrecht nähert, die ihn 
mit Hilfe von Zauberei und Hexerei gewinnt, die zur 
Intrigantin herabsinkt, die überhaupt in keiner Weise 



Die metaphysische Urschuld der Agnes. 55 

den tragischen Zug verrät. Von einer solchen Schuld 
ist bei Hebbels Agnes keine Spur. 

Und dennoch ist sie schuldig. Wir wissen, warum: 
Ihr Sein ist ihre Schuld, die Schuld einer Naturerschei- 
nung, die Schuld eines ausbrechenden Vulkans, eines 
zerstörenden Gewitters. Auf Agnes' Frage: ,,Und was 
hab' ich verbrochen?" antwortet Preising: ,,Die Ord- 
nung der Welt gestört, Vater und Sohn entzweit, dem 
Volk seinen Fürsten entfremdet, einen Zustand herbei- 
geführt, in dem nicht mehr nach Schuld und 
Unschuld, nur noch nach Ursache und Wir- 
kung gefragt werden kann. Und wenn's 

einen Edelstein gäbe, kostbarer wie sie alle zusammen, 
die in den Kronen der Könige funkeln und in den 
Schachten der Erde ruhen, aber eben darum auch rings- 
um die wildesten Leidenschaften entzündend und Gute 
wie Böse zu Raub, Mord und Totschlag verlockend: 
Dürfte der Einzige, der noch ungeblendet blieb, ihn 
nicht mit fester Hand ergreifen und ins Meer hinunter- 
schleudern, um den allgemeinen Untergang abzuwenden ? 
Das ist Euer Fall " (S. 217). Ihre Existenz ge- 
nügt, um überall, wo sie erscheint, Verwirrung und 
Auflösung herbeizuführen, ihr Leben bedeutete somit 
einen ewigen Protest gegen ,,die Ordnung der Welt", 
und könnte nur durch den Tod vieler erkauft werden. 

,, im Namen der Witwen und Waisen, die 

der Krieg machen würde, im Namen der Städte, die er 
in Asche legte, der Dörfer, die er zerstörte, Agnes 
Bemauer, fahr hin" (S. 204). 

Sie muß dahinfahren, weil in dem besondem Falle, 
in dem sie sich befindet, ihr Leben eine stete Gefahr für 
eine Institution wäre, die als ,, Grundbedingung jedes 
menschlichen Gedeihens", als ,, Körper und Werkzeug 
der sittlichen Idee", und somit als die Verkörperung 



^6 Die Nur-Seienden und die Handelnden. 

des Weltgesetzes selbst „jedes Opfer fordern darf". 
Und das nur, wie die beiden Männer, die richten über 
ihr Leben und Tod, selbst zugeben, ,,weil sie schön und 
sittsam war" (S. 202). Daß sie schön und sittsam 
ist, daß sie so ist, wie sie ist, ist ihre Schuld, die ,,wie 
der Tod mit dem Leben selbst gesetzte Schuld", ,,die 
metaphysische Urschuld", die keine Schuld ist. 

Immerhin dürfen wir Hebbels Gedanken nicht auf 
die Spitze treiben. Ich habe schon bei Besprechung 
seiner tragischen Theorie darauf hingewiesen, daß der 
tragische Dichter bei dem bloßen Leben als einer Schuld 
nicht stehen bleiben kann. Vielmehr ging Hebbel 
davon aus, daß unter Umständen dieses Nur-Sein, die 
bloße passive Erscheinung des Menschlichen einen tra- 
gischen Konflikt entzünden kann, und dieser Fall 
schien ihm in der Gestalt der Agnes Bemauer gegeben. 
Damit ist aber nur ein Fall des tragischen Konflikts, 
eine Reduzierung auf die einfachste, allerdings nur aus 
seiner ganzen Metaphysik heraus verständliche Form 
gegeben. Hebbel spricht (W. XI, 31) von dem der Idee 
durch sein ,, Handeln oder sein Dasein selbst" 
widerstrebenden Individuum. Tritt zu dem bloßen Sein 
das Handeln hinzu, so ändert sich die Natur des tra- 
gischen Problems. Es ergeben sich von diesem Gesichts- 
punkte aus zweierlei Haupttypen Hebbelscher Ge- 
stalten: die mehr oder weniger nur durch ihr bloßes 
Dasein Wirkenden, die Nur-seienden, und die durch 
ihren Willen aktiv Eingreifenden, die Handelnden. 
Dort Clara, Genoveva, Agnes, auf männlicher Seite 
in erster Linie Siegfried; hier Judith, — daß sie nur als 
göttliches Werkzeug handelt, scheint mir in diesem Zu- 
sammenhang belanglos — Herodes, Kandaules, Albrecht. 
Freilich ist auch dieses Handeln nur ein mittelbares 
Sein, sie handeln alle aus der Notwendigkeit ihrer 



Die Tragik des Fürsten. 57 

Natur heraus, sie handeln, wie sie müssen, d. h. wie 
sie sind. 

Wenn Agnes durch ihr bloßes Dasein der ,,Idee" 
widerstrebt, so tut Albrecht dies durch sein Handeln. 
Agnes entzündet den Konflikt, sie erlebt einen eigent- 
lichen Konflikt nicht, die letzte Wahl, vor die sie sich 
durcli Preising gestellt sieht : Preisgabe des Lebens oder 
des geliebten Mannes bedeutet keinen Konflikt, wenig- 
stens nicht im Sinne des tragischen Grundproblems: 
Der einzelne oder das Ganze, so wenig wie jene erste 
von Törring angedeutete Alternative zwischen Liebe 
und weiblicher Ehre. Diesen Konflikt hätte sie nur 
erlebt, wenn sie sich selbst die Wahl zwischen dem 
individuellen Glück und der Pflicht gegen die Allge- 
meinheit auferlegt hätte. Aber dazu kommt es bei ihr 
gar nicht, der Tatsache, daß sie durch die Hingabe an 
das eigne Glück das Interesse des Ganzen gefährde, 
wird sie sich gar nicht recht bewußt. Ihr daraus 
einen Vorwurf zu machen, wie z. B. Treitschke^ tut, 
heißt nach meiner Ansicht die Meinung des Dichters 
verkennen. Agnes braucht, ja sie soll gar nicht zu 
diesem Bewußtsein gelangen, das hängt mit der ganzen 
Stellung, die ihr zugeteilt ist, mit der ganzen Idee ihrer 
Persönhchkeit als bloß ,, passive, menschliche Er- 
scheinung" zusammen. In der Ökonomie des Stückes 
ist Agnes eben Objekt und nicht Subjekt. 

Ganz anders liegt die Sache bei Albrecht. In ihm 
erst kann der von Agnes nur entzündete Konflikt zum 
Austrag kommen. Er ist Mann und als solcher der bloß 
passiven Erscheinung der Agnes gegenüber Vertreter 
des aktiven Prinzips. Er ist Fürst. Wenn auch der 
gewöhnliche Mensch der Möglichkeit eines Zusammen- 

* „Leider verrät die Heldin kaum durch ein hingeworfenes Wort 
eine Ahnung von der Schwere ihrer Schuld" (S. 473). 



58 Die Tragik des Fürsten. 

pralls individueller und allgemeiner Interessen stets aus- 
gesetzt ist, so liegt die Sache beim Fürsten insofern 
prinzipiell anders, als in ihm, dem Vertreter des Staates 
selbst, die beiden Interessensphären sich so eng be- 
rühren, daß sein ganzes Dasein im Grunde genommen 
nur einen Kompromiß zwischen ihnen darstellt. Auf 
diesem Kompromiß beruht die Möglichkeit und die 
Berechtigung seiner Existenz. Woraus sollte er sein 
ihn über Tausende erhebendes Recht herleiten, wenn 
nicht diesem größeren Rechte die um ebensoviel 
größere Pflicht gegenüberstände? Wenn nicht mit der 
Möglichkeit größerer Entfaltung der Persönlichkeit auch 
die Verpflichtung zur Selbstbeschränkung, zur Ent- 
sagung verbunden wäre? ,,Ihr seid ein Fürst. Wollt 
Ihr das alles ganz umsonst?" (ib. S. 190). 

Preising ist hier Hebbel. Es ist die aus seiner ganzen 
Denkweise mit Notwendigkeit hervorgehende Auf- 
fassung der Tragik des Königtums. Zahlreiche No- 
tizen weisen darauf hin, daß ihm diese Tragik öfters 
nahetrat, bald nach der einen, bald nach der andern 
Seite hin, d. h. bald nach der Seite des Plus, bald nach 
der des Minus. Die Idee des Königs, der gerade in dem 
Erleben dieses Plus, ,,weil er sieht, daß ein Stand wie 
der seinige die Ungeheuer mit Notwendigkeit erzeugt" 
(T. III, 3522), die negative Seite des Königtums er- 
kennt und deshalb seiner Würde entsagt, steigt an- 
läßlich einer Vorstellung der Emilia Galotti in ihm auf. 
,,Ein König hat weniger ein Recht, ein Individuum zu 
sein, als jeder andere" (T. III, 3370). Damit ist alles 
gesagt. 

Von dieser Seite aus betrachtet, könnte ,, Agnes 
Bemauer", wie Scholz meint, die Tragödie des Fürsten ge- 
nannt werden, ohne Gefahr daß dadurch in den tragischen 
Gehalt etwas Willkürliches eingeführt wird. Es wäre 



Die „Schuld" Albrechts. 59 

im Gegenteil nur ein anderer Name für dieselbe Sache, 
ein Beweis, wie Hebbel dieses Motiv im Gegensatz zu 
dem der „Schönheit" -organisch mit dem ganzen Pro- 
blem verbunden hat. 

Daß Albrecht von dieser Tragödie des Fürsten zu- 
erst durchaus unberührt bleibt, daß ihm die Notwendig- 
keit des ,, entweder — oder" gar nicht ins Bewußtsein 
tritt, daß er Fürst sein will und Individuum zugleich, 
das ist seine ,, Schuld", sein der Idee widerstrebendes 
Handeln. Es wurde schon darauf hingewiesen, wie die 
beiden ersten Akte erfüllt sind von der ,, Leidenschaft", 
wie uns hier das ,,in seinem vollen Trotz losgelassene 
Individuum" in seiner Selbstherrlichkeit entgegen- 
tritt, vergessend der ,, Ordnung der Welt" und dessen, 
was diese ihm auferlegt. Nicht daß Albrecht diese Ord- 
nung umstürzen wollte, oder daß ihm das Eigentüm- 
liche der Stellung, die diese Ordnung dem Fürsten zu- 
gewiesen hat, nicht bewußt wäre und ganz natürlich 
schiene. Es ist weit von den demokratisch-skeptischen 
Anwandlungen entfernt, die O. Ludwig seinem Albrecht 
verleiht. Bei Ludwig ist der Albrecht des einen Ent- 
wurfs ,,Der Engel von Augsburg" 1856, eine grüble- 
risch-reflektierende, eine Art Hamletnatur, welche, die 
Hohlheit und Schalheit des Hoflebens erkennend, zu 
den ,, Schurzfellen" fliehen möchte, bei denen man sich 
von den ,, Gespenstern des Herkommens" erholen kann. 
Seine Ehe erscheint den Vertretern des Adels als ,,ein 
Vorbild des Bundes zwischen Thron und Volk, zu des 
freien Adels Unterdrückung". Für Hebbels Albrecht 
bedeutet Fürstsein die Möglichkeit, die Gewähr höhe- 
ren Menschentums, der Fürst ist ihm a priori der her- 
vorragendere, der schönere Mensch. Es scheint mir 
sehr bezeichnend für ihn zu sein, daß er momentweise 
mit dem Gedanken wenn auch nur spielt, Agnes sei in 



6o Die subjektive Berechtigung Aller. 

Wirklichkeit eine Fürstentochter, das Ideal des Weibes, 
wie es ihm in ihr entgegentritt, könne nur aus einem 
Fürstenhause hervorgegangen sein (S. 171). 

Nicht umstürzen will er die Ordnung der Welt, er 
kann nur nicht einsehen, daß diese Ordnung, gestützt 
auf altergeheiligte Tradition, nur gibt, um zu nehmen, 
daß das, was sie dem Fürsten gewährt, nur erkauft 
werden kann durch das, was sie ihm versagt, daß der 
Fürst nicht Fürst sein kann, wenn er nicht verzichtet 
auf das, worin der gewöhnliche Mensch sein heiligstes 
Menschenrecht erblickt: ,,Ich bin ein Mensch, ich soll 
dem Weibe, mit dem ich vor den Altar trete, so gut 
wie ein anderer Liebe und Treue zuschwören, darum 
muß ich's so gut wie ein anderer selbst wählen dürfen" 
(S. 191). 

Gerade weil er als Fürst geboren ist, darf er ver- 
suchen, dieser alten Ordnung der Welt einen neuen In- 
halt zu geben, ohne Gefahr, sie aufzuheben. Agnes 
meint: ,,Ihr seid ein Fürst — " Albrecht erwidert: „Und 
darf als solcher von vorne anfangen, so gut wie irgend- 
einer meiner Vorgänger" (S. 172). 

In Albrecht schlummern unzweifelhaft Züge, die 
zu einer Parallele mit Kandaules berechtigen, Züge, die 
vielleicht latent blieben, wenn sie nicht durch die 
besondere Lage, in die er gerät, zur Entfaltung gelangten. 

Mit Recht hätte Hebbel über ,, Agnes Bernauer" 
schreiben können, was er in bezug auf ,,Herodes und 
Mariamne" und ,, Maria Magdalene" geschrieben hatte: 
,, Charaktere, die alle recht haben, die nirgends ins 
Böse auslaufen und deren Schicksal daraus hervorgeht, 
daß sie eben diese Menschen sind und keine andern, 
deren Schicksal aber dennoch ein furchtbares ist." 

Das ist ja gerade der Vorzug der Hebbelschen Kunst, 
daß sie, um die höchste Tragik hervorzubringen, der 



Das Recht des Staats. 6l 

Engel und Teufel nicht mehr bedarf, daß sie viel- 
mehr den tragischen Konflikt aus der Allberechtigung, 
d. i. der Notwendigkeit, mit der die Personen aus ihrer 
Natur heraus handeln, hervorgehen läßt. Subjektiv sind 
alle Personen in ,, Agnes Bemauer" im Recht, jene, die 
das unendliche Recht der Individualität, des Herzens, 
der Leidenschaft vertreten nicht minder wie die, die es 
bekämpfen. Aber aus diesem Zusammenprall der sub- 
jektiven Rechte muß als letztes ein endgültig-objektives, 
aus dem ,, Zermalmenden" muß ein ,, Erhebendes" her- 
vorgehen, soll Tragik sein. Ich erinnere an das von 
Hebbel gebrauchte treffende Bild von den beiden 
Kreisen auf dem Wasser, die sich, zusammentreffend, 
zerstören und ,,in einem einzigen großen Kreis, der 
den zerrissenen Spiegel für das Sonnenbild wieder 
glättet, zergehen". Ohne diese aus den Antithesen her- 
vorgehende Synthese wäre eben keine Tragik, sondern 
Grausamkeit, kein Opfer, sondern Mord. 

Wir wissen, auf welcher Seite Hebbel das aus dem 
Kampf der beiden Prinzipien hervorgehende, höhere, 
letzte Recht sieht, daß es der Staat ist, ,,der das Men- 
schenopfer bringt", der ,,beim Dichter recht erhält", 
und warum das so ist. 

Agnes Bemauer muß untergehen, weil der Staat des 
15. Jalirhunderts, in den der Dichter sie versetzt, an 
Formen gebunden war, die durch ihr Weiterleben er- 
schüttert worden wären, deren Untergraben seine Sicher- 
heit gefährdet, ihn der Anarchie überliefert hätte. Das 
ist der einzige Standpunkt, von dem aus man einem 
Herzog Ernst, dem Vertreter gerade dieses Staates, 
von dem aus man dem ganzen Werk gerecht werden 
kann. 

Der Dichter soll nach Hebbel in seinem Drama das 
Verhältnis des jedesmaligen Welt- und Menschenzu- 



02 Idee und Form. 



Standes zur Idee darstellen. Das will doch wohl nichts 
anderes besagen, als daß er in dem besonderen Welt- 
und Menschenzustand das Verhältnis der zeitlichen 
Form der, als solcher, ewigen Idee zu dieser selbst, ver- 
anschaulichen soll. Der Dichter darf sich jeder Form 
bedienen ; und er darf nicht nur, nein er muß auch diese 
Form als eine nur von sich aus zu bewertende, auf ihrem 
eignen Gesetz beruhende, von allen nicht immanenten 
Forderungen unbehelligte gestalten. Mit andern Wor- 
ten : Der Dichter, der die tragische Handlung aus einem 
bestimmten, historisch-begrenzten Welt- und Menschen- 
zustand hernimmt, hat diesen Zustand nur in seiner hi- 
storischen Bedingtheit, frei von jedem andern, etwa aus 
einem späteren Zustand hergenommenen Maßstab, er 
hat ihn mit einem Wort in seiner ,, Gebundenheit" dar- 
zustellen. Diese Gebundenheit kann natürlich nur in der 
der Personen veranschaulicht werden. Jedes Indivi- 
duum ist nach Hebbel ,, abhängig von der Beschaffen- 
heit der Geschichtsepoche, in die es fällt", ein Re- 
präsentant des engem und weitern Lebenskreises, der 
es umfängt, wie Stand, Nation, Zeit usw., und somit 
Repräsentant der Gebundenheit eines Welt- und Men- 
schenzustandes. ,, Diese Modifikation der Menschen- 
natur in ihrer relativen Notwendigkeit zur Anschauung 
zu bringen, ist die Hauptaufgabe, die die Poesie der 
Geschichte gegenüber hat, und hier kann sie, wenn die 
reine Darstellung ihr gelingt, ein Höchstes leisten" 
(T. III, 3865). 

,,Die Frage ist ihrer Natur nach eine ewige", heißt 
es in jener oben erwähnten Besprechung der ,, Agnes 
Bemauer". Hebbel hat dieser ewigen Frage in der Ge- 
schichte des Bürgermädchens des 15. Jahrhunderts Ge- 
stalt gegeben. Hat nun Hebbel, der den tragischen 
Dichter einen Pfuscher nennt, wenn er nicht versteht. 



Die zeitlich bedingte Form der Tragik. 63 

ZU zeigen, daß der Untergang eines Charakters unver- 
meidlich ist, (,, dämmert noch die leiseste Möglichkeit 
einer Rettung auf, so ist der Poet ein Pfuscher" [T. II, 
2276]) es verstanden, den Untergang Agnes Bemauers 
aus diesem Welt- und Menschenzustand heraus, aus 
der so und nicht anders beschaffenen zeitlich bedingten 
Epoche mit den so und nicht anders beschaffenen Men- 
schen als einen tragischen, d. i. als einen unvermeid- 
lichen hervorgehen zu lassen? Es geht durchaus nicht 
an, von einem andern, etwa von unserm modernen 
Standpunkte aus an die Frage heranzutreten. Von hier 
aus könnte man natürlich fragen, ob sich aus der Heirat 
eines Fürsten mit einem Bürgermädchen unbedingt 
Unordnung, Krieg und Tod ergeben müsse? Aller- 
dings, die Sache selbst wäre heute nocli so unmöglich 
wie damals, aber aus ihren Folgen — und das ist hier 
das Entscheidende — wäre keineswegs die Notwendig- 
keit des Untergangs der „Schuldigen" herzuleiten. 
Eine moderne Agnes dürfte der Dichter nicht 
sterben lassen. Liegt denn aber der Fall bei andern 
Tragödien anders? Liegt nicht überall mehr oder we- 
niger die Notwendigkeit des tragischen Ausgangs nur 
in den aus einem bestimmten Welt- und Menschen- 
zustand erklärlichen äußeren und inneren Konflikten? 
Nehmen wir ,,Gyges und sein Ring". Niemand wird 
den tragischen Ausgang des Konfliktes, in den diese 
Personen verstrickt werden, -für vermeidlich halten. 
Legen wir aber den modernen Maßstab an : Könnte der 
Dichter auch die reinste, feinfühligste Frau von unserer 
seelischen Struktur, eine wenn auch noch so schwere 
Verletzung ihrer Schamhaftigkeit und Keuschheit — 
daß die Verletzung selbst in dieser Form ebenfalls nur 
in jenen Verhältnissen denkbar ist, ist selbstverständ- 
lich — auf die gleiche Weise sühnen lassen wie Rho- 



64 I^iß zeitlich bedingte Form der Tragik. 

dope?^ Ist, wage ich zu fragen, selbst die Tragödie 
eines Gretchens heute noch so ,, tragisch" wie in der 
Zeit, in die Goethe sie versetzt oder selbst noch zu 
Goethes Zeit? Ich denke weniger an die Bestrafung 
des Kindesmords als an die Notwendigkeit, ihn zu 
begehen; das einzige, was einem Gretchen übrigblieb, 
um dem Tod in anderer Form, der moralischen Ver- 
nichtung, zu entgehen. Was würden wir aber dem- 
jenigen antworten, der, weil die uneheliche Mutter- 
schaft heute nicht mehr bedeutet was sie damals be- 
deutete, die ganze Tragik Gretchens für gegenstandslos, 
den Ausgang für vermeidlich hielte? Auch die tra- 
gischen Stoffe haben ihre Zeit. Was bestehen bleibt, 
was unvergänglich ist, was immer und immer wieder 
erschüttert, ,, erhebt und zermalmt", das ist, von dem 
Kunstwerk als Form ganz zu schweigen, das Geistig- 
ideenhafte, das ist der Konflikt als solcher, ganz ab- 
gesehen von der Gestalt, in der er zum Austrag kommt, 
das ist das Rein- und deshalb Ewigmenschliche der 
Leidenschaften, der Kämpfe, des titanischen Trotzes, 
des Siegens und Unterliegens, das Ewige des Mensch- 
lichen überhaupt. 

Bei „Agnes Bemauer" liegt die Gefahr, mit Vor- 
aussetzungen an sie heranzutreten, die, rein subjektiv- 
moderner Natur, den Standpunkt der künstlerischen 
Betrachtung verschieben, aus leicht begreiflichen Grün- 
den besonders nahe. Die Frage, ob ihr Untergang be- 
rechtigt ist oder nicht, hat seit ihrem Erscheinen nicht 
geruht, ohne daß man sich der notwendigen Scheidung 
zwischen den beiden verschiedenen Gesichtspunkten, die 
ich zu kennzeichnen mich bemüht habe, bewußt war. 



* Walzel, auf dessen nähere Ausführungen ich verweise, hat be- 
sonders auf die in diesem Sinne zeitlich bedingte Tragik der Hebbel- 
schen Konflikte hingewiesen. 



Die zeitlich bedingte Form der Tragik. 65 

Man kann Hebbel selbst den Vorwurf nicht ersparen, 
daß er, in den Erörterungen über diese Frage in seiner 
Korrespondenz, nicht ämmer das Richtige gesagt hat, 
was vom Standpunkt des Prinzips der künstlerisch- 
immanenten Betrachtungsweise aus hätte gesagt wer- 
den müssen. Hebbel beruft sich zu sehr auf die wie 
er glaubte destruktiven Tendenzen der Zeit, er spricht 
zu viel von dem flachen Rationalismus unserer Tage 
(B. V, 218), von , .einer Zeit, die alles auf den Kopf 
stellen und die Welt neu erschaffen möge" (B. VI, 74), 
,,von der wahnsinnigen Emanzipationssucht des Indivi- 
duums", die sich in unsem Tagen bei Demokraten und 
Konservativen gleichmäßig äußert (B. V, 107). Ja, er 
gibt sogar zu, daß er sich wohl dadurch habe verleiten 
lassen, ,,das Gesetz zu scharf zu betonen, und ich 
hoffe noch, einige Mitteltinten zu finden" (ib.). Er 
selbst hat also dazu beigetragen, daß man in dem Stück 
eine , .politische Demonstration" sah, wogegen er sich 
an anderer Stelle entschieden verwahrt (B. V, 108). 
Auch das kann jenen Einwänden gegenüber nicht stich- 
haltig sein, daß Hebbel sich auf seine Weltanschauung 
beruft : ,,Und ich brauche nicht hinzuzufügen, daß meine 
Verteidigung weit weniger meiner Produktion als meiner 
Weltanschauung gilt, deren Ausfluß sie ist" (B. V, 204). 
Gerade umgekehrt, nicht um seine Weltanschauung han- 
delt es sich hier, sondern um seine Produktion, Es 
handelt sich darum, ob diese Produktion eine so in 
sich vollendete, nur auf ihren eigenen Gesetzen be- 
ruhende, selbständige Schöpfung ist, daß auch der 
Vertreter einer andern Weltanschauung, daß auch ein 
individualistisch Gesinnter die Notwendigkeit des tra- 
gischen Ausgangs empfinden muß. Es handelt sich 
darum, ob die Bedeutung, die dem Stücke als Manifesta- 
tion der Weltanschauung des Dichters zukommt, die 



66 Die Tragik Herzog Emsts. 

von unserer Seite gewiß nie in den Schatten gestellt 
werden darf, der rein künstlerischen keinen Abbruch tut. 
Wir dürfen diese Frage, Hebbel gegen Hebbel in Schutz 
nehmend, mit nein beantworten, wir dürfen, damit 
auf den Ausgangspunkt unserer Fragestellung zurück- 
kommend, sagen, daß hier Hebbel kein ,, Pfuscher" 
war. 

Ein Fürst wie Herzog Ernst, in dessen Händen 
das Schicksal Agnes Bemauers liegt, konnte nicht an- 
ders handeln als er es tat. Für ihn, den ersten Ver- 
treter des Staates, den von Gott eingesetzten Herrn 
und Schützer, als den er sich betrachtet, kann und darf 
es nichts geben, was über das Wohl des Staates ginge. 
Und dieser Staat war so, die besonderen Verhältnisse, 
unter denen er sich befand, waren derart, daß es hier 
nur ein entweder — oder gab, d. h. Auflösung aller 
Ordnung, Krieg, Zerstönmg und Tod vieler, oder der 
Untergang der einen. Kann es für ihn eine andere 
Entscheidung geben? Er hat gewartet bis zum Äußer- 
sten, bis nach seiner Meinung die Stimme Gottes selbst 
sprach in dem Tod des Kindes, das allein Albrecht er- 
setzen, und zwar so ersetzen könnte, daß die Ruhe des 
Landes erhalten bleibt. Dann erst geht er vor, ohne 
jede Spur von Grausamkeit, Überhebung, Eigennutz; 
im Gegenteil im vollen Bewußtsein, im vollen Erleben 
dessen, was ihm hier auferlegt ist, in Demut vor dem 
unerforschlichen Ratschluß Gottes, aus dem reinsten, 
lautersten Pflichtgefühl heraus, das seine Quelle in der 
erhabensten Auffassung des Fürstenberufes hat. 

Herzog Ernst ist der König nach Hebbels Sinn, 
der König, der tief davon durchdrungen ist, der es täg- 
lich, stündlich erlebt, daß ein König , .weniger das Recht 
hat, ein Individuum zu sein, wie jeder andere", dem 
die Gewalt, die ihm verliehen ist, nur dann zum Recht 



Die Tragik Herzog Ernsts. 67 

wird, wenn ihr die höhere Pflicht gegenübersteht. Daß 
der Fürst jederzeit seine subjektiven Bedürfnisse den 
Pflichten seines hohen Amtes unterzuordnen hat, ist 
ihm so selbstverständlich, daß er eine ernsthafte Wider- 
setzlichkeit Albrechts gar nicht für möglich hält. Und 
er steht nicht einen Moment an, dort Zwang auszu- 
üben, wo mehr wie irgendwo der Mensch das letzte 
Wort zu sprechen hat. 

Dies ist das Neue, das Bedeutsame bei Hebbel. 
Überall wo Agnes Bemauer zum Gegenstand dichte- 
rischer Bearbeitung gemacht wurde, fällt sie als das 
Opfer des Staatsinteresses. Auf der einen Seite steht 
der Staat, repräsentiert durch Herzog Ernst und seine 
Räte, auf der andern die schuldige Agnes, die nur un- 
schädlich gemacht zu werden braucht, und alles ist 
wieder gut. Albrecht wird sich schon finden. Bei Heb- 
bel wird die Idee des Opfers unendlicli verstärkt und 
vertieft dadurch, daß sie auch auf die Seite ausgedehnt 
wird, die das Opfer verlangt. Dadurch wird die äußere 
Brutalität, die in dem gewaltsamen Tode der Agnes 
liegt, gemildert, die tragische Notwendigkeit aber er- 
höht. Herzog Ernst bringt, indem er auf seiner furcht- 
baren Forderung bestehen bleibt, das Opfer dar, seine 
rein menschlichen Gefühle gewaltsam zu unterdrücken. 
Er bringt damit das Opfer seiner Individualität. 

Er geht weiter und setzt in dem Leben des Sohnes 
ein Stück seines Herzens, seines Selbst in anderer Form 
auf das Spiel. Daß die Gefahr vorhanden ist, den zu- 
künftigen Vertreter des Staates selbst zu verlieren, weiß 
er; es kann ihn aber nicht abhalten, seine PfHcht zu tun. 
In der Tatsache des persönlichen Zurücktretens endlich 
ist das Äußerste getan, was getan werden kann, um 
die höchste Selbstentäußerung, die ihn leitet, zu versinn- 
lichen, das Bild des sich opfernden Opferers zu vollenden. 

s' 



68 Die Tragik Herzog Ernsts. 

Hier ist die Stelle, wo die Tragödie des Individuums 
und die des Fürsten zusammentreffen. Auf der einen 
Seite steht das Individuum, das ,,wie herrlich und groß, 
wie edel und schön es auch immer sei", dem höheren 
Ganzen geopfert werden muß, auf der andern der Fürst, 
an dem, der dieses Ganze repräsentiert, die gleiche 
Tragödie in anderer Form sich vollzieht ; was jenes passiv 
erleidet, erlebt er handelnd, in vollem Bewußtsein des 
tragischen Zwiespaltes, unter dem er sich befindet. . 
Indem Herzog Ernst dem Thron entsagt, stellt er sich l 
selbst, seine ursprüngliche Menschheit wieder her. Als i 
Fürst sah er sich durch den unerforschlichen Rat der 
Vorsehung vor eine Tat gestellt, die er als Mensch nie 
hätte tun dürfen und wollen. Er hat die Tat getan, 
er hat seine Pflicht erfüllt. Nun, da er das, wofür er 
sie getan, die göttliche und menschliche Ordnung, ge- 
sichert sieht, tritt er zurück, um sich als Mensch unter 
die volle Verantwortlichkeit für sein Tun zu begeben. 

Auch Herzog Ernst ist wie Judith, wie Kandaules, 
wie Rhodope und Gyges nur Werkzeug in der Hand 
der ,,Idee". Wie Rhodope und Gyges darf auch er 
nicht fragen, ob's ihm ,, seh wer wird oder leicht". 

,,Ich bin ein Mensch, und hätt's wohl verdient, daß 
es mir erspart worden wäre. Aber wenn du dich wider 
göttliche und menschliche Ordnung empörst: ich bin 
gesetzt, sie aufrecht zu erhalten, und darf nicht fragen, 
was es mich kostet" (S. 229). 

,,Es gibt Dinge, die man wie im Schlaf tun muß. 
Dies gehört dazu. Das große Rad ging über sie weg — 
nun ist sie bei dem, der's dreht" (S. 224). Aber dieses 
große Rad war nicht nur über ,,sie", über Agnes, es war, 
symbolisch gesehen, auch über ihn selbst hinweg- 
gegangen. 

Auf Herzog Ernst ruht das ganze Schwergewicht der 



Herzog Ernst der Träger der Handlung. 69 

Entscheidung, die zum Untergang der Agnes Bemauer 
führt. Hebbel hat in echt künstlerischem Geiste auf 
alle Intrigen und Mittelspersonen, die in anderen Be- 
arbeitungen das Bestreben, den Herzog Ernst zu ent- 
lasten bekunden, verzichtet^. Daß durch derartige künst- 
liche Mittel die tragische Notwendigkeit imd in dieser 
die Reinheit der ganzen Dichtung beeinträchtigt worden 
wäre, ist selbstverständlich. Selbst die Richter, die den 
Urteilsspruch fällen, wirken als äußerliche Zutat und 
hätten entbehrt werden können. Es macht, nebenbei 
gesagt, einen geradezu naiven Eindruck, wenn einer der 
Korrespondenten Hebbels, Uechtritz, sich nur damit 
über den Eingriff in die heiligsten Rechte des Indivi- 
duums trösten kann, daß Hebbel ,, Agnes von dem 
Herzog auf Grund eines rechtlichen Gutachtens rechts- 
kundiger, als rechtschaffen gepriesenen Manner ver- 
urteilen lassen" und daß damit wohl ,,ein Rechtsboden 
gewonnen sei" (Briefwechsel II, 199). Abgesehen da- 
von, daß dieser Rechtsboden, wie er durch den ,, Prozeß" 
geschaffen wurde, wohl sehr zweifelhaft ist, so liegt ja 
gerade nach Hebbels eignem Zeugnis der Hauptakzent 
darauf, daß hier das positive und als solches rela- 
tive Recht durch das absolute, negiert wird. Ich er- 
innere an die bereits zitierte Briefstelle Hebbels, die 
Antwort auf Uechtritz' Bedenken. ,,Ich glaube, daß es 
Momente gibt, wo das positive Recht zurücktreten muß, 
weil das Fundament erschüttert ist, auf dem es beruht. 
Dann aber ist ebensowenig, wie beim Krieg, 



* Törring z. B. gestaltet den Gang der Handlung so, daß der 
Tod Agnes' weniger als das Werk des Herzogs denn als das des von 
Albrecht beleidigten rachsüchtigen Vizedoms erscheint. Meyr, der 
Verfasser von „Herzog Albrecht" (1852) schiebt den wenn auch aus 
lauteren Motiven handelnden Kanzler vor; der Herzog will seine 
Zusage zur Verurteilung Agnes' wieder zurückziehen, aber der Spruch 
ist bereits vollzogen. 



"JO Die Versöhnung zwischen Vater und Sohn. 

von einem Mord, sondern von einem Opfer die Rede, 
und die Ausgleichung der individuellen Verletzung muß 
wie bei jenem, in das religiöse Moment, in die höhere 
Lebenssphäre, der wir alle mit schüchterner Hoffnung 
oder mit zuversichtlichem Vertrauen entgegensehen, 
gesetzt werden" (B. V, 205 f.). 

,, Darum", fährt Hebbel an gleicher Stelle fort, ,,kann 
der Sohn zum Schluß auch wohl nicht anders, als ge- 
beugt und zerschmettert dastehen, wenn der Vater zirni 
Beweis, daß nichts als das Pflichtgefühl in ihm tätig 
war, freiwillig alle Waffen streckt und sie selbst zum 
Gericht über sich aufruft" (ib. S, 206). 

Man hat viel über die psychologische Möglichkeit 
der Versöhnung zwischen Vater und Sohn gestritten. 
Ich möchte sie nicht unbedingt bejahen, aber noch 
weniger unbedingt verneinen, auch nicht zu Hebbels 
Theorie, daß der Ausgleich nicht zwischen den Indi- 
viduen, sondern nur in der Versöhnung der Idee 
stattfinde und ,,daß in der dramatischen Kunst die 
Versöhnung immer über den Kreis des speziellen Dramas 
hinausfällt" (T. II, 3105) Zuflucht nehmen. Denn selbst 
wenn wir diese Theorie annehmen, so werden wir 
uns doch nie durch den Hinweis auf die eigentliche, 
die metaphysische Versöhnung mit einer unser Gefühl 
und Vernunft verletzenden Versöhnung im Rahmen 
des Stückes zufriedengeben. Ich sehe aber in dem 
von Hebbel erwähnten Umstände, in dem Anblick der 
erhabensten Pflichterfüllung, die wie eine Offenbarung 
dem Sohne blitzartig beleuchtet, worum es sich handelt, 
die Möglichkeit einer innem Umkehr Albrechts ge- 
geben, die kein Sichabfinden im gewöhnlichen Sinne ist, 
die eine über . allem Geschehen waltende Notwendig- 
keit ahnt und wenigstens den Haß gegen die Voll- 
strecker dieser Notwendigkeit umzubiegen vermag. 



Die Versöhnung zwischen Vater und Sohn. 71 

Das historische Faktum der Versöhnung zwischen Va- 
ter und Sohn hätte Hebbel nie bewegen können, ein 
künstlerisch und psychologisch so schwerwiegendes Mo- 
tiv wie diese Versöhnung beizubehalten. Nach meiner 
Auffassung ist sie aber nur das aus der ganzen innem 
Komposition des Stückes mit Notwendigkeit hervor- 
gehende letzte Wort, das nur mit dieser innem Kom- 
position selbst, mit dem, was ihre Tragik überhaupt 
ausmacht, abgelehnt werden kann. Ohne die Andeutung 
einer in der Seele Albrechts sich vollziehenden Umkehr, 
einer wenn auch nur mit dem eignen blutenden Herzen 
erkauften Fügung in das Unabänderliche, weil es eben 
das Unabänderliche ist, wäre das Opfer der Agnes Ber- 
nauer immer noch kein Opfer, sondern nur ein Mord. 
Wozu das alles, wenn nicht in der Seele Albrechts die 
Erkenntnis sich anbahnt, daß das höhere Recht hier 
und nur hier liegt; daß die Selbstherrlichkeit des Men- 
schen, die er für sich in Anspruch genommen hatte, 
unvereinbar ist mit dem, was ihm als Fürsten auferlegt 
ist, und daß jeder nur soviel nehmen darf, als er gibt, 
der Fürst aber, weil er vor Tausenden empfängt, auch 
so vielmehr zu geben hat ? Das ist das Opfer, das von 
Albrecht verlangt wird; die Tragödie des Fürsten ist 
der Schlußstein, in dem erst die Tragik des Individuums 
sich vollendet. Das ist, in der Hebbelschen Termino- 
logie gesprochen, die „Selbstkorrektur der Welt", die 
Satisfaktion der durch die Maßlosigkeit des Individuums 
beleidigten Idee, die sich nur in dem Bewußtsein des 
maßlosen Individuums selbst vollziehen kann. Ja, ich 
möchte noch einen Schritt weiter gehen und fragen, 
ob nicht von Hebbels Standpunkt aus wenigstens eine 
Andeutung dieser Selbstkorrektur auch bei Agnes 
hätte gegeben werden müssen ? Allerdings spricht Heb- 
bel auch von einer ,, unvollständigen Satisfaktion", die 



72 Die Versöhnung zwischen Vater und Sohn. 

dann erfolgt, wenn „das Individuum trotzig und in sich 
verbissen untergeht" (W. XI, 31). Das wäre dann der 
Fall von Agnes. Sie bleibt innerlich unverändert. Von 
der vollständigen Satisfaktion, bei der „das Individuum 
im Untergang selbst eine geläuterte Anschauung seines 
Verhältnisses zum Ganzen gewinnt und in Frieden ab- 
tritt" (ib.), sehen wir nichts. Man vergleiche in 
dieser Hinsicht eine Judith, einen Golo, Kandaules, 
Herodes und man wird das Fehlen dieses Momentes bei 
Agnes noch deutlicher empfinden. Höchstens könnte 
in ihren letzten Worten : „Bald weiß ich, ob's mit Recht 
geschah" ein Hinweis auf eine in ihr aufdämmernde 
Ahnung gesehen werden. 

Zu dieser Ahnung gelangt, wie bereits erwähnt, 
Albrecht einzig und allein durch das Verhalten seines 
Vaters. Nicht durch das alte Reich mit allen seinen 
Elementen, mit Donner und Blitz, mit allen Symbolen 
der Gewalt, die mit Pomp und Nachdruck vorgeführt 
werden. Sie lassen Albrecht kalt, wie sie uns kalt lassen, 
ebenso wie die kommentierenden Worte Herzog Emsts, 
die auf die eigentliche Bedeutung dieser äußern Zeichen, 
auf das ,,Bild des Gottes hinter den Pflastersteinen" 
hinweisen. Hier tritt der Gedanke des Dramas zu nackt 
hervor, hier wird er ausgesprochen, statt daß ,,an" ihm 
gesprochen wird. Hier stimme ich Scheunert bei, wenn 
er von der ,, Inkongruenz des Symbols mit dem Sym- 
bolisierten" spricht. 

Scheunert dehnt diesen Vorwurf auf die ganze 
Kunst Hebbels aus. Er findet, daß ,,der eherne Rahmen 
der Selbstkorrektur allem Menschlichen, das Hebbel in 
ihn hineinzwingt, Gewalt antut" (S. 218), daß durch ,,das 
Verfahren Hebbels unserm Gefühl Wege vorgeschrieben 
werden, auf die es sich nicht zwingen läßt, die es nicht 
willig betritt, wenn auch der Verstand sie gehen kann" 



Die Versöhnung zwischen Vater und Sohn. 73 

(S, 216). Entschieden geht Scheunert zu weit damit. 
Um die Tragik einer .Judith", einer ,, Maria Magdalene", 
einer ..Rhodope" zu empfinden, bedarf es nach meinem 
Gefühl des Umweges über den Verstand nicht. Ich 
glaube, daß dieser auch von anderer Seite erhobene 
Vorwurf weniger der Wirkung, die von den Dichtungen 
selbst ausgeht, zuzuschreiben ist, als den ,,den Gedan- 
ken" allerdings etwas zu stark betonenden Kommentaren 
des Dichters. Ich kann mir vorstellen, daß ein unbe- 
fangener, d. h. ein von jenen Kommentaren und über- 
haupt der tragischen Theorie Hebbels unbeeinflußter 
Leser einen stärkeren und reineren Eindruck zu emp- 
fangen imstande ist. Es ist ja ganz selbstverständlich, 
daß ein Dichter gar nicht anders kann, als seine Welt- 
anschauung in seinen Dichtungen niederlegen. Wir 
dürfen wohl das, was wir den Gehalt einer Dichtung 
nennen, mehr oder minder als einen Ausdruck dieser 
Weltanschauung betrachten. Soll aber das Kunst- 
werk ein Kunstwerk sein, so darf dieser Gehalt nicht 
von außen herangebracht werden, er muß mit Not- 
wendigkeit aus ihm hervorgehen, er muß jedes Wort 
gleichsam durchdringen, ohne je rational oder tenden- 
ziös ausgesprochen zu werden, ohne je abstrakt hervor- 
zutreten. Sonst ist es um die künstlerische Wirkung 
geschehen. Und nicht nur das. Der Gedanke selbst 
erscheint kleiner, als er außerhalb des Kunstwerkes, 
ohne poetische Umkleidung, unmittelbar ausgesprochen, 
erschiene, während er in jener künstlerisch allein zu- 
lässigen Form — ich möchte sie die immanente nen- 
nen — größer erscheint ^ 

* Ich erinnere hier an ein ungemein treffendes Wort Jakob 
Burckhardts (Weltgeschichtliche Betrachtungen), daU die Ideen in 
der Tragödie des .Aschylos den Eindruck des Ungeheuren 
machten, ungeheurer wirkten als sie es in der Form der Philo- 
sophie vermöchten. 



74 Dßr Gedanke des Dramas zu klar ausgesprochen. 

Gerade Agnes Bemauer ist ein vorzügliches Bei- 
spiel, wieviel auf die Form ankommt, in der die auf die 
Tragödie unvermeidlich einwirkende Weltanschauung 
des Dichters mit dem Ganzen verbunden ist. Niemand 
wird in den ersten Akten, die zu dem Schönsten seiner 
Dichtung gehören, in denen, wie schon erwähnt, der 
„volle Trotz des losgelassenen Individuums" zum Aus- 
druck kommen soll, etwas von einer programmatischen 
Hervorkehrung des Gedankens empfinden. Hier ist je- 
des Wort von dem Rechte des Individuums durchglüht, 
aber nirgends stört uns eine Bloßlegung, ein abstraktes 
Dozieren dieses Rechts. Hier wird nirgends an unsem 
Verstand appelliert, hier reicht das Gefühl aus, um 
alles zu begreifen. Man brauchte nie ein Wort von 
der Hebbelschen Theorie gehört zu haben, um alles 
zu erfassen, und umgekehrt — und das spricht noch 
mehr dafür — wird man trotz der Kenntnis dieser 
Theorie gar nicht dazu kommen, sich ihrer zu erinnern, 
jedenfalls nicht während des Lesens oder Sehens. Eine 
vöUige Verschmelzung von Stoff und Form, von Form 
und Gehalt, von Gedanke und Bild liegt hier vor. 

In dem Moment aber, in dem wir auf das andere 
Gebiet übertreten, wird die Sache anders. Daß Agnes 
Bemauer dem Staatsinteresse geopfert wird, ist eine 
tragische Notwendigkeit, unter deren Bann wir wie sie 
selbst vom ersten bis zum letzten Worte stehen. Aber 
diese tragische Notwendigkeit wird unserm Gefühl nicht 
näher gebracht durch die Art wie der Dichter sie über- 
flüssigerweise diskutieren läßt. Eher das Gegenteil. 
Ich empfinde sie dort am stärksten, wo sie nicht 
ausgesprochen wird, wo sie, wie in den Szenen, in 
denen die Selbstherrlichkeit des Individuums am lau- 
testen spricht, nur wie ein dunkler Schatten am Hori- 
zonte erscheint. 



Der Gedanke des Dramas zu klar ausgesprochen. 75 

Weniger wäre hier mehr gewesen. Ich stimme nicht 
mit denen überein, die wie Scheunert und andere in 
Herzog Ernst eine frostige, konstruiert-symbohsche 
Figur erbHcken. Er ist für mich ein lebendig erfaßter, 
uns menschhch durchaus nahe gebrachter Charakter. 
Wäre er das nicht, so würde uns die Versöhnung mit 
Albrecht, würde uns das Sicheinsetzen seiner selbst 
kalt lassen. 

Aber auch lebendige, nicht konstruierte Menschen 
können zuviel vernünfteln und räsonieren, dort wo 
imser Gefühl auf eine andere Sprache wartet, oder 
vielmehr der Dichter kann sie zuviel vernünfteln und 
räsonieren lassen. Dies ist der Fall Herzog Ernsts. 
Herzog Ernst spricht den Gedanken der Tragödie zu 
klar, zu vernünftig, zu ruhig aus. Gerade das erkältet 
und läßt das Gefühl der tragischen Notwendigkeit eher 
zurücktreten statt es zu verstärken. Wo soviel Gründe 
dafür herausgetüftelt werden, heße sich vielleicht auch 
zuletzt noch einer dagegen finden. Auch macht sich 
hier schon die erwähnte Inkongruenz des Symbols mit 
dem Symbolisierten, die später in der Entfaltung der 
Reichssymbole störend hervortritt, geltend. Wenn 
auch der Wert des Ganzen, dem Agnes geopfert wird, 
nicht von seiner Größe abhängt, wenn hier nicht ge- 
rechnet werden darf, ob es Tausende oder Hundert- 
tausende sind, deren Leben auf dem Spiele steht, so 
können wir uns doch eines gewissen Gefühls nicht er- 
wehren, als ob hier die Größe des Bildes für die Größe 
der Idee nicht ausreiche, sobald uns die dynastisch- 
staatlichen Interessen von München, von Ingolstadt und 
Landshut so umständlich vorgeführt werden. Und zu- 
letzt verletzt nicht zum wenigsten die unerschütter- 
liche Ruhe, das unerschütterliche Gleichgewicht, in 
denen Herzog Ernst nach dem furchtbaren Geschehen 



70 Grillparzers „Jüdin von Toledo". 

beharrt, mit denen er vor den Sohn tritt, unser Gefühl. 
Man vergleiche einmal, wie hier Grillparzer in seiner 
,, Jüdin von Toledo" vorgegangen ist. Schon die Art, 
wie hier das Urteil gesprochen wird, ist eine von der 
Hebbels ganz verschiedene. Hier wagt eine in allem, 
was ihr heilig ist, tief verletzte Frau das furchtbare 
Wort: Tod kaum auszusprechen; erschrocken, halb 
ungläubig hört es der, der hier wie Herzog Ernst das 
Interesse des Ganzen vertritt: 

,,Ihr hört's, ihr Herrn! 
Das war der dritte Antrag, den ich früher, 
Obgleich ein Mann, nicht auszusprechen wagte." 

Dann ein leidenschaftlicher Erguß der Königin, ein 
paar, auf die Notwendigkeit des Opfers ohne viel 
Einzelheiten eingehende Worte von Manriquez. Aber 
das kaum gewagte, kaum geglaubte Wort wirkt, wie 
von unsichtbaren Wellen getragen, fort — und auf 
einmal ist die Tat getan, die tragische Notwendigkeit 
erfüllt. Diese Art Grillparzers ist angemessener, ist 
künstlerischer und ist mindestens ebenso — beweis- 
kräftig wie die sachliche, haarscharfe, juristische Be- 
weisführung Hebbels. Und dann das Verhalten nach 
der Tat! Wie hier die Personen im tiefsten Innern er- 
schüttert, aufgewühlt, niedergeschmettert unter der 
Last dessen, was ihnen zu tun auferlegt war, erscheinen ! 
Durch nichts könnte die Notwendigkeit des Opfers un- 
serm Gefühl näher gebracht werden, als durch die Er- 
schütterung, die es in den Opferem selbst hervorruft, 
während sich gegen die Ruhe, mit der Herzog Ernst 
das Ereignis aufnimmt, etwas in uns empört. 

Ohne Zweifel hat sich hier die Weltanschauung des 
Dichters zu stark hervorgedrängt und das rein Künstle- 
rische der Dichtung beeinträchtigt, unbeschadet ihrer 
sonstigen Schönheiten, unbeschadet vor allem der ihr 



Das Hervorkehren der Weltanschauung des Dichters störend. 77 

immanenten Tragik, die die allzustarke Betonung des 
Grundgedankens entbehrlich gemacht hätte. Der Dich- 
ter steht hier nicht genügend über seinem Werk, er 
hat sich zu sehr mit einer Partei identifiziert, er hat 
dadurch die Objektivität des Schöpfers verloren und 
neben die aus den Dingen selbst hervorgehende Not- 
wendigkeit seine eigne Meinung in einer zu tendenziös 
scheinenden Weise gestellt. 

Noch etwas anderes, eine Unterlassung, die dem 
Kenner der übrigen Stücke Hebbels auffallen muß, 
gibt zu denken. Hebbel will in seinem Drama das Bre- 
chen des jeweiligen Weltzustandes zugleich mit dem 
Heraufdämmern des kommenden veranschaulichen. In 
,,Herodes und Mariamne" steigt aus der Selbstauflösung 
des Judentums, in den Nibelungen aus dem Heidentum 
das Christentum am Horizonte empor. Daß dieser Hin- 
weis auf das Kommende sich immer zwanglos aus dem 
Gesamt werk heraus ergibt, könnte man nicht behaup- 
tend 

Ich möchte auch durchaus nicht sagen, daß im Hin- 
blick auf das Erfordernis künstlerischer Geschlossenheit 
ein derartiges Hereinziehen außerhalb liegender Mo- 
mente wünschenswert wäre. Trotzdem und wenn auch 
,, Agnes Bemauer" kein Brechen der Weltzustände ver- 
anschaulicht, glaube ich das Fehlen eines solchen Hin- 
weises gerade in diesem Stücke weniger mit künstle- 

* Ich kann nicht umhin, hier an eine mir sehr richtig er- 
scheinende Bemerkung Treitschkes zu erinnern, so wenig ich auch 
sonst mit seinem Urteil über Hebbel übereinstimme. ,,Die neue 
Welt, die aus der zerfallenden alten Ordnung sich erhebt, tritt nicht 
leibhaftig vor uns hin, sie wird uns lediglich angedeutet durch einen 
symbolischen Zug; und nur weil wir historische Schulbildung be- 
sitzen, erraten wir, was uns das Kunstwerk selbst nicht sagt, 
daß die heiligen drei Könige, die am Schlüsse von Hero<lcs und 
Mariamne auftreten, den Anbruch der christlichen Gesittung vor- 
stellen sollen" (S. 465). 



7 8 Das Hervorkehren der Weltanschauung des Dichters störend. 

rischen Bedenken als mit dem Vorherrschen des be- 
wußten Grundgedankens in Verbindung bringen zu 
dürfen. Es ist doch auffallend, daß aus dem Untergang 
„des reinsten Opfers, das der Notwendigkeit im Lauf 
aller Jahrhunderte gefallen ist", wie Herzog Ernst 
Agnes nennt (S. 234), nicht auf einen Welt- und Men- 
schenzustand gedeutet wird, in dem unbeschadet der 
Unverletzlichkeit der Staatsidee, unbeschadet des wohl 
ewig bestehenden Gegensatzes zwischen dem Ganzen 
und dem einzelnen ein solches Opfer nicht mehr not- 
wendig sein wird. Es ist auffallend bei Hebbels eben 
erwähnter Gepflogenheit, um so auffallender, da sein 
Konservativismus durchaus nicht materialer Natur ist, 
gar nicht sein kann. Ihm ist es doch überall um die 
Idee, nicht um die Form zu tun, in der diese Idee zum 
Ausdruck gelangt. Daß ein Staat ist, daß ein Gesetz 
ist, daß der einzelne unter die Idee eines größern Gan- 
zen gestellt ist, darauf kommt es ihm an. Schon die 
ganze Auffassung seines Gesamtwerkes als eines Welt- 
entwicklungsdramas widerspricht einem materialen 
Konservatismus. 

Gewiß ist der Staat der ,, Agnes Bernauer" nur als 
die historisch-bedingte Form der Staatsidee gedacht, 
gewiß ist es Hebbels Meinung nicht, daß der Staat als 
solcher an Formen gebunden ist, die wie bei dem kleinen 
Herzogtum des 15. Jahrhunderts die Erhebung einer 
nichtfürstlichen Frau mit Krieg und Verwirrung ahn- 
den; immerhin bedeutet dieses Schweigen Hebbels et- 
was, das wir bei diesem Dichter als eine gewisse Be- 
fangenheit in dem Stoffe, eine Befangenheit in 
der vergänglichen Erscheinung einer Idee zu deu- 
ten berechtigt sein dürften. 

Hebbel liebte es, seine Agnes eine moderne Antigene 
zu nennen. ,,Daß sie in eine Situation hineingerät, in 



Antigone. 79 

der sie vernichtet werden muß, wenn sie nicht zurück 
kann, das ist an ihrem Schicksal einzig und stempelt 
sie, indem auch hier eki Zusammenstoß des absoluten 
und des positiven Rechts vorhegt, zur Antigone der 
modernen Zeit" (B. IV, 350). 

Mir will diese Analogie nicht ganz zutreffend er- 
scheinen, und zwar aus zweierlei Gründen nicht. Der 
erste, mehr formaler Natur liegt in dem, was ich die 
Passivität der Agnes genannt habe. Agnes duldet, 
sie läßt das Schicksal über sich ergehen, Antigone han- 
delt, sie fordert es durch ihre Aktivität heraus, Agnes 
entzündet den tragischen Konflikt, Antigone erleidet 
ihn. 

Sodann ist der Gegensatz, in dem Antigone zum 
Staate steht, ein anderer wie bei Agnes. Agnes steht 
dem Staate gegenüber als ein durch die Folgen, die sich 
an ihre Erscheinung knüpfen, isoliertes, aus dem ,, Nexus 
des Ganzen" entlassenes Individuum, als ein Protest 
gleichsam gegen dieses Ganze, dessen Bestand sie ge- 
fährdet. Antigone verletzt in einem einzelnen, be- 
stimmten Fall ein einzelnes, bestimmtes Gesetz. An 
den metaphysisch-tragischen Gegensatz zwischen In- 
dividuum und Staat, auf den Hebbel sein Stück auf- 
baut, hat wohl der griechische Dichter nicht gedacht. 
Sie verletzt auch jenes Recht nur zugunsten des nach 
ihrer Meinung höheren, des ewigen göttlichen Gesetzes. 
Sie tritt, um bei Hebbels Terminologie zu bleiben, aus 
einem engeren Kreis in einen weiteren, höheren über. 
Antigone kämpft für ein Ganzes wie Kreon, 
nur für eine andere Art Ganzes. Sie ist keine Gesetzes- 
auflieberin, sie ist eine Gesetzeserfüllerin. Sie handelt 
wohl aus einem subjektiven Gefühl, der Schwester- 
liebe, heraus, aber mittelbar doch um des Gesetzes 
willen; daß sie es nicht ertragen kann, den Bruder von 



8o Antigene. Hegel. 



dem Zirkel dieses höchsten Gesetzes aufgeschlossen zu 
sehen, ist ein Beweis dafür, wie hoch sie es über alles 
Irdische stellt. Ob ihre Schwesterliebe auch bei einer 
geringfügigeren Sache in dem Maße in Aktion getreten 
wäre, wissen wir nicht. So stellt sie kein Heraustreten 
aus dem Nexus des Alls, sondern im Gegenteil seine 
höchste Bejahung, die unbedingte Gebundenheit des 
Individuums an ein Überindividuelles dar. 

Auch scheint mir die Charakterisierung der Agnes 
als einer „modernen Antigone" schon deshalb nicht 
zu stimmen, weil Agnes dem absoluten, ungeschrie- 
benen Recht des Staats zum Opfer fällt, Antigone da- 
gegen einer positiven Gesetzesbestimmung, der gegen- 
über sie als Vertreterin des absoluten Rechts 
erscheint. Dem Geiste nach ist Antigone dasselbe was 
in ,, Agnes Bemauer" Herzog Ernst ist. 

Ich möchte nur noch an die viel tiefere Hegeische 
Auffassung der ,, Antigone" erinnern, ohne hier bereits 
auf die Beziehungen zwischen der tragischen Theorie 
Hegels und Hebbels näher einzugehen. Hegel geht von 
der ,, sittlichen Substanz" als einer ,, konkreten Einheit", 
aus, die sich ,, durch das Prinzip der Besonderung 
nun, dem alles unterworfen ist, was sich in die reale 
Objektivität hinaustreibt" (Ästhetik III. Bd., 3. Teil, 
S. 428 ff .) , nicht anders als in individuellen Erscheinungen, 
d. i. Charakteren manifestieren kann. Aus der Kollision 
dieser in sich berechtigten Mächte, wie Liebe, Vater- 
land, Familie, dem Zusammenstoß eines ,, bestimmten 
Pathos" mit einem andern geht das Tragische und ganz 
im Sinne Hebbels als letzte Versöhnung die Wieder- 
herstellung der Einheit der sittlichen Substanz, der 
Idee, hervor. Dem Gesetz des Staates nun als dem 
aus der gemeinsamen Kultur erflossenen, die höchste 
irdische Sittlichkeit repräsentierenden, menschlichen, be- 



Antigene. Hegel. 



wußten Gesetze steht gegenüber das „göttliche un- 
terirdische", unbewußte, auf der Gemeinsamkeit des 
Blutes beruhende Familienrecht. Den Konfhkt die- 
ser beiden Mächte sieht Hegel außer in den ,,Eumeni- 
den" des Aischylos, in der ,, Antigene" des Sophokles dar- 
gestellt. In Antigene sieht er die vornehmste Reprä- 
sentantin dieses Familienrechts. Nicht wie bei Heb- 
bel als isoliertes Individuum, als Familien- 
glied steht nach Hegel Antigene dem Staate gegen- 
über. Als Familienglied und — als Weib. Das Weib, 
als die Repräsentantin der Familie, der unterirdischen 
Mächte, steht an und für sich dem Staate, der irdisch- 
bewußten Ordnung, feindlich gegenüber. 

„Indem das Gemeinwesen sich nur durch die Stö- 
rung der Familienglückseligkeit und die Auflösung des 
Selbstbewußtseins in das Allgemeine sein Bestehen gibt, 
erzeugt es sich an dem, was es unterdrückt und was 
ihm zugleich wesentlich ist, an der Weiblichkeit über- 
haupt, seinen innern Feind" (Phänomenologie des Gei- 
stes. S. 357). 



V. 
HEBBELS POLITISCHE BETÄTIGUNG 



Das bekannte Wort Fichtes von der notwendigen 
Übereinstimmung zwischen Persönlichkeit und Philo- 
sophie läßt sich mit einiger Variation auch auf die Po- 
litik anwenden. Politik, Persönlichkeit, Weltanschau- 
ung bedingen einander. In den politischen Zielen, 
die jemand erstrebt, spiegeln sich mehr oder minder 
seine Werturteile über die letzten Ziele des Menschen 
wie der Menschheit ab. 

Freilich will ich hier Politik nicht als ein Rechten 
um kleine Vorteile, ein Feilschen um Geben und Neh- 
men aufgefaßt sehen. Sondern ich meine Politik im 
höchsten und umfassendsten Sinne des Wor- 
tes: Politik als einen Ausdruck der großen Ideenströme, 
die die Menschengeschichte durchflutet haben und im- 
mer durchfluten werden; als den Zusammenprall der 
großen Gegensätze, in denen sich diese Geschichte voll- 
zieht, als den umfassendsten Begriff für alle Angelegen- 
heiten und Fragen, die innerhalb der menschlichen Ge- 
meinschaft zu lösen sind. In diesem Sinne ragt die Po- 
litik nicht nur in die höchsten Regionen des geistigen 
und ethischen Lebens hinein, berührt sie sich nicht nur 
mit diesen Fragen, sondern es sind diese überhaupt 
politische Fragen. 

In diesem Sinne ist jeder große Mensch, jeder große 
Dichter, bewußt oder unbewußt, durch seine Stellung- 
nahme zu den Fragen der menschlichen Gemeinschaft 



Poesie und Politik. 83 



ein politischer Mensch, in diesem Sinne ist jede große, 
jedenfalls die dramatisch-epische Dichtung, mag sie von 
aller Politik scheinbar noch so weit entfernt sein, 
politische Dichtung. 

Oder dürfen wir die Dichtungen eines Aischylos, 
eines Sophokles, eines Dante nicht politische nennen? 
Oder die Dichtungen eines Schiller und — eines Goethe ? 
In ,, Faust" und in den „Wanderjahren" ist das letzte 
Wort ein unverkennbar pohtisches. Ein Dichter, der 
wie Goethe zu allen fundamentalen Angelegenheiten der 
menschlichen Gemeinschaft Stellung genommen hat, 
kann nicht unpolitisch genannt werden. Man verwechsle 
doch nicht länger ,, nationale Gesinnung" mit unpoli- 
tischem Geiste. Man spreche nicht länger von dem un- 
politischen weil kosmopolitischen Sinn unserer Klassiker, 
Lessing, Herder, Kant, Schiller waren politische Gei- 
ster. Schiller, der in dem Bau einer politischen Freiheit 
das vollkommenste aller Kunstwerke sah, war durch 
seine ausgeprägte Fühlung mit der Menschheit ,, großen 
Gegenständen" durch und durch politische Aber auch 
der politische Geist ist, um sich zu betätigen, an die 
Formen gebunden, die er vorfindet. Dieses ,, staatlose 
Geschlecht", wie esTreitschke nicht ohne Mitleid nennt, 
konnte nur kosmopolitisch politisch sein. Es konnte 
sich nicht an nationale Schranken halten, die in Wirk- 
lichkeit nicht existierten. Und so, wie sie alles weit 
und groß anschauten, richtete sich der Blick hinaus 
aufs Weite und Große, aufs Ganze der Menschheit. 
Und wer sagt uns, daß dieser Blick nicht so sehr eine 

* Man denke an die politische Funktion, die Schiller 
der Kunst überhaupt so bestimmt zuweist, daU die Gefahr einer 
falschen Interpretation der Schillerschen Meinung — als oh die 
Kunst Mittel zum Zweck wäre nahe liegt. Die ,, politische" 

Wirkung im höchsten Sinn ist mit dem Festhalten an dem Selbst- 
zweck der Kunst nicht unvereinbar. 

6» 



84 Hebbels Dichtung eine politische. 

Befangenheit in zeitlich bedingten Formen als ein Vor- 
wärtsschauen über alles zeitlich Bedingte hinweg, ein 
Vordringen bis zu den letzten Notwendigkeiten der 
menschlichen Entwicklung bedeutet ? Die Erkenntnis, 
daß sich die größten kulturellen Aufgaben, nur inner- 
halb übernationaler Gesamtheiten, nur auf Grund einer 
fortschreitenden ,, Völkerverbrüderung" lösen lassen, 
bricht sich nach einem Jahrhundert nationaler Konsoli- 
dierung immer mehr Bahn. Daß aber, als diese nationale 
Konsolidierung eine geschichtliche Notwendigkeit war, 
jenes staatlose Geschlecht nicht zurückblieb, sich viel- 
mehr mit ganzer Seele, feurig und begeistert in den 
■Dienst solcher Notwendigkeit stellte, dies zu belegen, 
-genügt es zwei Namen zu nennen : Fichte und Humboldt. 
Hebbels Dichtung muß nach allem, was von ihr 
gesagt wurde, eine eminent politische genannt werden. 
Der in seinen Dramen in der Form individueller Kon- 
flikte dargestellte symboUsche Gehalt ist politisch. 
Etwas anderes, sehr Wichtiges, kommt noch hinzu, uns 
zu dieser Bewertung zu berechtigen. Hebbel will seine 
Dramen nicht nur als Marksteine der vergangenen 
Entwicklung betrachtet sehen, sie sollen auch Spiegel- 
bilder der eignen Zeit sein, nicht nur die gewesenen, 
auch die gegenwärtigen Krisen veranschaulichen. Und 
indem sie dieses tun, sollen sie den Verlauf dieser Kri- 
sen beschleunigen helfen, sie sollen, um mit Karl Marx 
zu reden, ,,die Geburtswehen einer neuen Zeit mildern 
und abkürzen". ,,Ich sage, die dramatische Kunst 
soll den welthistorischen Prozeß, der in unsern Tagen 
vor sich geht, und der die vorhandenen Institutionen 
des menschlichen Geschlechts, die politischen, religiö- 
sen und sittlichen, nicht umstürzen, sondern tiefer be- 
gründen, sie also vor dem Umsturz sichern will, been- 
digen helfen" (\V. XI, 48). 



Sein Drama stets aktuell. 85 

In diesem Sinne ist ihm das Drama stets auch ak- 
tuell, „ein künstlerisches Opfer der Zeit". ,, Übrigens ist 
ein jedes Drama nur so -weit lebendig, als es der Zeit, der 
es entspringt, d. h. ihren höchsten und wahrsten In- 
teressen zum Ausdruck dient, und auch ich hoffe, trotz 
der aus dem Mythen- und Sagenkreise entlehnten Stoffe 
in meiner Genoveva wie in meiner Judith, der Zeit, wie 
ich sie in Bedürfnis, Richtung und Bewegung auffasse, 
ein künstlerisches Opfer dargebracht zu haben" (W. I, 
433). Das Drama soll also einerseits den Übergang aus 
einer alten in eine neue Daseinsform der Menschheit 
darstellen, und zwar so, daß die Zeit selbst, der der Stoff 
entnommen ist, in ihrem letzten Gehalt repräsentiert 
wird, andrerseits, wenn auch sein Stoff den entlegensten 
Kulturen entnommen sein sollte, den Ideen- und In- 
teressenkreis der eignen Zeit abspiegeln. 

In Hebbels Gesamtdrama erblicke ich die Wieder- 
spiegelung einer Epoche, in der nach einer Periode der 
Auflösung der Gedanke der innern Einordnung des In- 
dividuums in überindividuelle Lebenskreise wieder neue 
Macht gewinnt, ohne damit den Anspruch einer rest- 
losen Formulierung zu erheben'. \\'ie sehr Hebbel 
selbst sein Drama pohtisch auffaßt, dafür noch ein 
vielsagender Beleg. In den Revolutionstagen von 1848 
schreibt er: ,,Aber es lichtet sich jetzt schon bedeutend 
in mir, besonders seit die Konflikte, aus denen meine 



' In seinem Vortrag , .Goethe und Hebbel, eine Antithese" 
(Tübingen 191 1) sagt auch F. Zinkernagel, daß das Hebbelschc 
Drama der erste künstlerische Ausdruck der Lebensstimmung einer 
Zeit sei, die im Gegensatz zu der Periode des deutschen Idealismus 
die Abhängigkeit des Individuums von überindividuellen Faktoren 
betone. Zinkernagel denkt dabei an die Lebensstimmung des herauf- 
kommenden naturwissenschaftlichen Materialismus. Aber 
Hebbel wurzelt in der Stimmung der absoluten Philosophie, nicht 
in der des Materialismus, die Gebundenheit seiner Personen ist 
weniger naturalistischer als metaphysischer Art. 



86 Hebbels Teilnahme an der Revolution. 

bisherigen Dramen hervorgingen, auf den Gassen ver- 
handelt und geschichtlich gelöst werden; denn der 
morsche Weltzustand hat auf mir gelastet, als ob 
ich allein unter ihm zu leiden hätte, und es scheint mir 
der Kunst nicht unwürdig zu sein, seine Unhaltbarkeit 
durch ihre Mittel zur Anschauung zu bringen" (B. IV, 
124). 

Es muß selbstverständlich erscheinen, daß Hebbel 
nicht abseits stehen blieb, als die großen Gegensätze 
der Menschheit wieder einmal aufeinander platzten, 
als ein neuer Welt- und Menschenzustand sich an- 
kündigte. Die lebhafte, sich sofort in Tun umsetzende 
Teilnahme, die Hebbel den Ereignissen von 1848 ent- 
gegenbrachte, geben dieser Auffassung Recht. Er war 
nicht der Meinung, konnte es nicht sein, daß die Po- 
litik den Charakter verderbe. Seine Meinung war viel- 
mehr die, daß sie den Charakter vollende. Die poli- 
tische Betätigung nennt er ,,die einfache Mannestätig- 
keit", der er sich mit Genuß hingebe (B. IV, 119). 
Sie drängt für einige Zeit alles andere, auch die dichte- 
rische zurück. Wiederholt äußert er sich, daß jetzt 
keine Zeit zum Dichten sei. ,,Wer kann während des 
Erdbebens malen, und wer kann das Erdbeben malen?" 
schreibt er am 15. Juni 1848 (B. IV, 118). Und: „ich 
habe 8 Tage lang nur in Zeitungen und durch die Zei- 
tungen gelebt" (8. 3. 48. B. IV, 97). Freilich geben 
die Ereignisse, die ihn vom „Arbeiten" im wörtlichen 
Sinn abhalten, seiner dichterischen Phantasie um so 
reichere Nahrung; wenn er auch während des Erd- 
bebens nicht malen kann, so ist doch dieses Erdbeben 
wie nichts anderes geschaffen, sein dichterisches Er- 
leben mächtig anzuregen. ,, Ohnehin wird für mich die 
Politik um so sicherer zur Poesie, je gründlicher ich sie 
durchmache" (ibid.). In der symbohstischen Betrach- 



Hebbels Teilnahme an der Revolution. Sy 

tungsweise, die ihn auch hier nicht verläßt, ohne seinem 
praktischen BHck Eintrag zu tun, werden ihm die Zeit- 
ereignisse zu einem Bilde für den Kampf der ewigen 
Gegensätze im Leben der Menschheit. 

„Die dritte französische Revolution ist da, Louis 
Philippe entthront, die Republik deklariert. Welch ein 
folgenschweres Ereignis" (T. III, 4369. i. 3, 48). Und 
, .diese Wolke donnert sicher für uns" (8. 3. 48. B, IV, 
97). Ein Beweis für den scharfen Blick, mit dem er die 
Bedeutung des Ereignisses erkannte. Nach Ausbruch 
der Revolution im eignen Lande stellt sich Hebbel so- 
fort mit leidenschaftlicher Teilnahme in den Dienst der 
Sache, bald mehr miterlebender Zuschauer, bald Mit- 
handelnder. Es macht den Eindruck, als ob letzteres 
in dem Maße zu sein, wie es seiner inneren Anteilnahme 
entsprochen hätte, dem NichtÖsterreicher erschwert 
worden sei. Die einzelnen Akte, in denen er sein Mit- 
handeln dokumentiert, seien nur kurz erwähnt. Er 
nimmt teil an verschiedenen Volksversammlungen, an 
den Beratungen der Redakteure und Schriftsteller über 
das provisorische Preßgesetz, an der Bildung von W^ahl- 
komitees usw. Er selbst wird zuerst als Wahlmann, 
dann als Kandidat für das Frankfurter Parlament auf- 
gestellt, aber ohne Erfolg. Er übernimmt die Redaktion 
der neugegründeten österreichischen Reichszeitung, die 
er aus inneren Gründen bald wieder niederlegt, er be- 
teiligt sich an der nach Innsbruck entsandten Depu- 
tation an den Kaiser von Österreich. Er schreibt zu- 
letzt Berichte an die Augsburger , .Allgemeine Zeitung" 
(die beste Quelle für seine Auffassung des ganzen Er- 
eignisses). Seine Stimmung ist zu Beginn durchaus 
optimistisch. Wie ein verheißender, frischer März- 
hauch weht es durch seine Berichte und Aufzeichnungen : 
,,Ich lebe jetzt in einem andern Österreich, in einem 



88 Seine Stellung dazu. 



Österreich, wo ich sicherer bin, wie Fürst Metternich, 
wo Preßfreiheit proklamiert, Nationalbewaffnung ein- 
geführt, eine Konstitution versprochen ist." ,,Wer hat 
Zeit, das Nähere niederzuschreiben, aber soviel muß hier 
stehen" {3. 3- 1848. T. III, 4371). 

Von dem notwendigen Zusammenhang zwischen 
Weltanschauung und politischer Überzeugung sind wir 
ausgegangen. Welche Stellungnahme dem größten po- 
litischen Ereignisse seines Lebens gegenüber ist aus der 
Weltauffassung Hebbels zu erwarten? 

Die Gefahr liegt nahe, angesichts der entschiedenen 
Betonung der Gebundenheit des Individuums an über- 
individuelle Mächte, die im Mittelpunkte der Hebbel- 
schen Welt auf fassung steht, bei dem Kampf zwischen 
Altem und Neuem, zwischen ,, Herrschaft und Freiheit", 
der mit den Märztagen ausbrach, auf Hebbels Partei- 
nahme für das Alte zu schließen. Hebbel aber stellte 
sich auf die Seite der Bewegung. Entweder müßte also 
Hebbel inkonsequent gehandelt haben, oder jener obige 
Schluß ist falsch. Er ist falsch und kann nur dort ge- 
zogen werden, wo man den Hebbelschen Gedanken nicht 
bis zu Ende denkt. 

Wenn Hebbel in der Bindung des Einzelmenschen 
an die überindividuellen Mächte das Weltgesetz wie die 
Bedingung der Kultur sah, so ist damit nichts über die 
Form gesagt, in der er sich dieses Gesetz verkörpert 
denkt. Hebbel spricht vom vStaat; er spricht weder 
von der Monarchie noch von der Republik; er meint den 
Staat schlechthin. Praktisch erweist er sich in der Be- 
wegung, von der jetzt die Rede ist, als Monarchist. 
Er ist Gegner der Republik, weil er seine Zeit noch nicht 
für reif dazu hält. Wir sind keineswegs berechtigt, an- 
zunehmen, daß ihm die Monarchie die Staatsform be- 
deutete. Ganz abgesehen von seiner historischen Be- 



Seine Stellung dazu. 89 



trachtungs weise, der Betrachtungsweise der relativen 
Berechtigungen, sucht er seine Auffassung von der nur 
relativen Berechtigung .auch der Staatsformen, ob mit 
Recht oder Unrecht, mag hier dahingestellt bleiben, 
auch aus seiner Idee vom Individuum abzuleiten: 
,,Alle politischen Differenzen unter ehrlichen Leu- 
ten sind auf den Grundbegriff zurückzuführen, 

den jeder vom ]\Ienschen hat. Wer mit Herder das 
Geschlecht selbst für unendlich perfektibel hält, der 
wird von der freiesten Bewegung desselben alles er- 
warten und also mit Leib und Seele dafür arbeiten. 
Wer aber umgekehrt glaubt, daß die Natur nur durch 
das Individuum wieder auf ihre Kosten kommt, wird 
so wenig die republikanische als die monarchische Staats- 
form für absolut berechtigt und notwendig erklären, 
sondern alles von den Umständen abhängig machen. 
Dies ist mein FaU" (B. VII. 151 f.)^ 

Aus dem Geiste seiner historischen Betrachtungs- 
weise heraus ergibt sich seine Stellung zu dem Phäno- 
men der Revolution von selbst. Wem die Geschichte 
nur einen sich mit Notwendigkeit vollziehenden Prozeß 
bedeutet, die Individuen nur Werkzeuge dazu sind, 
wem die Reformation nur eine unabwendbare Etappe 
in der Entwicklung des religiösen Geistes darstellt, 
der wird in den Revolutionen solche des politischen Gei- 
stes sehen ^. 

So sieht denn auch Hebbel in der großen franzö- 

* Es scheint mir übrigens die Konsequenz der letzten Voraus- 
setzung nicht unbedingt einleuchtend zu sein. 

2 „Es ist daher ungerecht, wenn manche die lutherische Refor- 
mation nicht als ein notwendiges Moment der Geschichte gelten 
lassen und in ihr einen bloßen Treibhausversuch, ein voreiliges Ex- 
periment eines leidenschaftlichen und durch das ihm aufgegangene 
Morgenlicht geblendeten Individuums sehen wollen. Luther mit 
seiner Berlichingenfaust mußte kommen, die neue Zeit mußte einen 
Sprecher und einen Kämpfer erhalten . . . ." (W. IX, 76). 



go Gegen den Absolutismus. 

sischen Revolution, ganz anders wie Goethe, der der 
Ansicht war, daß sie bei rechtzeitigem und klugem Vor- 
gehen der herrschenden Gewalten hätte noch abgelenkt 
werden können, den mit der Notwendigkeit eines Natur- 
ereignisses eintretenden Ausbruch eines niedergedrück- 
ten Volkes. Und ganz so ist er überzeugt, daß die Er- 
schütterungen von 1848 nur durch das „brennende Ge- 
fühl der unabweisbaren Nationalbedürfnisse" (T. III, 
4774) hervorgerufen worden seien. Niemand konnte tie- 
fer wie Hebbel davon überzeugt sein, daß es gegen die 
seit der Restauration mit allen Mitteln vorgehenden, 
den tiefsten Bedürfnissen der Völker Hohn sprechenden 
Gewalten nur ein Mittel gäbe: die Erhebung dieser 
Völker, Niemand konnte mehr davon durchdrungen 
sein, daß das System Metternichs ,,wert war, daß es zu- 
grunde geht", wie er. Man kann den tiefsten Sinn 
jenes Vorgehens, in dem sich der Geist der vormärz- 
lichen Epoche wie in keinem zweiten manifestiert, nicht 
besser treffen, als es Hebbel getan hat, der die „Karls- 
bader Beschlüsse" , .unheilvolle" nennt, ,, diesen bereits 
von der Geschichte verurteilten Versuch, den deut- 
schen Geist in Belagerungszustand zu ver- 
setzen, statt dem erhaltenden und dem schöpferisch 
vorwärts strebenden Prinzip, die im Staate zueinander 
stehen wie Mann und Weib im Hause, freien Spiel- 
raum zu gewähren" (W. XII, 97). Man kann den gan- 
zen Geist dieser Epoche und den tiefinnersten Instinkt 
des Absolutismus nicht klarer erfassen und schärfer 
formulieren als es Hebbel getan hat, der ebenso weit 
davon entfernt, extrem nach der andern Seite hin zu 
sein, dennoch schreibt: ,,Wenn man erwägt, was seit 
einem halben Jahrhundert prinzipiell für die Danieder- 
haltung aller Bildung im österreichischen Volk, ja po- 
sitiv für seine Entsittlichung geschehen ist, wenn man 



Gegen den Absolutismus. QI 

nur die Wiener Vorstadttheater mit ihrem Nestroy 
kennt, so ist eine Furcht, die am 6. Oktober das Herein- 
brechen der ungezügelten Anarchie für möghch hielt, 
allerdings gerechtfertigt, denn freilich ist der durch 
Opiate Berauschte nur in Fesseln ungefährlich, was 
aber solch ein Berauschter in seinem unzurechnungs- 
fähigen Zustand vollbringt, ist auf Rechnung dessen 
oder derer zu setzen, die ihm das Gift in sein natürliches 
Getränk mischten, ja es ihm in sein Brot hineinbuken, 
und wenn er ihnen zu Leibe ginge, sie wären kaum 
befugt, den Degen gegen ihn zu ziehen! Es ist not- 
wendig, in der gegenwärtigen Krisis hieran zu erinnern, 
und ich, der ich nicht müde geworden bin, in Ihrer 
Zeitung alle ultraradikalen Tendenzen nach Kräften 
zu bekämpfen, kann es am ersten tun" (W. XII, 133). 
Hebbel war sich, wie wir sehen, der innersten Natur 
des Absolutismus vollständig bewußt, er war sich auch 
klar darüber, was von ihm zu gewärtigen wäre, wenn er 
wieder Luft genug bekommen sollte, seine Anschläge 
auf die Seele der Völker auszuführen. Doch war ihm 
letzten Endes davor nicht bange. Er war im Gegenteil 
der unerschütterlichen Überzeugung, daß seine Zeit 
dahin, daß er ,,dcm Gericht der Geschichte verfallen" 
sei und nur die Wahl habe, sich ihrem Spruch zu beugen 
und ehrenvoll abzutreten, oder ihr zu ,, trotzen und 
nach einem Kampf, dessen Resultat nicht zweifel- 
haft bleibt, mit Schmach in die Grube zu fahren" ^ 
Diese Überzeugung ist der feste Pol, von dem aus er 
zu dem Lauf der Ereignisse Stellung nimmt. Mit aller 
Entschiedenheit wendet er sich gegen die ,, andere Art 
von Ultraradikalen", die allen Ernstes glauben, „der 

' Hebbel schrieb dies in bezug auf den geistlichen Absolutismus, 
dessen Wirkungen sich ihm in Tirol aufdrängten (W. XII, 83). Er 
hätte es ebensogut in bezug auf den weltlichen schreiben können. 



^2 Gegen die Republik. 



Absolutismus sei nur suspendiert, nicht für alle Zeiten 
aufgehoben, und er könne trotz der von ihm im An- 
gesicht Europas und der Geschichte gegebenen hei- 
ligen Versicherungen recht wohl zurückkehren, wenn 
auch einstweilen nur in der Gestalt verdienter Strafe 
für begangene Sünden" (ibid. S. 124). Diese aber, die ver- 
gessen, ,,daß in einem Volk auf einen Rasenden immer 
tausend Vernünftige kommen und auf hundert Ra- 
sende höchstens ein sich seiner selbst bewußter Ver- 
brecher" — ein großes Wort, aus einem entschieden 
demokratischen Geist heraus geboren — ,,sind daher 
durchaus keine moralische Macht, sondern können 
schlimmsten Falls, und dann nur zum Nachteil des 
Prinzips, das sie im borniertesten Sinn vertreten, 
physische Gewalt erlangen, sie können verwirren und auf- 
halten, nicht umwälzen und siegen" (ibid.) . ,,Man könnte 
es jetzt bereuen", schreibt er an anderer Stelle (S. 149) in 
bezug auf diese ,, Radikalen des Konservatismus" (S. 147), 
,, gegen die Radikalen in die Schranken getreten zu sein". 
Ebenso fest wie von dem Ende des Absolutismus 
war Hebbel überzeugt, daß die Zeit für die Republik 
noch nicht gekommen sei; ebenso heftig wie gegen die 
Absolutisten wendet er sich gegen die Republikaner, 
die nach seiner Ansicht auch nichts anderes als Abso- 
lutisten, nur in entgegengesetzter Richtung waren, 
Frevler am Vaterlande wie der ganzen Menschheit, 
weil sie das Fundament aller Gesellschaft auflockerten 
(S. W. XII, 130). Er spricht von der Frankfurter 
,,zarenhaft- absolutistisch agierenden" Minorität des 
deutschen Volkes, ,,die uns die Republik aufdringen 
will" und die er allen Ernstes für den ,,ohne allen 
Zweifel von ihr künstlich hervorgerufenen Aufstand" 
und den Mord von ,,zwei ihr mißfälligen Parlaments- 
mitgliedern" (ibid.) verantworthch macht. 



Sein Ideal die konstitutionelle Monarchie. 93 

Sein Ideal oder vielmehr seine, wie er glaubte, der 
historischen Konstellation entsprechende Forderung 
war die konstitutionelle Monarchie, ,,die konstitutio- 
nelle Monarchie auf demokratischer Grundlage". Ge- 
rade die von dem Absolutismus geschaffenen Zustände, 
die innere Unfreiheit, Unbildung und Unselbständigkeit 
des Volkes, Ueßen ihm einen plötzlichen Übergang von 
dem einen Extrem in das andere ganz unannehmbar 
erscheinen. Seine Auffassung von der Natur der Re- 
volutionen entspricht seiner Ansicht, daß langsame 
Entfaltung, organische Entwicklung das Gesetz aller 
historischen Bildungen sei (ibid. S. 92). Von diesem 
Standpunkt aus stößt ihn alles gewaltsam-unnatürliche 
Beschleunigen historischer Prozesse ab, weil es der , »be- 
sonnenen Mäßigung, an welche die Geschichte den wah- 
ren Fortschritt nun einmal geknüpft hat" (ibid.), %vider- 
spricht. 

In allem aber, was sich nach seiner Auffassung irmer- 
halb des Rahmens der konstitutionellen Monarchie zur 
Zeit verwirklichen ließ, geht er denkbar weit. Die Er- 
rungenschaften der Märztage kann niemand energischer 
verteidigen wie er. Die Preßfreiheit, ,,das Palladium der 
Bildung und des Fortschritts" (ibid. S. 143), ist ihm eine 
,, heilige Errungenschaft" nicht so sehr des Bürgers ais 
des Menschen. Wo sie ungebührlich beschränkt wird, 
da wird nicht bloß ein Volk, da wird die Menschheit 
selbst verkürzt und an einem ihrer Glieder verstümmelt, 
in einem ihrer Organe gelähmt (ibid. S. 134). Der Gewalt 
könnte auch die Intelligenz nur mit dem Äußersten, 
mit Gewalt antworten : ,,\\'inn die Intelligenz durch 
Gewaltmaßregeln zum Schweigen gebracht und ge- 
knebelt wird, so treten alle dämonischen Mächte, die 
sie bis jetzt doch noch im ganzen daniederhielt, an 
ihre Stelle, und sie selbst muß sich zu ihnen schlagen" 



94 Sein Ideal dis konstitutionelle Monarchie. 

(ibid. S. 135). Sein entschiedenes Eintreten für ein libe- 
rales Preßgesetz und für Geschworenengerichte bei Preß- 
vergehen ist demnach selbstverständlich. Es ist ebenso 
selbstverständlich, daß er auch durchdrungen ist von 
der Idee der Unantastbarkeit der persönlichen Freiheit. 
So sehr auch alles tumultuarisch-anarchische seiner in- 
nersten Natur zuwider ist, so wenig will er die ,,Ruhe und 
Ordnung" um jeden Preis. ,,Von der Macht und Ge- 
walt der neuen Sicherheitsbehörde, fremden und ein- 
heimischen Aufwieglern und Tumultuanten gegenüber, 
ist überall die Rede, von ihrer Verpflichtung, diese Macht 
und Gewalt vorsichtig zu gebrauchen und im Fall des 
Mißbrauchs, d. h. des übereilten Gebrauchs, denn beides 
ist identisch, die in konstitutionellen Staaten schul- 
dige Satisfaktion zu geben, kommt kein Wort vor. Die 
öffentliche Sicherheit ist sehr wichtig, aber die Ach- 
tung der persönlichen Freiheit nicht minder, sogar an 
Fremden, und es ist kein Ersatz für eine Verhaftung 
ohne zureichenden Grund, daß der Verhaftete wieder 
entlassen wird; derjenige, der sie vorgenommen hat, 
muß bestraft werden, damit er nicht leichtsinnig in 
das höchste Menschenrecht hineingreife" (ibid. S, 75), 
Ein entschiedenes Festhalten an dem Neu-Errun- 
genen, ein klarer, offener Blick für das, was not tut, 
dieses zu einem wirklichen politisch-kulturellen Fort- 
schritt zu machen (die Notwendigkeit einer höheren 
1 Volksbildung z. B. wird sehr von Hebbel betont), eine 
/ energische Abwehr aller Reaktions- wie aller Umsturz- 
/ gelüste, diese im besten Sinne des \\'orts Uberal-demo- 
\ kratischen Gedanken ergeben sich uns als das Wesent- 
liche der Haltung Hebbels im Revolutionsjahr 

,,Dann wird man den Grund des Unheils nicht 
in dem neuen Licht, sondern in der alten Finsternis er- 
blicken, und die bereits geöffneten Fensterläden nicht 






Hebbel konservativ. 95 



wieder schließen, sondern die noch geschlossenen öffnen. 
Um Gottes willen nicht das Gegenteil" (ibid. S. 143 f.). 

Derselbe Hebbel schrieb vier Jahre später, am 
15. September 1852: '',,Von nun an schien mir nur die 
Wahl zu bleiben, ob man unter Aufopferung der ge- 
samten ZiviUsation das Chaos, dem dereinst eine neue 
Welt entsteigen könne, mit heraufbeschwören helfen 
oder die paralysierten früheren Gewalten auf die Ge- 
fahr hin, sie noch einmal nach wieder erlangter Kräfti- 
gung schnöde gemißbraucht zu sehen, bis zu einem ge- 
wissen Grad unterstützen solle. Ich hielt die letztere 
Gefahr für geringer wie viel andere, das zu bringende 
Kulturopfer aber für unersetzlich und handelte dem- 
gemäß" (B. V, 52). Das ist, allerdings aus dem 
Zwang einer gewissen Notlage heraus gesprochen, so 
entschieden konservativ, als jenes fortschrittlich. 

Und doch hatte wiederum derselbe Hebbel vier Jahre 
früher geschrieben, daß jeder, der in Verkennung der 
gegebenen, historisch bedingten Lage die RepubHk 
predige, entschieden zu bekämpfen sei, aber nur so 
lange, ,,bis die Regierungen wider alles Hoffen und 
Vermuten durch unzweideutige Rückkehr zum Ab- 
solutismus ein va banque auf Leben und Tod unum- 
gänglich notwendig machen" (W. XII, 125). Ein ent- 
schiedener Bekämpf er der Republik, aus opportunisti- 
schen, nicht aus prinzipiellen Gründen allerdings, hatte 
er damals, für den Fall, daß die Zuspitzung der Verhält- 
nisse eine Wahl zwischen zwei Übeln notwendig machen 
sollte, der Republik als dem kleineren den Vorzug ge- 
geben. 

Wenn er damals das ,, größere übel in den „paraly- 
sierten, früheren Gewalten" erblickt hatte, so sah er 
es jetzt in den heraufbeschworenen neuen. Eine ge- 
wisse Resignation, die sich Hebbels nach der Revo- 



q6 Die historische Betrachtungsweise konservativ u. fortschrittlich, 

lution bemächtigte und ihn bald von der praktischen 
Politik entfernte, hatte die konservative Seite seiner 
Weltanschauung wieder mehr her\^ortreten lassen. Be- 
weis: „Gyges und sein Ring", ,, Agnes Bemauer". An 
dieser Resignation waren sowohl unangenehme Er- 
fahrungen in der eigenen Partei wie die unbefriedigen- 
den Resultate der Revolution überhaupt schuld. Man 
sollte denken, daß gerade das wärkhche Wiederauf- 
kommen der früheren Gewalten und der schnöde Miß- 
brauch, der ihnen folgte, in umgekehrtem Sinne gewirkt 
hätten, aber das andere ist der Fall, freihch nur aus 
bestimmten, aus einem andern Gebiet herrührenden 
Gründen. 

Da seine Stellung zu jenem andern Gebiet im 
nächsten Kapitel zu behandeln ist, genügt hier ein 
Hinweis. Es war die soziale Revolution und in 
dieser die ,, Aufopferung der gesamten Zivilisation", 
die er fürchtete, und diese Furcht, die durch Aus- 
schreitungen auf den extremsten Seiten wachgerufen 
war, beeinflußte von nun an seine Stellung zu allen 
Fragen des Gemeinschaftslebens und machte ihn ,, kon- 
servativ". 

Es liegt im Wesen der historischen Betrachtungsweise, 
beides zu sein, konser\'ativ und fortschrittlich. Wo 
man dies nicht erkennt, fehlt die Voraussetzung für das 
Verständnis sowohl der ganzen Weltauffassung wie der 
pohtischen Haltung Hebbels ^ Auf dieses Xicht- 
erkennen ist es zurückzuführen, daß man Hebbel von 
beiden Seiten her angriff, daß er sich bald gegen die 
Reaktionären, bald gegen die Radikalen verteidigen 



^ Wie dies gemeint ist, daß es sich um den Unterschied von 
Idee und Formen handelt, -w-issen wir. Ob Hebbels Auffassung in 
jedem einzelnen Falle immer die richtige war oder nicht, tut nichts 
zur Sache. 



Hebbel für die Einheit. 97 

mußte. Derselbe Hebbel, dem die Radikalen ihre Un- 
zufriedenheit kundgaben, galt in absolutistischen Krei- 
sen auf Grund seiner ersten Dramen als gefährlich, 
als revolutionär ^ 

Nach innen Freiheit, nach außen Einheit, das war 
das Ideal der Rev^olution von 1848. Es war auch das 
Ideal Hebbels. Von Anfang bis zu Ende hat er den 
Einheitsgedanken betont : ,,Nur die Einheit Deutsch- 
lands führt zu seiner Freiheit als Nation." Und noch 
im Jahre 1861, als man ,,eher in der Stefanskirche von 
der Kanzel herab die rote Republik predigen als im 
verborgensten Winkel an die deutsche Einheit mahnen 
durfte" (B. VII, 122), schreibt er (ibid.): ,,Ich bin der 
einzige, der hier den Einheitsgedanken vertritt." 

Wir bewundern den klaren Blick, die echt poU- 



^ ,,Der Absolutismus hat mir seine Theater verschlossen, er hat 
meine Stücke, denen niemand den ethischen Ernst absprechen 
kann .... durch seine Schergen ins Geschrei der Unsittlichkeit ge- 
bracht und mir durch jedes ihm zu Gebote stehende Mittel gezeigt, 
daß ich ihm mit meinen auf die Aufdeckung der sozialen Schäden 
gerichteten Bestrebungen lästig und unbequem war" (W. XII, 93). 

Auch Treitschke sieht in seiner ,, Judith" eine ,, destruktive 
Tendenz" (S. 470). Wenn es sich hier auch um den jungen Hebbel 
handelt, so hat doch Hebbel, indem er 1848 zu seiner Entlastung 
sich auf diese Tatsachen ohne Einschränkung bfezog, sich mit jenem 
identifiziert. 

Ich benutze bei der Behandlung dieses Gebiets die der 
Terminologie unseres heutigen Parteilebens entnommenen Partei- 
bezeichnungen, da erstens keine anderen zur Verfügung stehen und 
zweitens sie auch schon zu Hebbels Zeit gebräuchlich waren ; freilich 
dürfte der Sinn, den wir heute mit diesen Bezeichnungen verbinden, 
sich nicht völlig mit dem von damals decken. Dazu kommt noch, 
daß es Hebbel selbst mit Namen nicht so genau nahm. Er will 
einmal die Monarchie auf ,, demokratischer Grundlage", wie wir 
sahen, dann wieder rückt er weit ab von ,, Demokraten und Libe- 
ralen", indem er sie ohne weiteres zu den sozial destruktiven Par- 
teien zählt. Äußerungen, wie die oben (W. XII, 143), können wir von 
unserem heutigen Standpunkt nicht anders als liberal-demokratiscJi 
nennen. 

Do». 7 



98 Hebbel für die Einheit. 

tische Einsicht, mit der Hebbel die Notwendigkeiten 
der geschichtlichen Entwicklung, die nach Selbständig- 
keit, nach Konsolidierung der Staaten drängenden 
Kräfte erkannte. Hebbel hat von allem Anfang an 
die Bedeutung der Ereignisse von 1848 auch nach dieser 
Seite gesehen. Er erkannte in ihnen den welthistori- 
schen Wendepunkt der innem nicht nur, sondern 
auch der äußeren Geschichte, einen Wendepunkt, von 
dem nach seiner Meinung Sein oder Nichtsein der be- 
teiligten Nationen abhing. ,,Denn man täusche sich 
nicht, die gegenwärtige Krisis Europas, allumfassend, 
wie sie sich mehr und mehr darstellt, hatte noch nicht 
ihresgleichen, und wenn wir uns nicht vollständig 
regenerieren, sind wir auch verloren. Es kommt zu- 
weilen für ein ganzes Volk, wie für ein Individuum ein 
Moment, wo es mit den Sünden seiner Vergangenheit 
brechen und ein neues Leben beginnen kann. Das ist 
dann aber immer ein Moment, den die Nemesis überwacht, 
wie ihn die Gnade herbeiführt, und an den sich der 
Untergang knüpft, wenn nicht unmittelbar die Auf- 
erstehung. Für Deutschland ist er seit den Märztagen 
da, und man hat jetzt schon mehr Grund zur Furcht 
als zur Hoffnung" (ibid. S. 114). 

Seiner metaphysischen Grundstimmung mußte diese 
Entwicklung, diese zur Staatenbildung drängende Ten- 
denz als eine Analogie zu der das Weltall beherrschenden 
Tendenz der kosmischen Kräfte höchst willkommen 
sein. Wir werden auch hier sehen, wie es Hebbel mög- 
lich war, seine von den höchsten Gesichtspunkten her- 
kommende Betrachtung der Dinge mit einem durch- 
aus praktischen Blick, einer klaren und sachlichen Be- 
urteilung zu verbinden. 

,,Da ist auf der einen Seite der abstrakte Kosmo- 
politismus, der, weil er allerdings das Wünschenswerte 



Gegen Kosmopolitismus und Partikularismus. 99 

und als solches Anzustrebende vertritt, den Zeitmoment 
und die absoluten und relativen Gesetze, die er uns für 
den aufzuführenden neuen Bau auferlegt, nicht der 
mindesten Berücksichtigung wert findet .... Stehen 
die Völker einander in dem europäischen Staaten- 
system bis jetzt nicht noch gerade so trotzig abge- 
schlossen gegenüber, wie früher die Stände im einzelnen 
Staat? Zeigt sich in der jetzigen Krisis auch nur die 
kleinste Spur von einer Bereitwilligkeit der Nationali- 
täten, sich aufzulösen und in die Menschheit aufzugehen ? 
Besinnen sich im Gegenteil nicht sogar diejenigen, die 
aufgelöst und mit andern verschmolzen schienen, wieder 
auf sich selbst ? Und würde das Volk, das, bevor die 
übrigen reif sind, damit den Anfang machen wollte, 
sich nicht dadurch vernichten?" (ibid. S. 114 f.). 

Wenn er so aus seiner praktisch-metaphysischen 
Grundstimmung heraus in dem Kosmopolitismus eine 
Gefährdung des obersten Lebensgesetzes der Staaten, 
sich zu behaupten, erkannte, so nicht minder in dem 
Partikularismus ein zu eigenmächtiges Hervortreten des 
Teils gegenüber dem Ganzen. 

Freilich kann der Partikularismus nicht anders als 
an und durch sich selbst zugrunde gehen, wie mit dem 
Ganzen auch der Teil untergehen muß. ,,Es ist nicht 
zu bezweifeln, daß Preußen die Einheit Deutschlands 
hintertreiben und Deutschland vernichten helfen kann, 
wenn ihm wider alles Vermuten und Verhoffen dieses 
Gelüst kommen sollte. Aber es ist noch weniger zu 
bezweifeln, daß es dann mit untergehen müßte. Der 
Arm kann freilich das Herz durchbohren, aber das ist 
auch sicher seine letzte Tat" (S. 117). 

Deutlicher noch, bewußter, wendet Hebbel das nach 
seiner Auffassung dem Weltprozeß zugrunde liegende 
Gesetz auf die mit der Staatenbildungsfrage Hand in 

7* 



lOO Die Nationalitätenfrage. 

Hand gehende Nationalitätenfrage an: „Das Prin* 
zip der Gleichberechtigung aller Völker hat zwei Seiten. 
Wenn es nicht maßlos ausgedehnt wird, so schließt es 
allerdings eine notwendige und den Regierungen sehr 
wohl anstehende Anerkennung eines Gesetzes in sich, 
das als ein höchstes und letztes in allen Le- 
benskreisen waltet, ja die innerste Natur des 
Lebens ausdrückt. Was unsere abstrakten Philo- 
sophen vom zweiten Rang auch dagegen einwenden mö- 
gen ; nur im Individualisieren entbinden sich die ewigen 
Kräfte, als deren Produkt die Welt zu betrachten ist, 
und sie geben den Völkern so gut eine Physiognomie 
wie dem einzelnen Menschen. Aber man muß nicht zu 
weit gehen, man muß nicht vergessen, daß Völker und 
kleine Volksstämme voneinander zu unterscheiden 
sind, und daß die Zahl ihr Recht hat, und daß unter 
allen Umständen der Fortschritt in der Kultur einen 
temporären Vorzug im Staat bedingt" (S. 153). 

Der Dualismus des Rechts, der ungelöste Rest 
einer metaphysisch-realen Dissonanz auch hier. Es 
dürfte übrigens nicht so leicht sein, auf Grund jener 
beiden Merkmale den Umfang einer Rechtssphäre zu 
bestimmen. Es ist nicht ganz klar, wie Hebbel meint : 
Zahl und Kultur oder: wenn nicht Zahl, so wenigstens 
Kultur. In beiden Fällen wäre es schwierig, zu einer 
objektiven Entscheidung zu gelangen. Welche Zahl 
und welcher Grad der Kultur sind erforderlich, um eine 
Berechtigung nationaler Konsolidierung abzugeben? 
Könnte selbst ein annähernd sicherer Maßstab dafür 
gefunden werden, so bliebe immer noch die Möglich- 
keit eines Gegensatzes zwischen den beiden Faktoren 
bestehen. Es kann die Zahl verneinen und die Kultur 
bejahen und umgekehrt. 

Daß die deutsche Einheit eine historische Notwen- 



Von Österreich zu Preußen. lOI 



digkeit geworden, daß die Zeit für den Zusammen- 
schluß der deutschen Stämme gekommen sei, war 
Hebbels tiefste Überzeugung. In der Frage, welchem 
dieser Stämme die Durchführung dieser Angelegenheit 
und damit die Hegemonie über die Einzelstaaten zu- 
komme, macht Hebbel eine mit der Entwicklung der 
Dinge zusammenhängende Umwandlung durch. Seine 
Hoffnung war zuerst ganz auf Österreich gestellt. 
Österreich schien ihm durch die Geschichte zu dieser 
Mission bestimmt, eine Überzeugung, der er in dem 
nach dem Attentat auf den Kaiser von Österreich 1853 
geschriebenen Gedicht (W. VI, 306) begeisterten Aus- 
druck verleiht. In dem ebenfalls nach einem Attentat, 
und zwar nach dem auf den König von Preußen, 1861 
geschriebenen Gedicht (W. VI, 412 f.) sehen wir die 
Wendung von Österreich zu Preußen vollzogen. 
Zwar heißt es zum Schluß noch: 

„Ob Habsburg oder HohenzoUern 
Der Kaiser ist, wer das vollbringt." 

Aber zu Anfang ist es ausgesprochen, daß er von 
Österreich nichts mehr hofft: 

,,Ich sprach an Österreichs Kaiserthrone 
In ernster Zeit ein ernstes Wort, —r — — 
Das leise Dichterwort verhallte, 
Die Jahre flohen ungenützt" 

Jetzt blickt das Auge Deutschlands auf ihn, den 
König. 

Treitschke findet, daß dieses Gedicht, ,, nicht ge- 
hauen und gestochen", ,,in schönen Versen nur die po- 
litische Ratlosigkeit des Dichters offenbart" (S. 466). 
Ein, wie mir scheint, unberechtigter Vorwurf! Von dem 
künstlerisch nicht großen Wert des Gedichtes, der 
hier nicht in Betracht kommt, abgesehen, könnte 
man statt politischer Ratlosigkeit eher den guten. 



I02 Der Glaube an das Deutschtum. 

ganz realpolitischen Blick herauslesen, der das Gute 
dort nimmt, wo er es findet. Noch weniger verstehe 
ich den an gleicher Stelle ausgesprochenen Vorwurf 
Treitschkes, daß „gerade die schönste und herrlichste 
Erscheinung unserer Tage, recht eigentlich die Signatur 
der neuen Zeit, das Emporwachsen unseres Volkes zum 
staatlichen Leben, diesem verdüsterten Auge verbor- 
gen" bheb, daß ,,die frohe Botschaft des Jahrhunderts, 
die Verjüngung der antiken Sittlichkeit, welche von 
jedem Menschen, auch von dem Künstler zugleich die 
Tugenden des Bürgers fordert", an ihm ,, einen tauben 
Hörer" gefunden habe. 

Diesen Vorwurf zu entkräften, dürfte der einfache 
Hinweis auf Hebbels politische Betätigung genügen. 
Und was dieses Gedicht betrifft, so ist es nicht Gries- 
grämigkeit, die daraus spricht, sondern gerade um- 
gekehrt ein auffallend starker Glaube an die besondere 
Eigentümlichkeit, die ideale Bedeutung und die von 
daher zu erwartende besondere Mission des Deutsch- 
tums, die freudig-stolze Anerkennung des deutschen 
Geistes. Ein Standpunkt, der wiederum an Schiller er- 
innert, der, skeptisch und kleinmütig in bezug auf 
die Möglichkeit einer politisch-staatlichen Bedeutung 
Deutschlands — eine Stimmung, die bei Schiller be- 
greiflich, bei Hebbel, wie wir sehen, nicht mehr vor- 
handen war — , dennoch im tiefsten Grunde der Seele 
den heimlichen Stolz barg auf gerade das, was nach 
seiner Meinung dem deutschen Geiste einerseits die 
äußere Geltung verwehrte, ihn andrerseits zum Aus- 
druck einer nur durch ihn möglichen Seite des Men- 
schentums stempeltet 



* Siehe auch W. VI, 443. 
„Nimmer hätt' es der Völker bedurft, ihm die Lehre zu geben, 
Daß der germanische Geist immer den sittlichen rächt." 



Abneigung gegen Preußen. IO3 

Bei Hebbel verbindet sich auf Grund der Erfahrung 
eines weiteren Zeitraumes deutsch-europäischer Ge- 
schichte, eines Zeitraumes, in dem ungeahnte Umwäl- 
zungen ungeahnte Möghchkeiten zutage förderten, in 
dem der deutsche Geist anfing, sich seines Willens zur 
Macht bewußt zu werden, jener Glaube an die ideale 
Mission des Deutschtums mit der festen Zuversicht 
auf dessen politische Befähigung, Die Tatsachen haben 
ihm recht gegeben und auch darin, daß er die Wen- 
dung von Österreich zu Preußen vollzog. 

Das Gedicht an den Kaiser von Österreich war im 
Jahre 1853, das an den König von Preußen 1861 er- 
schienen. Aus der Wirkung, die von dem letzteren 
nach Hebbels eigenem Zeugnis ausging, dürfen wir 
schheßen, daß man Hebbel als Politiker wichtig genug 
nahm: ,,Mein Gedicht an den König von Preußen hat 
die österreichische -Monarchie einen ganzen Monat lang 
fieberhaft aufgeregt und das wußte ich wohl vorher, 
denn man darf hier eher in der Stefanskirche von der 
Kanzel herab die rote Republik predigen, als im ver- 
borgensten Winkel an die deutsche Einheit mahnen" 
(B. VII, 122). 

Das war, wie gesagt, im Jahre 1861. 

Im Jahre 1848 hatte er noch mit unverhohlener Ab- 
neigung von Preußen und dessen König gesprochen. 
Preußen, der preußische Geist war ihm entschieden 
antipathisch. ,,Auch in Preußen ist alles durchgesetzt", 
schreibt er am 25. März 1848, ,, jedoch nur nach einem 
furchtbaren Blutvergießen in Berlin! Der König von 
Preußen wußte nichts davon, daß Blut ein ganz be- 
sonderer Saft ist und Blut der Untertanen noch mehr 
wie jedes andere Blut" (T. III, 4372). Und diese, ich 
möchte sagen, vitale Antipathie scheint ihm geblieben 
zu sein, als er bereits davon überzeugt war, daß von 



I04 Abneigung gegen Preußen. 

Preußen allein die Verwirklichung der deutschen Einheit 
zu erwarten sei. Deutlich genug spricht dafür eine 
Äußerung aus dem Jahre 1863, bemerkenswert für sei- 
nen im besten Sinne des Worts pohtisch-prophetischen 
Instinkt, eine Äußerung übrigens, die allein genügte, 
den Vorwurf, Hebbel sei ein Reaktionär gewesen, zu 
entkräften. Anknüpfend an den damals ausgebroche- 
nen polnischen Aufstand schreibt er: 

,,Das Faktum überrascht mich nicht, ich sagte schon 
vor 3 Jahren, als die ganze Welt den Kaiser Alexander 
wegen der Bauern-Emanzipation pries: ,Mir beweist 
das nicht, daß das Haus Romanow seine Prinzipien 
aufgibt, sondern nur, daß die Zustände unhaltbar ge- 
worden sind' und so wird es auch wohl sein." Und 
dann über Preußens Stellung dazu : ,, Hübsch benimmt 
sich Preußen; es drängt sich zum Prof osen- Amt, aber 
Europa windet ihm die Knute aus den Händen, die 
es so gerne schwingen möchte. Doppelte Schmach für 
den deutschen Namen; man möchte die niedrigsten 
Schergen-Dienste leisten und darf nicht einmal." 
„Übrigens ist die Preußisch-Russische Konvention, 
aus einem höheren Gesichtspunkt betrachtet, un- 
bezahlbar, denn sie wirft ein blendendes Licht auf 
den eigentlichen Stand der Dinge, und zerstört die 
letzte Täuschung." Und nun erfolgt ein kleines, in 
kurzen, charakteristischen Strichen gezeichnetes histo- 
risches Bildchen, für uns heute wichtiger und inter- 
essanter, als es Hebbel je ahnen konnte, weil es uns 
den Mann, der berufen war, die deutsche Geschichte 
in die Hand zu nehmen, in einer seiner Eigenart so ent- 
sprechenden Weise vorführt, daß wir ihn erraten können, 
schon bevor sein Name genannt wird. „Ein Abgeord- 
neter von der Linken unterzieht sie in der Kammer 
seiner Kritik. Der Minister entgegnet, er gehöre zu 



Bismarck. IO5 

den Steuer-Verweigerern von 1848 und bezichtigt ihn 
fortgesetzter revolutionärer Bestrebungen. Der Prä- 
sident erklärt, er müsse dem Minister das Wort ver- 
bieten, wenn er fortfahre, sich in solchen Insinuationen 
der persönlichsten Art zu ergehen. Der Minister er- 
widert trotzig, das könne er nicht, denn er sitze hier 
auf den Befehl seines Königs und nicht auf Grund der 
Geschäfts-Ordnung. Der Präsident versetzt, so könne er 
wenigstens das Haus vertagen, und Herr v. Bismarck 
macht fast nötig, daß es geschehen muß. Dies ist ein 
Bild, das gewiß keiner Unterschrift bedarf" (T. IV, 6092). 

Und doch hatte Hebbel diesen trotzigen Minister 
und seine geschichtliche Mission bereits Jahre vorher 
antizipiert, seine und die Preußens, eine im Hinblick 
auf jenes spätere Gedicht an den Kaiser von Öster- 
reich um so überraschendere Tatsache. Ich verweise 
hier auf die unter dem Titel: ,, Hebbel als Prophet Bis- 
marcks" in der „Zukunft" (1898, Nr. 41) von R. M.Wer- 
ner mitgeteilten Aufzeichnungen seines Vaters über eine 
im Dezember 1849 stattgehabte Unterredung mit Hebbel. 

Diesen Aufzeichunngen nach hatte Hebbel bereits 
damals die Hoffnungen auf Österreich aufgegeben : 
,, Österreich hat von jeher kein Herz für Deutschland 
gehabt. Es wiU nur die Renovierung der alten Bundes- 
akte." ,,Es kann sich aus dem Polizeistaate nicht 
herauswickeln und will es auch nicht." Dagegen: ,,Was 
man auch immer über Preußen sagen mag: ich bin 
der Ansicht, es meint es ehrlich mit Deutschland." 
Man nenne ihn einen Radikalen, „weil ich die deutsche 
Einheit mit Gut und Blut verteidige, diese Einheit 
muß aber zustande kommen, wenn wir glücklich wer- 
den sollen". Das Unglück sei, daß der König von 
Preußen keine Energie besitze. ,,Gebt mir nur auf ein 
halbes Jahr seinen Thron und ich will Deutschland 



lo6 Bismarck. 

einig machen." Um den Preis der Einigung konnte er 
übrigens auch „radikal" sein. Die Souveränitätsrechte 
jener kleinen deutschen Fürsten, „die nicht einmal von 
Gottes, die nur von Napoleons Gnaden ihre Throne 
besitzen", brauche man nicht zu ehren. 

Hebbel erweist sich auch hier als RealpoHtiker. Er 
hat, wie er selbst bemerkt, keinen Grund, für Preußen 
eingenommen zu sein, er liebt Preußen nicht, trotzdem 
weiß er dieses subjektive Gefühl zu trennen von der 
Überzeugung, daß Preußen über die zur Führerrolle 
notwendigen Eigenschaften verfügte. 

Und das vier Jahre später an den Kaiser von Öster- 
reich gerichtete Gedicht? \Nie ist es mit diesen Äuße- 
rungen zu vereinbaren? Ließ sich Hebbel unter dem 
Eindruck des ihn nicht nur menschlich, sondern auch — 
wie natürlich — prinzipiell^ tief erschütternden Ereig- 
nisses noch einmal zu Hoffnungen hinreißen, die er 
bei nüchterner Erwägung von sich gewiesen hätte ? Daß 
es ihm, dem trotz aller schlimmen politischen wie per- 
sönlichen Erfahrungen zuerst mehr großdeutsch als 
preußisch Gesinnten schwer fiel, sich von dem Glauben 
an Österreich los zu machen, dürfen wir nach allem 



1 Siehe T. III, 5076. ,,. . . aber der bloße Versuch ist in den 
Augen eines denkenden und empfindenden Menschen furchtbarer 
wie jede andere Missetat, die wirkUch vollbracht wird, denn das ärgste 
Verbrechen anderer Art trifft nur ein einzelnes Individuum, das am 
Staatsoberhaupt verübte trifft in und mit ihm alle zugleich." Und 
noch einmal ein unwiderleglicher letzter Kommentar zu ,, Agnes 
Bernau er " : ,,Aber Ansichten dieser Art, die doch wahrlich nicht an 
der Oberfläche geschöpft, sondern aus der Tiefe der Dinge 
heraufgeholt sind, scheinen nirgends mehr in ihrer Wahrheit er- 
kannt oder anerkannt zu werden, selbst nicht in Kreisen, wo man 
sie billig hegen und pflegen sollte, sonst würde ein Stück, wie Agnes 
Bernauer, das sie mit tausend Zungen predigt, ja wohl nicht zurück- 
gewiesen. Verzeih mir Gott die Sünde, daß ich hier groß und klein 
zusammen knüpfe, aber es ist gewiß, daß ein Zusammenhang be- 
steht." 



Bismarck. lO/ 

wohl bestimmt annehmen. Jenes Gedicht könnte dann 
vielleicht als ein Gefühls-Rückschlag aufgefaßt werden. 
Oder aber hat ihn die unmittelbar auf die Revolution fol- 
gende, nichts weniger als^ermutigendeWendung in Preußen 
von diesem vorübergehend wieder abgeschreckt? Jeden- 
falls sehen wir ihn 1861 durchaus preußisch gesinnt, ohne 
daß er, wie uns jene Tagebuchnotiz von 1863 deutlich sagt, 
seine natürliche Antipathie gegen Preußen verloren hatte. 

Ein beziehungsreiches Interesse durch die Vor- 
ahnung eines Bismarck, die wir aus ihnen herauslesen, 
gewinnen die dann noch folgenden Äußerungen zu 
Werner. Er meint, ,,es werde ein Mann auferstehen, 
der, ein deutscher Messias, Deutschland erlöst". ,,Die 
Zeit hat ihr eignes Maß verloren", hatte Hebbel ge- 
sagt, „die alte Form ist auf dem Punkt, morsch zu- 
sammen zu brechen, und es muß ein Mann erscheinen, 
der sich nur selbst Maß ist und den andern zum Maß- 
stab dient, der die alte Form zerbricht und durch sich 
selbst eine neue bildet." 

Auf solche Naturen passe, was Livius von Hannibal 
gesagt habe, daß er nicht wußte, was bös und was gut 
sei. Das sei keine philisterhafte Ansicht der hyper- 
nioralischcn Krämerseele des Livius, sondern in der 
Tat so gewesen : ,,er hatte jenes Maß zerbrochen, was man 
der sogenannten Moralität bisher gestellt hatte ; für ihn 
existierte wirklich das, was die andern Sünde nannten, 
nicht (vgl. o. Hegel); einen solchen Charakter suchte 
ich auch in meinem Holofernes zu schildern. U nd doch 
müssen solche Menschen eben durch die Welt- 
idee der Gerechtigkeit zugrunde geschmettert 
werden. Es sind Unnaturen und können eben nur 
da vorkommen, wo man noch Formen hat. Wenn wir aber 
einmal den t-wigen Kodex der Moralität ausgeschrieben 
haben, an dem die Menschheit seit Jahrhunderten ar- 



Io8 Bismarck. 

beitet, dann wird's auch keine Menschen mehr geben, 
wie Holofemes, Hannibal, Cäsar, Cromwell, Napoleon." 

Diese letztere Stelle, vorausgesetzt, daß sie von dem 
Auf Zeichner richtig wiedergegeben ist, ist nach meiner 
Ansicht nicht ganz klar. Will Hebbel sagen, daß solche 
alle moralischen Formen sprengenden Charaktere nur 
durch den Gegensatz zu einer noch in solchen Formen 
befangenen Menschheit existieren, in einem (wohl nur 
ideal möglichen) Zustand aber, in dem die Menschheit 
über alle Formen hinaus zu einer rein innerhchen ver- 
geistigten Moral angelangt wäre, als gegensätzUche Er- 
scheinungen ihre Existenzberechtigung, wenn nicht ihre 
Möglichkeit verloren hätten? Ich kann mich der Auf- 
fassung R. M. Werners nicht anschheßen, der die Stelle 
durch eine Tagebuchnotiz Hebbels deutet: ,,Es gibt 
keinen Menschen ohne Sünde, denn es darf keinen geben, 
er dürfte wenigstens nicht auf die Erde gesetzt werden, 
denn er würde für die übrigen keine Duldung haben, 
er würde ein Schwert sein, auf dem sie sich spießten" 
(T. ni, 4340). Der Sinn dieser Äußerung geht doch 
offenbar auf diejenigen, die das Maß im Guten über- 
schreiten und dadurch den Bestand des Ganzen ge- 
fährden (Genoveva, Agnes Bemauer, Siegfried und nicht 
Holofernes, Hannibal, Cäsar). 

Wie dem auch sein mag, wertvoll ist für uns die 
ganze Äußerung als ein neuer Beleg dafür, wie sich 
Hebbel in den Grundzügen seiner Weltauffassung treu 
geblieben ist. Es ist die Idee der Judith, die wir in der 
Idee des ,, durch die Weltidee der Gerechtigkeit zugrunde 
geschmetterten" großen Individuums wiederfinden; die 
Idee des durch seine Natur alle gewöhnliche Moralität auf- 
hebenden, in Wahrheit für die Verwirklichung des Welt- 
plans unentbehrlichen und somit der höchsten Sittlichkeit 
dienenden großen Menschen, des Werkzeuges der Gottheit. 



VI. 

DICHTERISCHE ANREGUNGEN DER 
REVOLUTIONSZEIT 

HEBBELS STELLUNG ZUM 
SOZIALISMUS UND ANARCHISMUS 



„Wer kann während des Erdbebens malen, und wer 
kann das Erdbeben malen?" hatte Hebbel in den 
ersten Tagen der Revolution geschrieben. Daß unter 
dem Druck der Ereignisse die äußere dichterische Tätig- 
keit eine Zeitlang ruhen mußte, daß die innere um so mehr 
angeregt, daß ihm die Politik zur Poesie wurde, haben 
wir schon erwähnt. Gerade in diesen bewegten Tagen 
wird er sich erst recht wieder der Tatsache bewußt, 
daß ,, dichterisches Darstellen der einzige Ausatmungs- 
prozeß, dessen meine Natur fähig ist" (B. V, 25), sei. 

Mit dem Einsetzen einer Bewegung, die das politisch- 
soziale Leben Deutschlands, Europas, auf eine neue 
Grundlage stellte, war naturgemäß die Zeit für ein 
Drama gekommen, in dem sich die Geburtswehen 
eines neuen Welt- und Menschenzustandes abspiegeln 
sollten, das ein künstlerisches Opfer der Zeit sein wollte. 
Hebbel hatte ja selbst geschrieben (B. IV, 124), daß die 
Ereignisse in seinen Werken ihre Schatten längst vor- 
ausgeworfen hätten, daß die Bewegung nur die Kon- 
flikte auf den Gassen verhandelte und geschichtlich 
löste, aus denen seine bisherigen Dramen hervorgingen. 



HO Hebbels Stellung zum Sozialismus und Anarchismus. 

Auf Grund dieser Momente und angesichts der oben 
zitierten Äußerungen Hebbels dürfte die Erwartung 
eines Dramas als eines direkten Ausflusses, 
einer unmittelbaren poetischen Widerspiege- 
lung der nun wirklich eingetretenen Bewegung durch- 
aus berechtigt sein. Das aber besitzen wir von Hebbel 
nicht. Dieses wie für ihn geschaffene Weltereignis 
wurde trotz allem nicht in dem Maße fruchtbar für 
seine Produktion, wie man erwarten könnte. In den 
nach 1848 geschriebenen Dramen ,, Agnes Bemauer" und 
„Gyges und sein Ring" sind nach seinem eignen Zeugnis 
die Hauptmotive durch Erfahrungen aus der Revo- 
lution verstärkt. Aber auch nur verstärkt, nicht di- 
rekt ausgelöst. Sie lagen als ein notwendiger Ausdruck 
seiner Welt auf fassung schon längst vor der Revolution 
zeitlos, zu plastischer Gestaltung in ihm bereit. Sie 
betonen überdies — und das ist das Entscheidende — , 
die konservative Seite der Hebbelschen Weltauf- 
fassung, die sich nach manchen für Hebbel unbefriedi- 
genden Erfahrungen der Revolution wieder mehr her- 
vordrängte. Und wenn sie als künstlerisches Opfer der 
Zeit gelten wollen, wozu, wie wir noch sehen werden, 
„Agnes Bernauer" vor allem berechtigt ist, so sind sie 
dies nicht in revolutionärem Sinne. 

Eine große Dichtung aber, als der poetische Nieder- 
schlag des neuen und nur des neuen Gedankens, 
all der Hoffnungen und Ideale, die in jener denkwür- 
digen Zeit zum Leben erwachten und die doch bei 
Hebbel einen so lebhaften Widerklang fanden, wurde 
uns nicht. Wohl macht uns Hebbel in seiner Korre- 
spondenz wiederholt Hoffnung darauf, aber es bleibt 
bei einem unvollständigen Entwurf, ein paar fragmen- 
tarischen Szenen und einigen vagen Andeutungen. 

,,Ich lebe jetzt in einem andern Österreich", hatte 



Das dichterische Ergebnis der Revolution. l l l 

Hebbel am 15. März 1848 in sein Tagebuch geschrieben, 
(T. II, 4371) und daran anknüpfend: „Ein ganz neues 
Stück habe ich, gleich, nachdem ich das letzte Plakat 
des Kaisers vernahm, erfunden. Wenn nur ein anderer 
die Ideen für mich niederschriebe", ein Beweis, wie ihn 
die Ereignisse zu unmittelbarer Produktion drängten. 
Am 15. Juni: ,,So können Sie z. B. ein politisches 
Drama: ,Ein Todesurteil', im nächsten Winter von mir 
erwarten, das ich im Geist gleich während der drei 
Märztage mitten in der Bewegung konzipierte. Ich 
brauche wohl nicht hinzuzufügen, daß es mit dem 
Zwitterding, das man bisher politisches Drama nannte, 
nicht die geringste Ähnlichkeit haben wird" (B. IV, 
118). In gleichem Sinne äußert er sich noch einige Male, 
immer mit dem besonderen Hinweis, daß dies zu er- 
wartende Drama ein Werk sein werde, ,,von dem selbst 
die Art noch nicht existierte" (ibid. S. 127), und kündigt 
zugleich ein Lustspiel an, ,,das den ganzen modernen 
Staat umfassen soll". 

Wenn wir aus dem uns vorliegenden Fragment (W, V, 
144 ff.) des während der ersten Märztage konzipierten 
Dramas: ,,Das erste Todesurteil" einen Schluß ziehen 
dürfen, so wäre das Aufhören des absoluten Herrscher- 
tums zugunsten der konstitutionellen Regierungsform 
das Erste gewesen, worin Hebbel die Bedeutung der 
Revolution als Vorboten eines neuen Welt- und Men- 
schenzustandes erblickte. Zu der Idee des sich in seiner 
l'nzulänglichkeit selbst aufhebenden absoluten König- 
tums gesellt sich die uns bekannte Idee des sich in 
seiner menschlichen Unzulänglichkeit erkennenden Für- 
sten. Oder vielmehr so: Der Fürst, der schon vorher 
von seiner persönlichen Unzulänglichkeit für das Kö- 
nigsamt überzeugt war, gelangt zur Einsicht von der 
Unzulänglichkeit des absoluten Herrschertums über- 



112 Andeutung eines Lustspiels. 

haupt. ,,Er beschließt eine Konstitution, Preßfreiheit 
usw. und alles, was der Minister früher über seine Be- 
schränktheit gesagt hat, kehrt sich jetzt gegen ihn: 
,eben weil ich's bin'" (ibid. S. 147 f.). 

Als Ausdruck der Hebbelschen Auffassung des po- 
litischen Gehaltes der Revolution sagt uns dieses Frag- 
ment nichts, was wir nicht schon von seinen briefhchen 
und publizistischen Äußerungen her wüßten, und eben- 
sowenig die Notiz über das ,,den ganzen modernen 
Staat umfassende Lustspiel"^. Auch hier wäre wieder 
der sich selbst erkennende Fürst in den Mittelpunkt 
gestellt und daneben ,,ein Dichter, den die Welt ver- 
nichtet" (S. 151), was auf eine Gedankenströmung hin- 
weist, die uns noch beschäftigen wird. Ferner lesen 
wir noch zum Lustspiel: ,,Das Entsetzen aller Völker 
über das Erwachen Deutschlands" (ibid.). Vielleicht hätte 
Hebbel, wenn diese einen speziell-nationalen statt einen 
universell-symboHschen Gehalt andeutende Konzeption 
zur Ausführung gekommen wäre, darin seine Überzeu- 
gung von der nicht nur ideellen Bedeutung des deutschen 
Geistes niedergelegt. 

Viel wichtiger ist der unter dem Titel: ,,Zu irgend- 
einer Zeit" zusammengefaßte Dramenplan. Er liegt 
vor der Revolution, er beschäftigte Hebbel in den 
vierziger Jahren^. Die Ideengruppe, um die er sich be- 
wegt, ist nicht politischer, sondern sozialer Natur und 
weist auf eine mit und in der Revolution zutage tre- 
tende Bewegung hin, die schon vorher existiert hatte, 
die aber jetzt als ein scharfer Unterton der politischen 
Vorgänge ihre Existenz lauter bekundete, auf einen 

^ Wenn überhaupt die S. 150 unter Nr. 2 angeführte Notiz 
sich auf das Lustspiel und nicht auf „Das erste Todesurteil" bezieht. 

* Wir behandeln ihn im Zusammenhang mit den während der 
Revolution erfolgten Äußerungen Heljbels, da beide sich nur gegen- 
seitig ergänzen und erklären. 



„Zu irgendeiner Zeit." II3 

Konflikt, den die Revolution nicht, wie Hebbel inbezug 
auf seine revolutionären Dramen gesagt hatte, geschicht- 
lich löste, wohl aber in seiner Bedeutung offenbarte. 
Aus Frankreich waren' zugleich mit dem Ausbruch der 
politischen Revolution die ersten Anzeichen einer nicht 
nur auf die politische, sondern auch auf eine soziale 
Neugestaltung der Dinge ausgehenden Bewegung ge- 
kommen. Hebbel, auch hier seinen intuitiven Scharf- 
bUck bekundend, greift sie sofort mit aller Entschieden- 
heit und aller Würdigung, die sie verdienen, auf, aber 
nicht hoffnungsvoll zustimmend, wie den politischen 
Ereignissen gegenüber, sondern mißtrauisch im höch- 
sten Grade, ablehnend, ja furchtsam. Seine Stimmung 
dokumentiert sich in den wenigen Worten: ,, Mögen wir 
nur von den Fratzen des Kommurüsmus bewahrt 
bleiben." 

Wir können Hebbel den Vorwurf nicht ersparen, 
daß er den Problemen, die wir heute unter dem In- 
begriff der sozialen Frage zusammenfassen, \vie sie da- 
mals mehr oder weniger klar formuliert auf der Tages- 
ordnung standen, nicht ohne eine gewisse spießbürger- 
liche Befangenheit gegenüberstand, wenn er sich auch 
bereits früher ernstlich bemüht hatte, ihnen auf den 
Grund zu kommen. Dahin zähle ich in erster Linie 
seine Furcht für das ,, Eigentum". ,,Beim Kommunis- 
mus käme es dahin, daß in der ganzen Welt kein Stück 
Fleisch mehr gekocht werden könnte. Es hätte ja einen 
neuen Herrn, ehe es gar würde" (T. HI, 4991). 

„Der Kommunismus, die wahnsinnige Ausgeburt fa- 
natischer Köpfe, in denen die großen Ideen unserer Zeit 
nur halb reif wurden, schien praktisch bei uns hervor- 
treten zu wollen," schreibt er am 24. März 1848 nach 
einigen Exzessen in den Wiener Vorstädten. ,, Er durch- 
zog, Freiheit rufend und die Bäcker- und Tabaksläden 

Do». 8 



;iI4 Hebbels Stellung zur sozialen Frage. 

plündernd, die Vorstädte" .... „Möchten diejenigen, 
die ihn theoretisch predigen, Zeugen dieser Szenen 
gewesen sein; sie würden ihn in seinem innersten 
Wesen kennen gelernt haben. Es rächt sich, wir haben 
es jetzt gesehen, wenn der Kreis der Freiheit nicht so 
weit ausgedehnt wird, wie der Kreis der Bildung sich 
ausgedehnt hat; es rächt sich jedoch nicht weniger, 
wenn man den Kreis der Freiheit über den Kreis der 
Bildung hinaus erweitem, wenn man der Bestialität 
Raum verschaffen will, sich auszutoben. Mögen wir 
das nie gründlich erfahren" (W. X, 62 f.). Und in 
gleichem Sinn äußert er sich noch öfters. Es ist durch- 
aus der Standpunkt des naiven, sich an das einzige 
Faktum ?ialtenden Menschen, der zwischen einer Idee 
und deren mißverständlicher Anwendung, einer Idee 
und deren unvollkommener Erscheinung nicht zu 
unterscheiden weiß. 

Kommunismus ist ihm gleichbedeutend mit Anar- 
chie, mit Chaos, mit völliger Auflösung aller geseU- 
schafthch bindenden Kräfte, einer Auflösung, die nach 
seiner extremsten Deutung selbst die organisatorisch 

bindenden Kräfte der Natur zerstören will: 

,,doch mit Leuten, die Eigentum und Familie nicht 
respektieren, die also gar keine Gesellschaft wollen, 
ja, die konsequenterweise auch nicht den 
Menschen, das Tier, den Baum usw. wollen 
können, weil das doch auch Kerker freier Kräfte, 
nämlich der Elemente sind, habe ich nichts zu schaffen" 
(T. III, 4982). 

Kommunismus, Sozialismus, Anarchismus waren für 
Hebbel ein und dieselbe Sache. Es wurde bereits er- 
wähnt, wie er gelegenthch noch weiter ging und ohne 
weiteres Radikale, Liberale, Demokraten unter dem- 
selben Prinzip vereinigte. Historisch ist dies begreif- 



Hebbels Stellung zur sozialen Frage. 1 1 5 

lieh. Einerseits entbehrten die verschiedenen sozialen 
Theorien noch der begrifflichen Klarheit und Formu- 
lierung, so daß es vorkommen konnte, daß in ein und 
demselben Kopfe durchaus heterogene Systeme, als 
welche wir z. B. heute Sozialismus und Anarchismus 
auffassen, friedlich beisammen wohnten. Auf der an- 
dern Seite waren die in politischer Hinsicht Radikalen 
sehr häufig auch Vertreter extremer, ja extremster so- 
zialer Theorien. Kampf nicht nur gegen die politische, 
sondern auch gegen die sozialwirtschaftliche Unter- 
drückung, Kampf nicht nur gegen den Feudalismus, son- 
dern auch gegen den Kapitahsmus war das Losungswort 
der linken Seite der Demokratie, deren Apostel Proudhon 
war^ So wird es im Hinblick auf den Mangel begriffhch- 
systematischer Scheidung, wie auf die mehr oder weniger 
zufällige Personalunion politischer und sozialer Theo- 
rien entschuldbar, daß Hebbel zu denen, die ,, Eigentum 
und Familie nicht respektieren" und mit denen er 
nichts zu schaffen haben wolle, auch Liberale und Ra- 
dikale zählte. 

Und darauf kommt es für uns in erster Linie an, 
daß Hebbel mit Leuten, die Eigentum usw. nicht re- 



* Demokrat aus Sozialismus, weil nur in der Demokratie soziale 
Ideale verwirklicht werden könnten, nannte sich Gottfried Kinkel 
in seiner Verteidigungsrede vor den Assisen zu Köln. 

Immerhin hatte bereits 1842 Lorenz von Stein in seinem Werke: 
,,Der Sozialismus und Kommunismus des heutigen Frankreich" eine 
begriffliche Scheidung wenigstens zwischen Sozialismus und Kom- 
munismus vollzogen. Ausgangspunkt beider ist nach ihm das Egali- 
tätsprinzip von 1789, dessen letzte Konsequenz von der politischen 
zur sozialen Gleichheit führe. Während aber der Sozialismus durch 
eine Neuordnung, will der Kommunismus durch die völlige Auf- 
lösung der Gesellschaft zu seinem Ziele gelangen. Kommunismus 
ist für Stein wie für Hebbel gleichbedeutend mit Anarchie. Heute 
scheint man wieder geneigt zu sein, Sozialismus und Kommunismus 
als identische Begriffe anzusehen. Als solche werden sie z. B. im 
,, Handwörterbuch der Staatswissenschaften" beliandelt. 

8* 



Il6 Seine Stellung zum wirtschaftlichen Kollektivismus. 

spektieren, nichts zu schaffen haben will. Daß er zu 
diesen gelegentlich auch solche zählte, die nicht zu 
ihnen gehörten, hat hier keine prinzipielle Bedeutung, 
so wenig wie die Frage, wie weit überhaupt seine Auf- 
fassung der sozialistisch-kommunistischen Theorie his- 
torisch richtig ist. An und für sich liegt kein innerer 
Grund vor, warum der kollektivistische Gedanke zum 
anarchischen, die kollektivistische Ordnung zur anar- 
chischen, d. h. zu gar keiner Ordnung führen müsse. 
Aber Hebbel ging davon aus, und wir haben diese Auf- 
fassung hinzunehmen als ein Beispiel, wie er sich 
hier sein Urteil von einem unmittelbaren Gefühl ein- 
geben ließ, wo eine wissenschaftliche Untersuchung am 
Platz gewesen wäre. Es handelt sich für uns, von der 
objektiven Gültigkeit dieser Auffassung ganz abge- 
sehen, um Hebbels Stellung zu der Idee einer sozial- 
ökonomischen Ordnung, durch die der einzelne sich 
seiner wirtschaftlichen Isoliertheit, seines wirtschaft- 
lichen Individualismus zu begeben hätte. 

Man sollte auf den ersten Blick meinen, daß eine 
solche Ordnung, ein Welt- und Menschenzustand, 
dessen letzte Tendenz auf eine Einschränkung der 
,, Maßlosigkeit" des Individuums zugunsten der All- 
gemeinheit ausgeht, der Weltauffassung Hebbels durch- 
aus sympathisch wäre. Prinzipiell aber haben wir es 
hier mit zwei trotz scheinbarer Übereinstimmung 
verschiedenen Dingen zu tun, verschieden in dem 
Punkte, von dem sie ausgehen, verschieden auch in 
dem, worin sie enden. Hervorgegangen aus dem 1789 
zum Durchbruch gekommenen, schrankenlosen Sub- 
jektivismus, ist der Ausgangspunkt des Kommunis- 
mus ein durchaus individualistischer, und zwar ein eu- 
dämonistisch-individualistischer. Das Glück, das Wohl- 
befinden des einzelnen, und zwar jedes einzelnen — 



Seine Stellung zum wirtschaftlichen Kollektivismus. II7 

dies ist doch wohl der Punkt, in dem Freiheit und 
Gleichheit ineinander übergehen — ist das letzte, wor- 
auf er abzielt, wenn auch dieses letzte nur auf dem 
Wege einer völligen Selbstentäußerung des einzelnen 
erreicht werden kann. Damit jeder sich wohl befinde, 
muß jeder sich opfern, damit jeder besitze, muß jeder 
verzichten. Freilich droht hier das Mittel den Zweck 
aufzuheben, ihn in sein Gegenteil zu verkehren. Ge- 
rade wie Rousseau von der Forderung des gleichen po- 
litischen Rechtes für jeden einzelnen bis zu dem rest- 
losen Aufgehen des Individuums in der Sphäre des 
Staats und der Gesellschaft gelangt. Damit ist aber die 
praktische Undurchführbarkeit des individualistischen 
Prinzips innerhalb der Kulturgemeinschaft bewiesen, 
sobald der Individualismus nicht auf der wirklichen 
Ausnahmestellung des Individuums beruhen, sondern 
jenes andere, das Gleichheitsprinzip mit sich vereinigen, 
d. h, ein Individualismus für alle sein will. Theoretisch 
ist und bleibt sowohl beim Kommunismus wie bei 
Rousseaus Demokratismus das Individuum, dort sein 
Glück, hier sein Recht, Anfang und Ende des Postu- 
lats. 

In dem der Weltauffassung Hebbels von Grund aus 
entgegengesetzten Ausgangspunkt des Kommunismus 
liegt bereits die Unmöglichkeit der letzten Überein- 
stimmung beschlossen. Die Allgemeinheit, das Ganze, 
worauf der Kommunismus hinaus will, stellt getreu 
seinem Ursprung nichts anderes dar als das vervielfachte 
Individuum, die Summe aller einzelnen, es wächst von 
außen additionsmäßig, es ist ein atomistisches, kein 
organisches Ganzes. Das Individuum ist nur beschränkt 
und verpflichtet im Hinblick auf andere Individuen, 
auf alle andern Individuen freilich. Daneben hat die 
Idee des Ganzen kaum einen Platz. Zwischen dem 



1 1 8 Der prinzipielle Unterschied zwischen dem 

individualistisch-eudämonistischen, atomistisch-empiri- 
schen Ganzen des Kommunismus und dem universali- 
stisch-ethischen, metaphysisch orientierten Ganzen Heb- 
bels und dessen vornehmstem Symbol, dem aus einem 
immanenten Prinzip heraus organisch gewordenen Staat, 
einem Ganzen, das vor den Teilen war, gibt es keine 
Übereinstimmung; zwischen der auf Übereinkunft und 
Gegenseitigkeit beruhenden Unterordnung des einzel- 
nen unter das Interesse der Allgemeinheit und dem auf 
einem weltgesetzlich fundierten Prinzip beruhenden Pri- 
mat des Ganzen über den Teil gibt es keine Gemeinsam- 
keit. Eine Weltanschauung, der es ganz gleichgültig 
ist, wie es den Individuen ergeht, wenn nur die über- 
individuellen, absoluten Mächte, an die sie es gebunden 
sieht, bestehen, und eine solche, die das Individuum 
in den Mittelpunkt aller Bildungen stellt, den Wert 
jener Mächte erst von ihm aus bestimmt, sie über- 
haupt erst von seinen Trieben, seinen Bedürfnissen ab- 
leitet, schließen sich aus. 

Es war nicht das erstemal, daß das Problem der 
sozialen Frage, und zwar gerade in der besonderen Form 
der Eigentumsfrage, an Hebbel herangetreten war. Wir 
begegnen ihm verhältnismäßig früh in seinen Aufzeich- 
nungen und können verfolgen, wie es diese, bald stärker, 
bald schwächer hervortretend, bis zum Ende durch- 
ziehfi. Waren es die eigensten, persönlichsten Erleb- 
nisse, war es die Erfahrung der Weltlage, die seinen 
Blick zuerst auf diese Frage lenkte, und sie gleich in 
ihrem innersten Kern: der Ungerechtigkeit, die in der 
Zufälligkeit des Besitzes, ja schon in der Möglichkeit, 
Besitz zu erwerben und des daraus hervorgehenden 
Vorsprungs eines einzigen vor Tausenden — erfassen 

^ ,,Die Extreme der Besitzfrage" waren auch der Gegenstand 
seiner Tragikomödie „Ein Trauerspiel in Sizilien". 



Ganzen des Kommunismus und dem Hebbels. 119 

ließ? „Ist es ein gerechter Zustand der Gesell- 
schaft, in welchem der einzelne, wenn ihn die Verhält- 
nisse begünstigen, das an sich raffen und, wofern es 
ihm beliebt, behalten, für die Gesellschaft unfruchtbar 
machen kann, was eben, weil er es besitzt, Tausenden 
fehlt und sie in Not und Tod hineintreibt ?" (T. II, 2722, 
12. Juh 1843). ,, Rothschild müßte den Gedanken ha- 
ben", schreibt er bald darauf am 29. August, „all sein 
Geld in Landbesitz zu stecken und das Land unbebaut 
liegen zu lassen. Nach dem in der Welt geltenden 
Eigentumsrecht könnte er es tun, wenn auch Millio- 
nen darüber verhungerten" (T. II, 2777). 

Und wenn nun einer dieser Verhungernden, sein 
Recht zum Leben behauptend, dem auf der Über- 
zeugung von der ,, Unverbrüchlichkeit" des Eigentums 
gegründeten Recht der Gesellschaft zu nahe tritt ? 

Der Hebbel von 1843 (wie die Daten zeigen, hat er 
sich gerade in diesem Jahre besonders mit dem Pro- 
blem beschäftigt) läßt in der Antwort auf diese Frage 
an Radikalismus nichts zu wünschen übrig. Er geht 
bis zum Äußersten, bis zum Nacherleben des Äußersten: 
,,Der Pauperismus ist doch eine ganz furchtbare Frage, 
Wie, wenn die Leute, die jetzt den Armen hinrichten 
lassen, weil er sich an ihrem Eigentum vergreift, ein- 
mal von den Armen hingerichtet würden, weil sie Eigen- 
tum besitzen ? Das Recht des Besitzes hat scheußliche 
Konsequenzen. Wenn die Soldaten sich einmal plötz- 
lich erinnerten, daß sie selbst zum Volk gehören, und, 
wenn Feuer kommandiert würde, allerdings auch Feuer 
gäben, aber auf den, der kommandiert hätte? Ich 
wünsche solche Zustände nicht, aber sie scheinen mir 
sehr möglich" (31. JuH 1843, T. II, 2747). 

Ein Nacherleben des Äußerston nur, wie gesagt, 
keine definitive Antwort. Eine weniger gewaltsame 



I20 Die Furcht vor der geistigen Nivellierung. 

tritt ihm nahe: Der Gedanke der allgemeinen Güter- 
gemeinschaft, aber auch nur, um sofort abgelehnt zu 
werden. Wie die übermäßige Ungleichheit, so wäre 
eine allgemeine Gleichheit des Besitzes eine Gefahr für 
den Menschen. Wie der Mangel, so wäre die Leichtig- 
keit, die Selbstverständlichkeit des Besitzes eine Hem- 
mung für die Entwicklung, die volle Entfaltung der 
, , Menschen-N atur " . 

,,Die Eigentumsfrage ist eine sehr schwer zu ent- 
scheidende. Auf der einen Seite hat jeder, den die Erde 
trägt, ein Recht darauf, daß sie ihn auch ernähre; auf 
der andern würde eine allgemeine Güter-Gemeinschaft 
unendlich viele Motive aufheben, die der insolenten 
Menschen-Natur notwendig sind, wenn sie nicht er- 
schlaffen soll. Aber, ob es nicht ein Maß des Besitzes 
geben könnte!" ,,Die insolente Menschen-Natur!" Hier 
haben wir bereits den Punkt aufgezeigt, der von dem 
radikalen Hebbel des Jahres 1843 zu dem konserva- 
tiven von 1848 1 führt. Wenn ich oben von der Be- 
fangenheit Hebbels der Eigentumsfrage gegenüber ge- 
sprochen habe, so wollte ich damit nicht sagen, daß 
es im Eigentum nur das Eigentum gewesen wäre, für 
das Hebbel fürchtete. Es war selbstverständlich in 
letzter Linie das Eigentum oder vielmehr der Eigentums- 
erwerb als Mittel zum Zweck. Er glaubte, von 
der Ansicht ausgehend, daß des Menschen Tätigkeit 
allzu leicht zu erschlaffen droht, mit dem Trieb zum per- 
sönlichen Besitz den vornehmsten Sporn, der reizt und 
wirkt, der den Menschen immer wieder zur Aufbietung 
aller seiner Kräfte zwingt, und damit den Fortschritt 
aller Kultur auf das Spiel gesetzt. Er fürchtete von 
der wirtschaftlichen die geistige Nivellierung. 

Die Furcht vor der geistigen Nivellierung, die nach 

* Konservativ in sozialer Hinsicht. 



Die Furcht vor der geistigen Nivellierung. 121 

seiner Ansicht die Folge einer kommunistischen Wirt- 
schaftsordnung sein müßte, tritt uns als der Kern- 
punkt des unter dem Titel: ,,Zu irgendeiner Zeit" 
vereinigten Komplexes seiner Erlebnisse, Gefühle und 
Reflexionen entgegen^. Er sieht im Geiste die gemein- 
same Produktion der wirtschaftlichen Güter zu einer 
Massenproduktion des Geistes, d. h. zum Tod des Gei- 
stes werden. Denn auf geistigem Gebiet kann nur der 
einzelne, die individuelle Struktur des schaffenden In- 
dividuums, gesetzgebend sein: 

,,Die Idee des echten Kommunismus schließt allen 
Besitz, also auch den geistigen aus. Wenn er ausgeführt 
wird, so wird nur die Menschheit noch malen, dichten, 
komponieren^. Dichter, Maler, Komponisten wird es 
aber nicht mehr geben, denn keiner darf sich nennen, 
und jeder ist ein Verbrecher, der es tut" (W. V, 126). 
,,Der Dichter, der sich nennt, wird gehängt" lesen wir 
in anderem Zusammenhang, aber sicher auf diesen 
Kernpunkt hinweisend (S. 122). 

Es wäre also in dieser Gesellschaft das durch Gei- 
stiges Ausgezeichnetsein gleichbedeutend mit sozial un- 
tüchtig, mit Verbrecher sein. 

Auf die Konzeption eines völlig chaotischen Zu- 
standes, eines Zurücksinkens der Menschheit in die völ- 
lige Gestaltlosigkeit, in die undifferenzierte Massenhaftig- 
keit, eines Zustandes, in dem alles Individuelle auf- 
gehoben, der Mensch nur noch animalisches Wesen 
sein würde, deuten Bemerkungen wie diese: ,,Der 
Mensch der Präsident der Tiere, nicht mehr" (S. 123). 



* Ob alles, was der Herausgeber unter diese Rubrik gebracht 
hat (W. V, 122 f.), von Hebbel im Zusammenhang mit dieser Kon- 
zeption gedacht war, darf vielleicht bezweifelt werden. 

* Auch Stein in dem obenerwähnten Buche hatte sich ähnlich 
geäußert. 



122 Die Furcht vor der geistigen Nivellierung. 

„Republik: Alle Tiere sind Untergebene, der Mensch 
ist Präsident, aber jeder Untertan darf nach ihm schnap- 
pen, und es handelt sich darum, ob ihn mehr angreifen 
oder verteidigen" (S. 126), In einem solchen Zustand wäre 
natürlich nicht nur jede Fortentwicklung aufgehoben, 
er könnte überhaupt nur eintreten, wenn auch das Ver- 
gangene ausgelöscht, wenn die Menschheit vergäße, daß 
sie war: ,,Das Gedächtnis der Menschheit, die Ge- 
schichte habe ich ausgelöscht" (S. 123). Daß solche Vor- 
stellungen bei Hebbel nicht nur ,, Spiel", nicht nur 
paradoxe Fiktionen eines utopischen Zustandes waren, 
sondern sich ihm als eine notwendige Konsequenz der 
Weltlage seiner Zeit zu ergeben schienen, geht aus einem 
Brief (22. 4. 1844) hervor, wo er sich über die demo- 
kratisch-kommunistische Richtung Arnold Ruges ähn- 
lich äußert. ,, Ruges Ernst war ursprünglich ein lau- 
terer, aber es hat sich soviel Bitterkeit hineingemischt, 
daß er nicht allein kein Maß mehr hält, sondern auch 
kaum noch nach einem Ziele fragt. So wenig Kunst 
und Wissenschaft, als Religion soll noch bestehen, die 
Geschichte soll bleiben und ihr Gehalt doch wegfallen 
— ich könnte, obgleich wir persönlich ganz gute 
Freunde sind, keine zwei Schritte mit diesen Leuten 
gehen." 

Schon dieser Brief allein zeigt, wie stark Hebbel 
innerlich mit dem Problem beschäftigt war, und welche 
nach Hebbels Meinung die letzten Gründe waren, auf 
die in einem demokratisch-kommunistischen Welt- 
zustande die geistige Nivellierung zurückzuführen wäre. 

,,Ich sagte ihm neulich: Die Welt, die Sie aufbauen, 
wird über kurz oder lang auch wieder in zwei Parteien 
zerfallen, in die der Gejagten und die der Jagenden, denn 
die Menschen werden sich in Ihrem Staate so vermehren, 
daß sie sich notwendig selbst auffressen müssen, und 



Die Furcht vor der geistigen Nivellierung. 123 

dann haben wir wieder eine Aristokratie, die frißt, und 
einen Pöbel, der gefressen wird"^ 

Wir sehen hier: Der Kommunismus, an sich schon 
eine Bedrohung des e'hergetischen Prinzips, wird dies 
in erhöhtem Maße noch dadurch, daß er die Über- 
völkerung und in dieser eine weitere Gefahr für die 
Kultur, die Gefahr der Überwucherung des Geistigen 
durch die Masse, der Erdrückung der Form durch den 
rohen Stoff mit sich führt. Aus ihr in erster Linie, der 
Übervermehrung, würde sich jenes Zurücksinken in den 
chaotisch-animalischen Zustand als notwendige Folge 
ergeben. 

So sind wohl Bemerkungen wie diese zu deuten: 
„Leichenschmaus, wo der Tote verzehrt wird. Hohn, 
daß man so Köstliches einst in die Erde scharrte. Tot- 
schlag und System" (S. 123). Oder: ,,Ein Luft- 
schein: wer ihn nicht lösen kann, wird von Amts 
wegen erstickt, Leichenschmaus, an der Leiche selbst 
gehalten" (S. 125). 

Nicht sehr anmutend dünkt uns der letzte Ausweg, 
den Hebbel, einem solchen Zustand vorzubeugen, kon- 
zipiert. 

In dem oben erwähnten Briefe schreibt Hebbel wei- 
ter: „Für mein letztes Drama: ,Zu irgendeiner Zeit' 
hatte ich mir, nebst andern Konsequenzen, die mit der 
Zeit aus der jetzigen Weltlage hervorgehen, auch die 
notiert, daß, so wie jetzt die Kinder-Mörderinnen be- 
straft werden, sie dann eine Belohnung erhalten und 

* Die Frage der Übervölkerung und der mit ihr gegebenen 
Gefahr der unzureichenden Ernährung, die man damals noch er- 
wägen konnte, hat Hebbel öfters beschäftigt, ein Beweis, wie sehr 
sein Blick auf die soziahvirtschaftlichen Probleme eingestellt war. 
„Die Frnährungsfrage tritt immer mehr in den V^ordergrund" 
(T. III, 4374). Siehe auch das Gedicht: „Die Erde und der Mensch" 
(W. VI, 303), in dem er gegen die drohende Gefahr die Auswanderung 
empfiehlt. 



1 24 I^iß Furcht vor der geistigen Nivellierung. 

daß Staatsanstalten existieren müßten, worin die Kin- 
der der Pauperisten getötet würden. Es steht in meiner 
Schreibtafe] . Zu meinem größten Erstaunen lernte ich 
nun aus dem Engeischen Aufsatz über National- Öko- 
nomie, daß der berühmte National- Ökonom Malthus 
dies schon wirklich in Vorschlag gebracht, meine Phan- 
tasie also zur Nachhinkerin seines Verstandes gemacht 
hat. Es war mir lieb, denn ich sehe doch daraus, 
daß ich unser jetziges soziales Prinzip richtig gefaßt 
habe." 

Uns interessiert hier weniger die Theorie von Malthus 
selbst, als ihre Auslegung durch Hebbel. Wir sehen 
hier wieder, wie bei ihm Erwägungen, die der empiri- 
schen Weltlage entsprangen, in Konzeptionen eines fin- 
gierten Zustandes übergingen. Diese beiden Momente 
müssen auseinander gehalten werden. Daß Hebbel ernst- 
lich daran gedacht haben sollte, der, nach seiner An- 
sicht, schon jetzt drohenden Übervölkerung mit Mit- 
teln wie den oben angegebenen zu begegnen, dürfen wir 
doch wohl nicht annehmen, wenn er selbst auch durch 
seine Art, W'irkliches und Gedachtes in einen Konnex 
zu bringen, Veranlassung dazu gibt. Ich stimme hier 
seinem Biographen R. M. Werner bei, der ihn vor die- 
sem Mißverstandenwerden bewahren zu müssen glaubt, 
indem er sagt (S. 229): ,,Er folgerte nur ein solches 
Gesetz aus den Utopien der Kommunisten und sah darin 
eine Form der Tragik für die Zukunft, ebenso wie in der 
Aufhebung jedes geistigen Eigentums oder in der zu 
erwartenden Gehimsteuer." Eine Form der Tragik für 
die Zukunft, falls sich diese Zukunft realisieren sollte. 
Daß ihm dies möglich, ja notwendig schien, wenn die 
in der Zeit liegenden Tendenzen sich wirklich durch- 
setzen sollten, und daß er sich mit diesem, die Para- 
doxien erklärenden Pathos dagegen stemmte, ist für 



Hebbel als Individualist. 125 

uns das Wichtige^. So und nicht anders können wir 
wohl Äußerungen ausdeuten, wie diese: „Prämie auf 
den Kindermord. Setzt Jemand überhaupt ein Kind 
in die Welt, so muß er dies töten oder selbst sterben." 
,,Der, der einen Menschen ohne Erlaubnis in die Welt 
setzt, muß sich selbst töten" (S. 123). ,,Eine Bartholo- 
mäusnacht, aber in anderem Sinne, als die erste, um 
die Bevölkerung der Erde auf das ihrer Produktions- 
kraft entsprechende Maß zu reduzieren, in Folge all- 
gemeinen Volksbeschlusses" (S. 125). 

Eine kommunistische Gesellschaftsordnung, wie sie 
Hebbel für sein Drama ,,Zu irgendeiner Zeit" vor- 
schwebt, würde sich selbst aufheben. Sie würde den 
Tod der Menschheit bedeuten. Sie würde die Menschen 
durch die Mittel, die sie zu ihrer Selbsterhaltung zu 
ergreifen gezwungen wären, auf eine Stufe zurück- 
schrauben, auf der es kein Vorwärts, nur noch ein Zu- 
rück bis zum völligen Animalismus und in diesem bis 
zur völligen Selbstvernichtung geben könnte. Sie wäre 
also die letzte und höchste Versündigung an dem Gan- 
zen, an der Idee der Menschheit. 

Um so mehr muß betont werden, daß es hier nicht 
so sehr das Ganze — wenn dieses bei einem Hebbel 
selbstverständlich auch immer das letzte bedeutet — 
als der Einzelmensch ist, der den unmittelbaren Aus- 
gangspunkt dieser Konzeption bildet. Nicht das Ganze, 
weder das empirische, noch das metaphysische Ganze, 
sondern das Individuum, das geistig wirksame Indi- 
viduum ist es, von dem aus hier der kommunistische 
Gesellschaftszustand bewertet, für das hier auf eine 
drohende Gefahr aufmerksam gemacht wird. Hebbel, 



* Man könnte in dieser ganzen Haltung einen Widerspruch zu 
seiner Auffassung von der Notwendigkeit, mit der sich der geschicht- 
liche I'rozeU vollzieht, erblicken. 



126 Interpretation Scheunerts. 

der so sehr für den Staat von dem Individuum fürchtete, 
fürchtet hier für das Individuum von der Gesellschaft. 
Hier ist Hebbel Individualist und nicht nur in 
jenem uns bekannten mittelbaren Sinne. Wie er den 
Kommunismus ablehnt, weil er von dem Interesse des 
einzelnen ausgeht und in diesen mündet, so lehnt er 
ihn ab, weil in ihm das Interesse des einzelnen Schaden 
erlitte. Wie er ihn ablehnt auf Grund seiner universa- 
Hstisch-metaphysischen Weltanschauung, so lehnt er ihn 
ab als ästhetisch-empirisches Individuum. Hebbel ist 
Antikommunist aus Antiindividualismus und 
aus Individualismus. 

Ich kann nicht umhin, hier auf die dieser Inter- 
pretation durchaus entgegengesetzte Scheunerts hin- 
zuweisen. 

Scheunert, Hebbels Gedanken von dem auf der 
Maßlosigkeit des Individuums und der Selbstkorrek- 
tur der Idee beruhenden Weltlauf weiterspinnend, sieht 
bereits in dem Titel: ,,Zu irgendeiner Zeit" einen Zu- 
stand, in dem das letzte Stadium in dem Verhältnis 
zwischen Individuum und Idee, d. h. ein Zustand 
erreicht wäre, in dem, entgegen dem seitherigen 
Antagonismus, das Individuum in die Idee, und 
zwar willig, aufgegangen wäre. Den Fortschritt, der 
nach Hebbel nicht in der Menschheit, sondern nur 
im Individuum liegt, sucht Scheunert in der Annähe- 
rung des Individuums an die Idee, dessen Vervoll- 
kommnung in dem Aufgeben des Widerstandes gegen 
die Idee bis zum letzten Eingehen in sie. Das letzte 
Ziel wäre dann die vollständige ,,Entindividuahsierung", 
die auf einem völligen Auslöschen alles Individuellen be- 
ruhende ,, pantragische Versittlichung der Welt" (S. 175). 
Hier wäre dann der Streit zwischen Idee und Einzel- 
wesen endgültig gelöst : ,,Hat nun der Mensch die Idee 



Interpretation Scheunerts. 127 

des ewigen Rechtes nach allen Möglichkeiten ihrer 
Anwendung — — — erfaßt, so hat er seine 
Stellung zur Idee endgültig begriffen; eine weitere 
historischeEntwicklung seines Begriffes von seinem 
Verhältnis zur Idee ist nicht mehr möglich, und wenn 
die Geschichte als eine Entwicklung dieses Begriffes 
angesehen wird, was vom Standpunkt des Pantragis- 
mus aus geboten ist, so hat dann die Zeit, zu der eine 
Tragödie spielt, gar keine Bedeutung mehr, weil sich 
die Auffassung, die der Mensch von seinem Verhält- 
nis zur Idee hat, immer gleich bleibt. Dies ist der Sinn 
des Tragödientitels „Zu irgendeiner Zeit, Tragödie, der 
Zukunft" (S. 172 f.). „Von welcher ausgewaschenen Farb- 
losigkeit", sagt Scheuert selbst, ,, müßte der Anblick des 
Lebens sein, das in einer solchen Tragödie dargestellt 

werden würde (S. 177) Das Streben des einzelnen 

wird die Integrität des Ganzen nicht mehr stören, son- 
dern fördern, der Mensch wird in der Menschheit auf- 
gehen. Immer mehr wird seine individuelle Kontur ver- 
blassen, alle Unebenheiten individueller Kraft und un- 
menschlichen Persönlichkeitstrotzes werden sich glät- 
ten, das Leben wird zu einem Monadentanz" (S. 178). 
So wäre es allerdings, wenn Scheunert mit der Inter- 
pretation Hebbels recht hätte. Ich sehe jedoch nirgends 
bei Hebbel, weder in dem Dramenplan: ,,Zu irgendeiner 
Zeit" noch anderswo, einen Beweis dafür, daß ihm 
ein Leben von solcher ,, ausgewaschenen Farblosigkeit" 
als das mögliche Endziel oder als Ideal vorschwebte. 
Scheunert geht davon aus, daß für Hebbel die empi- 
rische Menschheit und die ,,Idee" identisch seien*, 
oder daß wenigstens durch die Realisierung ihrer Idee 



* „In der Menschheit sieht er die Idee selbst" (S. 180). ,,Die 
Menschheit ist die Idee, sie ist gotterfüllt und gut, aller Fortschritt 
liegt nur im Individuum" (S. 173). 



128 Interpretation Scheunerts. 

auf dem Wege historischer Entwickking die Menschheit 
zu der Idee gelangen, mit ihr dereinst zusammenfallen 
werde. Ich glaube nicht, daß dies von Hebbel so ge- 
meint war. Für Hebbel war auch die reale Menschheit 
nur ein Symbol; nur als das Verhältnis von Sinnbild 
zum wahren Sein kann ihr Verhältnis zur Idee auf- 
gefaßt werden; nur als eine , .unendliche Progression", 
nie als der Weg zu einer in einem empirischen Zustande 
sich erfüllenden Vereinigung kann die Annäherung zwi- 
schen Idee und Menschheit gesehen werden. So wenig 
wie die Platonische Idee und deren sinnliches Abbild, 
so wenig können die Hebbelsche Idee und die Mensch- 
heit je zusammenkommen. 

Noch weniger kann davon die Rede sein, das Ver- 
hältnis des Individuums zur Idee, wie wir es bei Hebbel 
kennen gelernt haben, als einen in einem historischen 
Verlauf sich abwickelnden und lösenden Gegensatz auf- 
zufassen. Damit scheint mir der ganze Sinn dieses Ge- 
gensatzes, dieses ur anfänglichen, ,,mit dem Leben selbst 
gesetzten", metaphysischen Antagonismus aufgehoben. 
Abgesehen davon, daß eine metaphysische Dissonanz 
durch eine historische Entwicklung nie ausgeglichen 
werden kann, wäre ja mit jenem Gegensatz das 
Grundgesetz alles Lebens, wäre das Leben selbst, das, 
wie wir wissen, ja nur auf ihm beruht, aufgehoben. 
Jener Gegensatz bleibt also, muß bleiben, mag sich 
der Mensch entwickeln, wie er wiU; mag dieses Leben 
äußerlich irgendeine Form annehmen, er liegt ihm zu- 
grunde. Das Höchste, was das Individuum, wie in 
der tragischen Kunst, so auch im Leben erreichen kann, 
ist nur das, daß es ,,im Untergang selbst eine geläu- 
terte Anschauung seines Verhältnisses zum Ganzen ge- 
winnt und in Frieden abtritt". 

Aber selbst wenn Scheunert im allgemeinen mit der 



Hebbels Stellung kein Widerspruch zu seiner Weltauffassung. I 29 

Interpretation des Hebbelschen Gedankens recht hätte, 
so hätte er doch kein Recht, sie auf den vorUegenden 
Fall anzuwenden. Auch wenn wir mit Scheunert die 
endliche Lösung jenes Gegensatzes als die logische Kon- 
sequenz seines Bestehens betrachteten, so läge doch 
wohl nach all dem, was hier größtenteils mit Hebbels 
eignen Worten gesagt werden konnte, nichts vor, 
was berechtigen könnte, diese Konsequenz aus ,,Zu 
irgendeiner Zeit" herauszulesen. Weder wird die Ent- 
individualisierung als das sich mit Notwendigkeit aus 
dem Verhältnis des Individuums zur Idee ergebende 
Letzte dargestellt oder gar postuliert, noch wird über- 
haupt ein letzter, das Ende der Entwicklung bedeu- 
tender Weltzustand fingiert. Nicht der letzte, son- 
dern der sich nach Hebbels Meinung aus der gegen- 
wärtigen Weltlage mit Notwendigkeit ergebende näch- 
ste Weltzustand, nicht ein tausendjähriges Reich, son- 
dern eine absehbare Zukunft sollte darin vorgedeutet 
werden. Und nicht sollte das Individuum zugunsten 
einer metaphysischen Einheit ausgelöscht werden, 
sondern sein Recht gegenüber einer empirischen 
Einheit, einer real-greifbaren Gesamtheit verfochten 
werden. 

Für uns entsteht hier nur die Frage : Bedeutet diese 
Parteinahme Hebbels einen Widerspruch zu seiner so 
ganz antiindividualistischen Weltauffassung? Es be- 
darf wohl nicht erst noch langer Auseinandersetzung, 
daß dies nicht der Fall ist. Daß die Wertschätzung des 
Individuellen dieser Weltauffassung nicht nur ohne 
Widerspruch eingeordnet, sondern ein ihr unerläßliches 
Ingrediens genannt werden kann, wissen wir zur Genüge. 
Die letzte Verwendung im Plane der Idee schließt die 
Existenzberechtigung auch des individuellsten Indi- 
viduums nicht aus, sondern ein. 



130 Hebbels Stellung kein Widerspruch zu seiner Weltauffassung. 

Der Metaphysiker Hebbel kann nicht gegen den 
Sozialpolitiker Hebbel verwandt werden. So wenig wir 
aus den oben dargelegten Gründen dem Universalisten 
Hebbel seine Stellung zum Kommunismus als eine In- 
konsequenz nachweisen können, so wenig können wir 
dem Individualisten seinen Antiindividualismus ent- 
gegenhalten. Das Ganze, wie es seiner idealen Bedeu- 
tung nach von Hebbel gemeint ist, und das Ziel, das 
die kommunistische Gesellschaftsordnung praktisch er- 
strebt, schließen sich aus, und der metaphysische Anti- 
individualismus Hebbels läßt den Individualismus in 
dieser Form durchaus zu. 

Individualist in diesem Sinne war Hebbel im- 
mer, er müßte sonst kein Künstler, kein Bildner ge- 
wesen sein, bei dem die Wertung alles Individuellen 
Voraussetzung alles Schaffens bedeutet. Der Künstler 
kann als solcher gar nicht anders als IndividuaUst sein, 
mag sein metaphysisch-ethischer Standpunkt noch so 
antiindividualistisch sein. Hebbels Welt auf fassung hat 
ihn nie gehindert, den Wert jeder Einzelheit, jeder see- 
lischen Einheit insbesondere, wie ihn die menschliche 
Psyche repräsentiert, zu würdigen. Gerade nach dieser 
Richtung hin, als Verkündiger des unendlichen Wertes 
jeder Menschenseele, ist er ja Bahnbrecher des mo- 
dernen Dramas geworden. Die Tragik seiner Ge- 
stalten beruht nicht zum mindesten auf der Nicht- 
anerkennung dieses unendlichen Wertes. Oder viel- 
mehr: Die aus der Maßlosigkeit des Individuums 
hervorgehende Tragik wird an dem Vergehen gegen 
eine seelische Eigenart, der Nicht Würdigung eines see- 
lischen Wertes dargestellt. In diesem Lichte gesehen, 
ist Hebbel so sehr Individualist, wie man es nur sein 
kann. 

Für den Künstler, den Dichter könnte es in der Tat 



Hebbels Stellung kein Widerspruch zu seiner Weltauffassung. 1 3 I 

keinen gefährlicheren Gesellschaftszustand geben, als den, 
der die geistige Nivellierung zur Folge hätte. Gefähr- 
lich in doppelter Hinsicht. Erstens, weil durch ein 
Vermindern der seelischen Eigenarten, der aus der psychi- 
schen Differenziertheit hervorgehenden seeUschen Er- 
lebnisse der höchsten und feinsten Art dem Dichter 
seine vornehmste Stoffwelt reduziert würde, und zwei- 
tens — woran, wie \\ir sahen, Hebbel in erster Linie 
gedacht hatte — , weil die ^röglichkeit seiner künstle- 
rischen Individualität selbst in Frage gestellt würde. 
Wo, wie sich Hebbel in äußerster Zuspitzung dieses 
Gedankens ausdrückt, nur noch die Menschheit malt, 
dichtet und komponiert, wo die höchste, differenzierteste 
Leistung des menschlichen Geistes zu einem formlosen 
Mit- und Aufeinanderwirken würde, da wäre allerdings 
kein Platz mehr für den Maler, Dichter oder Musiker, 
da wäre es um die Kunst geschehen. ,, Alles, was der 
Künstler uns geben kann, ist seine Individualität", 
sagt Schiller. Mit der Möglichkeit der Entfaltung der 
Individualität wäre die Möglichkeit der künstlerischen 
Persönlichkeit aufgehoben. 

Daß diese Entfaltung der künstlerischen Persön- 
lichkeit nicht gleichbedeutend gedacht ist mit Gesetz- 
und Schrankenlosigkeit, dafür ist gerade die zitierte 
Abhandlung Schillers (über Bürgers Gedichte), in der 
das Kriterium der künstlerischen Persönlichkeit nicht 
zum mindesten in die Befähigung zur Selbstzucht ver- 
legt wird, der beste Beweis. Brauchen wir noch nach- 
zuweisen, daß Hebbels Überzeugung die gleiche war? 
Gibt es einen vielsagenderen Ausdruck für diese Über- 
zeugung, daß auch der Künstler von der Selbstzucht, 
das ist hier die sittliche Einordnung unter die Idee des 
Ganzen, nicht nur nicht losgesprochen, sondern sogar 
mehr als der gewöhnliche Mensch ihr unterstellt ist 

9* 



132 Religiöser Individualismus. 

als sein ,, Michelangelo" i? Aber diese Einordnung und 
eine Ordnung, bei der es eben keine Künstler mehr geben 
könnte, sind zweierlei. 

Unterordnung auf dem einen und Individualis- 
mus auf dem andern Gebiet herrscht auch in Hebbels 
religiösen Überzeugungen. Sein Brief vom 23. Mai 1857 
(B. IV, '^'j f.) vertritt den Standpunkt des absoluten 
Individualismus in religiösen Dingen. Es ist des Men- 
schen heiligstes Recht, „sich den allmächtigen Puls- 
schlag, den er fühlt, auf seine Weise auszulegen. Wo 
man dies bestreitet, da ist der Papst, und mit dem Papst 
auch der Großinquisitor fertig; wo man es einräumt, 
da ist das Individuum gegen einen Zwang, der nur zur 
Zerknickung oder zur Heuchelei führen kann, geschützt 
und die sittliche Ordnung der Dinge nicht im minde- 
sten gefährdet." 

Gerade die sittliche Ordnung ist es, die ethische 
Gebundenheit, die hier mit der gleichen Entschieden- 
heit wie der religiöse Individualismus postuliert wird. 
W^as Hebbel für die Religion ablehnt, die Berufung auf 
eine ihren Wert konstituierende Offenbarung, das wird 
für die Sittlichkeit zugegeben 2. Bei aller Verschiedenheit 
der Religionen gibt es einen Ort ,,wo der unnahbare 

Urgrund der Welt sich deutlich vernehmen läßt, 

und das ist die menschhche Brust. Und hier soUte die 
Offenbarung unvollständig sein ? Hier sollte sie nur auf 
die Pflicht, nicht auch auf den Glauben gehen, wenn 



1 ,,Daß Michelangelo die tiefste Demut predigt" (B. VI, 74). 
B. V, 237 sagt Hebbel, daß er meine, im ,, Michelangelo" ,, einen ganz 
allgemeinen ethischen Prozeß dargestellt zu haben, der sich in jedem 
Menschenleben wiederholt und im Künstler höchstens etwas 
schärfer hervortritt". 

2 Offenbarung nicht im Sinne einer von außen kommenden 
übersinnlichen Erleuchtung, sondern einer unmittelbaren, evidenten 
Einsicht. 



Hebbel kein Organ für den idealen Anarchismus. 133 

von diesem für den Menschen nicht bloß soviel, son- 
dern unendlich viel mehr abhinge, wie von jener?" 

,,Dann aber ist das Resultat: strengste Gebundenheit 
des Menschen im Handeln und vollkommenste Freiheit 
im Glauben, denn auf der einen beruht die sittliche 
Welt, auf der anderen die intellektuelle. Die sittliche 
Welt sollen wir alle gemeinsam bauen, darvim erging an 
uns alle mit gleicher Eindringlichkeit der gleiche Ruf; 
das spekulative Bedürfnis soll sich jeder auf seine Weise 
befriedigen, daher sind hier keine Schranken gesetzt"^ 
Kein Verständnis hatte Hebbel für den idealen Kern, 
der in den kommunistisch-anarchistischen Gesellschafts- 
theorien schlummert. Wollen sie doch, weit davon ent- 
fernt, das Zurücksinken in die Tierheit als letzte Konse- 
quenz zu enthalten, vielmehr gerade durch die Sicherung 
des äußeren Wohles jedes einzelnen zur Befreiung von der 
Materie und durch diese zur höchsten Geistigkeit führen, 
den äußeren Zwang nur aufheben, um die innere Ge- 
setzlichkeit an seine Stelle zu bringen, und den äußerlich 
gebundenen Menschen durch den sich selber bestim- 
menden und dadurch allein sittlichen Menschen er- 
setzen, proklamieren sie doch letzten Endes den Eu- 
dämonismus nur aus Idealismus. Hebbel hätte sonst 
nicht über einen Proudhon, den Vertreter des ideali- 
stischen Anarchismus, wie wir ihn eben zu fassen ver- 
.suchten, schreiben können: ,,Es gibt Leute, welche die 
Sonne für den einzigen Schandfleck am Himmel halten, 
und denen die ewigen Ideen des Wahren, Guten und 
Schönen wie eine Art Aussatz des Menschengeistes vor- 
kommen. (Proudhomme [Hebbel schreibt immer so] 
und seine Schule)" (T. III, 4984). 



* Es ist hier nicht der Ort, dem hier von Hebbel proklamierten 
Standpunkt: ,,der strengsten Gebundenheit im Handeln" als Moral- 
prinzip auf seine objektive Richtigkeit hin naher zu treten. 



1 24 Richard Wagner. 



Es hat Künstler gegeben, die darüber anders dach- 
ten, Zeitgenossen Hebbels. Nichts hegt näher, als an 
die der Hebbelschen so durchaus entgegengesetzte Stel- 
lung Richard Wagners, des Wagner von 1848, zu er- 
innern. 

Gegen Hebbels ängstüche Sorge für das Eigentum 
sticht Wagners ,, sozialer Ingrimm gegen die Besitzen- 
den", sein ,, Auflehnen gegen die moderne kapitalistische 
Gesellschaftsordnung" (Dinger, S. 198) nicht gerade 
unvorteilhaft ab. Und während Hebbel von einer so- 
zialen Neuordnung im bekannten Sinne alles für die 
Kunst fürchtete, sieht \\'agner in derselben Neuord- 
nung, einer Ordnung, die der jetzt herrschenden ent- 
gegengesetzt wäre und die nur aus der ,, unausbleiblich 
bevorstehenden großen sozialen Revolution" (Ges. Sehr. 
Bd. HI, 40) hervorgehen kann, den Boden geschaffen 
für das Entstehen einer wahren Kunst. Der ,, schöne, 
starke und freie Mensch" Wagners aber, der allein die 
wahre Kunst schaffen kann, und der nur auf Grund 
dieser neuen Ordnung möglich ist, ist kein anderer wie 
der des idealistischen Anarchismus, den wir meinen. 

Wagner stand, wie dies auch Dinger sehr betont, 
zu jener Zeit auf dem Boden des anarchistischen Ge- 
dankens. Von seinem künstlerischen wie von seinem 
eudämonistischen Individualismus aus war er zum 
Anarchismus als dessen extremster Form gekommen, 
er faßte ihn als eine Gesellschaftsordnung, in der 
weder staatlicher Zwang, noch die Vorrechte der Ge- 
burt und des Besitzes dem einzelnen wehren sollte, 
zum ,, künstlerischen Menschentum, zur freien Men- 
schenwürde zu gelangen". 

Während Wagner so auf der einen Seite den für die 
Kunst unentbehrlichen Individualismus gewährleistet 
sieht durch eine soziale Ordnung, die Hebbel eben um 



Richard Wagner. 135 



dieses Individualismus willen verwirft, ist ihm das 
Kunstwerk, wiederum im Gegensatz zu Hebbel, ein so- 
ziales Produkt, eine aus dem gemeinsamen Geist heraus 
geborene Schöpfung, Aus der , .Allgemeinsamkeit" 
allein kann die wahre, die ,, allmenschliche" Kunst ent- 
stehen. ,,Das Kunstwerk ist die lebendig dargestellte 
Rehgion. — Religionen aber erfindet nicht der Künst- 
ler, die entstehen aus dem Volke" (ibid. S. 63). 

Ein solches Volk aber, als die Bedingung eines 
kunstgebärenden Geistes, kann wie der schöne und 
starke Mensch nur durch eine völlige Umgestaltung un- 
seres sozialen nicht nur sondern auch politischen Le- 
bens, durch eine völlige Neugeburt von Inhalt und 
Form unseres Gemeinschaftslebens erhofft werden. 
Der starren, nur durch äußeren Zwang erhaltenen staat- 
lichen Vereinigung ^ der das moderne Leben in seiner 
innem Öde, seiner ,, modisch-polizeilichen Einförmig- 
keit" entspricht, stellt Wagner die freien Vereinigun- 
gen der Zukunft entgegen, kunstschaffende Vereini- 
gungen, die, weit davon entfernt, den künstlerischen 
Individualismus zu beeinträchtigen, diesen erst durch 
,, reichen, ewig erfrischenden Wechsel" mannigfaltigster 
Individualitäten ermöghchen. 

Die Idee dieser freien kunsttätigen Vereinigung er- 
weitert sich bei Wagner zu der Idee des gesamten kunst- 
schaffendcn Volkes; und würden wir Wagner ganz 
wörtlich nehmen, so kämen wir nach ihm in der Tat 
dazu, daß in Zukunft, wie Hebbel fürchtete, nicht mehr 
der Künstler, sondern die Menschheit dichtet und malt. 
,,Sü und nicht anders muß die Künstlerschaft der Zu- 
kunft beschaffen sein, sobald sie eben kein anderer 
Zweck, als das Kunstwerk vereinigt. Wer wird dem- 

' Freie Vereinigungen statt des Zwangsstaates waren auch das 
Ideal Proudlions. 



136 Richard Wagner. 



nach aber Künstler der Zukunft sein? Der Dichter? 
Der Darsteller? Der Musiker? Der Plastiker? Sagen 
wir es kurz: Das Volk. Dasselbige Volk, dem wir 
selbst heutzutage das in unserer Erinnerung lebende, 
von uns mit Entstellung nur nachgebildete, einzig wahre 
Kunstwerk, dem wir die Kunst überhaupt einzig ver- 
danken"! (S. 169!). 

Kehren wir zum Ausgangspunkt unserer Betrach- 
tung zurück. Wir haben gesehen, wie Hebbel sich von 
der Erfahrung der von ihm mit rein menschlich-starkem 
Gefühl miterlebten sozialen Mißstände zur Betrachtung 
der entsprechenden Theorien wandte; wie er jene Er- 
fahrungen dichterisch verwertete, wie die Ereignisse 
eine intensive Parteinahme veranlaßten. Eine befrie- 
digende praktische Lösung des Problems hat Hebbel 
nicht gefunden. Den Theorien, die jene Übelstände nur 
mit den geschichtlich gewordenen Institutionen, als 
deren Begleiterscheinung wir sie kennen, abschaffen zu 
können glauben, konnte er sich nicht anschließen. Er 
konnte ihnen — ganz abgesehen von ihrem objektiven 
Wert oder Unwert — nicht beistimmen, weil die Kon- 
sequenzen, die er, ob mit Recht oder Unrecht aus ihnen 
zog, nicht nur den Bestand der historischen Institu- 
tionen sondern der menschlichen Gesellschaft überhaupt 
in Frage stellten. Und von andern, weniger radikalen 
Lösungsversuchen, die er erwogen haben könnte, liegt 
uns nichts vor. 

Aber irgendwie mußte sich Hebbel doch mit jenem 
Problem abfinden ! Er hatte trotz seiner durchaus anti- 
eudämonistischen Weltauffassung als unmittelbar füh- 
lender Mensch die Frage gestellt, wie sich jene, dem, 



* Stammten Hebbels Äußerungen nicht aus der Zeit vor der 
Veröffentlichung des Werkes von R. Wagner, so könnte man an 
eine Parodie bei Hebbel denken. 



Hebbels Lösung des Problems eine metaphysische. 137 

der sie einmal erlebt hat, ungeheuerlich erscheinenden 
Dissonanzen auf sozialem Gebiet lösen lassen. Und er 
hatte keine praktisch zu verwirklichende Antwort ge- 
funden ! 

Hebbel müßte nicht er selbst gewesen sein, wenn 
er nicht zuletzt, als ihm die empirische Welt die Ant- 
wort versagte, zu einer andern seine Zuflucht genom- 
men hätte. In die Metaphysik des Weltgeschehens wurde 
die Lösung jenes Problems versetzt. 

Jene Verhältnisse sind furchtbar aber sie sind — not- 
wendig; wie die Schuld sind sie mit dem Leben selbst 
gesetzt. Müssen wir uns nicht bei so vielem, wo uns 
die letzte Erkenntnis und damit die letzte Rechtferti- 
gung versagt ist, mit der abfinden, daß es so sein muß, 
wie es ist, daß es seine letzten Gründe in den Bedin- 
gungen eines uns uneinsichtigen Zusammenhangs hat ? 
Warum nicht auch hier? ,, Abends Louis Blanc über 
die Organisation der Arbeit gelesen, ein an faktischen 
Darlegungen der Weltverhältnisse reiches Büchlein. Sie 
sind schrecklich, aber wer kann sie ändern?" (T. III, 
4108). ,,Proudhomme und seinesgleichen könnten 
ebensogut gegen den Typhus, die Schwindsucht usw. 
eine Philippika halten, wie gegen das, was sie die Grund- 
übel der Gesellschaft nennen, denn diese können in 
ihrem Sinne ebensowenig abgestellt werden, wie jene, 
und nur die vollkommene Unfähigkeit, bis zum Kern 
der Dinge durchzudringen, kann das bestreiten" (T. III, 

4907)- 

Diese Anschauung vertieft sich gegen Ende seines 
Lebens. Es war in seiner Korrespondenz die Möglich- 
keit, ,,daß sich aus dem Sozialismus eine ganz neue 
Kunst und Poesie entwickeln werde" (24. 12. 1862, 
B. VII, 282) erörtert worden. Hebbel verhält sich ab- 
lehnend und weist damit seinen Jugenddramen, die 



138 Hebbels Lösung des Problems eine metaphysische. 

er nur „als Skizzen betrachten kann, an denen sich 
der Charakterisiker so weit entwickelte, daß der Dichter 
nicht mehr Gefahr lief, den leeren Schein des Schönen 
mit dem Schönen selbst zu verwechseln" (ebd.), eine 
rein historische Stellung an. Seiner jetzigen Auffassung 
nach ist das soziale Problem kein Stoff für die Tragödie. 
„Die nähere Entwicklung Ihres Begriffs von der sozialen 
Tragödie", schreibt Hebbel dann am 27. Januar 1863, 
„hat mich außerordentlich interessiert. Dennoch kann 
ich meinen ästhetischen Standpunkt nicht aufgeben. 
Ich kenne den furchtbaren Abgrund, den Sie mir ent- 
hüllen, ich weiß, welch eine Unsumme menschlichen 

Elends ihn erfüllt Aber das ist eben die nüt dem 

Menschen selbst gesetzte, nicht etwa erst durch einen 
krummen Geschichtsverlauf hervorgerufene allgemeine 
Misere, welche die Frage nach Schuld und Versöhnung 
so wenig zuläßt, wie der Tod, das zweite, allgemeine, 
blind treffende Übel, und deshalb ebensowenig, wie 
dieser zur Tragödie führt. Man kommt von hier aus 
vielmehr zur vollständigen Auflösung der Tragödie, zur 
Satire, die der sittlichen Welt ihre schreienden Wider- 
sprüche unvermittelt ins Gesicht wirft, und zu aller- 
erst die tragische Form selbst und den tragischen Dich- 
ter, wie er Sandkörner nachwiegt und den Berg, von 
dem sie abgesprungen sind, nicht bemerkt oder doch 
vor ihm die Augen zudrückt. Eine solche Satire kann 
nun gar wohl als Komödie hervortreten, und ein Ver- 
such, wie mein Trauerspiel in Sizilien, mag er an sich 
wert sein, was er will, findet in ihr seine sonst ganz 
unmögliche Rechtfertigung" (B. VII, 293). 

Ich kann hier mit Hebbel nicht übereinstimmen. 
Ganz abgesehen davon, daß sich doch wohl darüber 
streiten läßt, ob die allgemeine Misere nicht erst durch 
einen krummen Geschichtsverlauf hervorgerufen oder 



Die Lösung nicht befriedigend. 139 

mit dem Leben selbst gesetzt ist, kann auch von Hebbels 
Standpunkt aus die Lösung des Problems nicht be- 
friedigen. Man könnte die Frage auiwerfen, ob die all- 
gemeine Misere, gerade, weil sie mit dem Leben selbst 
gesetzt ist, als überindividuelle, das Individuum ver- 
nichtende Macht, unmöglich einen tragischen Faktor 
abgeben könne! Für Hebbel war, wie wir sahen, die 
Notwendigkeit des Weltgeschehens zugleich die Sitt- 
lichkeit des Weltgeschehens. Die mit dem Leben selbst 
gesetzte, also notwendige Misere, der furchtbare Ab- 
grund, müßte also auch in jener Notwendigkeit ihre 
versöhnende Lösung finden. Und doch ist dies nicht 
der Fall. Die sittlichen Widersprüche bleiben, die in 
der Tatsache des allgemeinen Elends liegen. Sie kön- 
nen selbst in der Tragödie, deren letzte Bedeutung doch 
in der Auflösung der anscheinenden Widersprüche des 
W'eltgeschehens beruht, keine Lösung finden. Ja, sie 
sprengen vielmehr die tragische Form selbst, sie machen 
die tragische Versöhnung illusorisch, denn in ihnen 
bleibt etwas jeder tragischen Versöhnung Spottendes 
zurück, etwas, was sich zu dieser verhält wie der Berg 
zu den Sandkörnern, die von ihm abgesprungen sind. 
Lassen wir hier die ästhetische Frage, ob sich die Satire 
zur Tragödie so verhält, wie Hebbel es hier angedeutet 
hat, ganz beiseite. Halten wir uns einfach an die 
Weltauffassung Hebbels. Innerhalb dieser Weltauf- 
fassung kann es gar nichts geben, was einer tragischen 
Versöhnung niclit fähig wäre. Es müßte über den 
Rahmen des Lebens selbst hinausgehen. Und ebenso- 
wenig kann es vom Standpunkt seiner tragischen Theo- 
rie aus eine Dissonanz geben, die niciit in dem drama- 
tisch-tragischen Ablauf ihre Lösung finden könnte. 
Denn das Wesen der Welt und das \\ t.'sen des Dramas 
sind ja ein und dasselbe. 



140 Ein indirekter Beweis für den Individualismus Hebbels. 

Schließt also Hebbel das allgemeine Elend als eine 
nicht zu lösende, eine untragische Dissonanz von dem 
Kreis des tragischen Geschehens aus, so beweist das nur, 
me wenig ihn j ene metaphysische Lösung, die ihm sonst 
über alle Widersprüche des Lebens hinweghalf, hier, wo 
sich dem fühlenden, dem empirischen Menschen der 
furchtbare Abgrund in seiner ganzen Trostlosigkeit täglich 
neu enthüllte, befriedigte, wie tief ihn jenes Problem 
nach wie vor gepackt hielt, so tief, daß hier, an diesem 
Punkt, seine ganze Welt auf fassung zu versagen drohte^. 



Es scheint mir nicht überflüssig zu sein, zuletzt noch 
einen indirekten Beleg für die Bedeutung, die der in- 
dividualistischen Region innerhalb der universalisti- 
schen Weltauffassung Hebbels zukommt, zu bringen. 
Es ist die rückhaltlose Zustimmung, die Hebbel einer 
staatswissenschaftlich-politischen Pubhkation, die aus 
einer der seinigen verwandten individuahstischen Stim- 
mung hervorging, zollte. Diese Zustimmung, die an 
sich nichts Außergewöhnliches hätte, wird aber erst be- 
deutungsvoll im Hinblick darauf, daß die Grundlage, 
auf der das Werk aufgebaut ist, eine Staatsauf fassung 
bedingt, die der Hebbels durchaus entgegengesetzt 
ist, und die er sonst nicht scharf genug bekämpfen zu 
müssen glaubte. Es handelt sich um das 1854 erschie- 

^ Sollte man gegen diese Auseinandersetzung etwa den Ein- 
wand erheben, daß Hebbel, indem er das allgemeine Elend wie Tod, 
und Krankheit, in die Reihe „der blind treffenden Übel" versetzte, 
es als natürliche und nicht als metaphysische Notwendigkeit auf- 
faßt, und deshalb aus dem Kreis des tragischen Prozesses verweist, 
so ließe sich darauf antworten, daß er das Elend, indem er es gleich- 
zeitig ,,mit dem Menschen selbst gesetzt" nennt, der metaphysischen 
Urschuld prinzipiell gleichstellt und daß auf der anderen Seite die 
blind treffenden Übel in jenem anderen Sinne nicht nur aus dem 
Kreis der Tragödie, sondern der Poesie überhaupt auszuscheiden, 
also auch für die Satire ungeeignet sein dürften. 



Eötvös. 141 

nene Buch des ungarischen Staatsmanns und Dichters 
Josef V. Eötvös: „Über den Einfluß der herrschenden 
Ideen des 19. Jahrhunderts auf den Staat"^. 

Es soll in dem Buthe gezeigt werden, \sie sich mit 
den seit 1789 das poUtische Leben beherrschenden 
Ideen: Freiheit, Gleichheit, Nationalität, die Institu- 
tion des Staates verträgt. Dazu unternimmt Eötvös 
zuerst eine Scheidung zwischen dem nach seiner Mei- 
nung wahren Sinne dieser Ideen und dem ihnen irr- 
tümlich unterschobenen. Ihrem wahren Sinne nach 
machten sie, meint Eötvös, das Staatsleben überhaupt 
erst möglich, in der falsch verstandenen Auslegung 
heben sie sich nicht nur gegenseitig auf, sondern zer- 
störten, realisiert, den Bestand der Staatsformen und 
damit der Zivilisation. 

Unter wahrer Freiheit versteht Eötvös nicht die po- 
litische, sondern die individuelle Freiheit, die nach ihm 
ein Zustand ist, in dem jeder innerhalb der Grenzen 
des Möglichen zu einem selbstgewählten Zweck die 
eignen Kräfte und die der Natur gebrauchen kann. 
Die Freiheit in diesem Sinne ist die Grundlage und das 
Ideal unserer Zivilisation. 

Indem man nun aber die individuelle Freiheit als 
poUtische faßte und die politische Freiheit, d. i. die 
gleiche Teilnahme an der Gesetzgebung, jedem ge- 
währen wollte, gelangte man zur ,, Gleichheit". Die Kon- 
sequenz der bürgerhchen Gleichheit, die unbedingte 
Volkssouveränität, das Ideal Rousseaus und der Re- 
volution, ist als solche die Verwechslung der Begriffe 
der Freiheit der Individuen mit der Macht der Gesamt- 



1 Wiederholt kommt Hebbel darauf zurück. Er habe sich 
intensiv mit ihm beschäftigt und , .zähle es zu dem Gediegensten, 
was in der politischen Literatur seit lange hervortrat. Die Wider- 
legung möchte ich sehen" (B. V, 209) , .vielleicht das Gedie- 
genste, wdii seit 1789 im publizistischen Gebiet erschien" (ibid. S. 253). 



142 Eötvös. 

heit. Jeder einzelne wäre nach jenem Ideal um so 
freier, je mehr er regiert wird und je mehr er regiert. 
Aus der Freiheit ist also auf diesem Wege die absolute 
Herrschaft, aus der Gleichheit die gleiche Unterwerfung 
aller geworden. 

Die notwendige Konsequenz der politischen Gleich- 
heit wäre die soziale des Besitzes. Das Volk würde 
nicht zögern, in dieser das einzige Mittel zu jener 
zu verlangen. Der Volkssouveränität müßte der Kom- 
munismus, also die Auflösung folgen. Und ebenso 
würde die ,, Nationalität" in dem falsch verstandenen 
Sinne, in dem sie entweder Herrschaft einer einzelnen 
Nationalität oder politische Dezentralisation bedeutet, 
die Auflösung zum mindesten der jetzigen Staaten nach 
sich ziehen. Sollen also diese erhalten werden, so müßten 
an Stelle der falschen die wahren Begriffe zur Herrschaft 
gelangen, d. h. ihr historisch-ursprünglicher Sinn muß 
wiederhergestellt werden. 

Nicht die politische, sondern die individuelle Frei- 
heit ist die treibende Kraft der modernen Zivilisation 
gewesen. Völlige Unterordnung unter die Sphäre des 
Staats war das Ideal des Altertums. Das Christentum 
hielt in der religiösen Freiheit zum erstenmal der 
absoluten Staatsgewalt ,, einen besonderen Kreis indivi- 
dueller Berechtigung, worauf sich die Gewalt des Staates 
nicht ausdehnen dürfe" (II, 13), entgegen. 

Und so kann die wahre Gleichheit nur die Gleichheit 
in der individuellen Freiheit sein, wie die falsche aus 
der politischen hervorging. Sie ist nichts als ,,das Mittel, 
wodurch die Freiheit für alle erreicht werden soll" 
(ibid. S. 54). Ebenso ist die Idee der Nationalität in 
letzter Linie auf die individuelle Freiheit zurückzu- 
führen. ,,Die Begeisterung für den Begriff der Natio- 
nalität ist nichts als eine feierliche Protestation aller 



Eötvös. 143 

Völker im Namen des christlichen Prinzips der indi- 
viduellen Freiheit gegen das Prinzip der Allmacht 
des Staats, welches man dem Heidentum entlehnt" 
(ibid. S. 520). 

Nach Eötvös ist die ursprünglich treibende Kraft 
noch der französischen Revolution wie auch der von 
1848 nicht die Volkssouveränität, sondern die indivi- 
duelle Freiheit gewesen. Bei Rousseau wie bei Robes- 
pierrc war die Gleichheit nur das Mittel, die Freiheit 
der Zweck. Man wollte nicht gegen die absolute Königs- 
macht die absolute Volkssouveränität ; man wollte die 
individuelle Freiheit eintauschen, aber man schlug den 
falscTien ^^'eg dazu ein*. 

Die individuelle Freiheit ist, wie wir sehen, 
Anfang und Ende, die Zentralidee, die alle Wertungen 
bestimmt. Soweit die politischen Ideen und Gestaltun- 
gen die individuelle Freiheit gewährleisten oder nicht, 
werden sie für gut befunden oder abgelehnt. Von dem 
Postulat dieser individuellen Freiheit aus gelangt 
Eötvös zu einer negativen Bewertung all derjenigen 
politischen und vor allem sozialen Erscheinungen und 
Theorien, die auch Hebbel von seinem Individualis- 
mus aus ablehnen zu müssen glaubte. Was Hebbel nur 
in vagen Andeutungen, fragmentarisch-skizzenhaft, als 
Sphtter einer poetischen Konzeption niedergelegt hat, 
begegnet uns bei Eötvös als Grundlage eines wissen- 
schaftlichen Werkes. So darf uns das Buch von Eötvös 
in gewissem Sinne als eine Ergänzung, jedenfalls als 
eine Beleuchtung und Verstärkung jener unvollkom- 
menen Ausführungen Hebbels dienen, auf die wir durch 
die Tatsache seiner außergewöhnlichen Anerkennung mit 
Notwendigkeit hingewiesen werden. 

* In der englischen und amerikanischen \'erfassung sieht E. 
die Gewähr inchvichieller und pohtischer I'reiheit. 



144 Eötvös. 

Trotzdem bleibt nach meiner Ansicht in dieser 
ungewöhnlichen Anerkennung etwas Rätselhaftes. 
Zuerst dürfte sich der Individualismus Hebbels mit 
dem von Eötvös inhaltlich nicht durchaus decken. 
Während der letztere mehr nach der äußeren Bewe- 
gungsfreiheit zielt, stellte sich jener mehr als eine 
Abwehr gegen die innere ps^-chische Nivellierung dar. 
Dann ist es, während Hebbel das Individuum vor 
einer möglichen Gesellschaftsordnung zu schützen 
suchte, Eötvös' vornehmste Sorge, die individuelle 
Sphäre gegen die des Staats abzugrenzen. Und 
damit kommen wir zur Hauptsache, zu der schon 
hervorgehobenen, zwischen beiden bestehenden funda- 
mentalen Differenz. Und das Rätselhafte ist, daß 
Hebbel dieses prinzipiell trennende, hochwichtige Mo- 
ment so ganz ignorieren konnte, daß er sich mit 
den in diesem Werk niedergelegten Auffassungen so 
ohne jeden Vorbehalt identifizieren konnte, ungeach- 
tet dessen, daß sie aus einer Gesamtanschauung her- 
vorgegangen sind, die eine absolute Antithese der 
seinigen darstellt. 

Die Staatsauffassung, von der Eötvös ausgeht, 
ist eine durchaus individualistisch-utilitarische. Er 
fragt nach dem Rechtsgrund — nicht des Entstehens 
wie die Individualisten des Naturrechts, sondern des 
Bestehens der Staaten. Dieser kann nur in seiner Not- 
wendigkeit für irgendeinen Zweck liegen. Und dieser 
Zweck kann nur bei den Individuen gesucht werden. 
Der Staat ist nicht Selbstzweck. 

Der letzte Zweck des Staates ist die Sicherung der 
materiellen und geistigen Güter der Menschen. Die 
Sicherung, nicht die Beschaffung. Da aber die einzige 
Bedingung auch der Beschaffung die individuelle Frei- 
heit ist, so erweist sich auch von dieser Seite her 



Eötvös. 145 

die individuelle Freiheit als die letzte Aufgabe des 
Staats ^ 

Nach Eötvös ist stets nur die individuelle Freiheit, 
sind stets nur persönliche Zwecke die treibende Kraft 
der individuellen Bestrebungen gewesen, wurde der 
Staat von den einzelnen immer nur als Mittel, nie als 
Zweck betrachtet. Und nicht eher als die andern Mittel, 
wie z. B. die Gesellschaft, versagten, ging man zum Staate 
über. Im Laufe der historischen Entwicklung hat sich 
der Staat als die beste Garantie der individuellen Frei- 
heit erwiesen, darauf beruht seine \\'ertung, sein Da- 
seinsrecht. ,,Der Staat ist ein Wesen, das man nicht 
lieben kann" (II, 90). 

Und dazu hatte Hebbel geschrieben: ,,Die W'ieder- 
legung möchte ich sehen." 



^ Die Theorie, wonach der Staat für die Bedingung der Güter- 
beschaffung zu sorgen hat, ist nicht zu verwechseln mit der ,,Wohl- 
iahrts" -Theorie des Merkantilismus, gegen die sich Eötvös ausdrück- 
lich wendet. Er erkennt übrigens im Gegensatz zu Hebbel an, daß 
die einzigen, die mit dieser ,, materialistischen" Auffassung einen 
vernünftigen und sittlichen Zweck verfolgten, die Sozialisten 
und Kommunisten seien. 



Do«. 



VII. 

BEZIEHUNGEN ZWISCHEN HEBBEL 
UND DER PHILOSOPHIE SEINER ZEIT 



Wir wissen durch Hebbel selbst, daß seine Welt- 
anschauung in ihren Grundzügen feststand, lange be- 
vor er die Philosophie kannte, mit deren Prinzipien sie 
eine überraschende Verwandtschaft aufweist: die , .ab- 
solute Philosophie", Schellings, Hegels und Solgers. 
Man hat ihn geradezu den ,, Dichter der absoluten Phi- 
losophie" genannt (Scheunert). Man findet Schellings 
naturphilosophische Ideen in Gedichten Hebbels, die 
vor jeder Bekanntschaft auch nur des Namens Schel- 
lings gedichtet wurden. Man hat ihn zum Hegelianer 
gestempelt, und man hatte ein Recht dazu. Lassen 
sich doch fast wörtHche Übereinstimmungen zwischen 
ihm und Hegel nachweisen. Und doch wehrt er sich 
mit Entschiedenheit gegen jene Abstempelung, und 
doch handelt es sich auch dort, wo er selbst die Über- 
einstimmung zugibt, um selbständige, vor der Bekannt- 
schaft der betreffenden Werke gefaßte Gedanken*. 

Man könnte vielleicht sagen, daß mit der Konsta- 
tierung dieser Tatsache, der Ablehnung einer bewußten 
Übernahme der absoluten Philosophie seitens Hebbels, 
unsere Aufgabe beendet sei. Wenn es sich nur darum 



^ Sehr bezeichnend ist dafür eine Tagebuchnotiz (T. II, 3088): 
„Hegel, Schuldbegriff, Rechts-Philosophie § 140, ganz der meinige. 
Hätt' ich's gewußt, als ich gegen Herrn Heiberg schrieb." 



Das Zeitfluidum. 147 



handelte, mehr oder minder zufälHge Ideenverwandt- 
schaften aufzuweisen, so gäbe es überhaupt keine Grenze, 
so könnte man bis zu den ersten Anfängen aller Meta- 
physik und Philosophie" zurückgehen. Und in der Tat 
lassen sich Ideen Hebbels über die deutsche Mystik bis 
zu Plotins Emanationslehre, bis zu Plato zurückver- 
folgen. Aber gerade in der Tatsache dieser zeitge- 
nössischen, innem Verwandtschaft bei äußerer Un- 
abhängigkeit, in dieser scheinbar zufäUigen Überein- 
stimmung, die doch mit den letzten. Form und Inhalt 
alles Geisteslebens konstituierenden Gründen gegeben 
ist, liegt das Wesentliche, das mehr als Historisch-Inter- 
essante; in der Tatsache, die man mit dem ,, unsicht- 
baren Fluidum des Zeitgeistes" zu umschreiben pflegt, 
in dem Vorwalten eines bestimmten nicht nur künstle- 
rischen sondern auch geistigen Stils, der allen Erzeug- 
nissen der Zeit einen unverwischbaren Stempel auf- 
drückt. Es ist diese Erscheinung, die sich auch an 
Hebbel in hohem Maße dokumentiert, mehr als er 
natürlich selbst wußte und als Künstler wissen durfte. 

Aber auch damit ist selbstverständlich das letzte 
Wort über die Grenze zwischen ,, Originalität" und Ab- 
hängigkeit der individuellen Geistesstruktur noch nicht 
gesagt. Es wäre schon schwer, genau festzustellen, was 
man unter dem einen und dem andern versteht. Ist 
nicht jeder Mensch, der kleine wie der große, das Fazit 
von allem, was je war, das Produkt der ganzen Welt- 
geschichte, und gehört nicht auf der andern Seite das, 
was seine Größe ausmacht, nur ihm allein? Es ist ein 
Mysterium, an das wir hier rühren, ein nie zu ent- 
liüllendes Mysterium! 

Dabei drückt Hebbels Originalität, ungeachtet 
aller materialen Zusammenhänge, nicht nur seinen 
künstlerischen Produkten, sondern auch jeder seiner 



148 Verschiedenheit des Ausgangspunktes bei Hebbel u. Schelling. 

theoretischen Äußerungen die Form seines ureigensten 
Geistes, seiner innersten Struktur auf. Die Einzig- 
artigkeit seines Geistes erzeugt alles durch sie Hin- 
durchgegangene, wäre es selbst ein von fremder Seite be- 
wußt Übernommenes, gleichsam neu, verleiht ihm den 
Stempel der „Zeitlosigkeit". 

I. Beziehungen zu Schelling 

Den Grundgedanken von Hebbels Metaphysik : Alles 
Leben beruht auf der Losreißung des einzelnen vom 
All und ist als solches Schuld, finden wir auch bei 
Schelling. Bei Hebbel und bei Schelling bedeutet 
das Leben der Einzeldinge, die aus der Vollkommen- 
heit der Idee ausstrahlen (W. L Abt. VH, 162), eine 
Störung dieser Idee, wie die Krankheit eine Störung 
des Leibes; wie bei Hebbel die Welt ,, Gottes Sünden- 
fall" ist, so bei ScheUing das endliche Dasein Abfall 
von Gott, ,,die Existenz die einzige und eigentliche 
Sünde" (ibid. S. 196). Und hier wie dort die Wiederher- 
stellung der Idee durch die Auflösung des Einzelwesens, 
die Sühne durch den Tod. 

Aber von einer absoluten Gleichheit der Auffassun- 
gen Hebbels und Schellings zu reden hindert uns etwas 
sehr Wesentliches: die Verschiedenheit des Ausgangs- 
punktes und der Fragestellungen. Hebbel als Dra- 
matiker hatte nach dem Gehalt des Dramas, als Tra- 
göde nach der tragischen Schuld gefragt. Er war dazu 
gekommen, sie beide in dem ,, Lebensprozeß" an sich 
zu sehen und er hatte von da aus die Natur dieses 
Lebensprozesses untersucht. Seine Fragestellung war 
ihrer Natur nach eine ästhetische S die zu einer meta- 
physischen Beantwortung führte. Schellings Frage- 

^ Selbstverständlich flössen auch ethische Erlebnisse und Fragen 
in sie ein. 



Verschiedenheit des Ausgangspunktes bei Hebbel u. Schelling. 149 

Stellung ist eine ethische. Untersuchungen über das 
Wesen der menschlichen Freiheit, der Be- 
dingung menschlicher Sittlichkeit, waren es, von 
denen aus er zu jener rnetaphysisch-theoretischen Ant- 
wort gelangte. Hebbel war bei dem Leben als meta- 
physischer Urschuld angelangt, Schelling von der Frage 
nach der moralischen Schuld, nach dem Bösen im 
moralischen Sinne, ausgegangen. 

Das Wesen der lebendigen, realen Freiheit 
ist das Vermögen zu Gut und Böse. Aber die 
Existenz des Bösen und dessen Herkunft aus dem alier- 
vollkommensten Wesen, außer dem nichts ist, ist ein 
Widerspruch. Schelling hilft sich dadurch, daß er Gott 
und den Grund seiner Existenz unterscheidet. Der 
Grund der Existenz Gottes ist die Natur. Sie ist das 
d unkle, das Prinzip des blinden Willens, aus dem 
erst das Licht, die Intelligenz, der Verstand hervorgeht. 
^'on hier aus gelangt Schelling zur Fassung des Schuldbe- 
griffs, des Bösen. Verstand wird zum Uni Versal willen, 
diesem gegenüber steht der dunkle Wille, der E i g e n w i 1 1 e 
des Individuums, der das Böse ist (ibid. S. 363). Im Men- 
schen vereinigen sich beide Prinzipien, das des Willens 
und des Verstandes, der Dunkelheit und des Lichts. 
Indem der Mensch aus dem Grunde entspringt, hat 
rv ein relativ von Gott unabhängiges Prinzip in sich, 
indem dieses Prinzip in Licht verklärt wird, geht der 
(ieist aus ihm hervor. Die Zertrennlichkeit beider 
Prinzipien im Menschen (die in Gott unzertrennlich 
sind) ist die Möglichkeit des Guten und Bösen. 

Aber diese Möglichkeit ist noch nicht die Wirklich- 
keit. Schelling gelangt von hier aus zur intelligiblen 
Freiheit Kants, zu dem Bösen als ureigenster Tat, als 
freier Wahl des intelligiblen Charakters. Jener Eigen- 
wille der Kreatur ist nur deshalb das Böse, weil er ein 



150 Verschiedenheit des Ausgangspunktes bei Hebbel u. Schelling. 

freier ist. Besteht also das Böse in der auf freier Tat 
beruhenden Losreißung des Individuellen aus dem 
Zentrum, das das Gute ist, so kann die letzte Sühne, 
wie wir bereits gesehen, nur in einer Rückkehr in dieses 
Zentrum, in dem Eingehen des Eigenwillens in den 
Uni Versal willen, bestehen, ,,bis aus dem Einzelwillen 
und dem Urwillen oder dem Verstände ein Ganzes 
wird" (ibid. S. 363): das letzte Ziel, in dem sich Hebbel 
wiederum mit Schelling begegnet. Hebbel nennt es die 
Selbstkorrektur der Welt. 

Mögen die Fragestellungen und die Wege, von denen 
aus beide dazu gekommen sind, verschieden sein, mag 
Schelling im Gegensatz zu Hebbel eine vor aller Dualität 
liegende Einheit, den ,,Ungrund", die ,, Indifferenz von 
Realem und Idealem" annehmen: in diesem Punkte, in 
der Idee eines Prinzips, das den alles Leben bedingenden 
Antagonismus zwischen Einzelheit und Absolutheit auf- 
löst, vereinigen sie sich. Man hat gesagt, daß im Unter- 
schied zu Schelling Hebbel bei dem DuaUsmus stehen 
bleibe, man hat sich dabei auf seine Worte berufen, 
daß der letzte Grund der Schuld unenthüUt, daß die 
Frage : warum der Riß , der sich wohl im Drama schließe , 
überhaupt geschehen sei, ungelöst bleibe. Ich glaube, 
es bedarf nur des Hinweises auf die vorhergehenden 
Ausführungen, um darzutun, daß Hebbel sich nicht 
damit begnügte, als tragischer Dichter jenen Riß nur 
im Drama zu schließen, sondern daß auch in seiner 
Metaphysik des Weltgeschehens überhaupt jene Sphäre 
der letzten Einheit und Harmonie ihren Platz hatte. 

Wir wissen, daß für Hebbel das Drama an sich, 
bereits als Form eine Erscheinung bedeutet, in der 
jener Dualismus, das Gesetz des Weltlaufs selbst zum 
Ausdruck gelangt, wie auch sein Inhalt beschaffen sein 
mag. Oder noch mehr, noch bedeutungsvoller: Die 



Schellings Theorie der Tragik. I 5 I 

Gesetze des Dramas liegen dem Weltlauf zugrunde. Das 
Drama ist für Hebbel sozusagen das Primäre, das 
Urphänomen, dessen Gesetze waren und den Weltlauf 
erzeugten, — als noch kein Drama war, als es nur der 
Idee nach war. 

Auch bei Schelling finden wir, wenn selbstverständ- 
lich seine Theorie des Dramas nicht die zentrale Stellung 
einnimmt wie bei Hebbel, das Drama, speziell die Tra- 
gödie, in die nächste Nähe des W^eltgeschehens gerückt. 

Freiheit und Notwendigkeit sind nach Schel- 
ling die höchsten Ausdrücke des Gegensatzes, der der 
Kunst überhaupt zu Grunde liegt, und das Drama 
ist die Kunstform, in der ,,der allgemeine Gegensatz 
des Unendlichen und Endlichen, der für die Kunst in 
der höchsten Potenz sich als Gegensatz der Notwendig- 
keit und der Freiheit ausdrücke" (W. V, 687), objektiv 
wird und dadurch die höchste Form der Kunst. Weder 
im lyrischen Gedicht, denn hier herrscht die Freiheit 
allein, noch im epischen, denn hier herrscht die Notwen- 
digkeit allein, sondern einzig und allein im Drama kommt 
jener Gegensatz zum Ausdruck. Aber weder darf die 
Freiheit von der Notwendigkeit überwunden werden, 
denn dies ist ein durchaus widriger. Gedanke, noch um- 
gekehrt die Notwendigkeit von der Freiheit, ,,weil uns 
dies den Anblick der höchsten Gesetzlosigkeit gibt" 
(ibid. S. 690), wenn anders das Drama seinen hohen Rang 
verdienen soll. Die höchste Erscheinung der Kunst 
kann nur diejenige sein, ,,wo die Notwendigkeit siegt, 
ohne daß die Freiheit unterliegt, und hinwiederum 
die Freiheit obsiegt, ohne daß die Notwendigkeit be- 
siegt wird" (ibid.) und damit ,,jene wahre und abso- 
lute Indifferenz, die im Absoluten ist, und die nicht 
auf einem Zugleich-, sondern auf einem Gleichsein be- 
ruht, objektiv" (ibid.) wird. 



I 5 2 Schellings Theorie der Tragik. 

Eine Darstellung dieses Verhältnisses muß die Be- 
dingungen des epischen und des lyrischen Gedichtes in 
sich vereinen, es muß in ihr ,,das Darzustellende ebenso 
objektiv als im epischen Gedicht und doch das Subjekt 
ebenso bewegt" (S. 692) sein wie im lyrischen Gedicht. 
Und dies findet statt, wo die Handlung nicht in der 
Erzählung, sondern selbst und wirklich vorgestellt 
(das Subjektive objektiv dargestellt) wird. Die vor- 
ausgesetzte Gattung, welche die letzte Synthese 
aller Poesie sein sollte, ist also das Drama (S. 692). 

Wie bei Hebbel so hat man auch bei Schelling durch 
die Darstellung seiner Auffassung vom Wesen des Dra- 
mas die seiner tragischen Theorie nahezu vorwegge- 
nommen. Bei Hebbel und bei Schelling sind die Ge- 
setze des Dramas die des Weltlaufs, die Tragödie 
kann nichts anderes darstellen als diesen. Bei beiden 
decken sich, könnte man sagen, das Drama als Form 
und die Tragödie als Gehalt. Beide haben, wenn sie 
vom Drama sprechen, die Tragödie im Auge, die Ko- 
mödie ist ihnen nur eine Umkehrung der Tragödie, 
d. h. eine Umkehrung des Verhältnisses, in dem dort 
Allheit und Einzelheit, hier Notwendigkeit und Frei- 
heit stehen. 

So besteht denn für Schelling auch das Wesen des 
Tragischen in dem Streit und der Lösung des Gegen- 
satzes zwischen Freiheit und Notwendigkeit (ibid. S. 693). 
Ein wahrhafter Streit zwischen Freiheit und Notwendig- 
keit kann aber nur dort stattfinden, ,,wo der Schuldige 
durch das Schicksal zum Verbrecher gemacht ist" (S. 
696), wo die Schuld also ein Ausfluß der Notwendigkeit, 
und zwar der absoluten, nicht der empirischen ist 
(ödipus). Daß aber die Freiheit nicht von der Not- 
wendigkeit unterdrückt, daß jene Indifferenz her- 
gestellt werde, dazu gibt es nur ein Mittel : Der schuld- 



Schellings Theorie der Tragik. 153 



lose Schuldige übernimmt freiwillig die Folgen der 
ihm von der Notwendigkeit auferlegten Taten und wan- 
delt so die Notwendigkeit in Freiheit gleichsam um 
(ibid. S. 697). In der ^reiwilhgen Übernahme der Strafe 
für schuldlose Schuld beruht das Erhabene in der Tra- 
gödie, „dadurch erst verklärt sich die Freiheit zur 
höchsten Identität mit der Notwendigkeit" (S. 699). 

Die tiefgehende Verwandtschaft in den beidersei- 
tigen Auffassungen vom Wesen des Tragischen ist un- 
verkennbar. Der Kampf der Einzelheit und der All- 
heit und dessen Beilegung in der „Selbstkorrektur" 
der Welt wird bei Schelling als Kampf zwischen Frei- 
heit und Notwendigkeit und dessen Lösung in der In- 
differenz des Absoluten durchgeführt. Wenn Hebbel 
seinerseits jenen Kampf gelegentlich (W. XI, 4) als den 
zwischen Freiheit und Notwendigkeit faßte, spricht um- 
gekehrt Schelling im Anschluß an die oben entwickelte 
Theorie von der Freiheit als ,, bloßer Besonderheit", die 
als solche nicht bestehen könne und sich selbst zur ,, All- 
gemeinheit" erheben müsse (ibid. S. 699). Schelling sieht 
in der Freiwilligkeit dieser Erhebung die Bedingung 
des wahrhaft Tragischen, d. h. die Bedingung dafür, 
daß jener Kampf uns nicht nur zerrnalmt, sondern auch 
erhebt*. Auch Hebbel hatte die wahrhaft tragische, 
die , .vollständige" (W. XI, 51) Lösung darin gesehen, 
daß ,,das Individuum im Untergang selbst eine ge- 
läuterte Anschauung seines Verhältnisses zum Ganzen 
gewinnt und in Frieden abtritt". 

Volkelt macht es Schelling zum Vorwurf, daß er 
aus seiner Theorie des Tragischen jedes empirisch Be- 
dingte, jedes irdisch Greifbare weggelassen, die ,, Tra- 
gödie völlig entmenschlicht und in ein Spiel absoluter 

* Die Ähnlichkeit zwischen der Auffassung Schellings und 
Schillers ist nicht zu verkennen. 



154 Schellings Ästhetik. 



und noch dazu gänzlich leerer Wesenheiten aufgelöst" 
habe. Aber gerade in dieser Tatsache der „absoluten 
Wesenheiten", in der Tatsache, daß Schelling nichts 
geringeres als die letzten und höchsten Prinzipien, die 
für ihn das Weltgeschehen metaphysisch konstituierten, 
in die Tragödie hereinbezog, sehe ich das, was zum 
mindesten so sehr wie die inhaltliche eben dargelegte 
Ähnlichkeit die tiefere Verwandtschaft mit Hebbel be- 
gründet. Hebbel hatte der Tragödie die höchste Stelle 
im Reich der irdisch-geistigen Erscheinungen ange- 
wiesen. Sie ist für ihn nicht mehr und nicht weniger 
als das Prototyp des Verlaufs des Weltgesetzes. Der 
Philosoph steht hier nicht hinter dem Dichter zurück. 
Der Gegensatz zwischen Freiheit und Notwendigkeit, 
zwischen Idealem und Realem, der in der Indifferenz 
des Absoluten aufgehoben wird, ist der Zentralgedanke 
der Schellingschen Philosophie, das Erste und Letzte 
seiner Weltauffassung wie seiner Ethik. Er ist auch 
der Zentralgedanke seiner tragischen Theorie. 
Der hohe Rang, den Schelling der Tragödie ein- 
räumt, ist nur ein Symptom seiner, der denkbar höch- 
sten Auffassung vom Wesen der Kunst überhaupt, 
einer Auffassung, mit der Hebbel, dem die Kunst 
die höchste Seinsform, das Kunstwerk die immittel- 
barste Offenbarung der Wahrheit bedeutete, wohl zu- 
frieden sein konnte. Für den Philosophen Schelling, 
den Schelling der Romantik, bedeutet die Kunst nicht 
mehr und nicht weniger als das letzte Wort seiner Phi- 
losophie, der Schlußstein seiner Metaphysik des Welt- 
geschehens. Und zwar in doppelter Hinsicht: als 
künstlerische Tätigkeit und als Kunstwerk. 
Einzig und allein in der künstlerischen Tä- 
tigkeit findet nach Schelling der das Weltgeschehen 
tragende Gegensatz zwischen theoretischer und prak- 



Schellings Ästhetik. I 5 5 



tischer, zwischen bewußter und bewußtloser Tätigkeit, 
zwischen Denk- und Willenstrieb seine Lösung. Und 
einzig und allein im Kunstwerk kommt die Harmonie 
zwischen Unendlichem und Endlichem, zwischen Rea- 
lem und Idealem, zwischen Notwendigkeit und Frei- 
heit zustande. So werden beide, indem in ihnen jene 
Identität, die erst im Absoluten stattfindet, symboUsch- 
real \nrd, zu Repräsentanten des Absoluten selbst. Wie 
die Funktion des Absoluten Prototyp der ästhetischen 
Tätigkeit, so ist das Absolute der Hort, aus dem allein 
die Kunst ihre Formen, die von jeder irdischen Unvoll- 
kommenheit unentstellte Form, die Schönheit, schöpft: 
,,Wie für die Philosophie das Absolute das Urbild der 
\\'ahrheit, so für die Kunst das Urbild der Schönheit" 
(W. V. 370). 

Und indem die Schönheit jene von aller irdischen 
Unvollkommenheit ungetrübte Form gibt, wird sie zur 
Wahrheit, das Kunstwerk die Realisierung, die Kunst 
die einzige und wahrhafte Offenbarung des Absoluten 
selbst*. ,,Die Kunst ist die einzige und ewige Offen- 
barung, die es gibt und das Wunder, das, wenn es auch 
nur einmal existiert hätte, uns von der absoluten Rea- 
lität jedes Höchsten überzeugen müßte." Schelling 
hatte das W'ort wahr gemacht, mit dem er seine ,, Philo- 
sophie der Kunst" einleitete: ,,Wir werden auch in 
der Philosophie der Kunst von keinem andern Prinzip 
als dem des Unendlichen ausgehen können; wir wer- 
den das Unendliche als das unbedingte Prinzip der 
Kunst dartun müssen" (ibid. S. 370). Und das ist es, 
worin ich wiederum einen der entscheidenden Berüh- 
rungspunkte mit Hebbel erblicke. 

An das Unbedingte knüpft Schelling auch seine Idee 
vom Staat. Auch sie ist einzig und allein auf jene Ele- 



* Vgl. auch hier Schiller, ebenso Goethe. 



156 Seine Staatslehre. 



mente aufgebaut, die auch das Gebäude seiner Welt- 
auffassung schaffen. Schelhng hat nicht wie Hegel eine 
systematische Staatslehre geschrieben, aber immerhin 
genug getan, um seine hohe Wertung der Staatsidee 
darzutun und nicht unerhebliche ^^^irkungen zu zeiti- 
gen*. Sie ist durchaus weitabgewandt, ideal-meta- 
physisch. Aber trotz dieses oder vielmehr gerade 
wegen dieses weitabgewandten, den Staat in die Region 
der höchsten Geistigkeit hinaufziehenden Charakters ist 
sie um so bedeutungsvoller für das Heraufkommen 
einer Strömung, die in der Rechtslehre eines Stahl, der 
Staatslehre eines Hegel dem Staat eine nie dagewesene 
Würdigung zuteil werden ließ. 

Die Ideen von Freiheit und Notwendigkeit, 
von Idealem und Realem, Besonderem und Allgemeinem 
empfangen neue Bedeutung beim Staat. Der Staat ist 
,,der äußere Organismus einer in der Freiheit selbst er- 
reichten Harmonie der Notwendigkeit und der Freiheit" 
(W. V, 307). Die vollkommene Idee des Staates ist er- 
reicht, ,, sobald das Besondere und das Allgemeine ab- 
solut eins, alles was notwendig zugleich frei und alles 
frei Geschehende zugleich notwendig ist" (ibid. S.3i3f.). 
Er erfüllt also dieselben Bedingungen \y\e das Kunst- 
werk, mit dem er (ibid. S. 312) verglichen wird. Seine 
Idee kann so wenig aus der Erfahrung genommen wer- 
den, wie die eines Kunstwerks. Er ist das höchste Ziel der 
Geschichte; in der Versinnlichung jener Harmonie ist 
er ,,das unmittelbare und sichtbare Bild des absoluten 
Lebens" (ibid. S. 316). Der durchaus widernaturrecht- 
liche Charakter der Schellingschen Staatsidee ist in dem 
Gesagten bereits ausgesprochen. 

Mit aller Entschiedenheit wendet sich Schelling 



1 Sein Einfluß auf Stahls theokratische Staatslehre ist bekannt. 



Seine Staatslehre. 157 

denn auch gegen eine Auffassung, die den Staat als 
einen aus dem freien Willen einzelner bewußt hervor- 
gehenden Vertrag betrachtet. Der Staat kann kein 
\\'erk der Freiheit^ der Individuen sein, denn diese 
empfangen die Freiheit erst von und in ihm, die wahre 
Freiheit, die nichts anderes ist, wie die in der Vernunft 
begründete Sittlichkeit. Für diese ist die Gemeinschaft 
\'oraussetzung, der Staat ist ein Postulat der prak- 
tischen Vernunft. 

Von der in der intelligiblen W'elt gegründeten Vemunf t- 
ordnung leitet der Staat seine Herkunft und damit sein 
Recht her. Wie für seine Moral, so sucht ScheUing seine 
letzte, die metaphysisch-ethische Begründung 
des Staats in der intelligiblen Welt. Der Staat ist ein 
,, allem menschlichen Denken zuvorkommender Akt der 
intelhgiblen Welt" (ibid. S. 539). Sein Gesetz ist nicht 
von dieser Welt noch von Menschen, sondern schreibt sich 
unmittelbar von der intelligiblen Welt her, deren ,, äußere 
mit zwingender Gewalt ausgerüstete Vemunftordnung" 
er darstellt (S. 533). ,,Der Staat ist die der tatsächlichen 
Welt vorausgehende, selbst tatsächUch gewordene inteUi- 
gible Ordnung" (S. 550), eine Auffassung, die als Apo- 
theose der Staatsidee der Hegeischen, wonach der 
Staat die Sittlichkeit selbst, Gott selbst ist, nicht 
viel nachstehen dürfte. 

Dadurch, daß sie in der intelligiblen Ordnung begründet 
ist, erhält die Ordnung des empirischen Staates 
ihre Sanktion. Diese Ordnung beruht auf der Unter- 
ordnung des einzelnen unter den Zweck, die Idee der 
Gesamtheit. Sie ist nichts anderes als das Abbild der- 
jenigen, die in der intelligiblen Welt herrscht. Die Un- 
gleichheit der Menschen, die allein jene Unterordnung 
rechtfertigen kann, besteht bereits in jener Welt. Von 
der Ideenwelt schreibt sich der „Unterschied zwischen 



158 Schellings Individualismus. 

Herrschenden und Beherrschten" her. Herrschen und 
Beherrschtwerden ist Naturgesetz (ibid. S. 530). 

„Die Staatsverfassung ist ein Bild der Verfassung 
des Ideenreiches" heißt es an anderer Stelle (W. I, Abt. 5, 
260). Schelling geht so weit, in den Standes-Unterschie- 
den des tatsächlichen Staates Hypostasierungen der in 
dem Ideenreich herrschenden Abstufungen zu sehen. 
„In diesem"', dem Ideenreich, ,,ist das Absolute als 
die Macht, von der alles ausfließt, der Monarch" (ibid.); 
die Ideen sind die Freien, ,,die einzelnen wirkhchen 
Dinge sind die Sklaven und Leibeigenen" (ibid.). 

Ist so die Unterordnung bereits das Gesetz der 
intelligiblen Welt, so ist in der wirkhchen der Wert 
des einzelnen von dem Maße, in dem er sich jenem 
Gesetze einfügt, abhängig. In dem Maße, in dem der 
einzelne der Gesamtheit dient, wird er gehoben und 
geadelt. Das Herrschen des Bevorzugten kann nur als 
ein Dienen an der Gesamtheit gewertet werden. Der 
gemeine Krieger dient, der Feldherr herrscht, ,,aber 
auch dieser ist nur Mittel, nicht Zweck, und im allge- 
meinen kann man sagen : Derjenige herrscht am meisten, 
der am meisten dient" (W. II, Abt. i, 529). Auch hier 
alles Geist vom Geiste Hebbels. 

Trotz dieser Heiligsprechung der Staatsidee ist der 
Staat nicht das letzte Wort Schellings. Das letzte ist 
und bleibt trotzdem der Mensch, das Individuum. Und 
hier scheidet sich sein Weg von dem Hebbels. 

Wenn der Staat auch die Bedingung der wahren 
Freiheit des Individuums ist, wenn dieses auch erst 
innerhalb der Gemeinschaft zur wahren Sittlichkeit ge- 
langen kann, wenn der Staat auch in keiner Weise als 
eine Einrichtung, ,, damit dieses oder jenes erreicht 
werde" und somit als Mittel betrachtet werden darf, 
vielmehr als ein Organismus nur auf seinem eignen. 



Schellings Individualismus. 159 

inneren Gesetz beruht (W. I, Abt. 5, 316), so ist er doch 
weit davon entfernt, absoluter Selbstzweck zu sein. Ge- 
rade als Bedingung der Entfaltung des Menschen im 
obigen Sinne ist er es hicht, ist es vielmehr diese selbst, 
die höchste moralische Entfaltung also. Diese kann 
aber nur in der Freiwilligkeit der Gesetzeserfüllung 
bestehen, in einer Gesetzeserfüllung, deren Wesen über 
die dem Staat geleistete hinausführt. Denn in diese 
wird das Individuum ja hinein geboren, sie ist ihm eine 
von außen auferlegte, zwangsmäßige und deshalb von 
jener zu überwinden. Schelling macht hier den Unter- 
schied von legalem und moralischem Handeln in Kants 
Sinn, nach meiner Auffassung von seinem Standpunkt 
aus nicht mit Recht. Denn wenn der Staat, wie er 
vorher ausgeführt hat, die Ordnung jener intelligiblen 
Welt selbst, deren Wesen ja nichts anderes als die 
,, Freiheit" ist, darstellt, so hat die dem Staat geleistete 
Gesetzeserfüllung auch an jener Welt teil; oder er 
durfte jenen Unterschied höchstens in dem Sinne 
machen, als er den Zwang in Freiwilligkeit, die Legalität 
in Moralität umzuwandeln von dem Individuum ver- 
langte. Statt dessen läßt er der dem Staat geleisteten 
Gesetzeserfüllung ihren zwangsweisen Charakter, um 
das Individuum aus ihr hinaus in eine höhere zu retten. 
Aber auch diese ist noch nicht das letzte. Das letzte 
Wort Schellings ist nicht die Sittlichkeit, sondern die 
Religion, ,,die Rückkehr zu Gott in dieser ungöttlichen 
Welt", ,,die Wiedervereinigung mit ihm durch das Auf- 
geben der Selbst heit". Denn selbst zwischen dem höch- 
sten, dem Moralgesetz und Gott besteht noch 
eine Kluft; selbst dieses als ein dem Menschen Ge- 
botenes ist noch eine Trübung der höchsten Selig- 
keit, die allein in jener Region des Aufgehens in die 
Gottheit gefunden werden kann (W. II, i, 568). 



l6o Schellings Individualismus. 

Der Staat also ist nicht, wie wir bei Hegel sehen wer- 
den, letzter Zweck des Menschen und der menschheit- 
lichen Entwicklung, er ist nur deren Grundlage, 
als welche er seine ewige Geltung hat. Schelling ver- 
gleicht ihn in dieser Hinsicht mit der Natur, die blei- 
ben muß, solange die Welt besteht. Aber wie diese 
ist er um so vollkommener, je weniger seine Existenz 
empfunden wird, eine Auffassung, deren Individualis- 
mus nicht hinter dem unserer klassischen Zeit zurück- 
steht. Humboldt könnte gesagt haben, was er sagt: 
„Sich unfühlbar machen, wie die Natur unfühlbar 
ist, dem Individuum Ruhe und Muße gewähren, ihm 
Mittel und Antrieb sein zur Erreichung des höheren 
Zieles, das soll der Staat; darin allein liegt die Perfek- 
tibilität desselben. Die Aufgabe ist also, dem Indivi- 
duum die größtmögliche Freiheit (Autarkie) zu ver- 
schaffen — Freiheit nämlich über den Staat hinaus 
und gleichsam jenseits des Staates, nicht aber 
rückwärts auf den Staat wirkend oder im Staat" 
(ibid.). 

Von dieser Auffassung her wird seine Stellung zur 
Frage des Rechts oder der Pflicht der Anteilnahme am 
staatlichen Leben begreiflich. Sie ist selbstverständlich 
durchaus ablehnend. Konstitutionelle Einrichtungen 
sind ihm unsympathisch, weil sie die Freiheit des In- 
dividuums absorbieren. 

Und ablehnend wie dem politischen Leben nach 
innen steht er auch dem nach außen gegenüber. Von 
einer ,, Weltpolitik" will er nichts wissen. Diese Hal- 
tung resultiert aus seiner Idee des deutschen Wesens, 
dessen Eigentümlichstes er, ähnlich wie Schiller, in der 
Kultivierung des Idealen sieht. Das Reich des Deut- 
schen ist das Reich der Ideen. 



Ablehnung u. Übereinstimmung. Doch Unabhängigkeit Hebbels. 1 6 1 

2. Beziehungen zu Hegel. 

Nur soviel sei, wie bereits erwähnt, kurz angedeutet, 
daß Hebbels Äußerungen über Hegel fast immer ableh- 
nend waren, sie gingen zum Teil aus dem Bewußtsein 
ausgesprochener Gegnerschaft hervor. Und doch stand 
kein anderes Weltsystem der Weltauffassung Hebbels 
so nahe wie das Hegels. 

Wir müssen also annehmen, daß sich Hebbel dieser 
Übereinstimmung, die sich, ganz besonders von dem 
Standpunkt unseres Themas aus ergibt, nie recht 
bewußt geworden ist ; ein Beweis mehr, wie selbständig, 
wie frei von jeder bewußten Übernahme fremder Ge- 
danken sich die Entwicklung Hebbels vollzog. 

Das, was Hebbel im innersten Kern mit Hegel einte, 
lag fertig, „apriorisch" in ihm, bevor er Hegel kennen 
lernte. Und dann blieb die Kenntnis Hegels überhaupt 
immer nur eine mangelhafte und unvollständige. Die 
Sache war ganz einfach die, daß er ihm, besonders in 
seinen logischen Spekulationen, nicht folgen konnte. 
Erzählt er doch selbst, daß er Hegels Logik und 
Phänomenologie so lange studierte, bis er „sie buch- 
stäblich mit Füßen trat, weil sie ihn verrückt machten" 
(B. IV, 282). Es scheint, daß er. abgestoßen von der 
schwer verständlichen, zum Teil abstrusen Form der 
Hegeischen Gedankengänge, sich an Einzelheiten stieß, 
auf halbem Wege stehen blieb und nirgends zum einen- 
den Kern vordrang. 

Dazu kommt dann allerdings die Divergenz in 
einem Hauptpunkte: der Auffassung der Kunst, 
und daß dieser Punkt mit das Erste war, das ihm, dem 
Dichter, aus Hegel entgegentrat und seine Stellung zu 
ihm für immer beeinflußte. Für Hebbel war die Kunst 
die unmittelbare Erfassung und Deutung der abso- 
luten Wahrheit, für Hegel die Philosophie. Während 

Du*. II 



102 Verschiedenheit zwischen Hebbel und Hegel. 

bei Hebbel die Kunst absoluteste Bedeutung hat, ist 
sie für Hegel nur eine Entwicklungsstufe in dem dialek- 
tisch-historischen Prozeß des Seinerselbstbewußtwer- 
dens des Geistes. Sie ist in dieser Stelle nur ein Durch- 
gangspunkt zur absoluten Erkenntnis, allerdings einer 
von unersetzlicher Bedeutung, indem sie in der Form 
sinnlicher Gestaltung das Absolute darstellt, 
„das Göttliche, die tiefsten Interessen des Menschen, 
die umfassendsten Wahrheiten des Geistes" zum Be- 
wußtsein bringt; aber die absolute Erkenntnis in der 
höchst-adäquaten Form wird erst im Begriff, in der 
Philosophie gegeben. Indem aber Hegel diesen Prozeß 
der Wahrheitserfassung historisch nimmt, wird die Wer- 
tung der Kunst auch nur eine historisch-relative. Hegel 
spricht in diesem Sinn von Überwindung der Kunst 
und glaubt die Zeit dieser Überwindung gekommen: 
,,Uns gilt die Kunst nicht mehr als die höchste* Weise, 
in welcher die Wahrheit sich Existenz verschafft." 

Gegen eine solche Auffassung mußte ein Hebbel na- 
türlich protestieren. ,,Als Judith, Genoveva und Maria 
Magdalene erschienen, wurde von allen Philosophen- 
kanzeln proklamiert, der Standpunkt der Kunst sei 
überwunden, und ich war nicht dünkelhaft genug, das 
zu ignorieren, sondern ich suchte mich, jedoch mehr auf 
den Antrieb eines Freundes als aus eigner Bewegung, 
mit dem Verdikt auseinanderzusetzen." Er tat dies in 
dem Vorwort zu Maria Magdalene — er tat dies in einer 
Schrift, die von Hegelschem Geiste durchtränkt ist, bei 
der Gehalt wie Form das Gepräge des Hegeischen Gei- 
stes in einer so unverkennbaren Weise tragen, daß es 
gerade diese Schrift ist, auf Grund der man schon da- 
mals Hebbel zum Hegelianer stempelte. Wir tun es nicht, 
insofern darunter die Zugehörigkeit zu einer Schule 
verstanden wird. Aus dieser Schule stammt allerdings 



Hebbels Protest. 163 



die Form, die Terminologie, deren sich Hebbel ebenso 
wie die unter dem überragenden Einfluß der Form des 
Hegeischen Geistes stehende Zeit überhaupt bediente. 

Die Zugehörigkeit zu einer Schule und die Über- 
einstimmung, von der wir ausgehen, sind zweierlei. 
Die W'eltauffassung Hebbels, deren Hauptzüge in jener 
Schrift niedergelegt sind, stand fest vor der Bekannt- 
schaft mit Hegel. Nur durch sich selbst war Hebbel dazu 
gekommen, das Weltgeschehen in einer Form zu schauen, 
die derjenigen, in der es Hegel geschaut hatte, so nahe 
kam ; diese Form lag in der Struktur seines Geistes vorge- 
zeichnet. Von diesem Gesichtspunkt aus und in diesem 
Sinn war die Übereinstimmung eine zufällige. Hebbel 

sagt selbst darüber sehr treffend: „ ich habe 

oft büßen müssen, wenn eine gewisse Kritik, die Auto- 
nomie des menschlichen Geistes verkennend und 
nicht ahnend, daß der allgemeine Gehalt der Menschheit 
jedem bevorzugten Individuum zugänglich sein und 
in ihm eine neue Form finden muß, in meiner Anschau- 
ung der Welt und der Dinge den Hegelianismus zu 
wittern glaubte" (B. V, 45). 

Inwieweit nun diese Übereinstimnmng doch keine 
,, zufällige" war, inwieweit sie in der allgemeinen 
Weltlage des menschlichen Geistes im Sinne jenes oben 
angedeuteten Zeitfluidums wurzelt und damit dem 
Gesetz einer höheren Notwendigkeit untersteht, das ist 
eine Frage, die bis in die letzten Wurzeln des Welt- 
geschehens hinabreicht, und die ich nur zu berühren 
wage^ 

Als den Grundgedanken der Hebbelschen Meta- 

* Das Prinzip des ,, Zeitfluidums" besagt natürlich nicht, daß 
nicht auch eine direkte Übermittlung Hcgclscher Gedanken — ohne 
daß sie ihm als solche bezeichnet wurden, gesprächsweise z. B. — an 
Hebbel erfolgt sein könnte, ohne dadurch die Unabhängigkeit in 
unserem Sinne aufzuheben. 



164 Übereinstimmung im Grundgedanken. 

physik haben wir seine Ansicht von dem Verhältnis des 
Einzelnen zum Ganzen erkannt. Ich möchte an die 
Spitze dieser Betrachtungen stellen, daß dieses Ver- 
hältnis, wenn auch nicht gerade der Grundgedanke, so 
doch einer der Gedanken ist, in denen sich die Philo- 
sophie Hegels am stärksten zum Ausdruck bringt. Und 
zwar genau in dem gleichen Sinne wie bei Hebbel: 
Das Ganze Alles, das Einzelne Nichts oder vielmehr 
nur Etwas, insofern es dem Ganzen dient, insofern in 
ihm ,,das Universum zum Selbstgenuß" kommt. 

Wir wissen, daß für Hegel die Entwicklung der 
Welt nichts anderes ist wie die Entwicklung des Geistes. 
Der Geist wird als „Weltgeist", „Universum", ,,Gott", 
„Idee" gefaßt und ist als solcher der Grund aller Wirk- 
lichkeit, die nichts anderes ist als eine Manifestation 
des Geistes. Aus den Gegensätzen der Endhchkeit her- 
aus — Thesis und Antithesis — entwickelt sich stets 
eine relativ höhere Form des Geistes (Synthesis), bis 
zuletzt die höchste Stufe der Weltentwicklung, auf der 
der Geist sich seiner selbst bewußt wird, erreicht ist. 

Die Verwandtschaft des Hegeischen Geistes, der Idee 
mit der „Idee" Hebbels ist evident : Bei beiden ist sie 
das allen Erscheinungen apriorisch zugrunde Liegende, 
sie Bedingende, das allein wirklich Seiende; bei 
beiden ist sie, indem es in ihrem Wesen liegt, sich 
durch ewig sich erzeugende, sich ewig wieder aufhebende 
Gegensätzlichkeiten zum Ausdruck zu bringen, das 
allein wirklich Werdende; das Prinzip des Seins 
und das Prinzip des Werdens, der Entwicklung. 

Scheunert sagt (S. 12), Hebbels System sei „eigent- 
lich nur eine Ausdehnung jener Lehre von der Real- 
dialektik der sittlichen Substanz über die ganze Welt". 
Ich erblicke darin eine Zustimmung zu meiner soeben 
geäußerten Auffassung, wonach bei Hebbel wie bei 



Der panlogische Prozeß bei Hegel, der pantragische bei Hebbel. 1 65 

Hegel in der „Idee" ein analoges Prinzip der Metaphysik 
des Weltgeschehens niedergelegt ist. Das Schema des 
Weltlaufs, wie es Hebbel in der Tragödie nach- oder 
vorgebildet sieht: 

Idee — Gegensatz — und Wiederherstellung der Idee 
und das Schema der Hegeischen Realdialektik: 

Thesis — Antithesis — Synthesis 
sagen gleiches aus. In Gegensätzen, in Entzweiung und 
Versöhnung vollzieht sich der Weltlauf; indem diese 
Gegensätze immer nur als Sein und als Werden auftreten, 
immer neues Sein und neues Werden erzeugen, stellt 
sich unserm menschlichen Auge das Weltsein als ein 
ewiges Weltwerden dar. Der Entwicklungsgedanke er- 
hält damit einen grandiosen, metaphysischen Hinter- 
grund. 

Etwas Unterscheidendes ist trotzdem da. Jene Drei- 
teilung, die wir bei Hegel auf allen Gebieten unter andern 
Namen wiederkehren sehen, jenes Schema des Welt- 
prozesses, hat er dem Prozeß entnommen, in dem sich 
nach seiner Auffassung einerseits das menschliche 
Denken vollzieht, andrerseits das menschliche Geistes- 
leben als die ganze Summe menschheitlich-geistiger 
Bildungen (der subjektive, der objektive und der abso- 
lute Geist) entwickelt. Die Entwicklungsformen des 
menschlichen Geistes, der menschlichen Vernunft, sind 
die Entwicklungsformen des Weltgeistes, der Welt- 
vemunft. Die Welt Vernunft ist nichts anderes wie die 
ins All übertragene menschliche Vernunft. Das ewige 
Werden, in dem sich der Weltgeist, die Idee, mani- 
festiert, ist der Gang, die Ausbreitung der Vernunft; 
jede Synthese, in der die Idee zu neuer Erscheinung 
gelangt, ist eine höhere Form der Vernunft. Der Pro- 
zeß der Idee ist somit die Vemunftwerdung der Welt. 

Scheunert hätte deshalb eher von der Realdialektik 



l66 Sittlichkeit des Weltprozesses. 

der logischen statt der sittlichen Substanz reden 
können. 

Es ergibt sich somit eine zweite Analogie zu Hebbel. 
Wie Hebbel die Gesetze der Kunst, der Tragödie ins- 
besondere, auf den Weltlauf übertrug, so Hegel die Ge- 
setze des menschlichen Geistes. Beide setzen somit den 
Weltlauf in Analogie zu einer menschlich-geistigen 
Betätigung, jener zu einem Zweige, dieser zur mensch- 
Hch-geistigen Betätigung überhaupt. 

Daß es aber bei Hebbel die Kunst, das Drama, bei 
Hegel das Denken, der Geist war, in deren Gesetzen sie 
die Gesetze des Weltgeschehens ablasen, das macht 
jenen Unterschied aus, den ich oben meinte: Für 
Hebbel, den Dichter, ist der Weltlauf ein panästhe- 
tisch-pantragischer, für Hegel, den Philosophen, 
ein panintellektualistisch-panlogischer Prozeß. 

Bei beiden aber ist dieser Prozeß auch zugleich der 
sittliche. Der Gang der Welt ist der Gang der Not- 
wendigkeit, Notwendigkeit kann nichts anderes sein als 
Sittlichkeit. Und wenn die Entwicklung der Welt bei 
Hegel die Entwicklung der Vernunft ist, so ist sie 
auch die Entwicklung der SittHchkeit. Das im Hegel- 
schen Sinn Vernünftige kann nichts andres sein als 
das Sittliche. Der wahre Geist, die Substanzialität 
wird an anderer Stelle das Sittliche genannt. Insofern 
hatte Scheunert recht : Wenn die über die Welt sich 
ausbreitende Substanz die logische ist, so ist sie auch 
die sittliche. 

In dem ewigen Prozeß, in dem sich die Entwick- 
lung der Welt zur Vernunft-Sittlichkeit vollzieht, ist 
jede aus zwei Gegensätzen hervorgehende Synthese, wie 
sie eine höhere Form des Geistes darstellt, auch eine 
höhere Form der Sittlichkeit, gerade wie bei Hebbel 
jede aus dem Kampf zweier Prinzipien resultierende 



Hegels Philosophie d. Geschichte. Stärkste Annäherung an Hebbel. 1 67 

Selbstkoirektur der Welt. So ist jede Gegensätzlichkeit 
als Produkt wie als Erzeugerin einer höheren Einheit 
notwendig und deshalb sittlich. 

Wir wissen wie Hebbel diese Auffassung auf das 
Gebiet der Geschichte überträgt. Jede historische Er- 
scheinung ist als ein Glied in der Kette des auf Not- 
wendigkeit beruhenden historischen Ablaufs notwendig 
und deshalb berechtigt und sittlich. Freilich nur sitt- 
lich als ein Element, aus dem sich eine höhere Form der 
Sittlichkeit emporringt, relativ sittlich also; und selbst- 
verständlich auch relativ unsittlich. Sittlich, weil sie 
war, unsittlich, weil sie vergehen mußte. „Das alles 
hatte seine Zeit, war einmal notwendig, ist aber jetzt 
dem Gericht der Geschichte verfallen. . ." (W. XII, 33). 

Hegel hat die gleiche Auffassung in seiner Philo- 
sophie der Geschichte niedergelegt. 

Eine Philosophie wie die Hegels mußte mit Natur- 
notwendigkeit in einer Philosophie der Geschichte ihre 
letzte Ausprägung finden. Wenn die Weltgeschichte im 
Sinne des alles umfassenden Weltgeschehens nichts an- 
deres ist als die Geschichte des Geistes, so ist die Ge- 
schichte im engeren Sinne als die Geschichte mensch- 
licher d. i. vernünftig-geistiger Wesen der unmittelbarste 
Ausdruck jener. Die Geschichte ist der sichtbare, dia- 
lektische Prozeß, in dem die Idee sich zur Wirklichkeit 
bringt, sie ist der ,, vernünftige, notwendige Gang des 
Weltgeistes". In diesem dialektischen Prozeß ruft jede 
historische Erscheinung mit Notwendigkeit ihren Gegen- 
satz hervor; ihre Existenz ist zugleich die Bedingung 
ihres Untergangs. Jeder historische Zustand ist wie 
bei Hebbel sittUch, weil er so, wie er ist, notwendig 
geworden ist, damit er der Idee als Werkzeug diene. 
Er wird unsittlich, sobald er seine Mission erfüllt hat, 
und muß deshalb einem andern weichen. Völker, 



1 68 Hegels Philosophie d. Geschichte. Stärkste Annäherung an Hebbel. 

Reiche, Individuen sind. nur Mittel zum Zweck für die 
Pläne der Idee, nur Material, an dem und durch das 
sie sich zur Selbstentwicklung bringt. Während jene 
anscheinend ihre eignen Zwecke verfolgen, handeln sie 
nur im Dienste des Weltgeistes: „Die Vernunft allein 
wacht, verfolgt ihren Zweck und macht sich geltend" 
(W. IX, 33). 

In seiner Philosophie der Geschichte, wie dann in 
seiner Staatslehre, erreicht die Auffassung Hegels von 
dem Verhältnis des Individuellen zum Allgemeinen 
ihren Höhepunkt. Völker und Staaten sind wie Indivi- 
duen nur Einzelerscheinungen in dem Weltlauf der Idee. 
Als solche sind sie nichtig, nur scheinbar wirklich, ne- 
gativ. Die Idee allein ist das Wirkliche, das Positive, 
das Substantielle. 

Und so ist es denn außer der Staatslehre mehr noch 
seine Philosophie der Geschichte als seine tragische 
Theorie, in der sich Hegel dem Dichter der Judith und 
der Agnes Bemauer am meisten nähert, oder dieser, 
um wenigstens die zeitliche Priorität Hegels zu wahren, 
ihm. Walzel nennt die Hebbelsche Tragödie geradezu 
eine Verkörperung der „List der Vernunft" (S. 30). 
Das tragische Individuum Hebbels und das historische 
Individuum Hegels sind im Grunde eins : Das sich maß- 
los ausdehnende, scheinbar sich selbst, in Wirklichkeit 
aber nur den Zwecken der Idee dienende Individuum, 
über das die Idee hinweggeht, wenn es seine Schuldig- 
keit getan, und das Hegeische Individuum der Geschichte, 
das um seine eignen Interessen, um Macht und Ehre 
zu kämpfen glaubt, in Wahrheit aber nur der Geschäfts- 
führer der Idee ist, die ,,die partikulären Leidenschaften 
benutzt, um sich selbst hervorzubringen", jene dann 
aufopfert und preisgibt. 

Wir haben bereits des im größten Sinne historischen 



Hegels Ästhetik. 169 

Charakters von Hebbels Tragödie gedacht. In jeder 
aus dem tragischen Streit hervorgehenden „Selbst- 
korrektur der Welt" wird jedesmal ein neuer ,,Welt- 
und Menschenzustand" und damit eine höhere Form 
der Sittlichkeit vorbereitet. Indem das Indivi- 
duum im Kampf mit der Idee von dieser 
aufgezehrt wird, dient es der historisch-ethi- 
schen Weiterentwicklung. 

In dem Charakter der Hegeischen Philosophie der 
Geschichte ist dieser Gedanke a priori enthalten. Wenn 
die Geschichte nur der vernünftige notwendige Gang 
des Weltgeistes ist, so können die Zwecke, für die das 
Individuum verbraucht wird, nur auf diesem Wege 
liegen. Das historische Individuum ist der ,, Geschäfts- 
führer eines Zwecks, der eine Stufe in dem Fortschreiten 
des allgemeinen Geistes war" (W. IX, 32). In dieser 
Hinsicht bildet die Hegeische Philosophie der Ge- 
schichte, an Hebbel gemessen, eine Ergänzung der 
Hegeischen Ästhetik, die wohl die aus dem Kampf der 
, .Einseitigkeiten" hervorgehende Wiederherstellung der 
Idee, nicht aber den sich darin durchsetzenden histo- 
rischen Fortschritt kennt. Der Gedanke wird wenig- 
stens nicht ausgesprochen. In dem Begriffe des dia- 
lektischen Prozesses, auf den die Hegeische Ästhetik 
nicht minder wie seine Gesamtphilosophie aufgebaut 
ist, ist er allerdings implicite enthalten. 

In der Ästhetik Hegels finden wir dieselben Ele- 
mente verwandt, die wir von der Ästhetik Hebbels her 
kennen: Kampf zweier Prinzipien und daraus hervor- 
gehender Sieg des Absoluten, allein Wesenhaften, der 
Idee. In diesem letzten metaphysischen Resultat der 
Tragödie, dem Ertrag sozusagen des Kampfes, stim- 
men sie beide vollständig überein. 

Das Unterscheidende, das zwischen ihnen besteht. 



I^O Der überindividuelle Charakter beider Parteien bei Hegel. 

ohne jener Übereinstimmung im Letzten Abtrag zu 
tun, sehe ich in zwei Punkten. 

Während sich bei Hebbel die Wiederherstellung 
der Idee im Kampf des individuellen Prinzips mit dem 
universellen, d. i. dessen Repräsentanten, den überindi- 
viduellen Mächten vollzieht, tragen bei Hegel beide 
Parteien überindividuellen Charakter, sind es hier 
überindividuelle Mächte, die in Kollision geraten. Die 
Individuen stehen hier auf beiden Seiten nicht für sich, 
sondern sie sind Vertreter höherer, allgemeiner An- 
gelegenheiten. „Dieser Zweck, die Sache, auf welche 
es ankommt, steht höher als die partikuläre Breite 
des Individuums, das nur als lebendiges Organ und be- 
lebender Träger erscheint" (W. III. Bd., 484). Hegel 
sieht in der Antigone des Sophokles, die ihm das Ideal 
der Tragödie bedeutet, nicht wie Hebbel das für sein 
individuelles Recht kämpfende Individuum, sondern das 
für ein allgemeines, das Familienrecht kämpfende Weib, 
die für ein göttliches Gebot eintretende Ehrerin gött- 
licher Gesetze^. 

Und ferner: Es sind , .sittliche" Mächte, die bei 
Hegel in der Tragödie in Kollision geraten. Die Tra- 
gödie Hegels hat einen durchaus ethischen Charakter. 
Die Idee, deren Einheit und Integrität wiederhergestellt 
werden soll, ist das an und für sich Sittliche. 

Letzten Endes ist es bei Hebbel ja auch nicht an- 
ders. Daß und in welchem Sinne die Tragödie Hebbels 
als solche eine ethische ist, und daß die Mächte, gegen die 
als die Repräsentanten der Idee sich das Individuum 
vergeht, sittliche Mächte sind, wurde schon erwähnt. 
Aber der Ausgangspunkt ist ein anderer. Die Idee, 
der bei Hebbel das Individuum gegenübersteht, ist nicht 



* Auch Schelling faßt die Antigone so auf. Beide haben, wie 
schon erwähnt, nach meiner Ansicht recht gegen Hebbel. 



Der ethische Charakter der Tragödie Hegels. 1 7 I 

das „Sittliche an sich", sondern ganz allgemein das Ab- 
solute als der Quell allen Lebens, das Ganze, aus dessen 
„ursprünglichem Nexus" das Individuum sich losgelöst 
hat und dadurch , .schuldig" geworden ist. In diesem 
Sinne trägt die Tragödie Hebbels im Gegensatz zu der 
enger umschriebenen bei Hegel einen allgemeineren, im 
Gegensatz zu der Tragödie des Sittlichen einen 
metaphysischen Charakter. 

Eins aber sind beide in dem letzten Ergebnis der 
tragischen Handlung, eins auch in der Vorstellung des 
Prozesses, der zu diesem führt. 

Nach Hegel ist tragisches Geschehen dort, wo ,, gleich- 
berechtigte, unterschiedene, sittliche Mächte, welche 
durch Unglück in Kollision gekommen, auftreten und 
so nun durch diese ihre Entgegensetzung gegen ein 
Sittliches Schuld haben, woraus das Recht und das 
Unrecht beider und damit die wahre Idee gereinigt und 
triumphierend über diese Einseitigkeit, somit versöhnt 
in uns hervorgeht, daß sonach nicht das Höchste in 
uns es ist, welches untergeht, und wir uns nicht am 
Untergang des Besten, sondern im Gegenteil am Triumph 
des Wahren erheben"* (W. VIII, 202). 

Es sind hier zwei Momente auseinanderzuhalten. 
Das erste ist die tragische Schuld als ,, Entgegensetzung 
gegen ein Sittliches". Das Wesen des Sittlichen als 
des Absoluten ist die Einheit. „Das sittliche Bewußt- 
sein aber hat aus der Schale der absoluten Substanz 
die Vergessenheit aller Einseitigkeit des Fürsichseins, 
seiner Zwecke und eigentümlichen Begriffe getnmken 
und darum in diesem stygischen Wasser zugleich alle 
eigne Wesenheit und selbständige Bedeutung der gegen- 
ständlichen Wirklichkeit ertränkt" (W. II, 349). „Das 

' Es ist diese Stelle, von der Hebbel schreibt (T. H, 3088): 
„Hegels Schuldbegriff ganz der nieinige." 



172 Übereinstimmung in dem Fazit der tragischen Handlung. 

Sittliche als das absolute Wesen und die absolute Macht 
zugleich kann keine Verkehrung seines Inhaltes er- 
leiden" (ibid.). 

Diese Trübung der Einheit, die Verkehrung des 
Inhalts des Sittlichen erfolgt mit jeder Verwirklichung, 
die es sich als der „bewegende Inhalt für die wahrhaft 
menschliche Handlung" gibt. Jedes Tun als der Aus- 
fluß einer bestimmten sittlichen WiUensrichtung ist 
eine solche Verkehrung und damit Schuld. „Unschuldig 
ist daher nur das Nichttun wie das Sein eines Steines, 
nicht einmal eines Kindes" (ibid. S. 350). 

Die Gleichberechtigung der beiden kollidierenden 
Parteien ist das zweite Moment. „Das ursprünglich 
Tragische besteht nur darin, daß innerhalb solcher 
Kollision, beide Seiten des Gegensatzes für sich ge- 
nommen, Berechtigung haben, während sie andrerseits 
dennoch den wahren, positiven Gehalt ihres Zwecks 
und Charakters nur als Negation und Verletzung der 
andern, gleichberechtigten Macht durchzubringen im- 
stande sind und deshalb in ihrer Sittlichkeit und durch 
dieselbe offenbar in Schuld geraten" (ibid.). 

In der antiken Tragödie sieht Hegel dieses Grund- 
gesetz seiner Tragödie verkörpert. Es genügt, auch 
hier auf Antigene und Kreon hinzuweisen. 

Die „ihrem Begriffe nach einige sittliche Macht", 
das „Göttliche in seiner Totalität" kann aber eine solche 
durch die einseitige Hingabe an ein bestimmtes Pathos, 
sei dieses noch so berechtigt, gegebene Störung nicht 
dulden. Sie muß sich in ihrer Einheit wiederherstellen. 
Dies kann sie nur, indem sie „die einseitige Besonder- 
heit, welche sich dieser Harmonie nicht zu fügen ver- 
mocht hatte", aufhebt, indem sie „die ihre Ruhe stö- 
rende Individualität" vernichtet: ,,Das Fatum weist 
die Individualität in ihre Schranken zurück und zer- 



Die tragische Schuld bei Hegel. Die Selbstkorrektur der Welt. 173 

trümmert sie, wenn sie sich überhoben hat" (ibid. S. 554). 
Aber ein solches schuldloses Leiden würde keine tra- 
gische \\'irkung hervorbringen, es würde uns nur zer- 
malmen, nicht auch erheben, ,,es müßte statt sittlicher 
Beruhigung nur Indignation in der Seele des Zuschauers 
hervorbringen" (ibid.). Damit dieses nicht geschieht, 
müssen wir die Überzeugung gewinnen, daß dieses Lei- 
den nur um jener höheren Harmonie und Einheit willen 
verhängt wird und deshalb vernünftig und gut ist. 
„Nur dann ist nicht das Unglück und Leiden, sondern 
die Befriedigung des Geistes das letzte, insofern erst 
bei solchem Ende die Notwendigkeit dessen, was den 
Individuen geschieht, als absolute Vernünftigkeit er- 
scheinen kann, und das Gemüt wahrhaft sittlich be- 
ruhigt ist, erschüttert durch das Los der Helden, ver- 
söhnt in der Sache" (ibid.). 

Hier wie dort also, bei Hegel wie bei Hebbel ist 
die Wiederherstellung der durch die individuelle Be- 
sonderung gestörten Harmonie des Absoluten das letzte. 
Die Gottheit, die eine Judith zermalmt, das große Rad, 
das über eine Agnes hinweggeht, und das Fatum, das 
die Individualität in ihre Schranken zurückweist und 
zertrümmert, sie sind nur verschiedene Symbole einer 
und derselben, der absoluten Wesenheit. 

Gleich, sagte ich oben, ist auch bei beiden der Pro- 
zeß, der zu diesem Fazit des tragischen Geschehens 
führt. Walzel, nach dem „das Schema der Hegeischen 
Dialektik von selbst nach tragischer Verwertung ruft" 
(S. 31), sieht in dem Drama Hebbels die Verwirklichung 
dieses Rufes. Es ist klar, daß auch die tragische Theorie 
Hegels aus seiner Theorie des logisch-sittlichen Werde- 
gangs der Welt herausgewachsen ist, wenn auch in 
ihr mehr die Wiederherstellung der gestörten Harmonie 
als das in der wiedergefundenen Einheit gegebene 



1^4 ^^^ tragische Prozeß. Die Notwendigkeit der 

Fortschreiten betont ist. Das Sittliche, die abso- 
lute Substanz, bedarf zu seiner Verwirklichung der 
Gegensätze. Nur durch sie kann es überhaupt in die 
Erscheinung treten, wie sich der Begriff nur durch 
Thesis und Antithesis Realität gibt. ,,Den allgemeinen 
Grund für die Notwendigkeit dieser Konflikte 
habe ich soeben schon berührt. Die sittliche Substanz 
ist als konkrete Einheit eine Totalität unterschiedener 
Verhältnisse und Mächte, welche jedoch nur in tat- 
losem Zustande als selige Götter das Werk im Genuß 
eines ungestörten Lebens vollbringen. Umgekehrt aber 
liegt es ebensosehr im Begriff dieser Totahtät selbst, 
sich aus ihrer zunächst noch abstrakten Idealität zur 
realen Wirklichkeit und weltlichen Erscheinung umzu- 
setzen" (ibid. S. 529). Diese Worte sind mehr noch als eine 
Bestätigung dafür, daß der Prozeß des Tragisch-Sittlichen 
bei Hegel sich in der Form des logisch-dialektischen 
Prozesses abspielt. Wenn man bei Hegel überhaupt 
Logisches und Metaphysisches trennen kann, so sehe 
ich darin die metaphysische Notwendigkeit der Schuld 
ausgesprochen, eine Notwendigkeit, die noch über die, 
die ich die logische nennen möchte (wonach das Sitt- 
liche sich analog von Thesis und Antithesis nur in Ein- 
seitigkeit realisieren kann), hinausgeht. Ganz wie bei 
Hebbel! Wie bei diesem die Idee nur durch die Indivi- 
dualisierung zum Selbstgenuß kommen kann, und doch 
diese Individualisierung an dem Individuum als „Maß- 
losigkeit" straft, so hier bei Hegel. Es ist derselbe Zirkel 
hier wie dort. Hegel hätte genau so wie Hebbel fragen 
können, warum der Riß überhaupt geschehen mußte. 
Er hätte keine andere Antwort finden können wie die 
von der in der Nacht des Weltmysteriums sich ver- 
lierenden Notwendigkeit. 

Mehr an diesen, die tragische Schuld und die tra- 



metaphysischen Urschuld auch bei Hegel. 175 

gische Versöhnung erzeugenden metaphysischen Weg 
der Idee von der Selbstentäußerung zur Rückkehr zu 
sich selbst als an den dialektisch-logischen Entwick- 
lungsprozeß hatte ich gedacht, als ich von der Gleich- 
heit des tragischen Prozesses bei Hebbel und bei Hegel 
sprach. Fallen die beiden Wege, der metaphysische 
und der dialektische, auch faktisch zusammen, so dürfte 
es doch nicht überflüssig sein, sie in abstracto aus- 
einander zu halten. 

Die im wesentlichen völlige Gleichheit des tragi- 
schen Schuldbegriffs bei Hebbel wie bei Hegel, die wir 
so gewonnen haben, äußert sich nach zwei Seiten. 
Diese entsprechen gewissermaßen der Scheidung, die 
wir soeben vorgenommen haben. Es ist zuerst ganz all- 
gemein die ,, metaphysische Urschuld" des individuellen 
Prinzips gegenüber der Idee. Es ist femer die aus der 
gleichen Berechtigung hervorgehende Schuld der bei- 
den Parteien gegeneinander (Thesis und Antithesis), die 
freilich auch wieder nur die Gestalt ist, in der jene ver- 
sinnlicht werden kann. Wie sehr Hebbel selbst dieses 
Prinzip der allseitigen Berechtigung betont, wurde bei 
Besprechung seiner tragischen Theorie erörtert, so daß 
weitere Ausführungen hier überflüssig sind. 

Das eine soll noch bemerkt werden. Bei Hegel 
treten die beiden Parteien als sich bekämpfende auf, 
und die Idee hält sich sozusagen im Hintergrund, sie 
wartet, bis ihre Zeit kommt. Bei Hebbel ist dies nur 
in einigen seiner Dramen (,, Maria Magdalene" z. B.) 
der Fall. In andern, wie in , .Agnes Bernauer", tritt die 
Idee selbst in Gestalt einer der beiden streitenden Par- 
teien auf den Plan'. 

Wie für Hebbel und Schelling, so ist auch für Hegel 

* Wenigstens neige ich sehr zu dieser Auffassung. Es lassen 
sich auch Gründe für die andere anfüliren. 



176 Der Unterschied im Charakter der Parteien. 

das Drama „seiner ganzen Darstellungsweise nach allein 
befähigt, das Tragische zum Prinzip des Kunstwerks 
zu machen". Und wie für sie, so sind, wie wir sehen, 
auch für ihn die Prinzipien des Tragischen dieselben, 
auf denen das Weltgeschehen beruht. Je nachdem diese 
Prinzipien gefaßt werden, als Einzelheit und Allheit, 
als Freiheit und Notwendigkeit, als Geist und Natur, 
als Substantialität und Subjektivität, immer ist es die 
Tragödie, in der als der höchsten Kunstform sie zur 
sinnlichen Erscheinung gelangen. Ein Gedanke von un- 
endlicher Perspektive, die tragische Kunst an das Ab- 
solute anzuknüpfen, zum Spiegelbild des Unendlichen 
zu machen! 

Wir kommen zum letzten , zur Staatstheorie Hegels . 

Es wurde schon erwähnt, daß das erste und letzte 
der Hebbelschen Welt auf fassung, die Stellung des ein- 
zelnen zum Ganzen, nicht so sehr in der tragischen 
Theorie Hegels — unbeschadet jener Übereinstimmung 
in bezug auf die letzte Bedeutung der Tragödie, die wir 
soeben konstatierten — als in seiner Geschichtsphilo- 
sophie ihren analogen Ausdruck findet. Nichts natür- 
licher, als daß, wie bei Hebbel, auch bei Hegel das 
letzte Wort über diese Angeigenheit, soweit sie auf 
empirisch-realem Gebiet zum Austrag kommt, im 
Staat gesprochen ist. Im Staatsgedanken gipfelt 
die Übereinstimmung zwischen Hebbel und Hegel. 
Wenn es möglich ist, daß der Dichter der „Agnes Ber- 
nauer" in der Betonung des Staatsgedankens noch über- 
troffen wird, so ist es von Hegel geschehen. Es fällt 
geradezu schwer, hier den Gedanken einer direkten Be- 
einflussung Hebbels durch Hegel abzuweisen. 

Nie zuvor dürfte der Staat eine Würdigung erfahren 
haben wie bei Hegel. Selbst nicht in der Antike ist er 
in dem Sinne Selbstzweck wie bei Hegel. Bei Plato 



Die Staatslehre Hegels. 177 

und Aristoteles ist er als die einzige Institution, in der 
der Mensch, der Bürger zur Glückseligkeit, d. i. zur 
Tugend gelangen kan,n, wohl von unersetzlicher Be- 
deutung und deshalb verlangt er jedes individuelle Opfer, 
die totale Hingabe des Individuums; aber in die- 
sem Sinne ist er, möchte ich entgegen der allgemeinen 
Auffassung sagen, auch bei Plato und Aristoteles 
nur Mittel, das Individuum aber sein letzter Zweck. 
Dagegen ist der Staat bei Hegel „absoluter, un- 
bewegter Selbstzweck" (W. VIII, 313). Er ist nicht 
da um der Sittlichkeit des Individuums willen, ob- 
wohl diese sich erst in ihm und nur in ihm voll- 
enden kann, er ist da, damit das Sittliche, das Ver- 
nünftige an und für sich sei, damit die Idee eine Ver- 
wirklichung habe. Er ist die auf die Erde herunter- 
gestiegene Idee, die (ibid. S. 320) ,,der wirkliche Gott" ge- 
nannt wird, er ist somit die Hypostasierung Gottes 
selbst. „Es ist der Gang Gottes in der Welt, daß der 
Staat ist" (ibid.). ,,Der Staat ist die Welt, die der Geist 
sich gemacht hat" (ibid.). 

Wie bei der tragischen Theorie, so müssen wir auch 
hier, wenn wir den Staatsgedanken Hegels zu seiner 
letzten Erklärung bringen wollen, auf sein Gesamt- 
Gedankensystem als dessen Ursprung zurückgreifen. 
Und auch hier dürfte nicht überflüssig sein, zu be- 
tonen, wie bei gleichem Ergebnis der Ursprung der 
Staatsauffassung Hebbels und Hegels insofern ein ver- 
schiedener war, als der Charakter des Weltsystems, 
aus dem jede entsprang, ein formal verschiedener ist. 
Aus seiner, in der Stellung des einzelnen zum All 
gipfelnden metaphysischen Weltbetrachtung ging der 
Hebbelsche Staatsgedanke mit Notwendigkeit hervor, 
aus seinem panlogistisch-panethischen Weltsystem der 
Staatsgedanke Hegels. 

Dos. la 



lyS Nichtigkeit des Individuums, 

Der Staat ist bei Hegel die Synthese der sich in 
ihren Gegensätzen spaltenden Idee, der Idee des Vernünf- 
tigen, des Sittlichen. Das äußere, formale Recht, das 
sich nur in den Sachen (Person, Eigentum) ein Dasein 
gibt, und das diesem gegenüberstehende innere die 
Angelegenheiten des Gewissens umfassende Recht, die 
Moralität, erzeugen, wie Thesis und Antithesis, aus 
sich heraus die sich in äußern Gebilden realisierende 
Sittlichkeit. Das nur äußere Recht und die 
nur innere Moralität sind nur wesenlose Abstrak- 
tionen, die erst in der Sittlichkeit Realität gewinnen. 
Für sich haben ,, beide Momente keine Wirklichkeit" 
(ibid. S. 209). Diese wird erst in der Idee. ,,Nur das Un- 
endliche, die Idee ist wirkHch" (ibid.). Die Wirklichkeit 
dieser Idee aber, das äußere Gebilde, in dem sie sich 
realisiert, ist der Staat. Der Staat ist wie das Kunst- 
werk des Wahren und Schönen, die ,, sinnliche Kunst- 
gestaltung" des Sittlichen. 

Mit Naturnotwendigkeit geht aus dieser Auffassung 
die von der Bedeutung des Individuums hervor. Es 
ist die gleiche, die wir von Hebbel her kennen. Mag 
nun das Individuum eine Erscheinung in dem meta- 
physischen, mag es ein Moment in dem dialektisch- 
ethischen Weltprozeß sein, das Fazit ist hier wie dort 
das gleiche:' Das Ganze alles, — das Einzelne nichts; 
das Individuum wertvoll, weil nur in ihm das Ganze 
zum Selbstgenuß kommen kann, — für sich genommen 
von keinem Belang. 

,,Es gibt nur eine Notwendigkeit, die, daß die Welt 
besteht; wie es aber den Individuen darin ergeht, ist 
gleichgültig", hatte Hebbel gesagt. Es gibt nur eine 
Notwendigkeit, die, daß die Sitthchkeit besteht, war 
die Meinung Hegels: ,,0b das Individuum sei, gilt der 
objektiven Sittlichkeit gleich, welche aUein das Blei- 



Der Staat die Bedingung wahren Menschentums. 179 

bende und die Macht ist, durch welche das Leben der 
Individuen regiert wird*' (ibid. S. 211). 

,, Alles Individuelle ist nur ein an dem einen und 
Ewigen hervortretendes und von demselben unzer- 
trennhches Farbenspiel." So Hebbel. Und Hegel: ,,Die 
Sittlichkeit ist daher den Völkern als die ewige Ge- 
rechtigkeit, als an und für sich seiende Götter vorgestellt 
worden, gegen die das eitle Treiben der Individuen nur 
ein anwogendes Spiel bleibt" (ibid.). 

Wie das formale Recht und die Moralität, so ist das 
Individuum, solange es nur deren Träger ist, wesenlos, 
eine Abstraktion. Erst wenn es und insofern es Teil 
gewinnt an der Sittlichkeit, mit andern Worten, wenn 
es als Bürger eintritt in das höchste Gemeinwesen, den 
Staat, kann es wahre Realität, d. h. wahre Sittlichkeit 
erlangen. ,,Nur als Bürger ist der einzelne wirklich und 
substantiell, als der Familie gehörig nur der unwirk- 
liche und marklose Schatten." 

Zur Sittlichkeit gelangen heißt aber nichts anders als 
zur wahren Freiheit gelangen. Wahre Freiheit kann 
nur im Staate, in der über das abstrakt-formale Recht 
wie über der Subjektivität der Moral stehenden Reali- 
sierung des objektiv Sittlichen, sein. Und die dem 
Staate schuldige Pflichterfüllung ist weit davon ent- 
fernt, eine Beschränkung dieser Freiheit zu sein, sie 
ist im Gegenteil deren höchste Bestätigung. Nur wo 
wahre Freiheit ist, kann wahre Pflichterfüllung sein, 
die das Individuum ,, teils von der Abhängigkeit, in der 
es in dem bloßen Naturtriebe stehet", ,, teils von der 
unbestimmten Subjektivität, die nicht zum Dasein und 
der objektiven Bestimmtheit des Handelns kommt'* 
(W. VIII, 244). befreit. „In der Pflicht befreit das In- 
dividuum sich zur substantiellen Freiheit" (ibid.). 

Ist somit die Zugehörigkeit zu dem sittlichen Ge- 



l8o Der Staat als Fatum. 



meinwesen des Staats die unerläßliche Bedingung der 
Erlangung wahren Menschentums, so ist es nicht so 
sehr eine Pflicht als ein mit dem Menschen gesetztes 
Recht des Individuums, Bürger zu sein. Wie die über 
den Verbrecher verhängte Strafe nur die Anerkennung 
seines Menschentums bedeutet, wie es ihm diese An- 
erkennung verweigern hieße, wollte man ihn straffrei, 
d. i. außerhalb des Gesetzes stehend erklären, so erklärt, 
wer dem Menschen das Recht zum Bürgersein vorent- 
hält, ihn der ,,Ehre seines Begriffes" verlustig. 

Glaube deshalb niemand, sich der Atmosphäre des 
Staates entziehen, sich, auf die Selbstherrlichkeit des 
Einzelwesens pochend, für „frei" erklären zu können. 
Er kann es nicht. 

Wie er sich auch stellen mag, die Gewalt des Staates 
wird ihn ergreifen, denn sie ist die Gewalt des Welt- 
geistes. Wie man nun auch zu dem Staate stehen mag, 
man kann sich dem Eindruck der Worte nicht ent- 
ziehen, mit denen sich Hegel in diesem Sinne gegen 
Rousseau wendet: ,,Die pädagogischen Versuche, den 
Menschen dem allgemeinen Leben der Gegenwart zu 
entziehen und auf dem Lande heraufzubilden (Rousseau 
im Emile) sind vergebHch gewesen, weil es nicht ge- 
lingen kann, den Menschen den Gesetzen der Welt zu 
entfremden. Wenn auch die Bildung der Jugend in 
Einsamkeit geschehen muß, so darf man ja nicht glau- 
ben, daß der Duft der Geisterwelt nicht endhch durch 
diese Einsamkeit wehe, und daß die Gewalt des Welt- 
geistes zu schwach sei, um sich dieser entlegenen Teile 
zu bemächtigen. Darin, daß es Bürger eines guten 
Staates ist, kommt erst das Individuum zu seinem 
Recht" (ibid. S. 219). 

Und so ist es denn keine Frage, daß wo das Recht 
des einzelnen und das Recht des Ganzen zusammen- 



Solger. Ablehnende und günstige Äußerungen Hebbels. i8l 

stoßen, wo die Sphäre des einen in die des andern über- 
greift, dies nur mit dem Sieg des Ganzen endigen kann. 
Der Staat übernimmt hier die Rolle des Fatums in 
der Tragödie, die eine ihre Schranken überschreitende 
Individualität zertrümmert. Er ist selbst das Fatum, 
denn er ist die Idee. Die thebanischen Brüder gehen 
unter, ,,das von der leeren Einzelheit angegriffene und 
verteidigte Gemeinwesen erhält sich" (W. II, 355), 
„denn die Individualität, welche an ihr Für- 
sichsein die Gefahr des Ganzen knüpft, hat 
sich selbst vom Gemeinwesen ausgestoßen und 
löst sich in sich auf" (ibid.). 

Der Dichter der ,, Agnes Bemauer" konnte damit 
zufrieden sein. 

3. Beziehungen zu Solger, 

Wir verzichten auch hier auf die chronologische 
Darstellung der Stellung Hebbels zu Solger, soweit wir 
sie an der Hand von Hebbels Briefen und Tagebüchern 
verfolgen können. Hebbel äußert sich einmal sehr ab- 
lehnend, ein andermal sehr günstig über Solger; er 
nennt ihn einmal seinem Verständnis so unzugänglich 
,,wie die Offenbarung Johannis", ein andermal den 
„Lehrer seiner Jugend"; eine Haltung, die, wenn sich 
diese Äußerungen auch auf verschiedene Schriften Sol- 
gers beziehen, unsere auch hier eine direkte Beein- 
flussung Hebbels ablehnende Auffassung nicht zu er- 
schüttern vermag. 

Dabei sind sehr wesentliche Übereinstimmungen 
zwischen Hebbel und Solger vorhanden. Es bedarf in- 
des, um dieses Wesentliche herauszustellen, nicht so, 
wie bei Schelling und Hegel, des Zurückgehens auf all- 
gemeinste, systematisch-konstituierende Prinzipien. Das 
hängt mit dem ganzen Charakter der Ästhetik bzw. 



l82 Solgers Ästhetik. Theorie der Tragödie. 

der Philosophie Solgers zusammen. Wir haben kein 
philosophisches Gesamtsystem Solgers. Er ist in erster 
Linie Ästhetiker. Seine Ästhetik ist nicht, wie bei jenen, 
im Rahmen eines umfassenden Systems als der aus 
einem Ganzen hervorsprossende Zweig zu betrachten, 
sie kann für sich allein gewürdigt werden, wenn selbst- 
verständlich seine ästhetischen Überzeugungen nicht 
anders als auf seine philosophischen zurückgehen kön- 
nen. 

Der erste Punkt der Übereinstimmung ergibt sich 
in der Wertung der Kunst überhaupt. Die Kunst hat 
bei Solger wie bei Hebbel (und auch bei Schelling) 
absolute Bedeutung, keine relative wie bei Hegel. Sie 
dringt wie bei Hebbel dorthin, wo die übrigen ,, Fakul- 
täten" unzugänghch sind. Was sie gibt, ist die Wahr- 
heit in der Form der Schönheit. Sie gibt das Unend- 
liche in der endlichen Form. Die Idee empfängt in 
ihr sinnliche Erscheinung, unmittelbare Gegenwart. 

Aber diese Versinnlichung der Idee bedeutet 
zugleich ihren Untergang als Idee. Von hier aus ge- 
langt Solger zu seiner Theorie der Tragödie und der 
tragischen Stimmung, wenn überhaupt nicht jede Kunst 
von diesem Gesichtspunkte aus tragisch ist. Indem die 
Idee in die Sphäre der sinnUchen Erscheinung, also in 
begrenzte, endüche Gestaltung herabsteigt, wird sie ver- 
nichtet. Die Begrenztheit unserer Existenz, die das 
Unendliche nicht ertragen kann, wird uns dadurch erst 
recht vorgeführt. Das Gefühl dafür ist die , »tragische 
Ironie". Aber nur eine Seite derselben. 

Die Vernichtung der Idee bedeutet zugleich deren 
Offenbarung: „Im Tragischen wird durch die Ver- 
nichtung die Idee als existierend offenbart, denn 
indem sie sich als Existenz aufhebt, ist sie da als Idee 
imd beides ist ein und dasselbe. Der Untergang der 



Gegensatz zwischen Einzelwille und Gattungswille. 183 

Idee als Existenz ist ihre Offenbarung als Idee" 
(Ästhetik, S. 311). 

Diese Offenbarung ist die zweite Seite der tragischen 
Ironie, das, was das Erhebende zu dem Zermalmenden 
fügt und damit die tragische Ironie zur allein tragischen 
Stimmung, zur tragischen Versöhnung werden läßt. 

Aus dieser Region der ,, absoluter Wesenheiten" 
führt Solger seine tragische Theorie mehr in das prak- 
tisch-ästhetische Gebiet, hauptsächlich in einer Studie 
über Sophokles und die antike Tragödie (Nachgelassene 
Schriften II). Hier wird das Wesen des Tragischen 
enger und bestimmter in den Gegensatz zwischen 
Einzelwillen und Gattungswillen gesetzt. 

Der einzelne sieht sich in seinem Wollen und Han- 
deln einer Welt gegenüber, ,, deren gewidtig wehrhaftes 
Dasein zwar stets dem unserigen zugrunde liegt, aber 
zu unserm Schrecken uns als etwas Fremdes einleuch- 
tet, sobald das Wollen des einzelnen sich in seiner Ent- 
gegensetzung mit ihr darstellt ; und dieses ist die schreck- 
liche Seite dieser Kunst" (Nachgel. Sehr. II, 455). 

Wir hätten hier wieder nur die eine Seite der tra- 
gischen Stimmung. Aber diese ,,Welt der Notwendig- 
keit", die in der Form des Allgemein willens gedacht 
wird, ist zugleich ,,das Ewige und Höchste und er- 
scheint so in der Gestalt der heiligsten, notwendigsten, 
durch sich selbst daseienden Gesetze, welche sich ab- 
spiegeln in der ideahschen Natur der menschlichen 
Gattung als eines Ganzen" (ibid.). 

Die Gattung wird hier zu dem der Endlichkeit des 
einzelnen gegenüberstehenden Ideal, zu dem im Ge- 
gensatz zur Schrankenlosigkeit des Individuums in sich 
selbst ruhenden Maß. ,, Diese Gattung drückt das ihr 
eingepflanzte Wesen eines Ganzen aus durch Maß und 
Gleichgewicht, wodurch sie das Abbild des Ideals und 



184 I^^s entwicklungsgeschichtliche Moment. 

also mit diesem gleich unendlich ist, und hierauf be- 
ruht die heitere und beruhigende Eigenschaft der Tra- 
gödie" (ibid. S. 456). 

Der einzelne wird in diesem Kampfe notwendig 
zerschmettert, aber die Gattung bleibt: „Während also 
der einzelne Mensch, sein abgesondertes Dasein mit 
lebendigem Wollen verfolgend, von der Allgewalt des 
Notwendigen ergriffen und daniedergeschlagen wird, 
blüht zugleich die gesamte Gattung in dem Wider- 
scheinen der ewigen Gesetze mit unvergänghcher und 
unvertilgbarer Kraft des Lebens" (ibid.). 

Das entwicklungsgeschichtliche Moment in der tra- 
gischen Theorie Hebbels, das bei Hegel fehlt, erscheint 
bei Solger wenn auch nicht in so ausgesprochener For- 
mulierung^. In diesem und der Charakterisierung des 
allgemein-metaphysischen Gegensatzes als dem zwi- 
schen Individuum und Gattung, in dem allein auch 
Hebbel seinen Dualismus zwischen Idee und Einzelwesen 
darstellen konnte 2, liegt das Wesentliche der Überein- 
stimmung zwischen Hebbel und Solger. Bei Schelüng 
war es ganz allgemein der Kampf zwischen Freiheit und 
Notwendigkeit, bei Hegel der zwischen gleichberech- 
tigten, sittlichen Mächten, während die Idee dem 
Kampfe, der nur sie angeht, zuschaut. Bei Solger sind 
die beiden Kontrahenten als Individuum und Gattung 
reahstisch faßbarer. 

Zuletzt sei noch auf einen wesentlichen Punkt der 
Übereinstimmung zwischen Hebbel und Solger hin- 



^ Walzel sieht, beide an Hebbel messend, gerade darin die Er- 
gänzung der Hegeischen Theorie durch Solger. 

2 Daß nicht immer mit unbedingter Sicherheit zu entscheiden 
ist, wo bei Hebbel in der dem Individuum gegenüberstehenden Gat- 
tung die Idee selbst repräsentiert sein soll, oder nach der Art Hegels 
beide nur gleichberechtigte Gegensätze sind, über denen die Idee 
als letzte Einheit thront, wurde schon erwähnt. 



Die Maßlosigkeit des Individuums. 185 

gewiesen. Es ist der Gedanke von der in der Maßlosig- 
keit des Individuums — und nicht nur in der Maßlosig- 
keit im Schlechten, sondern vielleicht eher noch im Guten 
und Schönen — beruhenden Verletzung des höchsten Ge- 
setzes. Solger spricht es zwar nicht klar aus, ob es 
seine eigene Meinung ist oder nur eine Interpretation 
des Sophokleischen Gedankens, wenn er schreibt: ,,Ajas 
untediegt, weil er zu herrlich und lebendig blühte, zu 
nahe an die Schranken grenzt, die das Sterbliche und 
Einzelne von dem Göttlichen und Idealen trennen .... 
Schon sein Leib war zu groß und herrlich für einen 
Menschen (Agnes Bemauer!) und dabei nicht durch De- 
mut ausgeglichen." Jedenfalls läßt sich diese Auf- 
fassung aus der hier entwickelten Solgers von der tra- 
gischen Funktion des Individuums überhaupt zwanglos 
ableiten. Auch Hebbel hatte (W. XI, 27) auf Sophokles 
in diesem Sinne hingewiesen. 



VIII. 

DAS WACHSEN DES STAATSGE- 
DANKENS IN DER ERSTEN HÄLFTE 
DES 19. JAHRHUNDERTS 

AGNES BERNAUER 

EIN KÜNSTLERISCHES OPFER 

DER ZEIT 



Hebbels „Agnes Bernauer" erschien im Jahre 1852, 
vier Jahre nach der Revolution. Wir haben Hebbels 
Stellung zu diesem Ereignis genügend erörtert. Wir 
kennen die Art seines geschichtlichen Bewußtseins, aus 
dem heraus er in Revolutionen notwendige Entwick- 
lungsstufen, ,, Krankheiten, die das Wachstum der 
Völker bezeichnen", erblickte. Er hatte die Zustände, 
die zu dieser Revolution führten, selbst miterlebt, er 
war der Überzeugung, daß sie aus einem ,, brennenden 
Nationalbedürfnis" hervorgegangen sei. 

Wir kennen auf der andern Seite seine entschiedene 
Antipathie, seine Furcht geradezu vor den extremen, 
wie er glaubte, destruktiven Tendenzen, die sich in der 
Revolution bemerkbar gemacht hatten. Man könnte 
vielleicht hierin eine Inkonsequenz erblicken. Keine 
Revolution ohne Zerstörung. Aber wir wissen ja, wie 
diese Furcht aufzufassen ist. Hebbel sah in der Krank- 
heit den Organismus selbst in Gefahr. Er sah in jenen 
Tendenzen nicht nur das Bestreben, dem „Gericht 



„Agnes Bernauer" ein künstlerisches Opfer der Zeit. 187 

der Geschichte" Verfallenes wegzuräumen, er sah in 
ihnen den Bestand der Gesellschaft selbst bedroht, das 
„Pflaster der Sozietät", d. i. das Fundament jeder ge- 
sellschaftlichen Ordnung selbst aufgerissen. Er fürch- 
tete nicht für dieses oder jenes Gesetz, diesen oder jenen 
Staat, er fürchtete für das Gesetz, für den Staat. 
Seine Furcht ging auf Ideen. Aus dieser Stimmung 
heraus wurden ,,Gyges und sein Ring", ,, Michelangelo", 
wurde vor allem ,, Agnes Bernauer" geboren. 

Als Hebbel ,, Agnes Bernauer" schrieb, war er sich 
der ihrer harrenden Opposition bei , »Liberalen, Demo- 
kraten, Radikalen, Soziaüsten" bewußt. Er hatte ja 
selbst mehrere Male darauf hingewiesen, ein Beweis, daß 
ihm die Aufnahme seiner Dichtung in jenen Kreisen 
durchaus nicht unwichtig war. 

Eher könnte man sagen, daß er ihren Einfluß und 
ihren Umfang überschätzte. Man hat den Eindruck 
als ob er sich, indem er sich in Opposition zu dem Geist 
jener Parteien wußte, in Opposition zu dem Geist der 
Zeit überhaupt fühlte. In Wirklichkeit war der Geist 
der Zeit einem Staatsgefühl, wie es aus Agnes Bernauer 
hervorsprach, durchaus nicht so ungünstig, wie Hebbel 
zu glauben scheint. Selbst bei jenen Parteien, wenig- 
stens bei den Nichtultraradikalen, hatte die indivi- 
dualistische Staatsauffassung, das Prinzi],» der 
großen französischen Revolution, im Laufe des 19. Jahr- 
hunderts einige Einschränkung erfahrend Und daß 
sie in den letzten Jahren wieder stärker hervorgetreten 
war, war nur Reaktion auf ein ihr durchaus entgegen- 
gesetztes Staatsgefühl, das sich in den Jahrzehnten nach 

* Vgl. hierzu eine der neuesten Publikationen Adalbert VVahls: 
„Beiträge zur deutschen Parteigeschichte des 19. Jahrhunderts" 
1910, in denen an der politischen Entwicklung eines der Führer 
der Liberalen, Rottecks, jene Einschränkung dargetan wird, der 
dann allerdings wieder eine spätere Verschärfung folgte. 



l88 Die individualistisch-rationalistische Staatsauffassung 

1789 seinerseits als Reaktion gegen den Geist der Re- 
volution mächtig entwickelt und sich auf allen Gebieten : 
Kunst, Wissenschaft, Politik geäußert hatte. 

Wenn Meinecke recht hat, die Philosophie Hegels 
überhaupt und damit auch seine Staatsphilosophie die 
,, Synthese aller seine Zeit bewegenden Ideen" (S. 265) zu 
nennen, so dürfen wir unserseits mit dem gleichen Recht 
,, Agnes Bemauer" ein derselben Zeit dargebrachtes 
,, künstlerisches Opfer" nennen. 

Die uralte Frage nach dem Verhältnis des einzelnen 
zum Staat hatte im 18. Jahrhundert, in der naturrecht- 
lich-rationalistischen Staatsauffassung der Aufklärung 
ihre klare und unzweideutige Antwort zugunsten des 
Individuums erhalten. Jene Geistesrichtung, die jede 
Einrichtung nur bestehen ließ, soweit sie sich vor dem 
Richterstuhl der Vernunft rechtfertigen konnte, die nur 
das Helle, Klare, von jedem dunklen Gefühlsmoment 
Reingewaschene gelten ließ, konnte sich das Entstehen 
und den Rechtsgrund der Staaten nur aus der ver- 
ständigen Überlegung, der freien Übereinstimmung der 
einzelnen erklären. Das Individuum, seine Wohlfahrt, 
seine Sicherheit, war das erste und letzte, der Staat 
nur Mittel zum Zweck. 

Nachdem in der französischen Revolution der Ver- 
such gemacht worden war, diese Staatsauffassung in 
Tat umzusetzen, dem Individuum durch die Zerreißung 
aller durch die Jahrhunderte errichteten Schranken 
materieller und geistiger Art seine Urrechte wieder- 
zugeben, folgte mit Naturnotwendigkeit die Reaktion. 

Jener Versuch war gescheitert, die Vernunft hatte 
sich ohnmächtig erwiesen, aUes durch die Geschichte 
unvernünftig Gewordene vernünftig zu gestalten. Statt 
eines goldenen Zeitalters war überall Zerrüttung und 
Auflösung eingetreten. Nun machte sich aus einer 



des i8. Jahrhunderts. Die Reaktion. 189 

psychologischen Notwendigkeit der Rückschlag, die 
Sehnsucht nach einer neuen Ordnung, nach einer neuen 
Gebundenheit geltend. Aus der schrankenlosen ,, Sub- 
jektivität" sehnte man sich wieder zur „Objektivität" 
zurück. Diese psychologische Notwendigkeit war der 
fruchtbarste Boden für die Saat, die jetzt von roman- 
tisch-reaktionärer Seite ausgestreut wurde, um die Ge- 
müter für die Wiederaufrichtung der alten, gestürzten 
Mächte zu gewinnen: ,, Machtvoll vielmehr, weil tief 
verankert in der gebundenen Denkungsart der großen 
\'olksmasse, drang die religiöse Reaktion durch und 
feierte selbst in einer teils glänzenden Literatur, be- 
ginnend mit Bonald und kraftvoll fortgeführt durch 
Männer wie Chateaubriand, de Maistre, Lamennais, nie 
erhörte Triumphe. Es war, prüft man die Werke dieser 
Dichter und Gelehrten, als ob die ganze tiefe Forscher- 
arbeit der großen Geister des 18. Jahrhunderts ver- 
gebens gewesen wäre" (Muckle S. 19). 

Hand in Hand mit der \\'iederaufrichtung des 
Altars sollte die des Thrones gehen. Aus der Gedanken- 
welt des einen Gebiets holte man Stützen für das an- 
dere. Die Institution des Staats wurde in ein religiös- 
mystisches Licht getaucht. War der Staat Rousseaus 
das freie Werk der zum Gesamtwillen verbundenen 
Einzelwillen, so war der Staat Bonaids einesteils die 
notwendige Wirkung der Natur, andemteils eine , .Ema- 
nation der göttlichen Gewalt". 

Interessant ist, wie sich in Deutschland diese Ent- 
wicklung oder Rückentwicklung von dem Evangeüum 
der Freiheit des Individuums zu dem der Gebundenheit, 
von der Autonomie zur Autorität vollzog. Um so in- 
teressanter deshalb, weil sich diese Entwicklung, statt 
sich im Kampfe einer Partei gegen die andere durch- 
zusetzen, sehr häufig bei ein und derselben PersönHch- 



190 Die Entwicklung in Deutschland. Schiller. 

keit, in dem Innenleben der einzelnen, der führen- 
den Geister, vollzog. So bei Fichte vor allem, dessen 
Name hier ein Programm bedeutet. 

Sie alle, die Schiller und Humboldt, die Schlegel und 
selbst Hegel haben jenen Weg zurückgelegt, haben die 
Revolution als den Anbruch eines neuen Zeitalters, des 
Zeitalters des Individuums enthusiastisch begrüßt, um 
mit der Einsicht zu enden, daß das Existenzrecht jener 
andern Gewalt nicht nur so im Belieben der einzelnen 
läge. Freilich mit unendlicher Variation. Welch ein 
Unterschied zwischen dem auf der Sittlichkeit der ein- 
zelnen aufgebauten ,,Vemunftstaat" Schillers, der aber 
bei aller Wertung des Staates als Institution seinen 
individualistisch-rationalistischen Ursprung nicht ver- 
leugnen kann, und dem vor allem Individuellen dage- 
wesenen Staat Hegels, der gestaltgewordenen Sittlich- 
keit selbst! Humboldt wiederum war, charakteristisch 
genug, davon ausgegangen, zu untersuchen, welche 
Grenzen der \'\'irksamkeit dem Staate zu belassen seien. 
Er stellte — ebenso charakteristisch — diese Unter- 
suchung von der Überzeugung geleitet an, daß die Prü- 
fung der ganzen Institution ,,von dem einzelnen 
Menschen und seinen höchsten Endzwecken" auszu- 
gehen habe. Er hatte jene Grenzen denkbar eng ge- 
zogen. Da die ,, wahre Vernunft dem Menschen keinen 
andern Zustand als einen solchen wünschen kann, in 
welchem nicht nur jeder einzelne der ungebundensten 
Freiheit genießt, sich aus sich selbst in seiner Eigen- 
tümlichkeit zu entwickeln" (S. 15), soll dem Staat jede 
Einwirkung auf das innere Leben der Bürger, auf ihre 
künstlerische, religiöse, sittliche Entwicklung versagt 
sein, wird ihm zur höchsten Pflicht gemacht, sich 
jeden Eingreifens in jene Sphäre zu enthalten, von 
der Erziehung insbesondere ganz die Hand zu lassen, 



Humboldt. Der aristokrat. u. demokrat. Individualismus. 19I 

weil sonst die Gefahr besteht, ,,daß der Mensch dem Bür- 
ger geopfert werde" (S. 57). Dem Staat solle als einzige 
Aufgabe die Sorge Jür die Sicherheit, die äußere 
Wohlfahrt der Bürger bleiben. Aus diesem Indivi- 
dualismus heraus, aus diesem ,, Protest gegen die Ex- 
pansionslust des Staates" (Meinecke) hatte dann Hum- 
boldt den Weg zum Staate gefunden, und nicht nur, 
weil und insofern äußere Ereignisse und das unmittelbare 
Bedürfnis seines Landes politisch-staatliche Betäti- 
gung von ihm verlangten, über die ,, Nation" als der 
aus den innersten Eigentümlichkeiten einer Mensch- 
heitsgruppe organisch herausgewachsenen Kulturgemein- 
schaft hatte er diesen ^^'eg gefunden. ,,Dann sah er 
schon in den neunziger Jahren über dem Individuum 
die Nation sich erheben, und immer tiefer hatte er seit- 
dem den ursprünglichen und naturhaften Zusammen- 
hang zwischen beiden begreifen gelernt" (ibid. 182). Aber 
— „seine erste und bleibende Liebe war dem Indivi- 
duum zugewandt" (ibid.). 

Freilich war der Individualismus, aus dem heraus 
sich bei unsern Dichtem, Philosophen und Staatsmän- 
nern die Entwicklung zu einem bald schwächeren, 
bald stärkeren, bald so oder so betonten Staatsgefühl 
vollzog, ein durchaus anders gearteter v,ie das, was 
wir unter dem Individualismus des Naturrechts und 
der Aufklärung verstehen. Jener war ein im idealsten 
Sinne des Wortes aristokratischer, dieser ein im wört- 
lichsten Sinne demokratischer Individualismus. Dort 
war die in sich vollendete, harmonisch gebildete Per- 
sönlichkeit, hier das gleiche Recht aller das Ideal. 
Das Ideal jener ging auf den Menschen, dieses auf den 
Bürger. Jener mußte in seiner letzten Konsequenz auf 
die höchste, innere Freiheit, dieser auf eine abstrakte, 
alles niveUierende (ileichheit führen. 



192 Individualismus und Nationalstaat. 

In seinem schon einige Male zitierten Buche : „Welt- 
bürgertum und Nationalstaat", in dem Meinecke zeigen 
will, wie sich der nationalstaatliche Gedanke des 
19. Jahrhunderts entgegen der seitherigen Meinung nicht 
im Gegensatz zu dem UniversaUsmus des 18., vielmehr 
aus ihm heraus, d. h. aus der Spannung ,, zwischen uni- 
versalen und nationalen Ideen" entwickelte, sucht er 
auch darzutun, wie gerade jener mit dem Kosmopoli- 
tismus verbundene aristokratische Individualismus 
der beste Nährboden für das Erwachen des national- 
staatlichen Geistes war. ,,Es ist kein Zufall, daß der 
Ära des modernen Nationalgedankens eine Ära indivi- 
dualistischer Freiheitsregungen unmittelbar vorhergeht" 
(ibid. S. 8). Dann aber hatte dieser Individualismus, 
der von jenen rationalistisch-unhistorischen Elementen 
allerdings nicht frei, zuerst nur die Menschheit und den 
Menschen gesehen hatte, den Weg zum Staate, und 
zwar über die Nation gefunden. Man überträgt den 
Begriff und das Gefühl für die Individualität zu- 
nächst auf die Nation, die man ganz unpolitisch nur 
als den Inbegriff geistig-ethisch-kultureller Gemein- 
schaft faßt. ,,Der Entdeckungszug ins Reich des In- 
dividuellen, den der deutsche Geist mit glühender Be- 
gierde unternahm, hatte inzwischen — wir sahen ja 
Humboldt selbst an ihm mit teilnehmen — auch die 
Individualität alles dessen, was die Individuen zu 
Massen vereinigt, zu entdecken begonnen." Das ge- 
steigerte Gefühl für die Lebensbedingungen des Indi- 
viduellen wird zur Offenbarung für die des überindivi- 
duellen Individuums. ,, Woher stammt überhaupt unsere 
historisch-politische Denkweise, unser Sinn für die In- 
dividualität auch der überindividuellen menschlichen 
Verhältnisse? Doch wohl ganz wesentlich mit aus 
einem Individualismus, der seine ursprünglich flache 



Die Romantik. 193 



Ansicht vom Wesen des Individuums im Laufe 
einer säkularen Arbeit immer mehr vertieft hat, bis er 
zu seinen Wurzelschichten gelangte und damit zu den 
Zusammenhängen, die das Eigenleben der einzelnen 
mit dem Eigenleben der höheren menschhchen Ver- 
bände und Ordnungen verknüpfen" (ibid. 182 f.). Von 
da an, von der Nation als der organisch gewordenen 
geistigen Gemeinschaft zu dem Staate als zu der po- 
litischen Organisation dieser Gemeinschaft war der 
Schritt nicht mehr weit. In seiner Denkschrift vom 
Dezember 1813 fordert Humboldt die Autonomie und 
Spontaneität der politisch geeintenNation, ,,weil 
er sie einst für das Individuum gefühlt und gefordert hat ' ' . 
Die Romantik war es vornehmlich, die zuerst 
für den die Freiheit aller versprechenden Individualis- 
mus der Revolution entzündet, dann abgeschreckt 
durch die Gefahr der drohenden Nivellierung, den 
klassisch-humanistischen Individualismus aufnahm, ihn 
bis zum extremen Subjektivismus steigerte, um dann, 
als sich mit Naturnotwendigkeit eine Gegenströmung 
gegen diesen Subjektivismus erzeugte, auf dem Wege 
von der Individualität zur Nationalität und zum Staate 
bei der unbedingten Anerkennung der überindividuellen 
Bindungen und Gewalten zu enden; um dann an die 
Stelle der schrankenlosen Selbstherrlichkeit des Indi- 
viduums die freiwilhge Unterordnung unter die Auto- 
rität, an die Stelle der subjektivistischen Moral ein 
überindividuelles Gesetz, an die Stelle des alles lösen- 
den Ideals der Revolution das der Restauration zu 
setzen. Was hier die psychologische Gesetzmäßigkeit, 
was hier äußere Ereignisse, die Ausschreitungen der 
Revolution, die Not der napolconischcn Herrschaft, 
die historische Notwendigkeit der politischen Konsoli- 
dierung taten, — wer vermag es zu entscheiden? 

Dof. ,3 



194 ^is Romantik. 



Die Romantik ist es in erster Linie, an die sich 
jene Umwandlung im deutschen Geistesleben, das ,, Auf- 
keimen ethisch-politischer Bedürfnisse aus einem bis 
dahin ganz unpolitischen Boden", der Entwicklungs- 
gang vom Individuum zum Staate knüpft. Nicht leicht 
ging diese Entwicklung von statten. Während ihr der 
eine der romantischen Züge, die aus der Betonung der 
Individualität hervorgegangene Übertragung dieses 
Begriffs auf überindividuelle Bindungen, durchaus gün- 
stig war, wurde sie durch den andern, den universal- 
kosmopolitischen Zug, der einerseits das Erbteil des 
Klassizismus und der Aufklärung, andrerseits durch den 
kirchlich-mittelalterlichen Universalismus eines Novalis 
charakterisiert war, fortwährend gehemmt. Bis in die 
praktisch-poUtische Arbeit eines Humboldt, eines Stein 
hinein machte sich dieser Zug, wie Meinecke ausführt, 
störend geltend. 

Jener erste Zug entwickelt sich zuletzt zur völUgen 
Negierung der Einzehndividualität, die zuletzt nur noch 
als Teil des sie umfassenden Ganzen, als Glied des ihr 
Leben spendenden Organismus Wert und Bedeutung 
hat ^ In dem Begriff des Organismus, als der auf ihrem 
eignen Zentrum beruhenden, aus unbewußt-schöpfe- 
rischen Kräften aufsteigenden, natürlich-historisch ge- 
wordenen Bildung erschöpft sich nun der Begriff des 
Staats. Bei Adam Müller ist der Staat ein großes, die 
Kleinen umfassendes Individuum, ,,ein erhabener und 
vollständiger Mensch" (ibid. S. 138 f.; nach den , »Ele- 
menten" von A. Müller). 

Über Adam Müller, den wir vielleicht als den 
typischen Vertreter der romantischen Staatsidee betrach- 

^ Wir können hier natürlich nicht alle Nuancen dieser Ent- 
wicklung bei den verschiedenen Trägern verfolgen, sondern müssen 
uns an die Grundzüge halten. 



Die romantische und liberale Strömung. 195 



ten dürfen, geht der Weg, der mit Novalis begonnen, 
mit Friedrich Schlegels übertritt zum Katholizismus eine 
deutliche Markierung, in der heiligen Allianz einen hoch- 
politischen Ausdruck empfangen hat, weiter bis zu 
Savigny, zu Hegel und — wenn wir ihn an der Hand 
Meineckes vollenden wollen — bis zu Ranke, dem Kreis 
Friedrich Wilhelms IV. und Bismarck. Als ein Seiten- 
oder Abweg, vom romantischen Geiste genährt, doch 
diesen bis ins Extreme verzerrend, erscheint uns das 
die Macht als das höchste Prinzip aller Herrschaftsver- 
hältni.sse proklamierende System Ludwig v. Hallers. 
Neben dieser gefühls-religiös- und künstlerisch be- 
tonten Strömung, die wir die romantische nennen, geht 
eine von anderer Art einher, in der sich das Wachstum 
des deutschen Geistes zum Staatsgefühl vollzieht. Die 
Charakterisierung mit ,, liberal" im weitesten, nicht 
parteipolitischen Sinne dürfte vielleicht dem Geiste die- 
ser im Unterschiede von jener am ehesten nahekommen. 
Empfängt jene ihre Färbung von dem Lichte einer poe- 
tisch geschauten Vergangenheit, so diese von dem einer 
vorgeahnten Zukunft. Sieht jene mit Vorliebe auf das 
Gewordene, so weist diese mit begeistertem Pathos auf 
das Werdende hin. Empfängt jene ihre stärksten Im^ 
pulse vom Gefühl, so diese Von einer hellen, klaren 
Geistigkeit, Es ist der Weg, der von Schiller zu Fichte 
und von diesem wie jener erste zu Hegel führt*. 

* Zwar ist es nicht so gemeint, als ob die beiden Strömungen 
immer absolut getrennt nebeneinander hergingen. Wir werden im 
Gegenteil sehr oft Elemente der einen bei der anderen finden. Es 
dürfte z.B. nicht leicht sein, einen Humboldt mit Bestimmtheit 
jener oder dieser Sphäre zuzuweisen. Angesichts der Tatsache, daß 
die Wurzeln beider in letzter Linie auf einen gemeinsamen Ursprung 
zurückgehen, ist dies sehr natürlich. .\uch ist die Romantik, die 
deutsche wenigstens, im großen Ganzen nicht antiliberal im Sinne 
von ,, reaktionär". Dem Obskurantismus in irgendwelcher Form 
redete sie nicht das Wort. Ricarda Huch hat darauf hingewiesen. 

13* 



196 Der Weg Fichtes. Individualistischer Rationalismus. 

„Ein rührender Anblick", sagt Treitschke, ,,wie nun 
der kühnste der deutschen Idealisten den schweren 
Weg sich bahnt, den alle Deutsche jener Tage zu durch- 
schreiten hatten, den Weg von der Erkenntnis der 
menschlichen Freiheit zu der Idee des Staats, wie ihn, 
den die Außenwelt gar nicht verstand, die Erfahrung 
belehrt und verwandelt" (S. 124). 

Vergegenwärtigen wir uns doch kurz die historischen 
Etappen dieses Weges, der von dem Fichte des Natur- 
rechts, der die Revolution ,,mit dem harten, rhetorischen 
Pathos eines Jakobiners begrüßt" (ibid.) hatte, zu dem 
Fichte der „Reden an die deutsche Nation" führt. 

Ganz im Sinne Rousseaus und Kants wird von 
jenem der Staat individualistisch-rationalistisch aus dem 
freien Willen der einzelnen hergeleitet. Anfang und 
Ende ist das Individuum, der wahre Zweck des Staates 
der Mensch, die Kultur der Freiheit. Der Staat ist 
eine Rechtsanstalt zur Aufrechterhaltung der indivi- 
duellen Freiheitssphären. Wie die Freiheit das ur- 
sprünglich treibende Agens, so bleibt sie auch das stets 
wirkende Ferment. Die einzig wahre politische Frei- 
heit, in die geradezu das Kriterium des Menschseins 
gesetzt wird, ist ,,das Recht, kein Gesetz anzuerkennen, 
als welches man sich selbst gab" (W. VI, loi). Der 
Staat ist ein Vertrag. Im Begriff des Vertrags hegt 
das Recht, ihn aufzulösen. Fichte schreckt vor dieser 
Konsequenz nicht zurück. ,,Wenn einer seinen Vertrags- 
willen ändert, so ist er nicht mehr im Vertrag" (S. 115). 

In dem ,, Geschlossenen Handelsstaat" wird 1800 
die Sphäre des Staats über die bloße Sicherheits- und 
Rechtsschutzsphäre erweitert. Der Staat wird hier der 
Organisator und das Zentrum der wirtschaftlichen Kräfte 
und damit der Anfang einer Kult Urgemeinschaft. 
In der Zuteilung der einzelnen Produktionsgebiete an 



Der Staat Organisator der Volkswirtschaft. 197 

die Bürger durch den Staat liegen sozialistisch-kommu- 
nistische Tendenzen. Insofern dieser Gedanke aus dem 
Recht jedes einzelnen zur Arbeit hergeleitet ward, be- 
deutet er eine Fortsetzung und Erweiterung der ur- 
sprünglichen Sorge für das individuelle Recht ; insofern 
er zur wirtschafthchen Gebundenheit führt, eine Be- 
einträchtigung der individuellen Freiheit: eines der 
vielen Beispiele, wie eine Theorie, auf die Spitze ge- 
trieben, in ihr Gegenteil umzuschlagen droht. 

In den ,, Grundzügen des gegenwärtigen Zeitalters" 
ist der Schritt zum Kulturstaat vollzogen. Fichte 
wendet sich hier selbst gegen die, denen der Staat nur 
ein ,, juristisches Institut" ist (W. VII, 143). Unterschei- 
dend zwischen dem Staat als Form — ,,der absolute 
Staat in seiner Form ist nach uns eine künstliche An- 
stalt, alle individuellen Kräfte auf das Leben der Gat- 
tung zu richten und in demselben zu verschmelzen" 
(ibid. S. 144) — und dem Staat als Inhalt, als Zweck, ver- 
legt Fichte den Zweck des Staates in den Endzweck der 
Gattung: die Schaffung der Kultur. Das Maß seiner 
Vollkommenheit ist das Kriterium für den Wert seiner 
Leistung für jenen Endzweck. 

Als logische Konsequenz ergibt sich die Wertung 
des Individuums von dem gleichen Gesichtspunkte aus. 
Der Mann, der wie Humboldt davon ausgegangen war, 
daß der Mensch unter keinen Umständen dem Bürger 
geopfert werden dürfe, fordert hiermit einem Nachdruck 
wie keiner vor ihm von dem Individuum die Aufopferung 
seiner individuellen Zwecke zugunsten des Ganzen. Das 
gute, das vernünftige Leben wird in das Leben für die 
Gattung, in die Hingabe an Ideen — ,,denn die Ideen 
gehen eben auf die Gattung als solche" (ibid. S. 37) — , das 
unsittliche, gemeine, unvernünftige in die Verfolgung bloß 
individueller Zwecke gesetzt. Von Voraussetzungen her, 



198 Das Individuum. 



denen wir hier nicht nachgehen können, gelangt Fichte 
zu einer Auffassung des individuellen Prinzips im Gegen- 
satz zum universellen, die von der Hegel- Hebbelschen 
gar nicht so weit entfernt sein dürfte. Die Gattung 
als das Leben der Vernunft — „die Vernunft geht auf 
das eine Leben, das als Leben der Gattung erscheint" 
(ibid. S. 34) — ist das einzig ,, Existente", sie ist das Ding 
an sich, die Individuen sind nur Erscheinungen. ,, Dieses 
erwähnte eine und sich selber gleiche Leben der Ver- 
nunft -vWrd lediglich durch die irdische Ansicht und in 
derselben zu verschiedenen individuellen Personen zer- 
spaltet, welche Personen nun durchaus nichts anderes, 
als in dieser irdischen Ansicht und vermittelst der- 
selben, keineswegs aber an sich und unabhängig von 
der irdischen Ansicht da sind und existieren" (S. 24). 
In den ,, Grundzügen des gegenwärtigen Zeitalters" 
stellt sich Fichte in bewußten Gegensatz zu dem vor- 
hergehenden Zeitalter der ,,Auf- und Ausklärung", dem 
Zeitalter der ,, leeren Freiheit", das nur gelten läßt, ,,was 
man verstehe und klärlich begreife", das nur aus der 
sinnlichen Erfahrung schöpfen und von der höheren 
Erkenntnis aus Ideen nichts wissen wolle. Trotzdem 
hat die Fichtesche Auffassung des Rationalistischen noch 
genug. Sein Vernunftstaat ist zwar ein ganz anderer 
wie der atomistisch-individualistisch konstruierte Ver- 
nunftstaat des Naturrechts, aber als ,, absoluter", von 
jeder historischen Orientierung unbeeinflußter, als ,,der" 
Staat, wurzelt er prinzipiell noch in jenem ungeschicht- 
lich-rationalen Boden. Und ebenso auch in dem welt- 
bürgerlichen Boden. Von dem idealsten Standort aus 
wird hier das ubi bene ibi patria ausgesprochen. Das 
heißt, das ubi bene wird an die Bedingung der Er- 
füllung der höchsten Aufgabe des Staates geknüpft. 
Der „ausgebildete, christliche Europäer" wird denjenigen 



Kosmopolitismus, 199 

Staat als sein Vaterland betrachten, „der auf der Höhe 
der Kultur" steht, .... ,,der sonnengewandte Geist 
wird unwiderstehlich angezogen werden und hin sich 
wenden, wo Licht ist und Recht" (ibid. S. 212). Und der 
Mann, der einige Jahre danach die ,, Reden an die 
deutsche Nation" hielt, schrieb damals noch so: „Und 
in diesem Weltbürgersinne können wir dann über die 
Handlungen und Schicksale der Staaten uns vollkommen 
beruhigen, für uns selbst und für unsere Nachkommen, 
bis an das Ende der Tage" (ibid.). 

Wir sahen in den ,, Grundzügen" den höchsten Be- 
griff vom Staate gegeben, insofern an ihn die Erfüllung 
des höchsten Begriffs des Menschlichen überhaupt ge- 
knüpft wird. Dieser höchste Begriff des Menschlichen 
ist für einen Fichte die Überwindung der Sinnlichkeit, 
das Eingehen in eine immer höhere Geistigkeit. Durch 
die Hingabe an seine Zwecke, die der Staat von dem 
Individuum verlangt, die sich in die Hingabe an Ideen 
im Gegensatz zu den bloß sinnhchcn Zwecken des In- 
dividuums umsetzt, arbeitet der Staat der Erreichung 
jener höchsten Bestimmung in die Hände. 

Noch höher steigt, wenn nicht der Begriff, so doch 
die Aufgabe des Staates in den ,, Reden an die deutsche 
Nation" (1807). Während er dort schon durch seine 
bloße Existenz, ,, nichts denkend als sich selber, dennoch 
mittelbar den allerersten Zweck der menschhchen Gat- 
tung befördert" (ibid. S. 162), im übrigen aber ein direktes 
Eingreifen in die ,, höheren Zweige der Vernunftkultur: 
Religion, Wissenschaft, Tugend" seitens des Staates 
abgelehnt wird (S. 166), ist ihm hier die unmittel- 
bare Pflege jeder Voraussetzung des kulturellen 
Aufstiegs, der Erziehung, zur höchsten Pflicht 
gemacht. Nicht mehr soll der Staat nur schon durch 
seine Existenz eine ,, fortgesetzte Erziehung des Men- 



200 Staat als Erzieher. 



schengeschlechts" sein, er soll bereits durch eine im 
idealsten Sinne des Wortes gefaßte Jugenderziehung 
jener andern Erziehung den Boden bereiten. Nie 
dürfte Höheres und Größeres über diesen Punkt gesagt 
worden sein. Nur Fichte konnte das Bild einer Er- 
ziehung entwerfen, die ganz auf den bereits in den 
,, Grundzügen" angeschlagenen Grundton der Über- 
windung der individuell-sinnlichen Tendenzen gestimmt, 
den Zögling zur Herbeiführung einer ganz neuen Ord- 
nung der Dinge, einer ,, sittlichen Ordnung des wirk- 
lich vorhandenen Lebens" befähigen soll. Die Fichtesche 
Erziehung bedeutet nicht nur eine Erziehung ,,für die 
nächsten und ohne Ausnahme eintretenden Anforde- 
rungen der Welt" (ibid. S. 293), sie bedeutet in Wahrheit 
das Reifmachen für den Eintritt in ein „drittes Reich", 
ein Reich, das ,, nicht von dieser Welt" ist. 

W^aren es äußere Ereignisse, war es sein eignes Ge- 
setz allein, das dem hochfliegenden Geiste eines Fichte 
diese Richtung gegeben ? Beides ! Die äußeren Ereignisse 
konnten nur wecken, was in diesem Geiste schlummerte. 
Die politische Selbständigkeit der Staaten, seines 
Staates war bedroht. Nur eine vollständige geistig-sitt- 
liche Erneuerung konnte ihn vor dem Untergang bewah- 
ren. Sie war nur möglich durch eine neue Erziehung. 

Die Möglichkeit dieser neuen Erziehung aber hing 
ab von der Beschaffenheit des Materials, des Volkes, 
an dem sie realisiert werden sollte. Die Erhaltung des 
deutschen Staates hing ab von dem Charakter, der An- 
lage der deutschen Nation. 

Zu dem Staate als Form, deren Endzweck die Kul- 
tur ist, war jetzt die Nation, der lebendige Träger 
dieser Form gekommen. An der Nation, den schöpfe- 
rischen Kräften, die dieser Form erst Leben einhauchen, 
hing jetzt alles. 



Die Nation. Der Nationalstaat. 20I 

Fichte war zu dem Gefühl der Nation gekommen. 
Er war, um ein in anderm Zusammenhang angewandtes, 
fein unterscheidendes Wort Meineckes zu gebrauchen, 
, .durch das Nationalgefühl zu dem Gefühl der Nation" 
gelangt. ,,Daß er das neue Mittel der Nation jetzt 
einschob, war an sich ein immenser Fortschritt des 
Denkens" (Meinecke, S. loi). Ein konkretes Gefühl 
hatte das, was auf dem Wege seines folgerichtigen 
Denkens lag, geweckt. 

Mit dem Gefühl für die Nation war Fichte das Ge- 
fühl für den Nationalstaat, dessen Begriff die Forde- 
rung der unbedingten, politischen Autonomie enthält, 
und damit erst das Gefühl des wirklichen Staates im 
Gegensatz zu dem ungeschichtlich-rationalen Staats- 
ideal der Aufklärung aufgegangen. 

Welch ein Schritt von diesem zu jenem! Welch eine 
Wandlung der Begriffe! Aus dem bloßen, auf die Not, 
nicht den eignen Trieb zurückzuführenden Zwangsver- 
band, ,,dem engen Gehäuse der bloß negativen Gerichts- 
anstalt" (Bluntschh, S. 368), war der Staat eine Kultur- 
macht ersten Ranges, die Kulturmacht, aus einer für 
die Zwecke der Individuen willkürlich gegründeten In- 
stitution ein auf eignem Gesetz beruhender, die In- 
dividuen restlos unter das Gesetz seiner Idee stellender 
Organismus geworden. Nicht mehr waren es bloß 
äußerlich zusammenhaltende, es waren tiefinnerste, fast 
übersinnliche Kräfte geistig-sitthcher Art, auf denen 
das Schwergewicht des Staates ruhte. Nicht mehr war 
das Volk ,,der charakterlose Begriff einer bloßen Men- 
schenmenge" (ibid. S. 379), es war die aus unbegreiflich 
waltenden, urschöpferischen Kräften herauswachsende, 
,, unter einem besonderen Gesetz der Entwicklung des 
Göttlichen aus ihr" stehende Nation. Was Lessing 
,,eine heroische Schwachheit" genannt hatte, die Vater- 



202 Das kosmopolitische Element des Nationalstaats. 

landsliebe, war jetzt ein aus dem Bewußtsein des 
Zusammenhangs mit diesem natürlichen Ganzen, der 
Nation, entspringendes, ursprüngliches Gefühl. Nicht 
mehr wird der sonnenverwandte Geist sein Vater- 
land dort suchen, wo Licht ist und Recht, er weiß jetzt, 
daß das Licht, das er braucht, ihm nur dorther korri- 
men kann, von wo er selbst gekommen, aus dem Zen- 
trum, das ihn, wie es ihn geschaffen, auch erhält und 
trägt. 

Durch die Vaterlandsliebe, ein unmittelbares Ge- 
fühl also, war Fichte zu seiner letzten Konzeption von 
Staat und Nation gelangt. 

Wenn Gefühle, wenn Erlebnisse letzte Impulse zur 
Auslösung von Ideen sein können — und sie können 
es — , so war in der Tat nichts so sehr geeignet, bei einer 
Persönlichkeit wie Fichte jeden Rest von naturrecht- 
lich-individualistischer Staatsauffassung auszutilgen, wie 
die gegenwärtige Lage der Dinge, wo das Bestehen des 
Landes von dem Grade der Selbstverleugnung, die 
jeder einzelne aufbringen konnte, abliing. Die Fichte- 
sche Auffassung bedeutet, wie wir sehen, eine völlige 
Überwindung des individualistischen Gedankens. Sie 
bedeutet aber nicht, wie man nach den obigen Aus- 
führungen und gerade im Hinblick auf den letzten aus- 
lösenden Impuls glauben könnte, auch eine völlige Über- 
windung des kosmopolitischen Universalismus. 

Der überaus hohe Begriff vom Staat, bei dem Fichte 
zuletzt anlangt, der metaphysisch-ethische Zug, der die 
Realisierung des absoluten, des ,,Vemunftzweckes" der 
Welt unmittelbar an ihn knüpft, hindert ihn, je ganz 
in die Sphäre des praktischen, realpolitischen Lebens 
herabzusteigen. Er ist es auch, der einem völligen Auf- 
geben des weltbürgerlichen Gedankens entgegenwirkt. 
Der Fichtesche Nationalstaat war zugleich Kultur- 



Der ethische Individualismus Fichtes. 203 



Staat. Der Begriff der Kultur schließt schon das uni- 
versalste Element in sich. Wer für die Kultur lebt, 
lebt für die Welt. In idealstem Chauvinismus hatte 
Fichte der deutschen Nation allein die Befähigung zu 
jener höchsten Erziehung zugesprochen. Sie war ihm 
allein diejenige, die „schöpferisch und hervorbringend 
das Neue leben" konnte, das ,,Urvolk, das Volk schlecht- 
weg" (W. VII, 374). Sie war damit auch allein befähigt, 
den letzten Zweck des Staates, die Kultur, herbei- 
zuführen. Der Menschheit Würde war in ihre Hand 
gegeben, die Menschheitsbildung ihre Mission. Gerade 
aber in dieser von den allgemcinstmcnschlichcn Gesichts- 
punkten aus diktierten höchsten Bewertung der deut- 
schen Nation lag das Moment, das sie vor der völligen 
Selbstgenügsamkeit bewahrt. Die Bestimmung zum 
weltbürgcrhchen Beruf des Deutschen hatte von einem 
neuen Gesichtspunkte her eine neue Sanktion erfahren. 

Fichte, meint Meinecke, wird durch die Macht der 
sittlichen Idee in ihm gehindert, die Autonomie einer 
andern Macht, des Machtstaates, wie ihn etwa Adam 
Müller faßte, in ihrer letzten Konsequenz festzuhalten. 
„Sein sittlicher Wille, der ihn in die Welt 
des Staates und der Nation hineingeführt 
hatte, richtete zugleich die Schranke auf, die ihm 
den Anblick des ganzen Wesens jener Mächte wieder 
entzog" (S. 120). 

Wie der Individualismus, von dem Fichte ausging, 
war sein Staatsideal durchaus ethisch betont; wie ihm 
das individuelle Prinzip in seinem ganzen Umfang 
gleichbedeutend war mit dem sittlichen, insofern er, 
dem die Welt nur ,, Material zur Pflichterfüllung" war, 
das Kriterium des Individuellen in der Fähigkeit zur 
frei sittlichen Tat sah, so war ihm der Staat letzten 
Endes auch nur Material zur Verwirklichung der sitt- 



204 ^^^ ethische IndividuaUsmus Fichtes. 

liehen Idee. Bei Hegel bedeutet schon die Existenz 
des Staates die Versinnlichung dieser Idee. Der Staat 
Fichtes aber muß in fortwährendem Ringen und Stre- 
ben diese Verwirklichung wahr zu machen suchen, 
muß seinen Willen dazu täglich neu beweisen. Der 
„große WiUensmensch", der „radikale Wahrheits- 
sucher" überträgt alle seine Willensimpulse, sein ganzes 
ethisches Pathos auf den Staat, das große ,,Ich". So 
wird der rationalistische Vemunftstaat, von dem er 
ausging, ins Dynamische erhoben. Ein „Vernunftstaat" 
ist er auch jetzt noch, aber von anderer, höherer Art. 
Nicht mehr ato mistisch aufgebaut auf dem Vernunftrecht 
jedes einzelnen, wird er nun als Ganzes, eingeordnet 
in einen überempirischen Zusammenhang, Mitschaffer 
an der Gestaltung der Vernunft und Sittlichkeit, Trä- 
ger des Reiches Gottes. Von hier aus, insofern sie dazu 
beiträgt, das Reich der Vernunft zu verwirklichen, die 
Idee der Menschheit herauszuarbeiten, wird auch der 
Wert einer Nation bestimmt. 

Und wie ihn sein sittlicher WiUe daran hinderte, die 
Autonomie des Machtstaates in ihrer letzten Konse- 
quenz festzuhalten, so hinderte er ihn auch daran, das 
Verhältnis des einzelnen zum Staate in einer Weise 
zu regeln, wie es Adam Müller tat, bei dem zuletzt „die 
Individualität der überindividuellen Mächte den Sieg 
über das Individuum schon davongetragen und dieses 
seine Souveränität verloren hat an die geschichtlichen 
Lebensmächte, von denen es umgeben ist" (ibid. S. 131). 
Auch bei Fichte wird zuletzt die selbständige Bedeutung 
des einzelnen reduziert, insofern diese nur in seine 
Mitarbeit an die Verwirklichung des überempirischen 
Vernunftzweckes der Welt gesetzt wird. Aber den 
einzelnen selbst auf diesem Wege seiner Souveränität 
zu berauben, das ließe die ganz aus dem Zentrum der 



Fichte und die Romantik. Gemeinsamer Ausgangspunkt. 205 

sittlichen Idee herausgewachsene Weltanschauung 
Fichtes nicht zu. Gerade im Gegenteil ist die Unter- 
ordnung der Individualität im Fichteschen Sinne, die 
Mitarbeit an diesem höheren Ganzen, nur möghch auf 
Grund eines auf Spontaneität und Freiheit beruhenden 
höchsten ethischen Individualismus. Bei Hegel wird 
der einzelne verwandt im Dienste der Idee, bei Fichte 
ist nur Handeln Sitthchkeit, jede Passivität ist verpönt. 
Eben dieses Individualismus wegen war Fichte der 
Philosoph der Frühromantik gewesen. Die in seiner 
Wissenschaftslehre niedergelegte Philosophie des Ich als 
des letzten, schöpferischen Prinzips der psychischen wie 
der moraUschen Welt war wie geschaffen für einen alle 
Schranken der Außenwelt kühn verneinenden Subjek- 
tivismus. Es kam die Zeit, wo Fichte diesem Subjek- 
tivismus nicht mehr genügte, wo die Romantiker sich 
nicht mehr von ihm verstanden fühlten. Es kam auch 
die Zeit, da Fichte über ein , .gewisses Stichwort", das 
,,von Dunkel-Schöngeistern in Umlauf gebracht wor- 
den", ,,das Stichwort von Individualität, und schöner 
und Hebenswürdiger Individualität" (W. VII, 69), sprach; 
unvereinbar schien ihm diese Individualität mit der- 
jenigen, die er damals meinte (1804): . . . ,,daß die 
eine und ewige Idee in jedem besonderen Individuum, 
in welchem sie zum Leben durchdringt, sich durchaus 
in einer neuen, vorher nie dagewesenen Gestalt zeige" 
(ibid.). Je mehr nun die Romantik sich aus einer indivi- 
dualistisch-freien in eine kirchlich und staatlich gebundene 
lünüberentwicklte, je mehr die objektiven über die sub- 
jektiven Mächte die Oberhand gewannen, die persön- 
liche IndividuaUtät in der überindividuellen aufging, 
um so mehr nmÜte sich umgekehrt wieder der Gegensatz 
zu dem wohl einer metaphysischen Ordnung unter- 
geordneten, doch geistig-ethischen Individualismus Fich- 



206 Fichtes Liberalismus. Fichte philosophisch-unhistorisch, 

tes im oben angedeuteten Sinne herausbilden. In die- 
sem Sinne vornehmlich geschah es auch, daß wir die 
Strömung, die wir von der romantischen schieden, und 
deren vornehmsten Repräsentanten wir in Fichte sehen, 
die liberale nannten, ohne uns der Unzulänglichkeit 
einer solchen terminologischen Abgrenzung unbewußt 
zu sein. In diesem Sinne auch kann er als der geistige 
Miturheber parteipolitischer Richtungen betrachtet wer- 
den, mit denen er der letzten Tendenz nach vielleicht 
sehr wenig gemeinsam hat. Nach Meinecke bricht 
Fichte von seinem ethisch-rationalistischen Standpunkt 
aus dem modernen Entwicklungsgedanken Bahn. 

Von einer andern Seite her könnten wir vielleicht 
den hier angedeuteten Gegensatz mit der Antithese: 
historisch-unhistorisch, beides im weitesten Sinne des 
Worts, umschreiben. 

In der innersten Geistes-Struktur der beiden Poten- 
zen dürfte diese Antithese gegründet sein. Der kon- 
struktiv-spekulative, der philosophische, immer auf das 
Überempirische gerichtete Geist eines Fichte kann sich 
nicht wie der künstlerisch-historische der Romantik an 
dem Empirischen, dem Konkret-Besonderen, ersättigen. 
Wie der stärkste Impuls seiner menschlichen Persön- 
lichkeit, der ethische, so drängt ihn der idealistische 
Zug seiner Philosophie immer auf das Seinsollende hin. 
Aus dem Geiste heraus täglich die Welt neu schaffen, 
das ist sein Prinzip. Der Geist allein ist der Wert- 
messer für alles Gewordene. Der Nationalgeist, den er 
meint, ist nicht wie bei der Romantik das Werk der 
Geschichte, sondern der bewußten Vernunft, der wollen- 
den Freiheit. 

Der Name Fichte, sagten wir oben, bedeutet ein 
Programm. In dem Übergang vom ausgeprägtesten 
Individualismus zur vollen Erfassung der Staatsidee 



die Romantik künstlerisch-historisch orientiert. 20/ 

stellt er den höchstpotenzierten Typus für die Ent- 
wicklung des deutsch-politischen Geistes um die Wende 
des i8. und 19. Jahrhunderts, den ontogenetischen 
Präzedenzfall einer phylogenetischen Entwicklung dar. 
„Und um so wunderbarer die Tatsache", schreibt Wundt 
(I, 487), ,,daß sich der Philosoph, in dessen Denken sich 
alle diese Wandlungen vollzogen hatten, kaum ihrer 
als \\'andlungen bewußt wurde. So mächtig war die 
Naturgewalt der geistigen Umwälzungen gewesen, die 
diese Zeit und in der Zeit ihn selber erfaßt hatte." 

Wir können hier nicht alle Erscheinungen des gei- 
stigen und praktisch-politischen Lebens verfolgen, in 
denen sich die beiden Hauptströmungen, die roman- 
tische und die liberale, in den verschiedensten Schat- 
tierungen manifestieren. Meine Absicht war, das Wachs- 
tum des Staatsgefühles in der ersten Hälfte des 19. Jahr- 
hunderts darzutun. Das Staatsgefühl ist en marche. 
Es kann nicht mehr zurückgehalten werden. Selbst bei 
den von ganz andern Voraussetzungen herkommenden, 
mehr oder weniger von dem Geiste von 1789 inspirierten 
Parteien ist die Staatslosigkeit im Sinne des 18. Jahr- 
hunderts fast überwunden. Wie man nun auch zu dem 
Staate in seinem Verhältnis zu dem einzelnen, seinem 
Entstehungs- und Rechtsgrund stehen, wie man ihn 
auch, ob metaphysisch oder empirisch, begründen mag, 
seine Bedeutung wird nie mehr ganz negiert. 

So ganz staatsfeindlich war also diese Generation 
nicht mehr, wie Windelband meint (Romantik und 
Hegelianismus S. 38), der die Staatslehre Hegels ,,eine 
gewaltige Predigt an das staatsfremde Geschlecht seiner 
Zeit'' nennt. Mit viel mehr Recht sieht Meinecke, wie 
schon bemerkt, in der Hcgclschen Staatsphilosophie 
eine ,, Synthese aller seiner Zeit bewegenden Ideen". 

Als eine Synthese auch der die vornehmste Grund- 



2o8 Hegel. 

läge der romantischen Strömung bildenden Ideen von 
dem Wert des historisch Gewordenen müssen wir Hegel 
in diesem Zusammenhang nochmals berühren. Aber 
bei aller Übereinstimmung im Resultat hegt in der gan- 
zen philosophischen Voraussetzung, von der aus Hegel 
zu seiner Wertung des historisch Gewordenen gelangt, 
dem in seiner Dialektik begründeten historischen Re- 
lativismus im Gegensatz zu dem Positivismus der Ro- 
mantik ein wesentlich trennendes Moment. 

,, Hegel hatte es" (das eigne Selbst der Staaten und 
Nationen) ,,mit der merkwürdigen DupHzität, die seine 
ganze Philosophie durchzieht, anerkannt und geleugnet 
zugleich, hatte ihm in der Sphäre der bewußten Wirk- 
hchkeit alle nur denkbare Freiheit gegeben, um es 
hinterher in der Sphäre des Absoluten nur wieder cCufs 
strengste zu fesseln. Der Staat und die geschichtUche 
Welt überhaupt führten bei ihm ein Doppelleben von 
scheinbarer Freiheit in der Wirklichkeit und von wirk- 
licher Dienstbarkeit im Geisterreich" (Meinecke, S. 271). 

Auch hier scheint mir, selbst abgesehen von der 
in der ganzen Voraussetzung begründeten Divergenz, 
der schon bei Fichte hervorgehobene Gegensatz zwi- 
schen philosophisch-abstrakter und künstlerisch-kon- 
kreter Betrachtung im weitesten Sinne vorzuhegen. 

Die historische Einreihung von Hegels Staatslehre 
muß unbedingt auf Fichte führen. Aber auch hier 
gilt es wieder den Vorbehalt verschiedener Voraus- 
setzungen zu machen. Schon bei Fichte bedeutet der 
Staat die Realisierung des Vernunftzweckes der Welt. 
Bei beiden heißt den Vernunftzweck realisieren das 
Gute realisieren. Bei beiden ist der Staat schon seiner 
Form nach als die Vereinigung widerstreitender sub- 
jektiver Interessen für jenen Zweck prädestiniert. Wäh- 
rend aber bei Hegel der Staat, mcht das oder jenes 



Hegel und Fichte. 209 

Individuum Staat, sondern der Staat als Idee, als eine 
notwendige Stufe des logisch-dialektischen Weltpro- 
zesses eine Realisierung der Sitthchkeit bedeutet, ist 
es bei Fichte der das Gute mit Freiheit wollende, mit 
Bewußtsein schaffende Staat. Panlogistisch ist die 
Fundierung bei jenem, idealistisch bei diesem. 

Meinecke zählt Hegel mit Ranke und, was mehr be- 
sagt, mit Bismarck zu den ,,drei großen Staatsbefreiem". 
Und in der Tat, wo lassen sich die Grenzen zwischen 
der Wirksamkeit des Geistes und der der Taten ziehen ? 
Nach Hegel ist die Philosophie ja nur ,,ihre Zeit, in 
Gedanken erfaßt" (W. VIII, 19). Hegels Staatsphilo- 
sophie wäre demnach nur denkbar auf Grund einer von 
eminentem Staatsgefühl erfüllten Zeit. In ihr allein 
also dürften wir, rückschheßend, das Zeugnis einer 
solchen Zeitstimmung sehen. Und ich glaube — ohne 
der Frage nach dem allgemeinen Wahrheitsgehalt des 
Hegeischen Satzes näher zu treten — , für den vorliegenden 
Fall in dem, was wir von der in Frage kommenden Zeit 
wissen , eine Bestätigung jenes Satzes sehen zu dürfen. Die 
Staatslehre Hegels war aber nicht nur zusammenfassend, 
potenzierend, sie konnte, wie dies schon bei dem weit- 
tragenden Einfluß seiner die Geister ihrer Zeit be- 
herrschenden Philosophie selbstverständlich ist, nicht 
anders als auch von nachhaltiger Wirkung sein. Wieweit 
diese Wirkung nicht nur eine theoretische war, inwieweit 
die ,, gewaltige Predigt" in Taten umgesetzt wurde? Wer 
vermag zu ermessen, inwieweit das, was wir als , .prak- 
tisches Handeln" den reinen ,, Ideen" gegenüberstellen, 
von dorther seine Impulse holt ? Wer vermag umge- 
kehrt zu sondern, inwieweit die Ideen aus dem Leben 
herauswachsen ? 

Wir können die Wechselwirkung zwischen Geist 
und Taten nicht näher verfolgen. Ein Blick auf die 



Do*. 



«4 



2IO Wechselwirkung zwischen Geist und Taten. 

Geschichte besagt uns, daß diese Wechselwirkung in 
hohem Maße vorhanden war. Die Lage der Zeit, das 
unmittelbare Bedürfnis seines Landes gaben Fichte seine 
hohen Worte über Staat und Nation ein. Mit denselben 
Kräften, die er anrief, wollte Freiherr v. Stein seine Rege- 
nerationspolitik verwirklichen. Humboldt, in einer Per- 
son die beiden Sphären verneinend, suchte durch die 
Verschmelzung seiner von dem Humanismus herkom- 
menden hohen Ideen über den Wert des Individuums 
mit den neu erlebten von der Bedeutung des Staates 
praktische Kulturpolitik zu treiben. Wir kennen den 
Anteil romantischer Ideen bei der Schließung der hl. 
Allianz, wir wissen, wie die Restaurationspolitik von 
romantischen Tendenzen inspiriert war. Meinecke zieht 
eine Linie von Novalis, Fr. Schlegel, A. Müller, Savigny 
und der Politik Steins zu Friedrich Wilhelm IV. und sei- 
nem Kreis. In Bismarck sieht er romantische Strömungen 
wirksam. Der konservative Nationalstaatsgedanke, von 
dem Bismarck ausging, der in der Autochthonie imd 
Autonomie des Einzelstaates das Heil erblickte, war 
ein romantischer Gedanke. In Bismarck, dem Gründer 
des Deutschen Reiches, schließen der konservative und 
der Uberale, der partikularistische und der universale 
Nationalstaatsgedanke einen Kompromiß, Die , .ge- 
waltige Predigt" Hegels fand in Bismarck, wenn auch 
nicht in ganz adäquatem Geiste, ihren ErfüUer. Die 
Geschichte des 19. Jahrhunderts, und nicht nur die 
deutsche, ist im Grunde nichts anderes als eine Geschichte 
der Realisierung der neuen Ideen und Gefühle für den 
Staat, 

Noch ein Blick auf die staatsrechtliche Literatur 
der 30 er und 40er Jahre, Auch sie ist ein Dokument 
für die wachsende Macht der Staatsidee. Romantische, 
religiöse und selbstverständlich hegelianische Einflüsse 



Die staatsrechtliche Literatur. Stahls religiöse Staatslehre. 211 

machen sich geltend. Einen durchaus theokratischen 
Charakter trägt die nach dem eignen Zeugnis des Ver- 
fassers von Schelhng angeregte Staatslehre Friedr. Jul. 
Stahls. Dem Prinzip der Volkssouveränität als dem 
„Prinzip der Revolution" stellt er das christliche 
Prinzip der Autorität und Legitimität, die ihm iden- 
tisch sind mit dem Staat, entgegen. Der Staat ist eine 
göttliche Institution, ein Ausfluß der Macht, ,, welche 
zugleich die reale und sittliche Urmacht ist", ein Reich 
Gottes auf der Welt. „Es ist ein Widerspruch, Gott 
zu glauben und dennoch die höchste und allgemeinste 
sittliche Institution außer Zusammenhang mit ihm zu 
setzen." 

,,Esist ein Reich realisierter und zu realisierender sitt- 
licher Ideen und verständiger Zwecke, das in der sitt- 
lichen Weltordnung gegeben ist und dem die Menschen 
als dienende Glieder von selbst angehören" (S. 109). 
Daß dieses sittHche Reich keine ,, Menschen Vereinigung 
ist, die ihren eignen Willen sich zum Gesetz macht", ist 
bei dem leidenschaftlichen Bekämpfer des naturrecht- 
lichen Individualismus selbstverständlich, wenn auch 
auf der andern Seite das sittliche Eigenrecht des In- 
dividuums insofern gewahrt wird, als eine freiwillige 
Einordnung, , .nicht bloß passives und äußerliches Ge- 
schehen, sondern innerliches Mitschaffen und Mit- 
erleben" verlangt wird (S. XVI). 

Trotz dieser Forderung, deren Erfüllung das völlige 
Einswerden von Staatswille und Individualwille be- 
deutete, erkennt Stahl Sphären des Individuums an, 
wo der Staat nicht eingreifen kann, die einer höheren 
Ordnung unterworf(>n sind und die durch das religiös- 
■^ittliche Volksbcwußtsein geschützt werden sollen \ ein 
Widerspruch, der um so mehr hervortritt, als nicht 

* Die Einschränkung erinnert an Schelling. 

I4* 



212 Stahl und Hegel. 



nur der Staat an sich, sondern seine jeweiligen Ver- 
treter, der Fürst, die Obrigkeit, den Anspruch machen 
dürfen, ihre Macht unmittelbar von Gott empfangen, 
„Gottes Sanktion" zu haben^. 

Der Staat ist nur seiner Idee nach sittliches Reich, 
der Form nach ist er Rechtsstaat, d. h, er reahsiert 
die sittliche Idee nur in der Weise des Rechts, nämlich 
durch äußere, zuletzt erzwingbare Gebote und Anstal- 
ten. Dies ist der Punkt, an dem sich die Auffassung 
Stahls von der Hegels bei aller formalen Übereinstim- 
mung in bezug auf die Bedeutung des Staates prinzipiell 
scheidet: ,, Hegels große Leistung ist es, daß er, nach 
Schellings Vorgang, den sittlichen Gehalt des Staates 
geltend machte. Aber Hegel ignoriert den bloß recht- 
lichen Charakter seiner Wirksamkeit, faßt ihn daher 
schlechthin als Verwirklichung der sittlichen Idee" (ibid. 
S. io8). 

Auf der andern Seite ist es die sittliche Fundierung 
im Gegensatz zur religiösen, in der Stahl das Unter- 
scheidende zwischen seinem und dem Staat Hegels 
selbst hervorhebt. Auch hier betont er wieder, merk- 
würdig genug gerade in dem religiösen Charakter des 
Staates, der ihm doch als einem direkten Ausfluß der 
götthchen Gewalt die absolute Machtvollkommenheit 
sichern sollte, zugleich das Prinzip der Beschränkung 
dieser Machtvollkommenheit. Bei Hegel fehlten, da 
Glaube und Kirche nur eine sehr untergeordnete Stellung 
in seinem System einnähmen, alle realen Elemente der 
Gewalt des Staates gegenüber. 

Stahl ist der typische, wenn auch nicht der einzige 
Vertreter der religiösen Staatsidee. Nicht so sehr zur 
Grundlage ihres Systems erhoben, aber nachdrücklich 

^ Durch das ganze System Stahls, der Legitimität und Kon- 
stitutionalismus zu vereinigen sucht, zieht sich dieser Widerspruch. 



Leo. Schmidthenner. Zachariä. Dahlmann. 2 1 3 

genug ausgesprochen finden wir diese Idee auch bei 
weniger bekannten Staatsrechtslehren!. Bei Leo ist der 
Staat ,,ein Kunstwerk göttUchen Ursprungs" (S. i), 
„keine Erfindung der Menschen, sondern eine Mani- 
festation Gottes" (S. 2); bei Schmitthenner „die 
im götthchcn Geist oder im Zweck des Weltganzen und 
im besonderen in der menschlichen Natur vorgezeichnete 
Form des Zusammenlebens der Menschheit" (IL Aufl., 
S. 19); bei Zachariä ist die Machtvollkommenheit 
die „Idee des Absoluten, angewendet auf das Recht einer 
bestimmten Person" (I, 8^), der Staatsherrscher eine 
Offenbarung, gleichsam eine ,, Inkarnation des Rechts- 
gesetzes" (S. 88); bei Dahlmann, der politisch libe- 
ralen Prinzipien folgt, „steht Nichts auf der Erde der 
göttlichen Ordnung so nahe als die Staatsordnung" 
(S. 6). Und so noch bei vielen andern. 

Allen gemeinsam ist die bewußte Wendung gegen 
die mechanistisch-atomistische Auffassung des 18. Jahr- 
hunderts, die den Staat als eine Schöpfung der Freiheit, 
der Wahl der einzelnen und nicht als etwas jeder mensch- 
lichen Willkür Enthobenes betrachtet. ,, Diese Er- 
findung des Staates und die Errichtung der Gesell- 
schaft hat, wenn ich davon reden hörte, immer den Ein- 
druck auf mich gemacht, wie Sancho Pansas Lob der 
,, Erfindung des Schlafes" (LeoS. 2). Aristotelisch-hege- 
lianische Gedanken treten hervor. Der Staat ist mit dem 
Menschen gesetzt, das Ganze war vor den Teilen. Der 
Mensch kann seine Sittlichkeit erst im Staate vollenden. 
„Erst in dem Staate kommt er zu sich selber, außer dem 
Staate ist ein Wesen nur ein Tier oder Gott." (Schmitt- 
henner S. 13). Man ist sich des „Wiedererwachens 
der antiken Sittlichkeit", um mit Treitschke zu reden, 
bewußt. Schmitthenner spricht seine Genugtuung dar- 
über aus, daß es jetzt wieder möglich sei, die eigentliche 



2 14 Hebbels Wirken für den Staatsgedanken kein aktiv-politisches, 

Natur des Staates, „wie sie die größten Geister des 
Altertums geahnt", zu erfassen. 



Wir haben an anderer Stelle Treitschkes Wort, 
daß dieses Wiedererwachen der antiken Sittlichkeit 
,,dem verdüsterten Auge Hebbels" nicht aufgegangen 
sei, zu entkräften gesucht. Einem Manne, der sich auf 
eine Weise wie Hebbel am politischen Leben beteiligte, 
sobald die Gelegenheit dazu kam, durfte dies nicht ge- 
sagt werden. Freilich geschah die politische Betäti- 
gung Hebbels nicht im Sinne einer bewußt politischen 
Manifestation speziell für den Staatsgedanken. Wollte 
Treitschke das sagen, dann hätte sein Wort eine ge- 
wisse Berechtigung, wenn es auch in der Form viel zu 
schroff bliebe. 

Politisch hervorgetreten in diesem Sinne ist Hebbel 
nicht. Ja man könnte fast meinen, daß er sich der hier 
angedeuteten Entwicklung, der Tatsache, daß neben 
und in Opposition zu den liberal-individualistischen 
Tendenzen ein immer stärkeres Anschwellen des Ge- 
fühles für den Staat einherging, gar nicht recht be- 
wußt geworden wäre. Für seine „Agnes Bernauer" 
war er ja nur auf Opposition gefaßt. Freilich erschien 
diese Dichtung, nachdem unmittelbar vorher ganz an- 
dere Stimmen laut geworden waren. Aber deshalb war 
jenes ,, Wiedererwachen der antiken Sittlichkeit" doch 
nicht weniger vorhanden, hatte sich politisch-literarisch 
manifestiert und wirkte täglich weiter. 

In die Reihe derer also, die mit Bewußtsein auf 
aktiv-politischem oder publizistischem Gebiet für den 
Staatsgedanken arbeiteten, gehört Hebbel nicht. Eine 
Geschichte des Staatsgedankens in diesem Sinne könnte 



„Agnes Bernauer", das künstlerische Opfer der Zeit. 21 5 

von ihm absehen. Aber sollte die Frage aufgeworfen 
werden, welches von allen Kunstwerken der 
ganzen Epoche am ehesten als deren Spiegel- 
bild nach dieser Richtung hin gelten könnte, 
so könnte es wohl nur eine Antwort geben: Friedrich 
Hebbels ,, Agnes Bemauer"^. 

Unbewußt hat Hebbel mit ,, Agnes Bernauer" dem 
Jahrhundert ein künstlerisches Opfer ersten Ranges 
dargebracht. Unbewußt hat er in dieser Dichtung 
einer der am Webstuhl der Zeit schaffenden Kräfte 
und Stimmungen (wie Hegel den abstrakt-intellektuellen) 
den plastisch-künstlerischen, potenzierten Ausdruck ge- 
geben. Aber gerade diese Unbewußtheit, diese Unmittel- 
barkeit ist es, die das ,, Opfer" bedeutsam, die es erst 
zu einem künstlerischen macht. Sie ist es auch, die 
das Stück vor der Gefahr bewahrt, lediglich für ein Ten- 
denzstück, also nur allzu bewußt genommen zu werden, 
der es Hebbel durch seine brieflichen Kommentare 
selbst am meisten ausgesetzt hat. 

Der Dichter trägt in sich die Welt. Alle Stimmen, 
die in ihr ertönen, alle Saiten, die in ihr angeschlagen 
werden, klingen in ihm wider, ob er sich dessen bewußt 

* In einem in den Monatsheften der Comenius-Gesellschaft 
1905, Nr. I erschienenen .\rtikel: „Der Staatsgedanke in der drama- 
tischen Literatur um die Mitte des 19. Jahrhunderts" weist A. von 
Hanstein auf eine Reihe von Dramen der 50er Jahre hin, in denen 
sich diese Stimmung der Zeit abspiegelte, der nach ihm neben dem 
religiösen der Staatsgedanke das Hauptproblem geworden war, und 
die sich gewöhnt hatte, ,,den Staat in einem neuen Licht zu sehen, 
nämlich unter dem (iesichtspunkte der Pflicht". An der Spitze 
steht ihm natürlich ,, Agnes Bernauer", die er einen ,, Markstein 
in der Geschichte des politischen Dramas" nennt. Aus dem Geist 
der Zeit heraus interpretiert er auch Grillparzers ,, Jüdin von Toledo". 
,,Die Ursachen aber, wodurch sich das religiöse Schauspiel des Lope 
in ein herbes Drama des Staatsgedankens bei G. umsetzte, der sonst 
den Menschen soviel lieber nach perstmlich-sittlichen als nach Staats- 
grundsätzcn richtete - sie lagen eben im Geiste der Zeit." 



2l6 Hebbel und die politische Romantik. 

wird oder nicht. Zwischen ihnen herrscht ein aprio- 
rischer Einklang, eine prästabilierte Harmonie. Indem 
der Künstler nach dem schönen Wort Schillers seine 
Individualität und nur diese gibt, gibt er den letzten 
und tiefsten Ausdruck des Seins. Indem Hebbel, nur 
der Notwendigkeit seines eigensten Geistes folgend, 
eine menschliche Begebenheit darstellte, so wie er sie 
im Lichte seiner metaphysisch-tragischen Weltbetrach- 
tung sah, sehen mußte, hat er seiner Zeit den Spiegel 
vorgehalten. Indem er sich gab, gab er sein Jahrhun- 
dert. Nur so kann das Wort von dem künstlerischen 
Opfer aufgefaßt werden. 

Bei alledem muß betont werden, daß es sich zwi- 
schen Hebbel und den Kreisen, die in „Agnes Ber- 
nauer" den poetischen Ausdruck ihrer eigensten Über- 
zeugungen zu sehen berechtigt waren, im wesentlichen 
nur um eine Übereinstimmung in dem Grundgedanken, 
handeln kann. Mit den romantisch-konservativen Poli- 
tikern, an die ich jetzt vornehmlich denke, hatte Hebbel 
außer diesem Grundgedanken: Der Staat über das In- 
dividuum, wenig gemein. Weder stimmte man in den 
Voraussetzungen überein, aus denen dieser Gedanke 
erwuchs: die metaphysische Weltbetrachtung Hebbels 
hier, der mystisch-religiöse, historisch-nationale Unter- 
grund dort, noch in den Konsequenzen: den äußeren 
Formen, in denen der Gedanke realisiert werden sollte. 
Was das letztere betrifft, so liegt ja auf der Hand, 
worin das Unterscheidende, das prinzipiell Unterschei- 
dende besteht. Es ist, daß man auf der einen Seite mit 
der Idee mehr oder minder auch die Formen bewahren 
wollte, auf der andern, gestützt auf die Überzeugung 
von der Zeitlosigkeit der Idee, die Formen stets preis- 
zugeben bereit war. 

Wie hätte Hebbel sich sonst in dem Geiste, in dem 



Hebbel und die politische Romantik. 217 

er es tat, in dem jeden Konservatismus im äußer- 
lichen Sinne ausschließenden Geiste, an dem Ereignis 
von 1848 beteiligen können? Es muß zu denken geben, 
daß Hebbel aktiv politisch dann und erst dann hervor- 
trat, als die Zeit gekommen war, wo aus dem Zusam- 
menbruch der alten neue Formen zur Darstellung der 
ewigen Idee hervorgehen, wo neue „Schwerter", neue 
,, Kronen" geschmiedet werden sollten. Nicht daß wir 
daraus eine Höherwertung des zerstörenden vor dem 
erhaltenden Prinzip bei ihm ableiten wollten. Es müßte 
demgegenüber ebenso sehr betont werden, wie mitten 
in dem Zusammenbruch der alten Formen die Ideen, 
denen sie gedient hatten, besonders laut zu ihm spra- 
chen, wie er hinter jedem der Pflastersteine, die er 
zum Teil selbst mit ausgerissen hatte, ,,das Bild eines 
Gottes" sah. 



VERZEICHNIS DER ZUR ARBEIT 
BENUTZTEN LITERATUR 



I. QUELLEN 

Friedrich Hebbel: Sämtliche Werke. Werke, Briefe, 
Tagebücher. Berhn 1904. (Historisch-kritische Ge- 
samt- Ausgabe von R. M. Werner.) 

Felix Bamberg: Friedrich Hebbels Briefwechsel mit 
berühmten Zeitgenossen. Berlin 1890. 

Georg Friedrich Wilhelm Hegel: Werke. 

Friedrich Wilhelm Josef v. Schelling: Sämtliche Werke. 

Johann Gottlieb Fichte: Sämtliche Werke. 

K. W. F. Solger: Vorlesungen über Ästhetik. Leipzig 
1829; Nachgelassene Schriften und Brief- 
wechsel. Leipzig 1826. 

Wilhelm v. Humboldt: Ideen zu einem Versuch, die 
Gränzen der Wirksamkeit des Staats zu be- 
stimmen. Breslau 1851. 

C. Salomon Zachariä: Vierzig Bücher vom Staat. Heidel- 
berg 1839—43. 

Friedrich Julius Stahl: Die Philosophie des Rechts 
nach geschichtlicher Ansicht. 1854 — S^- 

Josef M. V. i?aioze'tte; Gespräche über Staat und Kirche. 
1846. 

Heinrich Leo: Studien und Skizzen zu einer Natur- 
lehre des Staats. Halle 1839 — 44- 

Friedrich Schmitthenner: Allgemeines Staatsrecht. 
Gießen 1843. 

F. C. Dahlmann: Die Politik auf den Grund und das 
Maß der gegebenen Zustände zurückgeführt. 
Leipzig 1847. 



Verzeichnis der benutzten Literatur. 219 

Josef V. Eötvös: Über den Einfluß der herrschenden 
Ideen des 19. Jahrhunderts auf den Staat. 
Leipzig 1854. 

Richard Wagner: Gesammelte Schriften. Leipzig 1887. 

Otto Ludvi'ig: Gesammelte Schriften, Bd. 5. Leipzig 
1891. 

Melchior Meyr: Herzog Albrecht. München 1862. 

Josef August Graf v. Törring: Agnes Bernauerin. Mün- 
chen 1780. 



II. DARSTELLUNGEiN 

Emil Kuh: Biographie Friedrich Hebbels. H. Auf- 
lage 1907. 

Richard M. Werner: Hebbel. Sein Leben und Wirken. 
(Geisteshelden, Bd. 47 — 48.) Berlin 1905. 

Arno Scheunert: Der Pantragismus als System der 
Weltanschauung und Ästhetik Friedrich Heb- 
bels. Hamburg und Leipzig 1903. 

Ernst August Georgy: Die Tragödie Friedrich Hebbels 
nach ihrem Ideengehalt. Leipzig 1904. 

Oskar F. Walzel: Hebbelprobleme. Leipzig 1909. 

Arthur Kutscher: Friedrich Hebbel als Kritiker des 
Dramas, seine Kritik und ihre Bedeutung. 
Berlin 1907. 

Johannes Volkelt: Ästhetik des Tragischen. IL Aufl. 
München 1906. 

Heinrich v. Treitschke: Historische und politische Auf- 
sätze. Bd. I. Leipzig 1886. 

Friedrich Meinecke: Weltbürgertum und National- 
staat. München und Berlin 1908. 

Friedrich Muckle: Henri de St. Simon. Jena 1908. 

Wilhelm v. Scholz: Hebbel. (Die Dichtung herausg. von 
Paul Remer, Bd. XXVIII.) Berlin und Leipzig. 

Wilhelm Wundt: Ethik. Stuttgart 1903. 



220 Verzeichnis der benutzten Literatur. 



Wilhelm Windelband: Die Philosophie im deutschen 
Geistesleben des 19. Jahrhunderts. Romantik 
und Hegelianismus. Tübingen 1909; Fichtes Idee 
des deutschen Staats. Freiburg 1890. 
Adalhert Wahl: Beiträge zur deutschen Parteige- 
schichte im 19. Jahrhundert. München und Berlin 
1910. 
/. C. Bluntschli: Geschichte des allgemeinen Staats- 
rechts und der Politik. München 1864. 
Georg Jellinek: Das Recht des modernen Staats. 1909. 
Hugo Dinger: Richard Wagners geistige Entwick- 
lung. Leipzig 1892. 

Verschiedene kleinere Schriften, Dissertationen, Zeit- 
schriften- und Zeitungsartikel. 

Bei den Zitaten aus Hebbels Werken bedeutet W 
Werke, B Briefe, T Tagebücher. Die römischen Ziffern 
bedeuten die Bände, die arabischen bei W und B die Seiten, 
bei T die Nummern der Aufzeichnungen. 



BINDINO 



JUN 3 1968